Die Chicago-Schule der Soziologie
I. Einführung Die Chicago-Schule der Soziologie formte in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts ihren Sitz an der US-Amerikanischen „University of Chicago“. Diese Zeit war von einem seit Beginn des 20. Jahrhunderst zu verzeichnenden raschen Anwachsen des städtischen Ballungsraumes, Migration aus südlichen Teilen der USA in nördliche Metropolen, wenig Sozialtransferleistungen sowie harten Arbeitsbedingungen gekennzeichnet. Vor allem Chicago erlebte Wellen von aus den Südstaaten zuwandernden Farmarbeitern sowie von europäischen Einwanderern Man erhoffte sich in dieser Großstadt Beschäftigung. Doch harte Lebensbedingungen war die Realität: Seit 1900 bildeten sich voneinander abgegrenzte soziale Welten in Chicago (McLaughlin/Muncie, 2007:38). 1930 lebten drei Millionen Menschen in dieser Stadt. Seit der Jahrhundertwende entstand eine Bewegung, die all diese Umstände zu verändern anstrebte, die Progressive Bewegung. Sie strebte eine sanfte Industrialisierung der USA an, um die in den Städten stark anwachsende Armut abzumildern. Diese politische Strömung beeinflusste die Soziologen um Robert E. Park und Ernest W. Burgess (Lilly/Cullen/Ball, 2007:35). Sie setze ihren Schwerpunkt in qualitativer Sozialforschung im städtischen Raum. Weltweit z.T. bis heute beachtete Theorien, wie das Chicagoer Zonenmodell sowie die Theorie der sozialen Desorganisation gingen daraus hervor. Sie dienen soziologischen und kriminologischen Studien bzw. Theorien bis heute als Ausgangspunkte. Ihre Besonderheit: Die Vertreter der Chicago-Schule betrieben in Abkehr von rein theoretischer Annäherung an Untersuchungsgegenstände eine empirische Soziologie (Eifler, 2002:21). Vor allem Park beeinflusste dieses: In den frühen 1920er Jahren zählte die Soziologie noch nicht zu den Geisteswissenschaften. Die Vertreter der Chicago-Schule stammten beispielsweise aus der Psychologie, der Geschichts- und der Politikwissenschaft sowie aus anderen wissenschaftlichen Disziplinen (Krimpedia, 2009): Park etwa verfasste journalistische Reportagen, die seinen Status als „Pate der Chicagoer Großstadtsoziologie“ (Krimpedia, 2009) begründeten. Über diesen Weg begab er sich ins Feld, um über Populationen unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft zu berichten. Neben ihm und Ernest W. Burgess hatten daran unter anderem Louis Wirth, Frederic Thrasher, Clifford R. Shaw und Henry D. McKay ihren Anteil, wobei die Anfänge der Chicagoer Schule von Park und Burgess ausgegangen waren (Krimpedia, 2009). Standardisierte Erhebungs- sowie statistische Auswertungsverfahren nahmen dem Forschungsansatz der Chicagoer Schule seine Bedeutung (Krimpedia, 2009). Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte sie zwar eine neue Generation, diese legte ihren Fokus jedoch auf den Symbolischen Interaktionismus, was eine Abkehr vom Forschungsschwerpunkt der 20er Jahre bedeutete.
