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Der Soziologe Erving Goffman (1922-1982) gilt als der Begründer einer Interaktionsforschung, die face-to-face-Interaktionen erstmalig zu einem eigenständigen Forschungsgegenstand erhoben hat. Goffman geht es dabei um Interaktionen als eigenständige soziale Gebilde, die sich weder aus den gesellschaftlichen Makrogebilden noch aus den Handlungen Einzelner hinreichend erklären lassen. Er zielt dabei auf die Untersuchung der Konstitutions- und Organisationsbedingungen von Interaktionen und damit auf die Regeln, Techniken und Mittel, die Individuen einsetzen, wenn sie sich in sozialen Situationen voreinander darstellen, ihr Verhalten und Handeln koordinieren und so eine Definition ihrer Situation erzeugen.
Zum Zweck der Erforschung der interaction order hat Goffman im Laufe der Entwicklung seines wissenschaftlichen Werks seinen Untersuchungsgegenstand aus verschiedenen Perspektiven untersucht Interaktionstypologie, in der er zentrierte von nicht-zentrierten Interaktionen unterscheidet, usw.
Eine allgemeine Theorie der Interaktion, im Sinne einer Reihe von systematisch aufeinander bezogenen theoretischen Konzepten, die in einer einheitlichen Terminologie präsentiert sind, hat Goffman allerdings nicht formuliert.
Für eine Kommunikationswissenschaft, die sich vornehmlich mit dem Aufbau, der Struktur und Organisation von alltagsweltlichen Interaktionsprozessen beschäftigt, die immer als Kommunikationsprozesse aufzufassen sind, bietet Goffmans Werk eine Reihe von fruchtbaren theoretischen Konzepten sowie eine Vielzahl von Ideen zur Beobachtung, Beschreibung und Erklärung alltagsweltlicher Kommunikationsprozesse.
Im folgenden soll Erving Goffmans Rahmenkonzept vorgestellt werden, welches bereits an einigen Stellen seiner früheren Werke auftaucht und in seinem Hauptwerk, der "Rahmen-Analyse" (Frame Analysis, 1974, dt. 1977) ausführlich ausgearbeitet wird. Goffman geht es dabei primär darum, zu erklären, wie und als was Menschen Situationen verstehen und definieren. Er geht davon aus, "daß Menschen, die sich gerade in einer Situation befinden, vor der Frage stehen: Was geht hier eigentlich vor?" (Goffman 1977, 16).
Das Konzept der Rahmen ist somit eingebunden in eine Problemstellung, die sich durch sein gesamtes Werk zieht und aus verschiedenen Blickwinkeln immer wieder neu beleuchtet wird: Es geht ihm nicht um einen allgemeinen, makrosoziologischen Gesellschaftsentwurf, sondern um "die Erforschung von Interaktion in unmittelbarer Anwesenheit von zwei oder mehreren Individuen, von face-to-face-Interaktionen also" (Lenz 1991, 28). Dieses Thema hat er zu einem eigenständigen Untersuchungsgegenstand erhoben, und die Rahmen-Analyse ist ein weiterer Versuch, sich dem Problem zu nähern. Um die Frage "Was geht hier eigentlich vor?" beantworten zu können, um also eine Situation verstehen und deuten und sich in ihr zurechtfinden zu können, wird sie, so Goffman, in Erfahrungsschemata eingeordnet, sie wird also in einem bestimmten Rahmen wahrgenommen und erhält vor diesem Hintergrund einen Sinn. Situationen sind also nicht an sich sinnvoll, sondern nur im Rahmen eines bereits bestehenden Wissensvorrats, sie erfordern immer eine gewisse Interpretationsleistung, auch wenn diese dem Einzelnen nicht bewußt sein muß. Goffman bezieht sich auf das sogenannte Thomas-Theorem des William Isaac Thomas (1863-1947): "Wenn die Menschen eine Situation als wirklich definieren, dann ist sie ihren Auswirkungen nach wirklich." (Goffman 1977, 9)"If men define situations as real, they are real in their consequences." (Thomas & Thomas 1928, 572)
Diese Aussage darf aber nicht dahingehend mißverstanden werden, daß Menschen sich tatsächlich in jeder sozialen Situation bewußt entscheiden, wie diese nun zu definieren ist und ob sie ihr Wirklichkeits- oder Normalitätsstatus zusprechen wollen oder nicht. Vielmehr "stellen sie lediglich ganz richtig fest, was für sie die Situation sein sollte, und verhalten sich entsprechend" (Goffman 1977, 9).
Die Vorstellungen und Situationsdefinitionen sind zwar individuell verschieden, doch gibt es auch so etwas wie ein gemeinsames Vorstellungssystem innerhalb einer Kultur, das Goffman als Kosmologie bezeichnet. Mit der Konzeption der Rahmen-Analyse als Untersuchung der Organisation der Alltagswirklichkeit schließt Goffman explizit an die pragmatische Tradition von William James (1842-1910) und den phänomenologischen Ansatz von Alfred Schütz (1899-1959) an, die er jedoch dahingehend kritisiert, daß sie bei dem komplizierten Problem der Vielzahl von Rahmen, die in der Alltagswelt eine Rolle spielen, "stillschweigend gepaßt" (Goffman 1977, 36) hätten. Bei diesem Problem für mehr Klarheit zu sorgen hat sich Goffman zur Aufgabe gemacht.
Bereits James ging es nicht mehr um die Frage, was Wirklichkeit ist und wie wir sie erkennen können, sondern darum, unter welchen Bedingungen wir bestimmte Situationen für wirklich halten, andere aber nicht. Der Sinn, den Dinge, Sachverhalte und (soziale) Situationen für uns haben, ist also nicht etwas Vorgegebenes, das irgendwie erkannt werden muß oder kann, er wird vielmehr vom menschlichen Bewußtsein konstituiert.
Doch während es besonders Schütz um die genaue phänomenologische Analyse eben dieses Konstitutionsprozesses geht, beschränkt sich Goffman lediglich auf die Offenlegung und Beschreibung einiger der so entstandenen Erfahrungsschemata und Deutungsmuster.
"Nicht die Konstitution der Rahmen interessiert ihn, sondern deren inhaltliche Ausgestaltung und deren Anwendung in sozialen Kontexten."(Eberle 1991, 170)
Mit dem Rahmenbegriff, dessen er sich zu diesem Zweck bedient, folgt Goffman dem Anthropologen und Kommunikationsforscher Gregory Bateson (1904-1980). Auch in der Gestaltpsychologie der zwanziger und dreißiger Jahre taucht dieser Begriff im Sinne eines Bezugssystems (frame of reference), an dem der Mensch seine Wahrnehmungen orientiert, bereits auf (vgl. Hettlage 1991, 104 ff.). Bei Bateson sind Rahmen metakommunikative Mitteilungen und Handlungen, die – bewußt oder unbewußt – Interpretationshilfen für die jeweilige Situation zur Verfügung stellen. In diesem Sinne verwendet auch Goffman den Begriff und definiert ihn wie folgt:
"Ich gehe davon aus, daß wir gemäß gewissen Organisationsprinzipien für Ereignisse – zumindest für soziale – und für unsere persönliche Anteilnahme an ihnen Definitionen einer Situation aufstellen; diese Elemente [...] nenne ich 'Rahmen'"(Goffman 1977, 19).
Das erste Organisationsprinzip von Handlungen und Mitteilungen, das Goffman zumindest bei westlichen Gesellschaften ausfindig macht, ist die Einordnung eines Ereignisses in primäre Rahmen im Sinne von Interpretationsschemata, die als ursprünglich erlebt und zumeist nicht bewußt angewandt werden. Primäre Rahmen ermöglichen ein unmittelbares Erkennen und Identifizieren von Situationen und Ereignissen aller Art, sie gewährleisten die Vorstellung von Normalität und die Unterstellung, daß sich alles, was vor sich geht, auf irgendeine Weise in dieses System einordnen läßt.
Ausnahmen bestätigen hierbei die Regel, denn auch bei Vorgängen, die nicht unmittelbar in einen primären Rahmen zu passen scheinen, wird das Bezugssystem nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Vielmehr gibt es spezielle Kategorien, die einen Umgang mit solchen Situationen "im Rahmen des Normalen" erlauben. Handelt es sich zum Beispiel um erstaunliche Vorkommnisse, wie die Beobachtung von UFOs, religiösen Wundern und dergleichen, so werden diese – zumindest in der westlichen Welt – in der Regel als zwar im Moment noch nicht geklärte, aber im Prinzip nicht unerklärliche Phänomene betrachtet.
Auch bei Zauberkunststücken geht der Zuschauer davon aus, daß es eine "logische" Erklärung geben muß, auch wenn sie ihm in der aktuellen Situation nicht zugänglich ist und es vielleicht nie sein wird. Andere Konzepte zur Erklärung von Dingen, die sich einer eindeutigen Zuordnung scheinbar entziehen, sind die des Schnitzers (beim Versagen der Kontrolle über den eigenen Körper) oder des Zufalls (Glück oder Pech). Alle diese Begriffe "ermöglichen es der Bevölkerung, Ereignisse zu verkraften, die sonst ihr Analysesystem in Frage stellen würden." Goffman 1977, 46)
Primäre Rahmen unterscheidet Goffman in zwei Klassen: natürliche und soziale Rahmen. Erstere werden als nicht-intentional und vollständig auf natürliche Ursachen zurückführbar erlebt, als "bloße Ereignisse", zum Beispiel alle Naturphänomene, physikalische Eigenschaften etc., während soziale Rahmen auf alle Arten von "Handlungen" angewandt werden, also auf zielgerichtete, einem Willen unterworfene und gesteuerte Ereignisse. Um diese sozialen Rahmen, die immer auch mit bestimmten Regeln zu tun haben, geht es Goffman in seiner Analyse vor allem. Die Einordnung in einen primären Rahmen muß natürlich nicht immer "richtig" sein, der Einzelne kann sich irren (und tut dies auch Die Frage, ob die eigene Situationsdefinition "zutrifft", und ob auch die anderen Teilnehmer einer Interaktionssituation den oder die gleichen Rahmen zugrunde legen, ist ein ständiges Thema menschlicher Kommunikation – auch wenn sie natürlich selten so explizit gestellt wird. Situationen können zum Beispiel "anders gemeint" sein, als es der primäre Rahmen zunächst vermuten lassen könnte.
