Dichte Beschreibung

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Clifford Geertz (23. 08. 1926 in San Francisco – 30.Oktober 2006), der als einflussreichster american„anthropologist? seiner Generation galt, hat in seiner international und weit über die Fachgrenzen hinaus berühmt gewordenen Aufsatzsammlung Interpretations of Culture (1973) insgesamt 14 ethnographische Arbeiten aus 15 Jahren eigener Feldforschung (Java, Bali, Marokko) zusammengestellt, nicht um seinen Fleiß zu dokumentieren, sondern: “This book has an argument to make." (VIII). Grosse Teile des Buches sind unter dem Titel Dichte Beschreibung 1983 in Deutsch erschienen.

Zwei Aufsätze fokussieren Kultur und deren Entwicklung, vier weitere Arbeiten zentrieren sich um Religion und Rituale, fünf andere behandeln die politische Kultur und deren Veränderungen und die drei abschließenden Aufsätze geben ethnographische (Fall)-Studien im engeren Sinne des Wortes wieder. Eingeleitet werden diese durchweg empirisch fundierten Studien durch ein eher theoretisch argumentierendes Kapitel („Thick Description: Toward an Interpretive Theory of Culture?), das sowohl in die Forschungsarbeit von Geertz einführt, aber auch vereinheitlicht und generalisiert und schlussendlich ein scharf konturiertes und (zu dieser Zeit) neues Forschungsprogramm zur Interpretation von Kultur formuliert. Dieser Essay ist einerseits für die Geertzsche Position grundlegend, andererseits ein geradezu klassisches Beispiel für einen zentralen Bezugstext eines neuen Paradigmas: Befürworter wie Kritiker beziehen sich immer wieder auf ihn. Ebenfalls als paradigmatisch (und zwar im Hinblick auf die für Geertz zentrale Frage nach der angemessenen Darstellung ethnographischer Arbeit) gilt der Essay „Deep Play : Notes on the Balines Cockfight?. Die in Deutschland erschienene Aufsatzsammlung „Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme" (Frankfurt 1983) enthält nur fünf der o.a. Artikel, ergänzt durch zwei neue „Common Sense as a Cultural System“ (1975) und „From the Native’s Point of View“ (1977)

Ausgangspunkt für den kulturhermeneutischen (anfangs auch als semiotisch oder semantisch etikettierten) Ansatz von Geertz ist dessen im Anschluss an Parsons (Kultur als „ordered system of meaning and of symbols“ - 144) und Weber (Kultur als „web of significance man himself has spun.“ 5) entwickelter Kulturbegriff. Die Interpretation von Kultur begibt sich deshalb nicht auf die Suche nach Gesetzen, sondern nach Bedeutungen. Kultur (deutlich unterschieden von sozialer Struktur) wird als Text verstanden, der von der Gesellschaft geschrieben und in und für die Gesellschaft immer wieder neu in öffentlichen symbolischen Handlungen aufgeführt wird, auf dass die Gesellschaftsmitglieder sich und ihre Gruppe neu finden und gestalten können. Kultur wird verstanden als „a set of control mechanisms - plans, recipes, rules, instructions (what computer engineers call ,programs‘) - for governing of behavior“ (44). Der Text der Kultur legt den Gesellschaftmitgliedern mittels Motivation und Stimmung lediglich nahe, das Dargestellte nicht nur als „Modelle-von“, sondern auch als „Modelle-für“ zu nutzen, er determiniert also nicht (93f).

Kulturanalyse darf sich weder in der Sammlung kultureller Besonderheiten erschöpfen, noch sich auf die Ermittlung bedeutungsloser Universalien zurückziehen. Der Ethnograph hat statt dessen das handlungsgenerierende Programm gesellschaftlicher Bedeutungen zu lesen und zu verstehen - weshalb seine Arbeit auch mit dem „penetrating a literary text“ (448) zu vergleichen ist. Aber: „Doing ethnography is like trying to read (in the sense of ,construct a readings of‘) a manuscript - foreign, faded, full of ellipses, incoherencies, suspicious emendations, and tendentious commentaries, but written not in conventionalized graphs of sound but in transient examples of shaped behavior.“ (10) Die Forschungsstrategie des Ethnographen besteht nun darin, „over the shoulder“ (452) der Kulturangehörigen zu schauen und sich selbst von den aufgeführten symbolischen Handlungen ansprechen zulassen, die Handlungsbedeutung der Symbole mittels „thick description“ niederzuschreiben und dann mittels „diagnosis“ (27) als Formen menschlicher Handlungsstrukturen zu verstehen. Da die Symbolbedeutung zwar „from the Native‘s Point of View“ (jedoch von einem typisierten und nicht einem konkreten, was bedeutet, dass die Bedeutung nicht intentional verfügbar sein muß) rekonstruiert werden soll, interessiert sich Geertz vor allem für das öffentliche sequentiell geordnete Verhalten der von ihm untersuchten Kulturangehörigen und weniger für deren Rechtfertigungen oder für Erklärungen von Informanten. Ziel der „interpretive anthropology is not to answer our deepest questions, but to make available to us answers that others (...) have given, and thus to include them in the consultable record of what man has said.“ (30)

Mit Interpretation of Culture hatte Geertz (neben Victor Turner und David Schneider) wesentlichen Anteil an der Neuorientierung der Ethnologie und der Etablierung der „Interpretive Anthropology“. Statische funktionalistische Erklärungen in der Tradition von Malinowski und Radcliffe-Brown werden zugunsten dynamischer, welche auch die Perspektive der Kulturangehörigen integrieren, aufgegeben, und das Erklären des Gesamtsystems wird durch das Verstehen mikroskopischer Prozesse ersetzt. Damit wurde der „interpretive turn“ eingeleitet, der später wegen der Betonung der schriftstellerischen Arbeit des Ethnographen auch zum „literary turn“ führte, der wiederum die noch anhaltende „crises of representation“ nach sich zog.

Kritisiert wird Geertz von Seiten der „normal science“ wegen fehlender Relialibilität und Validität, von Seiten der „Interpretativen“ vor allem wegen seiner Schreibpraxis, die mehr verzaubere als einen Nachvollzug der Interpretation erlaube (Crapanzano), dann wegen der systematischen Vernachlässigung des Diskurses mit den Untersuchten zu Erkenntnis- und Validierungszwecken (Tyler, Clifford) und zum dritten wegen der Ausblendung konkreter Machtverhältnisse (Clifford). In Deutschland wurden neben der Ethnologie vor allem (wegen zahlreicher Parallelen in Theorie und Methode) die hermeneutischen Ansätze qualitativer Sozialforschung von Geertz beeinflusst.

Literatur:

GEERTZ, C. Interpretation of Culture. Selected Essays. EA New York 1973 GEERTZ, C.: Dichte Beschreibung, Frankfurt a. M., 1983 CLIFFORD., J. / G. MARCUS (Ed.) Writing Culture, Berkeley 1984, S. 51-76. GOTTOWIK, V. Konstruktionen des Anderen, Clifford Geertz und die Krise der Interpretation, Berlin 1997. RICE, K. Geertz and Culture, Ann Arbor 1980.

Links:

http://www.hfg-karlsruhe.de/~hklinke/archiv/texte/sa/GEERTZ.htm


Autor: Jo Reichertz

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