II. Forschungsschwerpunkte der ersten Chicago-Schule Unter dem Eindruck eines rasanten Wachstums von Städten und den daraus erwachsenden Problemen untersuchten ihre Vertreter mögliche Ursachen von Kriminalität: Sie beobachteten Menschen in deren Alltag und versuchten, mögliche Zusammenhänge zwischen Ballungsräumen und Nachbarschaften zu erkennen (Eifler, 2002:21). Man ging der Frage nach, welche auf den Menschen im städtischen Raum einwirkenden Prozesse zu Kriminalität oder einem kriminellen Lebensstil führen (Eifler, 2002:21). Bei dieser kriminalökologischen Perspektive stand der Mensch im Vordergrund: Nicht Wissen über ihn (Krimpedia, 2009), sondern das Individuum im Kontext von aus dem städtischen Raum und auf es einwirkender Prozesse. Ein ohne moralische Wertungen vollzogenes Verstehen und Erklären von abweichendem Verhalten sowie Kriminalität im städtischen Raum war Ziel der Chicago-Schule. Dieser Ansatz richtete sich gegen die damals populäre Big-C-Sociology, die sich hauptsächlich mit „charity“ (Wohlfahrt), „crime“ (Kriminalität) und „correction“ (Strafvollzug) beschäftigte (Krimpedia, 2009). Aus dieser Neuorientierung heraus bildete die Chicagoer Schule in den 20er und 30er Jahren in einer von vielen Immigranten bewohnten Metropole ihr stadt- und kriminalsoziologisches Profil heraus: Es waren ihre Soziologen, die als erste zwischen abweichendem und kriminellem Verhalten („deviance and delinquence“) bewusst unterschieden.
III. Methodologie: Multimethod - approach (engl. f. eine aus mehreren Methoden kombinierte Annäherung) als Novum qualitativer Sozialforschung Die Vertreter der Chicago-Schule kombinierten verschiedene Methoden. Sie entwickelten die Soziologie zu einer induktiven empirischen Wissenschaft weiter (Bock, 2007:52): Einzelbeobachtungen aggregierten sie mit Daten staatlicher Statistiken (Eifler, 2002:21). Doch keine ihrer Studien basierte auf nur einer Art von Vorgehen: Im Rahmen eines multimethod-approach betrachtete man Untersuchungsgegenstände von unterschiedlichen Perspektiven aus (Krimpedia, 2009): Sie umfassten die Auswertung gerichtlicher Daten und psychologischer Gutachten, statistischer Erhebungen sowie persönlicher Dokumente, informeller Interviews, literarischer Elemente, historischer und aktueller Berichterstattungen (Krimpedia, 2009). Im städtischen Raum gewonnene Erkenntnisse bildete man grafisch ab: Auf „base maps“ bildete man die Anatomie des Untersuchungsgebietes ab, während man festgestellte Phänomene auf spot maps visualisierte (Krimpedia, 2009). Kriminalitätsverteilung und Täterverteilung wurden erstmals sichtbar, was als Vorläufer der heutigen Kriminalgeografie gilt (Schwind, 2009:141).
IV. Erkenntnisse bzw. aus ihnen abgeleitete Theorien der Chicago-Schule 1. Die Großstadt als sozialer Super-Organismus (Robert E. Park) Robert Park entwickelte aus Erkenntnissen beobachteten Verhaltens der Zu- und Einwanderer Chicagos die Theorie der Großstadt als sozialer Super-Organismus. Sie fußte auf der Beobachtung des als sozialdarwinistisch von ihm aufgefassten Kampfes ums Überleben (Krimpedia, 2009): Nach Rasse, Ethnie und Einkommensniveau aufgeteilte Subpopulationen konkurrierten miteinander um materielle sowie räumliche Ressourcen (McLaughlin/Muncie, 2006:38). Es bilden sich Teilgebiete, die Block und Bezirk als räumliche administrative Ordnungen aufheben: Park nannte sie „natural areas“ (Krimpedia, 2009).