Um solche Phänomene beschreiben zu können, führt Goffman die Begriffe Modulation (keying) und Täuschung (fabrication) ein. Modulation bezeichnet die Anwendung eines "System[s] von Konventionen, wodurch eine bestimmte Tätigkeit, die bereits im Rahmen eines primären Rahmens sinnvoll ist, in etwas transformiert wird, das dieser Tätigkeit nachgebildet ist, von den Beteiligten aber als etwas ganz anderes gesehen wird" (Goffman 1977, 55).
Typische Beispiele für Modulationen finden sich etwa beim Spiel, beim Ritual oder im Theater, wo Ereignisse, zum Beispiel ein Kampf oder eine alltägliche Tätigkeit, eben nicht als "wirklich" oder "ernst" wahrgenommen werden, sondern im Rahmen ihrer Transformation. Man sagt dann etwa über ein solches Geschehen, es werde "nur" gespielt. Weitere typische Beispiele für Modulationen sind Scherze, sportliche Wettkämpfe aller Art, Proben, Einübungen, Demonstrationen, Rollenspiele oder Experimente. häufig), aber auch dies stellt die grundsätzliche Gültigkeit des Systems nicht in Frage.
Bei der Modulation zeigt sich, wie Goffmans Rahmenkonzept gebaut ist: Es gibt innerhalb jedes Rahmens immer einen Kern, der im Falle von untransformierten Situationen und Ereignissen mit dem Rand des Rahmens identisch ist (primärer Rahmen). Durch Modulationen entstehen nun aber zwei Schichten, innerer Kern und äußerer Rand des Rahmens fallen nicht mehr zusammen. Der Rahmen enthält "Urbild und Bild, Kopiertes und Kopie" (Goffman 1977, 176).
Da es auch Modulationen von Modulationen gibt, kommt es zu einer komplexen Struktur, die es aufzuschlüsseln gilt. Die Bezeichnung der Rahmen, die Goffman vorschlägt, erfolgt immer nach deren äußerem Rand, also der Modulation, da diese das Geschehen zu dem macht, als was es in der Alltagswirklichkeit angesehen wird. Grundsätzlich besteht sowohl bei den Beteiligten als auch bei den Zuschauern eines Geschehens Einstimmigkeit über die Art der Modulation, die allen zugänglich und ersichtlich ist.
Dadurch unterscheidet sie sich von einer weiteren Art der Transformation primärer Rahmen: der Täuschung.
Unter einer Täuschung versteht Goffman
"das bewußte Bemühen eines oder mehrerer Menschen, das Handeln so zu lenken, daß einer oder mehrere andere zu einer falschen Vorstellung von dem gebracht werden, was vor sich geht."(Goffman 1977, 98)
Hier sind also nicht alle Beteiligten in das Geschehen eingeweiht, es gibt Täuscher und Getäuschte, die sich hinsichtlich ihres jeweiligen Rahmenwissens unterscheiden. Für das Opfer der Täuschung scheint ein untransformiertes Geschehen stattzufinden, das Goffman in diesem Zusammenhang als geradliniges Handeln bezeichnet, während der Täter um den Täuschungsrahmen weiß. Täuschungen sind immer davon bedroht, aufgedeckt zu werden. Im Falle einer solchen Entlarvung muß der Getäuschte nicht offen zu erkennen geben, daß er den Betrug erkannt hat, er kann weiterhin so tun, als ob er die Situation noch nicht durchschaut hat, also Unwissenheit vortäuschen, und durch diese Umdefinition des Rahmens wiederum selbst zum Täuscher werden.
Auch müssen Täuschungen durchaus nicht immer in böswilliger Absicht geschehen. Es gibt auch gut gemeinte, harmlose Täuschungen, wie zum Beispiel scherzhaftes Necken, Hänseln oder Hereinlegen oder das Vorspiegeln falscher Tatsachen bei Versuchspersonen, etwa im psychologischen Experiment, um bestimmte Forschungsergebnisse zu erzielen, ohne den Teilnehmern Schaden zuzufügen. Auch während einer Ausbildung können gut gemeinte Täuschungen angewandt werden, zum Beispiel um den "Ernstfall" zu proben. Entscheidend dafür, ob eine Täuschung als gut gemeint oder böswillig angesehen wird, ist dabei nicht allein die "Struktur und Organisation gerahmter Handlungen, sondern auch die moralische Einstellung der Bevölkerung gegenüber diesen Machenschaften"(Goffman 1977, 119).
Bei gutgemeinten Täuschungen geht man in der Regel davon aus, daß ihre Aufklärung die Beziehung der Beteiligten nicht beeinträchtigen würde, während die Aufdeckung böswilliger Täuschungen zu weitreichenden, eventuell auch juristischen Konsequenzen führen kann. Als Beispiele für schädigende Täuschungen führt Goffman alle möglichen Arten von Schwindelmanövern, Betrug, Hochstapelei, Intrigen usw. auf.
Von diesen beiden Arten der Täuschung, die davon ausgehen, daß es eine Partei gibt, die absichtlich bei einer anderen einen falschen Eindruck erzeugen will, unterscheidet Goffman Irrtümer, die von niemandem gewollt hervorgerufen werden. Darunter fallen auch Selbsttäuschungen (z.B. Träume), Wahnvorstellungen oder bestimmte Arten von Anfällen sowie die Hypnose.
Auch beim verständlichen Irrtum in Form von Sinnestäuschungen liegt eine Fehlrahmung vor, wobei meistens davon ausgegangen wird, daß sich die Mißdeutung über kurz oder lang aufklären werde, was nach Goffman einen "Grundbestandteil der Kosmologie des abendländischen Menschen" (Goffman 1977, 129) darstellt.
In der menschlichen Interaktion kommt es entscheidend darauf an, daß man dem anderen zu erkennen gibt, in welchem Rahmen man eine Äußerung oder sonstige Handlung gemeint hat und verstanden wissen will. Es ist also nötig, metakommunikative Hinweise anzubringen, die eine Orientierung ermöglichen. Goffman bemüht sich mit seinem Rahmenkonzept zu zeigen, "wie wir durch spezifische Formen gegenseitiger Zuwendung (Gesten, Äußerungen, Handlungen) uns selbst und unserer Umwelt gemeinsame Wahrnehmungen und Relevanzen erklären, Teilnahme an Handlungsentwürfen ermöglichen, also soziale Wirklichkeit und gesellschaftliche Ordnung herstellen".(Hettlage 1991, 103)
Menschliches Handeln spielt sich in einem Rahmen ab, der mit der ihn umgebenden Alltagswelt eng verzahnt ist. So wird auf der einen Seite der Rand des jeweiligen Rahmens durch die Art der Handlung selbst definiert, auf der anderen Seite sind auch bestimmte "äußere Rahmenbedingungen" für sein Zustandekommen nötig, was sich wieder auf die Rahmendefinition auswirkt. "Allgemein gesprochen wird also eine Tätigkeit durch die Voraussetzungen, die sie von der äußeren Umgebung absetzen, unvermeidlich auch an die umgebende Welt geknüpft". (Goffman 1977, 276)
Zur Markierung und deutlichen Abgrenzung sozialer Vorgänge von der sie umgebenden Umwelt werden Grenzzeichen verwendet, die Goffman als Klammern bezeichnet. Klammern können Ereignisse sowohl zeitlich (als Anfangs- und Schlußklammern) als auch räumlich begrenzen.
Ein anschauliches Beispiel findet sich im Theater: Der Anfangsgong, das Ein- und Ausschalten der Beleuchtung, das Öffnen und Fallen des Vorhangs und die vom Zuschauerraum klar abgegrenzte Bühne sind zeitliche und räumliche Klammern, die das Geschehen für den Besucher strukturieren und die Übergänge der verschiedenen Rahmen markieren. Klammern sind also Modulationssignale, die die Beteiligten auf Rahmentransformationen hinweisen. So wie es Mehrfachmodulationen gibt, kommen auch mehrfach ineinander verschachtelte Klammern vor, etwa als Pausenzeichen im Theater oder als Pfiff des Schiedsrichters beim Fußballspiel.
Bei der Beobachtung und Beurteilung eines Handelnden wird unterschieden zwischen ihm als Person und der Rolle, die er einnimmt. Dieses Verhältnis bezeichnet Goffman als Person-Rolle-Formel.
Es gibt Rollen, die von bestimmten Personen besser oder schlechter, überzeugender oder weniger überzeugend ausgefüllt werden können, und solche, die bestimmte Personen gar nicht ausfüllen können oder gar dürfen. Außerdem gibt es soziale Regeln dafür, an welchen Stellen man "aus der Rolle fallen" darf, wieviel einem Rollenträger zugemutet werden kann, unter welchen Bedingungen er also den Rahmen der Rolle verlassen darf. Ein weiteres Kriterium ist die Art etwas zu tun, der persönliche Stil. Goffman betrachtet den Stil als eine Art von kleiner Modulation, "die den Eindruck ermöglicht, daß eine in einem bestimmten Stil ablaufende Tätigkeit sich im Effekt nur sehr wenig von einer in anderem Stil ablaufenden Tätigkeit derselben Art unterscheidet".(Goffman 1977, 319)
Betrachtet man eine gewöhnliche, in bestimmter Weise gerahmte Interaktion, so kann man üblicherweise einen Hauptvorgang von einem außerhalb des Rahmens liegenden Hintergrund von Vorgängen unterscheiden. Dem Hauptvorgang gilt die Aufmerksamkeit der Beteiligten, alle anderen Vorgänge, die außerdem noch stattfinden, werden dem untergeordnet, wobei es situationsabhängig ist, welcher Bereich als Hauptvorgang angesehen wird.
