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Die Antwort auf die Frage, ob etwas Eindrucks- oder Ausdruckskommunikation zu nennen ist, das ist natürlich abhängig davon, wie man diese Begriffe umgrenzen will. Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, die mal mehr, mal weniger Sinn machen – je nach Fragestellung.
Erst einmal ist fraglich, ob es sich bei der o. a. Unterscheidung wirklich um eine grundlegende Unterscheidung handelt, die geeignet ist, die guten Kommunikationstheorien von den schlechten zu trennen. Grundsätzlich gilt nämlich, dass (1) alle Kommunikationstheorien (manchmal explizit, oft implizit) davon ausgehen, dass kommunikatives Handeln immer beides ist: nämlich Ausdruck von Eigenem und Eindruck beim Anderen. Und es gilt, dass (2) der Eindruck nur das Mittel zum Zweck ist: Im Kern geht es bei Kommunikation um Handlungsbeeinflussung. Allerdings richten die unterschiedlichen Theorien ihr Augenmerk nicht immer auf den gleichen Gegenstandsbereich.
Einige untersuchen mehr den Akt des Ausdrückens, manche mehr den Akt des Eindruck-machen-wollens, andere wieder mehr den Prozess der Handlungsbeeinflussung. Praktisch, also im Vollzug kommunikativer Handlungen, sind diese Aspekte sicherlich nicht voneinander zu trennen, analytisch selbstverständlich schon. Es wird nur dann heikel, wenn man Kommunikation auf einen Aspekt reduziert.
Sinnvoll war die o.a. Unterscheidung vielleicht zu Zeiten, als sprachphilosophische, sprachwissenschaftliche und linguistische Vorstellungen bei der Beschreibung kommunikativer Handlungen den Ton angaben und die Ansicht vorherrschte, die konkrete sprachliche, kommunikative Form ergäbe sich vollständig aus den gesellschaftlichen Erfordernissen des korrekten Ausdrucks. Doch heute glauben selbst traditionell ausgebildete Deutschlehrer nicht mehr daran, dass es zur Verbesserung gelingender sprachlicher Kommunikation beiträgt, allein den (grammatikalisch korrekten) Ausdruck zu schulen.
Alle sozialwissenschaftlich inspirierten Kommunikationstheorien erachten es dagegen als selbstverständlich, dass Kommunikation ihren Ursprung in der Absicht hat, einen Eindruck beim Anderen herbeizuführen und dass dieser Eindruck eine Handlung auslösen soll. Wenn man dennoch das Begriffspaar benutzen will, stellt sich die Frage, was denn als das zentrale Unterscheidungsmerkmal dienen soll.
So könnte man zum einen sagen, die Absicht des Kommunizierenden sei für die Kategorisierung entscheidend. So gäbe es bestimme Anlässe und Formen, bei denen es vor allem um den Ausdruck ginge, wie z.B. bei der Beichte, der Therapie, der Offenbarung, dem Geständnis etc. Und es gäbe Anlässe und Formen, bei denen es vornehmlich um den Eindruck bei dem konkreten Gegenüber ginge, wie z.B. bei der Anpreisung, der Werbung, der Beeinflussung. Hier fiele die die ausgefeilte öffentliche Rede gewiss unter das Rubrum ‚Eindruckskommunikation’.
Man könnte aber auch meinen, entscheidend sei die Arbeit des Kommunizierenden. Arbeitet der Kommunizierende vor allem an seinem sprachlichen Ausdruck, indem er bestimmte Formen und Figuren des öffentlichen Sprechens erlernt und mit Hilfe einer bestimmten ‚Technik’ kombiniert, oder arbeitet er vor allem am Eindruck, indem er über seinen Hörer, seine Hörer/innen möglichst viel in Erfahrung bringt und seinen Ausdruck auf diese konkreten Hörer abstimmt. Legt man diese Unterscheidung zugrund, dann handelt es sich bei der Rhetorik offensichtlich um Ausdruckskommunikation, geht sie doch bei der Planung der Rede gerade nicht von konkreten Hörern/innen, sondern von einem anonymen Publikum aus, das von der Wirkmächtigkeit bestimmter sprachlicher Formen und Figuren beeindruckt werden soll. Insofern arbeitet die Rhetorik (wie viele andere one-to-many Medien) vor allem am Ausdruck. Deshalb gehörte sie (und darauf beziehe ich mich) ausdrücklich der Ausdruckskommunikation an.
Man könnte zum Dritten meinen, das Verhältnis von innerer Meinung des Kommunizierenden zum dem von ihm Gesagten sei entscheidend: Drückt der Kommunizierende also das aus, was er wirklich meint (Ausdruckkommunikation), oder zielt seine Rede auf die Erreichung eines Eindrucks und deckt sich nicht (oder nur zum Teil) mit seiner Meinung. Die Rhetorik gehörte dann ohne Zweifel der Eindruckskommunikation an, die Lüge auch - die Bitte, die Drohung, die Liebeserklärung und die Erpressung, so sie denn ernst gemeint sind, jedoch nicht.
Autor: Jo Reichertz