2. Das Modell konzentrischer Zonen (Ernest W. Burgess) Burgess hatte das Fundament für Parks ökologischen Ansatz zusammen mit diesem bereits 1925 in der Untersuchung „The growth of the city“ gelegt: Moderne Städte breiteten sich demnach in konzentrischen Radien von ihrem Inneren Kern her in fünf aufeinander folgende Hauptzonen aus (McLaughlin/Muncie, 2006:38): den innersten Kern bildet der „loop“ (I), diesen nannten sie „central business district“. Um diese Innenstadt herum verlief die „zone in transition“ (II), die als Anlaufpunkt für Immigranten galt. Ihr Wohnraum war von Zu- und Einwanderern überfüllt. Sie hatte das Hauptaugenmerk von Burgess und Parker ihrer sozio-strukturellen Zusammensetzung wegen (Lilly/Cullen/Ball, 2007:36). Den dritten Ring bewohnten Arbeiter, die zuvor aus der „zone in transition“ wegzogen und sich andere Quartiere leisten konnten. Dahinter befanden sich gehobene Wohngebiete. Den fünften, unbegrenzten Bereich bezeichnete Park als „commuters’ zone“: aus ihr pendelten deren sich die Mieten der Vororte komfortabel leistenden Einwohner zur Erwerbsarbeit, zumeist in die Innenstadt (Lilly/Cullen/Ball, 2007:37). Burgess betonte allerdings, dass keine Stadt perfekt abgebildet werden könne. Doch Bevölkerungsdichte und -verteilung, Mobilität, Wettstreit, Arbeitsteilung, Segregation und Beziehungsmuster innerhalb des städtischen Raumes konnten im Kontext zu abweichendem Verhalten und Kriminalität konkret untersucht werden (Krimpedia, 2009). Für die Erforschung des urbanen Raumes war dieses ein Novum.
3. Die „zone in transition“ im Kontext sozialer Desorganisation a) Burgess/Park 1928 Die „zone in transition“ stand in Burgess und Parks Untersuchungen unter besonderer Beobachtung: als Ankunftsort für Immigranten und Wohnort für ethnische Enklaven und Minderheiten sah diese sich bei niedrigen oder keinen Einkommen ihrer Bewohner kraft der aus der City auf die äußeren Ringe wirkenden Bewegung einer starken Fluktuation ausgesetzt (Lilly/Cullen/Ball, 2007:37). Fortwährend bildeten sich Gemeinschaften, grenzten sich ab (Segregation) und lösten sich wieder auf: Primäre Bezugspersonen, wie Familie und Freunde, wurden häufig durch sekundäre Beziehungen, wie solche zu Arbeitgebern oder Kollegen, ersetzt (Krimpedia, 2009). Diese Einflüsse schwächten familiäre Bindungen der in der Transitionszone Lebenden. Damit aber sank die Intensität sozialer Kontrolle durch engmaschig interagierende (familiäre) Gruppen. Abweichendes Verhalten wurde seltener sozial sanktioniert: Kriminelles Verhalten konnte sich leichter entfalten. Es kam zu sozialer Desorganisation. Burgess und Park sahen diese als eine Ursache für mehrere soziale Fehlentwicklungen, u.a. für Kriminalität (Lilly/Cullen/Ball, 2007:38). Fazit: In der Transitionszone kam es zur Metamorphose von sozialer Organisation hin zu sozialer Desorganisation. Beide Mechanismen verhalten sich reziprok zueinander und bilden eine Art Kreislauf, den Burgess mit dem menschlichen Stoffwechsel verglich: Sozialer Organisation folge zwingend Desorganisation, worauf in der Regel mit Reorganisation und besserer Anpassung reagiert werde (Krimpedia, 2009). Er stuft abweichendes Verhalten nicht als pathologisch, sondern als natürliches Phänomen sozialen Zusammenlebens ein. Nach Burgess und Park steigt mit großstädtischer Expansion bei gleichzeitigem Anstieg ihrer Population die soziale Segregation, weshalb mehr abweichendes Verhalten bzw. Kriminalität entsteht.
b) Shaw und McKay in ihrer Studie (1942) zur Transitionszone Die beiden zur Chicago-Schule zählenden Verfasser fanden in der Transitionszone eine heterogene Bevölkerung von niedrigem sozio-ökonomischen Status vor. Zudem stießen sie als Folge der aus dem Zentrum in die nach außen liegenden Zonen wirkenden Prozesse auf Wohnraum von schlechter Qualität, instabile Beziehungen der darin lebenden Familien sowie auf eine höhere Rate verwirklichter Kriminalität, als in anderen Stadtzonen (Eifler, 2002:21). Ethnische Zugehörigkeit spielte dabei keine Rolle. Die Transitionszone an sich wirkt nach Shaw/McKay desorganisierend. Abgegrenzt vom geschäftsorientierten Stadtzentrum regulieren traditionelle Institutionen darin nicht in ihrer gewohnten Weise soziale Strukturen: Es fehlt an einem Norm- und Wertekonsens, wovon kriminelle Einstellungen bzw. Verhaltensweisen profitieren, die als scheinbar legitime Mittel Nachahmung finden.
c) Kritik an Park/Burgess sowie Shaw/MacKay David Matza bezeichnet die Theorie der sozialen Desorganisation als eher schwache Antwort der Chicagoer auf die Verschiedenartigkeit der Kulturen amerikanischer Großstädte: Soziale Desorganisation als Erklärung für abweichendes Verhalten und Kriminalität verlagere die Verantwortung für individuelles Handeln von dem Einzelnen weg, hin zur Gesellschaft (McLaughlin/Muncie, 2006:39). David Downes sieht die Methodik der Theorie der sozialen Desorganisation als tautologisch an: Die Kriminalitätsrate der Transitionszone diene als Kriterium für ihren Grad sozialer Desorganisation, welche zur Erklärung der Kriminalitätsrate herangezogen werde (Krimpedia, 2009). Daneben belegt der heutige Forschungsstand klar, dass Kriminalität nicht immer Folge von Desorganisation oder von Unterschichten ist.
4. Einfluss der Chicago-Schule der Soziologie auf die heutige Kriminologie Die Chicago-Schule entwickelte für ihre Zeit innovative Forschungskonzepte: Indem sie die Beziehung zwischen in der Umwelt des Menschen verankerten Faktoren und Kriminalität untersuchte, formte sie einen neue Art von qualitativer Sozialforschung (McLaughlin/Muncie, 2006:39). Sich Stadträumen als sozialen Räumen anzunähern, um deren Eigenarten im Hinblick auf die Genese von abweichendem Verhalten sowie Kriminalität zu untersuchen, war zu Zeiten der Chicagoer Soziologen innovativ (Krimpedia, 2009). Noch heute widmen sich Stadtsoziologen und Kriminologen Quartieren. Durch diesen Ansatz prägte die Chicagoer Schule der Soziologie der Begriff der Sozialökologie. Sie schuf daneben eine Basis für die Kriminologie des 20. Jahrhunderts: Cloward und Ohlin etwa nutzten das Konzept der sozialen Desorganisation für ihre Subkultur-Theorie; Sutherland nutzte es als Ausgangspunkt für seinen Ansatz der differentiellen Assoziation (Eifler, 2002:38).
Charles A. v. Denkowski (http://www.netzwerk-terrorismusforschung.de/pages/kurzprofile/c.-a.-v.-denkowski.php)
Verwendete Literatur
Bock, Michael Kriminologie, 3. Auflage 2007, Verlag Franz Vahlen, München
Eifler, Stefanie Kriminalsoziologie, transcript Verlag, Bielefeld
Krimpedia Institut für kriminologische Sozialforschung der Universität Hamburg, (URL: http://www.kriminologie.uni-hamburg.de/wiki/index.php/Chicago_School, zul. besucht: 10.12.2009, 09.18 Uhr)
Lilly, J. Robert/ Criminological Theory, 4. Auflage, Cullen, Francis T./ Sage Publications, London, Neu Delhi Ball, Richard A.
McLaughlin, Eugene/ The Sage Dictioniary of Criminology, Muncie, John 2. Auflage 2006, Sage Publications, London, Neu Delhi
Schwind, Hans-Dieter Kriminologie, 19. Auflage 2009, Kriminalistik Verlag Heidelberg