"Aus der Sicht der Beteiligten könnte man hier von einer Fähigkeit sprechen, aus der Sicht der Situation selbst von einem Kanal."(Goffman 1977, 224)
So unterscheidet Goffman dann den Hauptkanal, dem die größte Aufmerksamkeit der Beteiligten gilt, von Nebenkanälen, auf denen sich Vorgänge ereignen, die in der Regel systematisch ignoriert werden müssen, um den Hauptvorgang nicht zu stören, etwa wenn bei einem Vorkommnis auf einem Nebenkanal, das nicht in den Rahmen paßt, so getan wird "als wäre nichts geschehen." Es gibt in Interaktionssituationen bestimmte Regeln, was als zum Hauptvorgang zugehörig betrachtet und thematisiert werden darf und was nicht, zum Beispiel weil es als taktlos gilt.
Daneben gibt es noch "einen zweiten Strom von Vorgängen außerhalb des Rahmens" (Goffman 1977, 233), einen Zeichenstrom, auf dem die Interaktionsteilnehmer metakommunikative Artikulations-Hinweise geben, die selbst nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, die Interaktion aber organisieren und strukturieren. Bestandteile dieses Artikulationsstroms sind etwa Hinweise darauf, wer gerade etwas sagt oder tut und mit welcher anderen Äußerung oder Handlung dies in einem Zusammenhang steht sowie nonverbale Regulatoren, die den Sprecherwechsel steuern.
Alle diese Artikulationszeichen stehen zwar nicht im Mittelpunkt, können aber auch nicht einfach ignoriert werden. Sie finden in einem anderen Rahmen statt, und es kann zu peinlichen oder lächerlichen Situationen führen, wenn diese durcheinandergebracht oder gestört werden, wenn also etwa ein auf einem Nebenkanal stattfindendes Geschehen nicht mehr länger ignoriert werden kann, weil es zum Beispiel als zum Hauptvorgang passend oder diesen kommentierend empfunden wird.
Abgesehen von Haupt-, Neben- und Artikulationskanälen beschreibt Goffman auch den verdeckten Kanal, auf dem sich Vorgänge abspielen, bei denen nicht nur so getan wird, als ob sie außerhalb des Rahmens lägen, sondern die sich tatsächlich nicht im Wahrnehmungsbereichs der Teilnehmer befinden. Dazu zählt nicht nur der gesamte Bereich, der den Anwesenden aufgrund ihrer räumlichen Einschränkung nicht zugänglich ist, sondern auch die inneren Zustände der anderen Interaktionspartner, von denen immer nur bestimmte, mit diesen Zuständen nicht identische Anzeichen wahrnehmbar sind. Die Existenz des verdeckten Kanals ist eine Voraussetzung für die oben beschriebenen Täuschungen, für die ein asymmetrisches Rahmenwissen konstitutiv ist.
Darüber hinaus ist es den Teilnehmern einer Kommunikationssituation möglich, "heimliche Signale über den verdeckten Kanal zu senden" (Goffman 1977, 243), wie überhaupt die verschiedenen Kanäle auf alle möglichen Arten und für verschiedene Zwecke ausgenutzt werden können, zum Beispiel zum Austausch von Informationen "hinter dem Rücken" einzelner Interaktionsteilnehmer. Das Rahmenkonzept stellt hier ein brauchbares Beschreibungsinstrument für die komplexen Vorgänge innerhalb eines Interaktionsprozesses zur Verfügung.
Rahmen dienen nicht nur dazu, Situationen zu definieren, also die Frage "Was geht hier eigentlich vor?" zu beantworten, sondern sie beinhalten immer auch "normative Erwartungen bezüglich der Tiefe und Vollständigkeit, mit der die Menschen in die durch den Rahmen organisierten Vorgänge eingebunden sein sollten". (Goffman 1977, 376)
Diese betreffen das Engagement, mit dem jemand an diesen Vorgängen teilnimmt, also den Grad der Aufmerksamkeit, mit der man "bei der Sache" bzw. von einer Sache "gefangengenommen" ist.
"Das Engagement ist ein psychobiologischer Vorgang, bei dem dem Subjekt mindestens teilweise entgeht, worauf sich seine Gefühle und seine Anspannung richten. Das ist die Bedeutung von 'gefangengenommen sein'. [...] Engagement ist eine wechselseitige Verpflichtung". (Goffman 1977, 376 f.)
Welcher Grad von Engagement in einer bestimmten Situation als angebracht gilt, hängt wiederum vom Rahmen ab, in dem sie definiert ist. Während zum Beispiel im Straßenverkehr ein intensives Engagement nur dann geboten ist, wenn Schwierigkeiten auftreten, wird in einem Zwiegespräch ein hohes Engagement eingefordert.
In der Situation, von der man "gefesselt" oder "in Bann geschlagen" ist, kann man nicht zwischen transformierten und nicht-transformierten Vorgängen unterscheiden: von einem Roman oder Theaterstück kann man genauso gefangengenommen sein, wie von einem "wirklichen" Geschehen.
"Wenn James und Schütz von 'verschiedenen Wirklichkeiten' und davon sprachen, etwas sei 'auf seine Art wirklich', so meinten sie eigentlich die Fähigkeit, gefangenzunehmen".(Goffman 1977, 378)
Aus der komplexen Struktur der Rahmen, die in menschlichen Interaktionen eine Rolle spielen, ergibt sich, daß es sehr viele Möglichkeiten von Rahmenbrüchen gibt, für deren Kompensation wiederum andere Rahmen zur Verfügung stehen. Welche Rahmen auf eine bestimmte Situation angewendet werden, ist einem ständigen Aushandlungsprozeß unterworfen, der niemals zu einem endgültigen Abschluß kommt, da es immer die Möglichkeit gibt, die Dinge in einem anderen Rahmen zu betrachten. Folglich ist das
"Wissen, die Sicherheit und die Ordnung der sozialen Realität immer nur vorläufig und von ständig neuen Situationen und Veränderungen enttäuschbar, so daß laufende Anpassungen erfolgen müssen. Denn die Organisation der Erfahrung bleibt kontextbezogen. Es gibt keine isolierbaren fixierbaren Bedeutungen".(Hettlage 1991, 103)
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Goffman mit dem Rahmenkonzept den Versuch macht, die Ordnungsmuster aufzuzeigen, die Menschen zur Anwendung bringen, um sich in der Welt zurechtzufinden. Ausgangspunkt ist die in jeder Situation implizit oder explizit gestellte Frage "Was geht hier eigentlich vor?"
Zur Beantwortung dieser Frage werden die Situationen einem primären Rahmen bzw. dessen Modulation zugeordnet. Modulationen sind Transformationen primärer Rahmen, ebenso wie Täuschungen. Während die Transformation im Falle der Modulation allen Beteiligten ersichtlich ist, liegt bei Täuschungen ein unterschiedliches Rahmungswissen vor. Zur Markierung von Rahmengrenzen werden oft Grenzzeichen verwendet, sogenannte Klammern. Die Orientierung in der Alltagswirklichkeit bleibt trotz dieser Ordnungsprinzipien ein grundsätzlich unabschließbarer Vorgang, bei dem ständige Aushandlungsprozesse und Umdefinitionen der Rahmen erforderlich sind.
Neben Gregory Bateson und Jürgen Ruesch gehört Erving Goffman zu den ersten Sozialwissenschaftlern, die face-to-face-Interaktionen in den fünfziger Jahren als eigenständigen Forschungsgegenstand etablieren. Wurden Interaktionen zuvor zum Zweck der Beschreibung und Erklärung anderer sozialer Phänomene herangezogen, so untersuchen die genannten Autoren face-to-face-Interaktionen als einen "Gegenstand sui generis" (Lenz 1991, 31), dessen Aufbau bzw. Organisation es zu untersuchen gilt. Goffman (1974, 9) formuliert dies wie folgt:
"Jener Handlungsbereich, der durch Interaktionen von Angesicht zu Angesicht erzeugt wird und durch kommunikative Normen organisiert ist [...], ist bisher noch niemals in ausreichender Weise zu einem eigenständigen Untersuchungsgegenstand gemacht worden. Zwar wurde häufig auf ihn zurückgegriffen. Immer, wenn das Bedürfnis nach einer konkreten Illustration dafür bestand, wie eine soziale Einrichtung, eine soziale Teilstruktur oder gar eine Gesellschaft zu begreifen sei, wurden Interaktionsbeispiele wie Vignetten verwendet, um etwas anschaulich zu demonstrieren und nebenher der Tatsache Rechnung zu tragen, daß es 'da draußen' auch noch die agierenden Menschen gibt. Auf diese Weise wurden bisher die Interaktionspraktiken immer nur zur Erläuterung anderer Dinge verwendet, niemals aber selber als definitionsbedürftig oder -würdig betrachtet. Die angemessenste Behandlung derartiger Ereignisse bestünde jedoch darin, den ihnen eigentümlichen Charakter herauszuarbeiten."
