Abduktion

Aus myKoWi.net - Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

1. Abduktion - Definition

Der Begriff ‚Abduktion‘ ist im wesentlichen von dem amerikanischen Logiker, Mathematiker, Philosophen, Geometer und Begründer des Pragmatismus Charles Sanders Peirce (1839-1914) in die wissenschaftliche Debatte eingeführt worden, und er bezeichnet (so Peirce) das einzige wirklich kenntniserweiternde Schlußverfahren, das sich von den geläufigen logischen Schlüssen - nämlich der Deduktion und der Induktion - kategorial unterscheidet. In seinem Spätwerk, also etwa ab 1898, ersetzte Peirce den Begriff der ‚Abduction‘ oft auch durch den der ‚Retroduction‘. Die Abduktion ist als Entdeckungsverfahren der erste Teil einer umfassenden Logik der Forschung.

Wenn man in der (qualitativen wie der quantitativen) Forschung ernsthaft damit beginnt, erhobene Daten auszuwerten, also diese entlang bestimmter Merkmale und Merkmalsordnungen zu typisieren, dann stellt sich sehr schnell die Frage, wie man ein wenig Ordnung in sein Datenchaos bringen kann. Das ist nur zu einem geringen Teil eine arbeitsorganisatorische Frage (Sortieren der Daten), sondern sehr viel mehr die Frage, wie die Mannigfaltigkeit der Daten mit (vorhandenen oder noch zu findenden) Theorien in Verbindung gebracht werden können.

Bei diesem Unternehmen sind (folgt man den Überlegungen von Peirce) idealtypisch drei Verfahren zu unterscheiden, wobei das zweite Verfahren in zwei Untergruppen geteilt wird - jedoch nicht, weil zwischen den beiden gravierende Unterschiede vorliegen, sondern weil so die Unterscheidung zwischen Abduktion und qualitativer Induktion klarer gemacht werden kann (ausführlicher hierzu Reichertz 1991, Riemer 1988, Wartenberg 1971)

Deduktion

Eine Art der Datenauswertung besteht in dem Verfahren der Subsumtion. Die Subsumtion geht von einem bereits bekannten Merkmalszusammenhang, also einer bekannten Regel aus (z.B.: Alle Einbrecher, die auch den Medizinschrank plündern, sind drogenabhängig.) und versucht diesen allgemeinen Zusammenhang in den Daten wiederzufinden (z.B. Der unbekannte Einbrecher hat den Medizinschrank geplündert.), um dann über den Einzelfall Kenntnisse zu erlangen (z.B.: Der unbekannte Einbrecher ist drogenabhängig.). Die logische Form dieser gedanklichen Operation ist die der Deduktion: Der in Frage stehende Einzel-Fall wird einer bereits bekannten Regel untergeordnet. Hier wird eine vertraute und bewährte Ordnung auf einen neuen Fall angewendet. Neues (über die Ordnung der Welt) erfährt man auf diese Weise nicht. Deduktionen sind also tautologisch, sie besagen nicht Neues. Deduktionen sind jedoch nicht nur tautologisch, sondern auch wahrheitsübertragend: Ist die zur Anwendung gebrachte Regel gültig, dann ist nämlich auch das Ergebnis der Regelanwendung gültig. Deduziert man, dann hat man sich entschlossen, das zu Untersuchende als Wiederkehr des Bekannten und Bewährten anzusehen.

Quantitative Induktion

Eine zweite Art der Auswertung besteht darin, im Datenmaterial vorgefundene Merkmalskombinationen zu einer Ordnung oder Regel zu ‚verlängern‘, zu generalisieren. Ausgehend von der Beobachtung: ‚Bei den Einbrüchen a, b und c ist der Medizinschrank geplündert worden.‘ und der Fallkenntnis: ‚Herr Müller beging die Einbrüche a, b und c.‘ wird der Schluß gezogen: ‚Herr Müller plündert bei Einbrüchen immer den Medizinschrank‘. Die logische Form dieser gedanklichen Operation ist die der quantitativen Induktion. Sie überträgt die quantitativen Eigenschaften einer Stichprobe auf die Gesamtheit, sie ‚verlängert‘ den Einzelfall zu einer Regel. Quantitative Induktionen sind also (streng genommen) ebenfalls tautologisch (da sie keine neue Idee in die Welt bringen), jedoch nicht wahrheitsübertragend. Die Resultate dieser Form des Schlußfolgerns sind lediglich wahrscheinlich.

Qualitative Induktion

Eine besondere Variante der induktiven Bearbeitung der Daten besteht nun darin, bestimmte Merkmale der untersuchten Stichprobe so zusammenzustellen, das diese Merkmalskombination einer anderen (bereits im Wissensrepertoire der Interaktionsgemeinschaft vorhandenen) in wesentlichen Punkten gleicht. In diesem Fall kann man den bereits existierenden Begriff für diese Kombination benutzen, um die 'eigene' Form zu benennen. Die logische Form dieser Operation ist die der qualitativen Induktion. Sie schließt von der Existenz bestimmter qualitativer Merkmale einer Stichprobe auf das Vorhandensein anderer Merkmale (z.B. Ich sehe hier am Tatort eine bestimmte Spurenlage. In sehr vielen Elementen stimmt sie mit dem Spurenmuster von Müller überein. Schluß: Müller ist der Spurenleger). Die qualitative Induktion schließt also, und das ist entscheidend, von zwei bekannten Größen, nämlich Resultat und Regel auf den Fall. Der beobachtete Fall (token) ist ein Exemplar einer bekannten Ordnung (type).

Kurz: Schließt die quantitative Induktion von den quantitativen Eigenschaften einer Stichprobe auf die Gesamtheit, so ergänzt die qualitative Induktion dagegen die wahrgenommenen Merkmale einer Stichprobe mit anderen, nicht wahrgenommenen. Nur in diesem Sinne überschreitet diese Art der Induktion die Grenzen der Erfahrung - nämlich lediglich die Erfahrung mit der in Frage stehenden Stichprobe. Kenntniserweiternd ist dieser Schluß nur insofern, als er von einer begrenzten Auswahl auf eine größere Gesamtheit schließt. Neues Wissen (im strengen Sinne) wird auf diese Weise nicht gewonnen, bekanntes lediglich ausgeweitet. Die qualitative Induktion ist ebenfalls kein gültiger, sondern ein nur wahrscheinlicher Schluß. Allen wissenschaftlichen Verfahren, die in den erhobenen Daten nur neue Formen des bereits Bekannten erkennen, liegt die qualitative Induktion zugrunde.

Abduktion

Die Abduktion ist innerhalb des Forschungsprozesses gefordert, wenn in den erhobenen Daten solche Merkmalskombinationen vorkommen, für die sich im bereits existierenden wissenschaftlichen Wissensvorratslager keine entsprechende Erklärung oder Regel findet. Etwas Unverständliches wird in den Daten vorgefunden und aufgrund des geistigen Entwurfs einer neuen Regel wird sowohl die Regel gefunden bzw. erfunden und zugleich klar, was der Fall ist. Die logische Form dieser Operation ist die der Abduktion. Hier hat man sich (wie bewusst auch immer und aus welchen Motiven auch immer) entschlossen, der bewährten Sicht der Dinge nicht mehr zu folgen. (z.B. Ich sehe am Tatort eine unvertraute, also in wesentlichen Teilen unbekannte Spurenlage und entwerfe einen in wesentlichen Teilen neuen Handlungs- und Motivtyp, der die Spurenlage in allen wesentlichen Teilen verständlich macht. Für die Profiler, die aufgrund der Art der Tatbegehung die typische Einzigartigkeit (Handschrift) des Serientäters erfassen wollen, gehört die Abduktion zum alltäglichen Rüstzeug.)

Eine solche Bildung eines neuen 'types‘, also die Zusammenstellung einer neuen typischen Merkmalskombination ist ein kreativer Schluß, der ein neue Idee in die Welt bringt. Diese Art des Zusammenschlusses ist nicht zwingend, eher sehr waghalsig. Wenn jemand beim Anblick einer Spielkarte mit den Merkmalen: ‚rote Ziffern 6' und darunter ‚runde und ebenfalls roten Symbole’ sagt: „Dies ist keine Herz 6, sondern ein Fehldruck der Spielkarte Pik 6", dann hat er eine solche Abduktion getätigt. Die Abduktion 'schlußfolgert' also aus einer bekannten Größe (=Resultat) auf zwei unbekannte (=Regel und Fall).

Bedeutung der Abduktion in der Wissenschaft

Die Abduktion ist ein mentaler Prozeß, ein geistiger Akt, ein gedanklicher Sprung, der das zusammenbringt, von dem man nie dachte, dass es zusammengehört. Abduktionen ereignen sich, sie kommen so unerwartet wie ein Blitz („flash��?), sie lassen sich nicht willentlich herbei zwingen, und sie stellen sich nicht ein, wenn man gewissenhaft einem operationalisierten Verfahrensprogramm folgt. Begleitet wird die Abduktion von einem angenehmen Gefühl, das überzeugender ist als jede Wahrscheinlichkeitsrechnung. Leider irrt dieses gute Gefühl nur allzu oft. Abduktionen resultieren aus Prozessen, die nicht rational begründ- und kritisierbar sind. Deshalb ist abduktives Schlußfolgern nach Peirce nicht mehr und nicht weniger als Raten (��?neither more nor less than guessing��?).

Maßnahmen, günstige Bedingungen für Abduktionen zu schaffen, zielen neben einer sehr guten Kenntnis der Daten stets auf eins: auf die Erlangung einer Haltung, bereit zu sein, alte Überzeugungen aufzugeben und neue zu suchen. Abduktives ‚Räsonieren‘ ist also kein glückliches, zufälliges Raten ins Blaue hinein, sondern ein informiertes Raten. Wenn man so will: das Glück trifft immer nur den vorbereiteten Geist. Die Abduktion sucht angesichts überraschender Fakten nach einer sinnstiftenden Regel, nach einer möglicherweise gültigen bzw. passenden Erklärung, welche das Überraschende an den Fakten beseitigt. Ergebnis und Endpunkt dieser Suche ist eine (sprachliche) Hypothese. Ist diese gefunden, beginnt ein mehrstufiger Überprüfungsprozess.

Besteht die erste Stufe des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses in der Findung einer Hypothese mittels Abduktion, dann besteht die zweite aus der Ableitung von Voraussagen aus der Hypothese, also einer Deduktion, und die dritte in der Suche nach Fakten, welche die Vorannahmen 'verifizieren', also einer Induktion. Sollten sich die Fakten nicht finden lassen, beginnt der Prozeß von neuem, und dies wiederholt sich so oft, bis die 'passenden' Fakten erreicht sind. Mit dieser Bestimmung entwirft Peirce eine dreistufige Erkenntnislogik von Abduktion, Deduktion und Induktion.

Gewissheit über die Gültigkeit abduktiver Schlüsse ist jedoch selbst dann nicht zu erreichen, wenn man die abduktiv gewonnene Hypothese einer extensiven Prüfung unterwirft, also aus ihr Konsequenzen deduziert und diese dann induktiv aufzuspüren sucht und dann diesen Dreischritt immer wieder repetiert. Was man allein auf diesem Wege erhält, ist eine intersubjektiv aufgebaute und geteilte 'Wahrheit'. Diese ist (nach Peirce) allerdings erst erreicht, wenn alle Gemeinschaftsmitglieder zu der gleichen Überzeugung gekommen sind. Da mit 'alle' (bei Peirce) auch die gemeint sind, die nach uns geboren werden, ist der Prozeß der Überprüfung grundsätzlich nicht abzuschließen.


Literatur

Peirce, Charles Sanders (1976). Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Reichertz, Jo (2003). Die Abduktion in der qualitativen Sozialforschung: Opladen

Riemer, Ines (1988). Konzeption und Begründung der Induktion. Würzburg.

Wartenberg, Gerd (1971). Logischer Sozialismus _ Die Transformation der Kantschen Transzendentalphilosophie durch Ch. S. Peirce. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Wirth, Uwe (2000) (Hrsg.). Die Welt als Zeichen und Hypothese. Frankfurt am Main: Suhrkamp.


Autor: Jo Reichertz

Translate
Persönliche Werkzeuge