Dell Hymes

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Hymes, Dell (*1927), amerik. Soziolinguist, Anthropologe. Hymes betrieb seine Studien vorwiegend an der nordwestlichen Pazifikküste der USA. Das Forschungsfeld der "linguistischen Anthropologie" wurde von ihm begründet. Seiner Meinung nach sind kommunikative Handlungen die unverfälschteste Form kulturellen Handelns, deren konkrete Ausformung vom situativen Kontext abhängig ist. Hymes untersucht das Verhältnis von Kontext und sprachlichen Aussagen.

Dell Hymes schließt mit seiner Theorie der Ethnographie der Kommunikation an die ethnographische Theorie von Malinowski an. Derzufolge ist die Bedeutung einer Handlung abhängig vom situativen Kontext. Ebenso wie Malinowskis ethnographische Studien ist die Ethnographie der Kommunikation grundsätzlich strukturalistisch geprägt. Das Ziel von Hymes' Forschungen iat es, kulturvergleichend Werte und Normen von Sprachgemeinschaften herauszuarbeiten.

Um zu ihren Forschungsergebnissen zu gelangen, setzt die Ethnographie der Kommunikation methodisch auf teilnehmende Beobachtung, Tagebuch-und Interviewanalyse. Mit diesen Methoden sollen die kommunikativen Gewohnheiten und Sprachverhalten einer Sprachgemeinschaft analysiert werden, die von den Gebrauchskontexten abhängen und die Regeln des Gebrauchs abgeleitet werden. Denn Hymes postuliert, dass jede Sprachgemeinschaft über eine bestimmte Sprechökonomie mit kulturspezifischen Sprechereignissen verfügt, die den kontextuellen Deutungsrahmen des Gesprochenen darstellen. Entsprechend ist die Verwendung sprachlicher Zeichen nicht vom System abhängig, sondern von der jeweiligen Situation.

Der Untersuchungsgegenstand ist also, im Vergleich zur strukturalen Linguistik, der diachrone Vorgang des Sprechens in konkreten sozialen Situationen. Das betont die parole im Gegensatz zur langue, also genau anders als bei de Saussure. In der Terminologie Chomskys legt Hymes sein Augenmerk auf die Kompetenz des Subjekts, an verschiedenen typischen Sprechereignissen teilzunehmen. Die Performanz der Interaktanten meint dann die korrekte, situationsbezogene Umsetzung eines bestimmten Sprachstils. Es geht also um eine semantische, bedeutungstragende Verhaltensweise, die den Kontext ausmacht. Damit diese richtig umgesetzt werden, muss der Sprecher die Kompetenz besitzen, einem bestimmten Handlungstypus eine bestimmte Äußerung zuzuordnen. In Form von Anschlusshandlungen können sich die Interaktionspartner-Partner somit auch anzeigen, auf welchen Gebrauchskontext sie referieren.

Laut Hymes handelt es sich bei der Sprechökonomie einer Gesellschaft um ein dreistelliges Verhältnis aus der Sprechereignissen, deren konstituierenden Faktoren und deren Funktionen. Die Sprechereignisse selbst, merkt Hymes an, sind Gruppierungen von Sprechakten. Ein Beispiel wäre die Predigt, womit selbst aber keine Analyse des Gegenstandes möglich wäre. Deshalb unterscheidet Hymes die Sprechereignisse anhand von sieben Komponenten: Sender, Adressat, Form der Mitteilung, Kanal, Kode, Thema und Situation. (Im englischen Original ist das Konzept um einen Begriff erweitert auf die mnemotechnische Abkürzung "SPEAKING" gebracht worden.) Der Ethnograph muss seiner Meinung nach die Frage „Worüber sprechen die dort?“ an die Bedeutung der Situation richten. Dieses kann über die konkordanten, ungestört übereinander lagernden, Verhältnisse von einzelnen Aussagen in einem Zusammenhang geschehen. Die daraus gefolgerten Regeln können den Interaktanten anzeigen, welche Anschlussaussagen für einen Topos möglich und welche ungeeignet sind. Den sieben Funktionen des Sprechens sind: expressiv, direktiv, poetisch, phatisch, metalinguistisch, referentiell und kontextuell. Die Funktionen werden entweder latent oder manifest für das betreffende Subjekt erfüllt. Das Subjekt muss anhand seiner Kompetenz erkennen, welche Funktion einer Aussage im Vordergrund steht. Die ständige Ausführung von Kontexten hat den beiläufigen Effekt, dass die kontextuellen Deutungsrahmen ständig aufs Neue realisiert und somit erhalten bleiben.

Das Subjekt zeigt also dem Kommunikationspartner an, wie es verstanden werden will, indem es eine die Komponenten in einem bestimmten Verhältnis zueinander für eine bestimmte vordergründige Funktion gebraucht. Insofern ist ein Kontext immer von dem Subjekt abhängig, das ihn initiiert und trägt. In Form von Anschlusshandlungen wird dann gegenseitig angezeigt, wie das Vorausgegangene verstanden wurde. Ein Individuum initiiert den Kontext freiwillig, aber Alter muss die Kontexte von Ego zuerst richtig deuten, um sich zu verständigen. Jedes Subjekt ist also gleichermaßen befähigt, eine unendliche Menge von Sätzen zu verstehen und produzieren, und diese unter dem Kriterium der Akzeptabilität zu beurteilen. Diese Akzeptabilität ist das Verhältnis der Strukturen zum konkreten sozialen Kontext. Das Subjekt hat qua Sozialisation jedoch dieses notwendige Gefühl für angemessene Sätze, obwohl die verwendeten Zeichen arbiträr sind.

Die Ethnographie der Kommunikation ist in erster Linie für die Kommunikationswissenscahft relevant, insofern sie aus der klassischen strukturalistischen Theorie das Augenmerk auf die Verwendung von Sprache als situationsabhängig ausweist und nicht auf die langue zurückführt; dabei verbirgt sich jedoch die Intention hinter den Funktionen des Sprechens, wodurch das Subjekt massiv dezentriert wird. Dies hat zur Folge, dass der Kontext nicht interaktiv ausgehandelt wird, sondern in der Verwendung der Sprache realisiert wird.


Literatur:

Hymes, Dell (1979) Soziolinguistik. Zur Ethnographie der Kommunikation. Frankfurt a. M.

Sekundärliteratur:

Knoblauch, Hubert (1995) Kommunikationskultur. Die kommunikative Konstruktion kultureller Kontexte. Berlin; New York. Schröer, Norbert (2002) Verfehlte Verständigung: Kommunikationssoziologische Fallstudie zur interkulturellen Kommunikation. Konstanz.

--Michael Roslon 19:05, 6. Apr 2008 (CEST)

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