Zum Zweck der Beschreibung von face-to-face-Interaktionen in ihrer Eigenart hat Goffman (vgl. 1971, 24 ff.; 1972, 7 ff.) einige grundlegende Konzepte entwickelt, die es erlauben, unterschiedliche Typen von Interaktionen und die interaktionstypischen Komponenten zu unterscheiden und zu bezeichnen. Goffman nutzt diese Konzepte in verschiedenen Arbeiten (vgl. Goffman 1971; 1961) vornehmlich zur Beschreibung und Einordnung von Interaktionen, um diese dann im Hinblick auf die Mittel und Techniken der Darstellung der einzelnen Beteiligten voreinander und der Regeln, denen sie dabei folgen oder zuwider handeln, zu untersuchen (vgl. 1971, 28).
Im folgenden beschränken wir uns auf die Erläuterung der u.E. wesentlichen Termini und der damit verbundenen Konzepte zur Beschreibung von face-to-face-Interaktionen und lassen die Normen bzw. Regeln des Verhaltens sowie die Interpretationsschemata bzw. Rahmen, an denen sich die an einer Interaktion beteiligten Personen orientieren und die das Kernstück der von Goffman in seinem Gesamtwerk zum Untersuchungsgegenstand erhobenen 'interaction order' (vgl. Lenz 1991, 27 ff.; Goffman 1983) bilden, außer acht.
In seinem Buch "Wir alle spielen Theater" (Goffman 1969, 18) definiert Goffman 'Interaktion' als die wechselseitige Handlungsbeeinflussung, die Individuen aufeinander ausüben, wenn sie füreinander anwesend sind. Gemeinsame Anwesenheit bzw. Kopräsenz ist dann gegeben, wenn die beteiligten Individuen
"das Gefühl haben, daß sie einander nahe genug sind, um sich gegenseitig wahrzunehmen bei allem, was sie tun, und nahe genug auch, um wahrgenommen zu werden als solche, die fühlen, daß sie wahrgenommen werden".(Goffman 1971, 28)
Im Fall der gegenseitigen Wahrnehmung mindestens zweier Individuen spricht Goffman von einer Zusammenkunft. Zusammenkünfte finden in einer räumlichen Umgebung statt. Die gesamte räumliche Umgebung, in der Individuen in den Bereich wechselseitiger Wahrnehmung geraten und somit eine Zusammenkunft konstituieren, nennt Goffman Situation. Dabei definiert Goffman die Situation in Abhängigkeit von der Zusammenkunft, da die räumliche Umgebung erst dadurch als Situation konstituiert wird, daß eine Zusammenkunft zustande kommt (vgl. Goffman 1971, 29).
In seinem dramaturgischen Ansatz hat Goffman die räumliche Umgebung auch mit dem Terminus Bühne bezeichnet, die auch immer nur eine Bühne ist im Hinblick auf eine Darstellung, die auf ihr gegeben wird und die die Darstellung mitgestaltet. So macht es einen Unterschied, ob sich Individuen in einem Fußballstadion, in der eigenen Wohnung, auf der Straße oder in einem schicken Restaurant voreinander verhalten.
Zusammenkünfte und Situationen finden Goffman zufolge (vgl. 1971, 29 ff.) zumeist im Rahmen sozialer Anlässe, wie beispielsweise Party, Begräbnis, Hochzeit, Theaterbesuch statt. Sie bilden den sozialen Kontext von Zusammenkünften und umfassen spezifische Regelungen, die ihren Ablauf, die Rollen der Beteiligten und deren Engagement im Rahmen des Anlasses bestimmen.
Lenz (1991, 36) formuliert im Rekurs auf Goffman einige Charakteristika sozialer Anlässe:
"Das Konzept des sozialen Anlasses hat Goffman (1953: 127 ff.) auch bereits in seiner Dissertation eingeführt und dort auch einige seiner Charakteristika aufgeführt: Es existieren Vorgaben, wer berechtigt ist, an einem sozialen Anlaß teilzunehmen, und in welcher Eigenschaft die Teilnehmer auftreten. Vorgegeben ist ein bestimmter Verlauf, es gibt Hinweise auf den Anfang und den Schluß. Festgelegt ist die Hauptaktivität, die von den Anwesenden erwartet wird, wie auch die Zulässigkeit und das Ausmaß, in dem untergeordnete Handlungen während der Dauer des sozialen Anlasses möglich sind. Mit einem sozialen Anlaß sind auch Anforderungen in Bezug auf das Engagement der Teilnehmer verknüpft und es ist auch reguliert, wer für den Ablauf Verantwortung trägt."
Sobald nun unabhängig von einem spezifischen sozialen Anlaß mindestens zwei Individuen sich in Kopräsenz befinden und eine Zusammenkunft konstituieren, kann ihr Verhalten von dem jeweils Anderen gedeutet werden. Beide werden füreinander zu 'Informationsquellen' (vgl. Lenz 1991, 34 und Goffman 1971, 26).
In diesem Sinne ist der Sender einer Information auch immer zugleich Empfänger der Information eines Anderen und vice versa (vgl. 1971, 26). Die an einer Zusammenkunft beteiligten Individuen sind aufgrund dieser einfachen Rückkopplung (vgl. Goffman 1971, 28) daran interessiert, einerseits Informationen zu empfangen und andererseits die von ihnen selbst vermittelten Informationen aus unterschiedlichen Gründen zu kontrollieren (vgl. Goffman 1969, 7).
So schreibt Lenz (1991, S. 34) in diesem Zusammenhang:
"Jeder der Anwesenden ist bestrebt, Informationen zu kontrollieren. Diese Informationskontrolle kann dazu dienen, den anderen hinters Licht zu führen, aber sie findet ebenso statt, wenn wir ‘nur’ einen guten Eindruck hinterlassen wollen."
Den Individuen stehen dabei zwei Typen an Ausdrucksmitteln zur Verfügung, mit denen sie Informationen vermitteln bzw. sich ausdrücken können (Goffman 1969, 6). Zum einen kann ein Individuum sprachliche oder sprachähnliche Zeichen wie beispielsweise Gesten verwenden, um Informationen zu vermitteln bzw. sich in bestimmter und absichtsvoller Weise auszudrücken. In diesem Fall spricht Goffman von dem Ausdruck, den jemand gibt (vgl. ebd.).
Zum anderen übermittelt ein Individuum, sobald es sich in Kopräsenz mit Anderen befindet, allein durch seine Mimik, Haltung u.ä. Informationen, von denen gemeinhin angenommen wird, daß sie nicht seiner Willkür unterliegen und die aus diesem Grund als verläßliche Informationsquelle angesehen werden, um zu beurteilen, ob eine Person beispielsweise lügt oder ehrlich meint, was sie sagt. In diesem Fall spricht Goffman von dem Ausdruck, den jemand ausstrahlt (vgl. ebd.).
Um die Eigenart von Situationen genauer bestimmen und analysieren zu können, unterscheidet Goffman Ereignisse, die ausschließlich in einer Situation der Kopräsenz vorkommen können, von solchen, die auch in jedem anderen Zusammenhang auftreten können. Im ersten Fall verwendet Goffman den Terminus 'situationell' und im zweiten Fall den Terminus 'rein-situiert' (vgl. Goffman 1971, 33). Wie Lenz (1991, 31) bemerkt, ist 'rein-situiert' eine recht unglückliche Übersetzung des englischen Ausdrucks 'merely situated'. Er schlägt statt dessen 'bloß-situiert' als bessere Übersetzung vor, die wir hier übernehmen. Beide Begriffe faßt Goffman unter dem allgemeineren Terminus 'situiert', mit dem er jede Begebenheit bezeichnet, "die innerhalb der räumlichen Grenzen einer Situation passiert" (Goffman 1971, 32).
Die beiden Unterbegriffe von 'situiert' verdeutlicht Goffman an Hand des folgenden Beispiels:
"Wenn wir situierte Aktivität betrachten, stellen wir häufig fest, daß sich eine einzelne ihrer Komponenten genausogut auch außerhalb der Situation, ohne Personen oder mit nur einem Anwesenden, hätte ergeben haben können. So könnte jemand in gewisser Weise den Verlust, den er erleidet, wenn er in seinem Haus, mit der Schußwaffe bedroht, ausgeraubt wird, auch erleiden, wenn seine Wohnung geplündert würde, während er im Urlaub ist. [...] Die Gefahr für Leib und Leben dessen, dem bei gezogener Schußwaffe das Haus ausgeraubt wird, ist situationell; der Verlust der Gegenstände ist, wie bereits gesagt, rein-situiert."
Wenn mindestens zwei Individuen sich in einer Situation befinden und eine Zusammenkunft durch ihre Kopräsenz konstituieren, dann kann die Situation nach Goffman (1971, 35) weiter dahingehend analysiert werden, wie sich die an einer Zusammenkunft Beteiligten kommunikativ verhalten, wie sie also ihr Verhalten aneinander orientieren und somit interagieren.
Im Hinblick auf das kommunikative Verhalten der Beteiligten unterscheidet Goffman (ebd.) zwei Typen der Interaktion: zum einen die nicht-zentrierte und zum anderen die zentrierte Interaktion, die Goffman an anderer Stelle (vgl. 1972) auch 'encounter' (Begegnung) nennt.
Unter einer nicht-zentrierten Interaktion versteht Goffman (vgl. 1971, 35) dasjenige kommunikative Verhalten, das allein durch die Kopräsenz mindestens zweier Individuen auftritt. Die Beteiligten nehmen sich gegenseitig wahr und orientieren ihr Verhalten daran, daß sie von Anderen wahrgenommen werden. So wenn sich beispielsweise zwei Personen auf einer Party gegenseitig taxieren, indem sie die Mimik, Haltung, Auftreten oder Kleidung des jeweils Anderen beurteilen und ihr Verhalten ändern, weil sie wahrnehmen, daß sie selbst beobachtet werden (vgl. Goffman 1972, 7). Als weiteres Beispiel können zwei Fußgänger dienen, die sich wechselseitig wahrnehmen und ihr Verhalten abstimmen, wenn sie aneinander vorbeigehen.
Zentrierte Interaktionen kennzeichnet Goffman (vgl. ebd.) dadurch, daß die an ihr beteiligten Individuen kooperieren, indem sie für einen bestimmten Zeitraum in "visueller und kognitiver Aufmerksamkeit" (vgl. Lenz 1991, 34 und Goffman 1972, 7) gemeinsam aneinander und auf eine Sache oder Tätigkeit gerichtet sind. Als Beispiele können hier alle kooperativen Tätigkeiten dienen, die in Kopräsenz ausgeübt werden, wie ein Gespräch führen, tanzen, Gesellschaftsspiele spielen, sich lieben etc. Je nach der Anzahl der an einer Situation beteiligten Individuen lassen sich mit Goffman, ausgehend von den möglichen zentrierten Interaktionen, Typen von Zusammenkünften unterscheiden. Er unterscheidet die "auf einen Punkt konzentrierte Zusammenkunft", die "teilkonzentrierte Zusammenkunft" sowie die "multikonzentrierte Zusammenkunft" wie folgt:
"Gibt es nur zwei Beteiligte an einer Situation, dann erschöpft eine Begegnung, findet sie statt, die Situation völlig. Wir haben eine auf einen Punkt konzentrierte Zusammenkunft. Bei mehr als zwei Beteiligten können einzelne Personen offiziell in der Situation anwesend sein, die gleichwohl offiziell aus der Begegnung ausgeschlossen und auch selbst nicht sehr an ihr engagiert sind. Solche nicht-engagierten Teilnehmer machen die Zusammenkunft zu einer teilzentrierten. Sind mehr als drei Personen anwesend, kann es zu mehr als einer Begegnung in der gleichen Situation kommen – wir sprechen dann von multizentrierter Zusammenkunft".(Goffman 1971, 91 f.)
Abschließend kann nun zusammengefaßt werden, daß Goffman face-to-face-Interaktionen als das kommunikative Verhalten beschreibt, welches mindestens zwei Individuen ausüben, wenn sie sich in Kopräsenz befinden und somit eine Zusammenkunft konstituieren, die in einen räumlichen und einen sozialen Kontext eingebettet ist. Den räumlichen Kontext bezeichnet Goffman als Situation und den sozialen Kontext als sozialen Anlaß. Im Rahmen einer Zusammenkunft bilden die an ihr beteiligten Individuen Quellen der Information füreinander.
Sie deuten das Verhalten des jeweils anderen und sind aufgrund der einfachen Rückkopplung bestrebt, im Hinblick auf ihr eigenes Ausdrucksverhalten Informationskontrolle auszuüben. Die an einer Interaktion Beteiligten verfügen dabei über zwei Typen von Ausdrucksmitteln. Zum einen über sprachliche oder sprachähnliche Zeichen, vermittels derer sie einen Ausdruck geben können, und zum anderen vermitteln sie ihrem Gegenüber Informationen, indem sie sich in einer spezifischen Art und Weise verhalten, von der gemeinhin angenommen wird, daß sie nicht im Bereich der Kontrolle eines Individuums liegt. Letzteres bezeichnet Goffman als den Ausdruck, den jemand ausstrahlt.
Alle Begebenheiten und Ereignisse, die im Rahmen einer Situation statthaben, bezeichnet Goffman als situiert. Situierte Begebenheiten und Ereignisse lassen sich danach unterscheiden, ob sie ausschließlich in Situationen der Kopräsenz oder auch in jedem anderen Zusammenhang auftreten können. Im ersten Fall spricht Goffman von situationellen und im zweiten Fall von bloß-situierten Begebenheiten oder Ereignissen.
Im Hinblick auf das kommunikative Verhalten der an einer Situation beteiligten Individuen können verschiedene Typen von Zusammenkünften unterschieden werden: zum einen nicht-zentrierte Interaktionen und zum anderen zentrierte Interaktionen. Ausgehend von den zentrierten Interaktionen unterscheidet Goffman unter Berücksichtigung der Anzahl der an einer Situation beteiligten Individuen mit der auf einen Punkt konzentrierten Zusammenkunft, der teilkonzentrierten Zusammenkunft und der multikonzentrierten Zusammenkunft drei weitere Typen.
Die Rezeptionsgeschichte des Werks von Erving Goffman ist eine Geschichte der Uneinigkeit darüber, ob Goffman überhaupt als ein Theoretiker der Soziologie aufgefaßt werden kann und wenn ja, in welcher Theorietradition er zu verorten ist. So schreibt Willems (1997, 26):
"Sofern man im Goffmanschen Werk überhaupt eine Theorie sieht, ist man sehr unterschiedlicher Meinung über deren Identität. Goffman erscheint unter anderem als Strukturfunktionalist, (Post-) Strukturalist, Existentialist, Postmodernist, Ethnomethodologe, Semiotiker, Phänomenologe, Systemtheoretiker oder auch nur als Eklektiker (vgl. Drew/Wootton (Hg.) 1988; Riggins (Hg.) 1990; Hettlage/Lenz (Hg.) 1991). Wohl immer noch am geläufigsten ist die Zuordnung zum Symbolischen Interaktionismus (vgl. Härle 1978; Lauer/Handel 1977). Jonathan Turner favorisiert eine Interpretation des Goffmanschen Werks als 'the dramaturgical school of interactionism' (J.H. Turner 1986, 391). Richard Sennett nennt Goffman den ‘führenden zeitgenössischen Rollenanalytiker’ (Sennett 1983, 51)."
Goffman hat den divergierenden theoretischen Zurordnungsversuchen seiner Arbeiten insofern Vorschub geleistet, als er sich einerseits geweigert hat, diese in eine spezifische theoretische Traditionslinie bzw. Schule zu stellen, und als er andererseits die Vielzahl an theoretischen Konzepten, die er entwickelt hat, nicht theoretisch reflektiert und in einer einheitlichen Terminologie systematisiert und verbunden hat (vgl. Willems 1997, 26).
Wenn es nicht gelingt, ein wissenschaftliches Werk theoretisch in einer bestimmten Tradition zu verorten, dann bleibt als Ausweg, genau dies zu akzeptieren und die Eigenständigkeit und Originalität eines wissenschaftlichen Werkes herauszustellen. Diesen Weg gehen Hettlage und Lenz im Fall der Arbeiten von Erving Goffman (Hettlage/Lenz 1991, 17). Die Eigenständigkeit besteht nun nicht darin, daß Goffman sein Werk ohne Rekurs auf andere Theorien entwickelt hätte. Goffman hat Lenz zufolge (Lenz 1991, 243 ff.) vielmehr eine Vielzahl von theoretischen Ansätzen rezipiert und auch in seinem Werk verarbeitet.
Hans Oswald (1984, 212) formuliert diesen Sachverhalt in seinem Nachruf auf Goffman wie folgt:
"Goffman steht zwischen oder neben oder über den Schulen. Weder Chicago School noch Ethnomethodologie noch Phänomenologie können ihn vereinnahmen, auch das Etikett 'dramaturgical approach' hat er nie übernommen. [...] Er hatte ein zentrales soziologisches Problem, und er suchte es mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln jenseits von Schulen zu lösen."
Die Verarbeitung der verschiedenen Ansätze beansprucht allerdings Originalität, da Goffman – der Interpretation von Lenz folgend (Lenz 1991, 289 ff.) – eine Brücke zwischen zwei einander entgegengesetzten soziologischen Theorietraditionen baut, zum einen einer 'strukturalen Soziologie' und zum anderen einer 'interpretativen Soziologie'. Diese These ist im Hinblick auf die unterschiedlichen theoretischen Zuordnungen des Goffmanschen Werks plausibel.
So lassen sich die theoretischen Ansätze, die Willems (1997, 26) nennt, den beiden Paradigmen zuordnen: Die 'strukturale Perspektive' ist mit dem 'Strukturfunktionalismus', dem '(Post-)Strukturalismus', der 'Semiotik', 'Systemtheorie' und der 'Rollentheorie' vertreten, wobei Lenz nachweist, daß der französische Strukturalismus und Poststrukturalismus keinen Einfluß auf Goffman ausgeübt hat. Die interpretative Perspektive ist mit der 'Ethnomethodologie', 'Phänomenologie' und dem 'Symbolischen Interaktionismus' vertreten.
Der Vertreter einer struktural orientierten Soziologie, der den größten Einfluß auf Goffman ausgeübt hat, ist Emile Durkheim (1858-1917). Neben Durkheim nennt Lenz zudem Talcott Parsons (1902-1979), Alfred R. Radcliff-Brown (1881-1955), W. Lloyd Warner (1898-1970), Robert F. Bales (1916-) und Edward Shils (1910-1995) als Einflußgrößen dieser theoretischen Orientierung. Die für Goffman prägenden Vertreter der interpretativ orientierten Soziologie finden sich nach Lenz in George Herbert Mead (1863-1931) und Everett Hughes (1897-1983), einem Lehrer von Goffman (vgl. Lenz 1991, 290).
Beide Wissenschaftler stehen im Zusammenhang der Chicago-School der Soziologie, die ferner mit den Namen William Isaac Thomas (1863-1947), Robert E. Park (1864-1944) und Ernest W. Burgess (1886-1966) verbunden (vgl. Wenzel 1990, 11) und aus der letztlich der Symbolische Interaktionismus erwachsen ist. Goffman hat sich ferner intensiv mit den Arbeiten von Harold Garfinkel (*1946), dem Begründer der Ethnomethodologie, und mit den Arbeiten von Gregory Bateson und Georg Simmel beschäftigt, die seine eigenen Arbeiten erheblich beeinflußt haben (vgl. Lenz 1991, 290 ff.).
Jeder der genannten Theoretiker hat die Arbeiten von Goffman mehr oder weniger hinsichtlich theoretischer Konzepte oder Annahmen beeinflußt, ohne daß Goffman das Werk des einen oder anderen konsequent fortsetzt. Exemplarisch seien im folgenden Konzepte und Annahmen einiger Theoretiker genannt, die Goffman verarbeitet hat.
So hat Goffman von Durkheim u.a. die Aufassung übernommen, daß der jeweilige Gegenstandsbereich wissenschaftlicher Arbeit als ein eigenständiges System zu betrachten ist, als eine "Realität sui generis" (vgl. Lenz 1991, 289). Beispielsweise sind Interaktionen oder die 'interaction order', die den durchgängigen Forschungsgegenstand Goffmans bildet, als eigenständige soziale Gebilde zu betrachten, die nicht hinreichend durch andere Phänomene, wie gesellschaftliche Makrostrukturen oder Individualhandlungen und Intentionen einzelner, erklärt werden können. Durkheims Einfluß zeigt sich zudem entscheidend in der Auffassung Goffmans, daß das Denken, Verhalten und Handeln einzelner immer durch überpersönliche kulturelle Vorgaben geprägt ist (vgl. Lenz 1991, 288).
Wie bei Durkheim die Moral den Individuen überpersönlich und gesellschaftlich vorgegeben ist, so sind es bei Goffman u.a. Verhaltensregeln und Verhaltensmuster und vor allem die Rahmen als Interpretationsschemata, deren Konzept Goffman in seinem Spätwerk entwickelt (vgl. Goffman 1977).
Von dem in der Tradition Meads stehenden und von Herbert Blumer begründeten Symbolischen Interaktionismus übernimmt Goffman u.a. seinen Gegenstandsbereich 'Interaktion' und die Relevanz von Aushandlungsprozessen, die die an einer Situation beteiligten Individuen durchführen, um eine gemeinsame Situationsdefinition zu erstellen.
Mit Gregory Bateson ist Goffmans Arbeit dahingehend verbunden, daß beide sich ungefähr zur gleichen Zeit in den fünfziger Jahren um die Etablierung von 'Interaktion' als einem eigenständigen Forschungsgegenstand bemüht haben. Die Arbeiten von Bateson hat Goffman schon sehr früh rezipiert und in seinen ersten Schriften, in denen er beginnt, sein Forschungsprogramm der 'interaction order' zu formulieren, verarbeitet. Bekannter ist jedoch der Einfluß Batesons auf Goffmans ‘Rahmenanalyse’. Goffman schließt in dieser Arbeit unmittelbar an das von Bateson formulierte Konzept psychologischer Rahmen zur Entwicklung seiner soziologischen Rahmenanalyse an (vgl. Goffman 1977, 15).
Die Bezüge Goffmans zu den einzelnen Theoretikern und soziologischen Schulen sind vielfältig und bedürften einer genaueren Analyse, in der jeweils Goffmans theoretische Konzepte mit anderen im Hinblick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede verglichen werden müßten (für einige Vergleiche siehe die Aufsätze von Eberle, Widmer, Lenz und Bergmann in: Hettlage/Lenz 1991, 157-326). Ein solcher Vergleich ist im Rahmen eines einführenden Textes nicht zu erbringen, so daß im folgenden mit der 'strukturalen Soziologie' und der 'interpretativen Soziologie' lediglich die zwei unterschiedlichen soziologischen Perspektiven erläutert werden, zwischen denen Goffman vermittelt.
Die beiden Perspektiven, die Lenz gegenüberstellt, sind insofern analytische Konstruktionen, als sie lediglich zwei entgegengesetzte theoretische Denkmöglichkeiten bezeichnen, die sich in dieser reinen Form wohl in keiner der oben genannten Theorien finden.
Theorien, die der strukturalen Soziologie zuzurechnen sind, erklären soziale Phänome ausgehend von der Gesellschaft als einem den Individuen vorgegebenen Makrogebilde. Die jeweilige Gesellschaft stellt kulturelle Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata bereit, die die Individuen im Laufe ihrer Sozialisation erwerben. Solche Schemata, die man sich als Normen, Werte oder (Verhaltens-) Regeln vorstellen kann, sind Strukturen einer Gesellschaft, in dem Sinn, daß sie bestimmen, welche Wahrnehmungs-, Handlungs- und Denkweisen in einer Gesellschaft möglich sind. Das Individuum erscheint aus dieser Perspektive als gesellschaftlich und kulturell determiniert.
Die Theorien, die der interpretativen Soziologie zuzurechnen sind, erklären soziale Phänomene ausgehend von Interaktionen, den gesellschaftlichen Mikrogebilden. Gesellschaft als Makrogebilde ist kein von Mikroprozessen wie Interaktion und Kommunikation unabhängiges Gebilde ‘an sich’, sondern das Resultat der Gesamtheit dieser Prozesse.
Die interpretative Soziologie hat nicht die überpersönlichen und von Einzelsituationen unabhängigen Strukturen zum Untersuchungsgegenstand, sondern die Situationen, in denen sich Individuen vermittels von Gesten und Symbolen verständigen und eine Definition ihrer Situation, also den Sinn der jeweiligen Situation, aushandeln und deuten. Das Individuum erscheint aus dieser Perspektive als kompetentes Subjekt, das in seiner durch die Anderen begrenzten Freiheit aktiv an der Definition der Situation beteiligt ist und diese auch verändern kann.
Goffman geht im Hinblick auf die beiden antagonistischen Perspektiven einen dritten, einen mittleren Weg, indem er sie miteinander zu verbinden sucht (vgl. Hettlage 1991, 421 und auch Willems 1997, 45). Weder ist das Individuum unabhängig von gesellschaftlichen Strukturen, noch ist es durch letztere determiniert.
Lenz (1991, 294) formuliert dies wie folgt:
"Anstatt Goffman zum Symbolischen Interaktionisten, Strukturalisten oder Durkheimianer zu machen, erscheint es angebracht, das Theorieprogramm von Goffman als einen Entwurf zu sehen, dem es darauf ankommt, die Einseitigkeit einer interpretativen oder einer strukturalen Perspektive durch eine Verknüpfung beider Perspektiven zu beseitigen. Goffman überwindet den astrukturellen Bias und das Modell eines schier grenzenlos kreativen Individuums, zugleich verwehrt er sich gegen die Negation des handelnden Subjekts, gegen die weitgehende Ausblendung der Sinnkategorie und auch den Dingcharakter der sozialen Wirklichkeit."
Die Wirkung, die Goffman mit seinen Arbeiten ausgeübt hat, ist ähnlich schwer festzulegen, wie die Einflüsse, die auf ihn gewirkt haben. Durch seinen wissenschaftlich unkonventionellen gut lesbaren Schreibstil, seine Weigerung, sich theoretischen Schulen anzuschließen sowie seine Arbeiten theoretisch zu systematisieren, und die detaillierten und alltagsnahen Beschreibungen seiner Forschungsgegenstände, sind Goffmans Schriften disziplinenübergreifend und auch außerhalb der Wissenschaft stark rezipiert worden.
Innerdisziplinär ist Goffman aus eben diesen Gründen zumeist nur bruchstückhaft gelesen und verarbeitet worden, so daß sich für die Rezeption seines Werkes in der Sekundärliteratur der Begriff der 'Steinbruch-Rezeption' etabliert hat (vgl. Lenz 1991, 71).
Willems (1997, 17) beschreibt diese (Breiten-) Wirkung Goffmans wie folgt:
"Schon früh hatten seine Arbeiten in seinem Fach, dessen Bühne er Anfang der fünfziger Jahre betrat, und in zahlreichen Nachbardisziplinen, vor allem in der Sozialpsychologie, der Linguistik, den Literaturwissenschaften, der Pädagogik und der Psychiatrie, mehr oder weniger großen Einfluß. Viele seiner Modelle und Konzepte ('totale Institution', 'Stigma', 'Rollendistanz', 'Interaktionsritual', 'strategische Interaktion' usw.) sind zum festen Bestandteil des soziologischen Kanons geworden. In zahlreichen speziellen Soziologien, aber auch in Einführungen in die Allgemeine Soziologie werden Elemente des Goffmanschen Werks geradezu als eine Art professionelles Alltagswissen be- und gehandelt (vgl. Bourdieu 1983, S. 12). Dies ist in beachtlichem und immer größerem Umfang der Fall (vgl. Hettlage/Lenz (Hg.) 1991), worin man durchaus ein Symptom für die wissenschaftliche Wertigkeit sehen kann. Darüber hinaus erreichte und erreicht Goffman ein außerordentlich breites nicht-wissenschaftliches Publikum, das sowohl Berufspraktiker (Lehrer, Sozialarbeiter etc.) und 'betroffene' (Rand-) Gruppen (Psychiatrisierte, Behinderte, ehemalige KZ-Häftlinge etc.) als auch jederman umfaßt, den die meisten Arbeiten Goffmans direkt angehen (vgl. Burns 1992, 1)."
Zu der Vielzahl von Soziologen, die an Konzepte und Modelle von Goffman angeschlossen haben, zählen an prominenter Stelle u.a. Jürgen Habermas, Niklas Luhmann (1927-1998), Harvey Sacks, Anthony Giddens (1938-) und Herbert Willems, die hier exemplarisch angeführt werden. Habermas hat den 'dramaturgischen Ansatz' Goffmans in seiner Theorie des kommunikativen Handelns für seinen Begriff des ‘dramaturgischen Handelns’ verwendet (vgl. Habermas 1981 Bd.1, 135 ff.). Niklas Luhmann bezieht sich in seinen Arbeiten zu Interaktionssystemen auf Goffmans Arbeiten (vgl. exemplarisch Luhmann 1975, 21-38). Beide sind der 'Steinbruch-Rezeption' zuzurechnen, da sie lediglich einzelne Ideen oder Konzepte für ihre Zwecke heranziehen.
Mit Anthony Giddens und Herbert Willems sowie auch Robert Hettlage und Karl Lenz kann eine neuere Rezeptionslinie bezeichnet werden, die der 'Steinbruch-Rezeption' Goffmans entgegenwirkt, indem sie den theoretischen Gehalt in Goffmans Gesamtwerk aufarbeiten, daran anschließen und Goffman somit als Theoretiker und soziologischen Klassiker einer zweiten Generation (vgl. Hettlage/Lenz 1991) etablieren will.
So schreibt Giddens (1988, 250):
"And yet I want to propose that Goffman should indeed be ranked as a major theorist, as a writer who developed a systematic approach to the study of human social life and one whose contributions are in fact as important in this regard as those of any of the other individuals mentioned above. There is a system of social theory to be derived from Goffman's writings, although some effort has to be made to unearth it and we cannot necessarily accept Goffman’s own interpretations of his works in elucidating ist nature."
Giddens greift ferner bei der Entwicklung einer Strukturierungstheorie auf Goffmans Werk zurück (Willems 1997, 24) und Herbert Willems (1997) versucht das Gesamtwerk Goffmans aus der Perspektive der Rahmenanalyse zu rezipieren und eine Habitustheorie daran anzuschließen
Abschließend ist noch das wechselseitige Beeinflussungsverhältnis zwischen Erving Goffman und den Vertretern der ethnomethodologischen Konversationsanalyse zu nennen, deren Begründer Harvey Sacks ein Schüler Goffmans war. Einerseits hat Goffman die Konversationsanalyse beeinflußt, und andererseits hat er sich von dieser bei seinen eigenen späten Arbeiten zur sprachlichen Interaktion stark beeinflussen lassen. Bergmann (1991, 306 f.) formuliert dieses Verhältnis wie folgt:
"Natürlich haben die Konversationsanalytiker ihrerseits maßgeblich von Goffman gelernt: sein Blick für Details, sein Gespür für Fallen und Falschheiten, für Kalküle und Risiken in der sozialen Interaktion, seine Nüchternheit bei der Beschreibung komplexer und biographisch bedeutsamer Interaktionsmanöver – all dies ist auch (wenngleich auch mit weniger Eleganz formuliert) in deren Arbeiten zu finden. So mag Goffman in den konversationsanalytischen Texten durchaus auch ein Stück von sich selbst wiederentdeckt haben. Doch andererseits war er es, der den Konversationsanalytikern dabei gefolgt ist, das durch Bild- und Tonaufzeichnung dokumentierbare Gespräch zum primären soziologischen Untersuchungsgegenstand zu machen."
Goffman beschäftigt sich in seinem gesamten Werk mit der Ordnung von face-to-face Interaktionen, im Hinblick auf ihre Organisation und Konstitution. Er forscht nach den Regeln und den Techniken, die die einzelnen Beteiligten einsetzen, um für Andere die gemeinsame Situation verständlich und in bestimmter Weise zu definieren, sowie nach den Organisations- und Konstitutionsbedingungen, die Interaktionen als eigenständiges soziales Gebilde in geordneter Weise ablaufen lassen. Goffman ist dabei der erste Forscher, der sein Augenmerk auf face-to-face-Interaktionen, als einem eigenständig zu erforschenden Gegenstandsbereich, gerichtet hat (vgl. Lenz 1991, 27 ff.).
Am Ende seines wissenschaftlichen Werkes läßt sich allerdings nicht auf eine Entwicklung zurückblicken, die zu einer allgemeinen Theorie der Interaktion geführt hat, sondern auf ein Sammelsurium unterschiedlicher Herangehensweisen und Konzepte zur Deskription und Explikation von Interaktion bzw. einzelner Aspekte von Interaktion.
Es lassen sich zwar, wie die neuere Sekundärliteratur zu Erving Goffman zeigt (vgl. Hettlage/Lenz 1991 und Willems 1997), einige grundlegende Konzepte in einen systematischen Zusammenhang bringen und zu einem theoretischen Ansatz verknüpfen, Goffman selbst hat jedoch in immer neuer Terminologie und mit verschiedenen theoretischen Konzepten versucht, seinen Gegenstandsbereich zu erfassen, und hat es unterlassen, seine unterschiedlichen Theoreme in einer einheitlichen Terminologie zusammenzuführen und sie systematisch aufeinander zu beziehen, um so eine allgemeine Theorie der Interaktion zu gewinnen.
Eine für Goffman typische Herangehensweise an seinen Forschungsgegenstand ist die Beschreibung von Interaktionen mit Hilfe von Analogien im Sinne von Modellen, die der sozialen Wirklichkeit ähneln, mit ihr aber in verschiedenen Hinsichten nicht identisch sind.
Die Modelle geben keine letztgültige Beschreibung und Erklärung sozialer Wirklichkeit, sondern sie dienen Goffman lediglich als heuristische Mittel (Lenz 1991, 57 f.). Das wohl bekannteste Modell, mit Hilfe dessen Goffman Interaktionen zu erfassen sucht, ist das Modell des Theaters, das er in seinem 1959 publizierten Buch "The Presentation of Self in Everyday Life", das 1969 in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag" erschienen ist, entwickelt.
In dem genannten Werk beschreibt Goffman die soziale Welt am Modell des Theaters. Hier wie dort spielt sich ein Geschehen auf einer Bühne ab, an dem grundlegend Darsteller, die eine Rolle spielen, und Zuschauer, die sich der Darstellung in Aufmerksamkeit zuwenden, beteiligt sind. Die so bestimmte Situation läßt sich nun entweder nach der Seite der Darsteller oder nach der Seite der Zuschauer untersuchen. Goffman wählt primär, aber nicht ausschließlich, den ersten Weg, und arbeitet die Techniken heraus, die den Einzelnen oder einer Gruppe von Darstellern dazu dienen, das Bild, das sie von sich selbst im Rahmen ihrer situativ bestimmten Rolle und der Situation bei ihrem Publikum hervorrufen wollen, zu erzeugen und aufrecht zu erhalten (vgl. Goffman 1969, 17).
Indem Goffman sich so das Theater zum Modell der sozialen Welt nimmt, beleuchtet er diese unter dramaturgischen Aspekten (Goffman 1969, 3). Seine Perspektive kann somit als 'dramaturgischer Ansatz' und das spezifische soziale Handeln, das ihn interessiert, kann mit Habermas als 'dramaturgisches Handeln' bezeichnet werden (vgl. Habermas 1981, 135 ff.).
Der deskriptive und explikatorische Wert des Modells ist jedoch begrenzt (vgl. Goffman 1969, 3), da sich die Theaterwelt von der sozialen Wirklichkeit bzw. der Alltagswelt in mehreren Hinsichten maßgeblich unterscheidet. Die von Goffman angeführten Unterschiede lassen sich nach zwei Hinsichten differenzieren: Zum einen im Hinblick auf die Realitätsebene und zum anderen in struktureller Hinsicht. Den Unterschied auf der Realtitätsebene formuliert Goffman (1969, 232) wie folgt:
"Die Behauptung, die ganze Welt sei eine Bühne, ist so abgegriffen, daß die Leser ihre Gültigkeit richtig einschätzen und ihrer Darstellung gegenüber tolerant sein werden, weil sie wissen, daß sie nicht zu ernst genommen werden darf. Eine Handlung, die im Theater inszeniert wird, ist zugestandenermaßen eine künstliche Illusion; anders als im Alltagsleben kann den gezeigten Charakteren nichts Wirkliches oder Reales geschehen – obgleich natürlich auf einer anderen Ebene dem Ansehen der Darsteller, deren Alltagsaufgabe es ist, Theatervorstellungen zu geben, etwas Wirkliches und Reales zustoßen kann."
In struktureller Hinsicht unterscheidet sich die Theaterwelt von wirklichen Situationen dadurch, daß drei Interaktionspartner – im Unterschied zu Zweien im Fall wirklicher sozialer Situationen – an der Konstitution der Situation beteiligt sind (vgl. Goffman 1969, 3). So finden sich im Falle des Theaters aus der Perspektive des Einzelnen mindestens zwei Darsteller, die voreinander ihre Rollen verkörpern und ferner ein Publikum, vor dem die Darsteller ihr Stück aufführen. Diese Trias ist im Alltagsleben um einen Partner auf zwei reduziert, in dem Sinne, daß das Publikum in wirklichen Sozialsituationen nicht allein als mehr oder weniger unbeteiligter Zuschauer fungiert, sondern, wie der einzelne Darsteller auch, Rollen verkörpert.
Die Anderen, die einem Einzelnen in einer Sozialsituation gegenüberstehen und von denen die Aufführung seiner Rolle abhängt, bilden nur solange das Publikum des Darstellers, wie dieser die Interaktionsbeiträge liefert und so die Situation für eine gewisse Zeit dominiert. Die Funktionsrollen der an einer Interaktion Beteiligten können jedoch wechseln und tun dies in der Regel auch. So ist jeder Teilnehmer im Verlauf eines Gesprächs mal Sprecher und mal Hörer, mal Darsteller und mal Zuschauer.
Die Reduktion auf zwei Interaktionspartner in wirklichen Sozialsituationen im Unterschied zu Dreien im Fall des Theaters trifft allerdings nur zu, wenn man die Situationen aus der Perspektive eines einzelnen Darstellers betrachtet. Stellt man den Einzelnen in einen größeren Bezugsrahmen, so erscheint auch die Theateraufführung als Situation mit lediglich zwei Partnern: den Darstellern als Ensemble und dem Publikum. Dem Publikum kommt aber auch in dieser Betrachtungsweise primär die Rolle des unbeteiligten Zuschauers zu, der lediglich an konventionell festgelegten Stellen einen Beitrag (Lachen oder Beifall, der die Aufführung beendet) im Rahmen der Interaktionssituation 'Theateraufführung' liefert (Goffman 1977, 146 ff.).
Des weiteren besteht zwischen dem fiktiven Stück, das zur Aufführung gebracht wird, und der Rolle des Publikums, das sich als Besucher einer realen Theateraufführung vorfindet, eine Differenz auf der Realitätsebene (Goffman 1977, 143 ff.).
Trotz dieser Unterschiede zwischen dem Modell und der Wirklichkeit ist das Theatermodell als heuristisches Mittel fruchtbar, da abgesehen von dem Realitätsgehalt einer Darstellung (ob Theater oder Wirklichkeit) die einzelnen Darsteller in beiden Situationen zu großen Teilen die gleichen oder zumindest sehr ähnliche Techniken der Darstellung einsetzen müssen, um bei ihrem Publikum einen spezifischen Eindruck hervorzurufen (vgl. Goffman 1969, 233).
Im folgenden werden wir nun die wesentlichen Grundbegriffe des dramaturgischen Ansatzes in ihrer Anwendung auf die Sozialwelt skizzieren. Die der Theaterwelt entlehnten Begriffe dienen Goffman der Untersuchung von face-to-face-Interaktionen, worunter er den wechselseitigen Einfluß versteht, den Individuen aufeinander ausüben, wenn sie sich in einer Situation physischer Kopräsenz befinden, also in einer Situation, in der sie sich wechselseitig wahrnehmen können und somit füreinander anwesend sind. Eine Interaktion als von anderen Interaktionen abgrenzbare Einheit definiert Goffman als
"die Summe von Interaktionen, die auftreten, während eine gegebene Gruppe von Individuen ununterbrochen zusammen ist". (Goffman 1969, 18)
Im Rahmen von Interaktionen stellen sich die einzelnen Beteiligten dar, indem sie durch die Verwendung von Ausdrucksmitteln versuchen, bei ihren Gegenübern einen bestimmten Eindruck von sich und der Situation zu erzeugen. Unter einer Darstellung versteht Goffman nun die "Gesamttätigkeit eines bestimmten Teilnehmers an einer bestimmten Situation [...] die dazu dient, die anderen Teilnehmer in irgendeiner Weise zu beeinflussen" (Goffman 1969, 18). Goffman geht es dabei vornehmlich um die Darstellung der Rolle, die jemand in einer Situation, an der auch Andere beteiligt sind, spielt.
Rollen sind im soziologischen Sinne ein Bündel von Verhaltenserwartungen, die an bestimmte soziale Positionen geknüpft sind. Goffman (1983, 18) definiert 'Rolle' ähnlich als die Ausübung von Rechten und Pflichten, die mit einem bestimmten sozialen Status verbunden sind. Im Unterschied zur klassischen soziologischen Definition lenkt er damit die Aufmerksamkeit stärker auf die konkreten situativ eingebetteten Verhaltensweisen (Ausübung von Rechten und Pflichten) als auf sozial verteilte Erwartungen (vgl. Goffman 1969, 18 und Lenz 1991, 43) und kann so stärker die individuelle Ausgestaltung einer Rolle berücksichtigen.
An spezifische Rollen wie Vater, Mutter, Briefträger, Lehrer, Schüler, Richter, Anwalt, Bankangestellter etc., die in bestimmten Situationen gespielt werden, sind nun spezifische Verhaltensweisen geknüpft. Goffmans Interesse zielt allerdings über die für eine solche institutionalisierte Rolle wesentlichen Verhaltensweisen hinaus. Ihm geht es auch um die Darstellung des Selbst des Darstellers in einer Situation. Das Selbst versteht er als situatives Produkt, das ein Einzelner in einer gestalteten Situation durch den Eindruck, den er bei den Anderen durch seinen Ausdruck hervorgerufen hat, zugeschrieben bekommt (Goffman 1969, 230 ff.).
Das situativ erzeugte Selbst bezeichnet Goffman mit dem Ausdruck 'Selbst als Rolle' (1969, 230) und unterscheidet es von der Person des Darstellers, also von dem biographisch bestimmten Individuum, das eine bestimmte Rolle spielt und eben nicht in ihr aufgeht (vgl. 1977, 148 f.). Der einzelne Darsteller als Person drückt sich somit im Rahmen einer Situation in einer spezifischen Art und Weise aus, um bei seinem Publikum einen bestimmten Eindruck von sich selbst im Rahmen seiner Rollendarstellung hervorzurufen.
Goffman zielt nun auf die Techniken, die jemand verwendet, um einen bestimmten Eindruck bei seinem Publikum zu erzeugen und aufrecht zu erhalten. Es geht ihm also vornehmlich nicht um die inhaltliche Bestimmung sozialer Rollen und Selbstdarstellungen, sondern vielmehr um die allgemeinen Darstellungsformen, die ein Darsteller zur erfolgreichen Inszenierung einer jeden Rolle und Situationsdefinition in einem sozialen Kontext einsetzt.
Um einen bestimmten Eindruck bei einem Publikum zu erwecken, ist ein Darsteller darauf angewiesen, dasjenige, was er mitteilen möchte, auch auszudrücken. Zum Zweck des Ausdrucks stehen dem einzelnen Darsteller dabei, Goffman zufolge (1969, 6), zwei Typen von Ausdrucksmitteln zur Verfügung:
"Die Ausdrucksmöglichkeit des Einzelnen (und damit in seiner Fähigkeit, Eindrücke hervorzurufen) scheint zwei grundlegend verschiedene Arten von Zeichengebung in sich zu schließen: der Ausdruck, den er sich selbst gibt, und der Ausdruck, den er ausstrahlt. Die erste Art umfaßt Wortsymbole und ihre Substitute, die der Einzelne eingestandenermaßen und ausschließlich dazu verwendet, diejenigen Informationen zu vermitteln, die er und die anderen mit diesen Symbolen verknüpfen. Hier haben wir es mit Kommunikation im traditionellen und engeren Sinne zu tun. Die zweite Art umfaßt einen weiten Bereich von Handlungen, die von den anderen als aufschlußreich für den Handelnden aufgefaßt werden, soweit sie voraussetzen können, daß diese Handlungen aus anderen Gründen als denen der Information unternommen wurden."
Goffman unterscheidet hier im Zeichenrepertoire die Zeichen, die nahezu vollständig der vom Darsteller kontrollierten und kontrollierbaren Informationsmitteilung dienen, von denjenigen Zeichen, die von Seiten des Publikums der Unterstellung unterliegen, vom Darsteller nicht bewußt kontrolliert zu sein. Im ersten Fall meint Goffman primär Sprachzeichen und sprachähnliche Zeichen, wie beispielsweise deiktische oder andere relativ eindeutig interpretierbare Gesten. Bei diesen Zeichen drängt es sich dem Publikum gewissermaßen auf, daß der Darsteller eine Information mitteilen möchte. Zeichen dieses ersten Typs sind an die Unterstellung von Absicht bzw. Intention gekoppelt.
Mit dem 'Ausdruck, den jemand ausstrahlt' meint Goffman all jene Verhaltensweisen, die nicht auf eine Mitteilungsabsicht seitens des Darstellers schließen lassen, die dem Publikum aber dennoch Aufschluß über seine Person geben können. Hierunter fallen deutbare Verhaltensweisen, wie Zittern, 'Gesichtsröte', (zumindest scheinbar) unkontrollierte Bewegungen und das Mienenspiel, etc. Diese Verhaltensweisen können denn auch als Maß dienen, an dem das Publikum prüft, ob die Rolle, die ein Darsteller inszeniert, glaubhaft ist.
Im Hinblick auf die beiden Zeichentypen beschreibt Goffman den Kommunikationsprozeß insofern als grundlegend asymmetrisch, als für das Publikum mehr an Ausdrucksverhalten sichtbar und auch deutbar ist, als der Darsteller bewußt vermitteln will. Dieser Sachverhalt läßt sich mit einem Beispiel von Goffman (1969, 11) verdeutlichen:
"So hörte sich beispielsweise die Frau eines Kleinpächters auf der Shetland-Insel, als sie einen Gast, der vom englischen Festland kam, einheimische Gerichte vorsetzte, seine höflichen Beteuerungen, das Essen schmecke ihm, mit ebenso höflichem Lächeln an; gleichzeitig aber beobachtete sie die Geschwindigkeit, mit der der Besucher Löffel und Gabel zum Mund führte, den Eifer, mit dem er die Speisen in den Mund schob, und das beim Kauen ausgedrückte Wohlbehagen und konnte an Hand dieser Anzeichen die beteuerten Empfindungen des Essenden auf ihre Richtigkeit hin überprüfen."
Geschickte Darsteller können die benannte Asymmetrie jedoch weitgehend, aber nie vollständig resymmetrisieren, indem sie versuchen, auch die als nicht kontrollierbar unterstellten Verhaltensweisen zu kontrollieren. So kann der Gast in dem oben angeführten Beispiel aus Gründen der Höflichkeit bewußt die Eßgeschwindigkeit bestimmen und durch das Kauen Wohlbehagen ausdrücken, auch wenn ihm das Essen eigentlich nicht schmeckt.
Die bewußte Kontrolle der als nicht kontrollierbar unterstellten und somit als zuverlässig erachteten Informationsquellen verweist schon auf die Gefahren, denen der Darsteller und seine Darstellung ausgesetzt sind. Jede Darstellung kann zusammenbrechen, wenn die verschiedenen Ausdruckstypen keinen stimmigen Eindruck bei dem betreffenden Publikum erzeugen. Vornehmlich aus dem Grund, daß die Darstellung scheitern kann, sind die jeweiligen Darsteller darum bemüht, die Situation zu kontrollieren, indem sie diejenigen Verhaltensweisen und Informationen unterdrücken bzw. geheim halten, die die Situation stören könnten (vgl. