Die Anomietheorie nach Robert K. Merton (1911 - 2003):
Der Soziologe Robert K. Merton suchte nach den Ursachen für abweichendes sowie kriminelles Verhalten und fand Erklärungsansätze in den sozialstrukturellen Bedingungen der US-amerikanischen Gesellschaft seiner Zeit (1938). Er wandte sich bewusst ab vom „Bild des Menschen als eines Bündels ungezähmter Triebe“ (Merton 1995: 127) und der Vorstellung, dass die vorrangige Funktion der sozialen Ordnung in der Triebunterdrückung bzw. -regulierung liege. Aus der Feststellung, dass die Häufigkeit, die Gestalt und die Muster abweichenden Verhaltens in unterschiedlichen Sozialstrukturen variieren, leitete Merton seine Hypothese ab, dass kulturelle und gesellschaftliche Bedingungen maßgeblich zur Erklärung von Devianz herangezogen werden müssten. Während sich der ursprünglich von Èmile Durkheim entwickelte Begriff der "Anomie" auf den Zustand relativer Normenlosigkeit in der Gesellschaft bezieht, versteht Merton die Anomie als einen Zustand des Drucks, der aus der Ungleichverteilung der sozio-ökonomischen Ressourcen in einer Gesellschaft resultiert (Meier 2003: 56). Er konstatiert, dass ein Missverhältnis zwischen den von der Gesellschaft als erstrebenswert definierten kulturellen Zielen und den tatsächlich zur Verfügung stehenden legitimen Mitteln zur Erreichung dieser Ziele existiert. Aufgrund von Unterschieden in der wirtschaftlichen Ausgangslage, im Bildungsniveau, in der Leistungsbereitschaft oder aufgrund von ethnisch bedingten Vorurteilen ist der Weg zu den allgemein anerkannten Zielen wie Wohlstand, Status und Erfolg vielen (zumeist der Unterschicht angehörenden) Gesellschaftsmitgliedern versperrt (Bock 2007: 56). Erfahren nun diese hohen Ziele, bei denen es sich nach Merton vorrangig um sozialen Status und Anerkennung sowie Wohlstand handelt, zudem eine Überbetonung – wie z.B. in der amerikanischen Gesellschaftsstruktur („The American Dream“) – komme es zur „Demoralisierung“ (Merton 1995: 131): Das Individuum neigt im Rahmen dieses Zustandes des Ungleichgewichts und der Instabilität dazu, „ […] den Regeln den emotionalen Rückhalt zu entziehen.“ (Merton 1995: 131). Der Einzelne, der feststellen muss, dass er den gesellschaftlichen Anforderungen aufgrund des beschränkten oder mangelnden Zugangs zu den legitimen Mitteln nicht genügt, gerate folglich in eine Stresssituation (Schwind 2009: 137), aus der anomischer Druck entstünde. Die Reaktion auf diesen Druck sei individuell sehr unterschiedlich, wobei Merton nicht näher auf die Gründe für diese Unterschiede eingeht.
Merton entwickelte fünf Reaktions-Typen der individuellen Anpassung (vgl. Tabelle Bock 2007: 57):
* Konformität: die kulturellen Ziele und legitimen Mittel werden anerkannt (+/+) --> Erfolg mit legitimen Mitteln * Innovation: Die kulturellen Ziele werden anerkannt, die legitimen Mittel aber abgelehnt (+/-) --> Einsatz illegitimer Mittel * Ritualismus: die kulturellen Ziele werden abgelehnt, die legitimen Mittel werden anerkannt (-/+) --> Senkung des Anspruchniveaus * Rückzug: die kulturellen Ziele und die legitimen Mittel werden abgelehnt (-/-) --> Ausstieg aus der Gesellschaft * Rebellion: die kulturellen Ziele und die legitimen Mittel werden ersetzt durch andere (+/- / +/-) --> Umdefiniton von Zielen und Normen
Somit lassen sich verschiedene Erklärungsansätze für vielfältiges deviantes Verhalten ableiten (vgl. Schwind 2009: 138):
Kriminalität wird als Ausfluss der „Innovation“ begriffen, die sich durch den Einsatz illegitimer bzw. krimineller Mittel (z.B. Diebstahl, Betrug) zum Zwecke der Zielerreichung (z.B. Bereicherung) auszeichnet.
Alkoholismus, Drogenmissbrauch oder auch die Ausformung psychischer Erkrankungen kann mit der Anpassungsform des „Rückzugs“, welche die gleichzeitige Aufgabe von kulturellen Zielen und legitimen Mitteln beinhaltet, erklärt werden. Die Menschen dieses Reaktions-Typs flüchten sich in gesellschaftliche Scheinwelten und steigen aus der „realen Welt“ aus. Hiermit könnten etwa auch die Erfolge verschiedener Sekten (Scientology, Moon-Sekte etc.) erklärt werden.
Für die Erklärung von Terror- oder Staatsschutzdelikten kann der Typus der „Rebellion“ angeführt werden, welcher für den Versuch steht, alte Ziele und Mittel durch eine neue Sozialstruktur zu ersetzen.
Kritisch wird angemerkt, dass Merton nicht die Umstände und Voraussetzungen analysiert, die den Einzelnen zu einer bestimmten Reaktionsform veranlassen. Warum reagiert der eine in einer vergleichbaren Situation anderes als ein anderer? Außerdem wird nur ein kleiner Teilbereich krimineller Verhaltensweisen erklärt, der sich insbesondere auf die Eigentumskriminalität der Unterschicht bezieht. Kriminalität der Mittel- und Oberschicht wie z.B. Wirtschaftsdelikte und darüber hinaus Sexualstraftaten sowie frustrationsbedingte Aggressivität können mit Mertons Anomietheorie nicht überzeugend erklärt werden (Schwind 2009: 138).
Abschließend kann also festgehalten werden, dass die Anomietheorie nach Merton zwar Erklärungsansätze für verschiedene deviante und auch kriminalle Verhaltensweisen bietet, aber – wie nahezu alle anderen Kriminalitätstheorien auch – keine allumfassende Erklärungskraft entfaltet. Viele Fragen bleiben offen und es bieten sich kaum Ansatzpunkte für präventive Überlegungen, was zu einer eher geringen Praxisrelevanz der Theorie führt (Meier 2003: 58).
Literaturverzeichnis:
BOCK, Michael: Kriminologie – Für Studium und Praxis. 3. Aufl., München 2007, S. 56-57
MEiER, Bernd-Dieter: Kriminologie. München 2003, S. 56-58
MERTON, Robert K.: Soziologische Theorie und soziale Struktur (1957). V. Meya und N. Stehr (Hrsg.), übersetzt von H. Heister, Berlin, New York 1995, S. 127-154
SCHWIND, Hans-Dieter: Kriminologie – Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen. 19. Aufl., Heidelberg 2009, S. 137-139
erstellt von Katarina Sattler am 08.12.2009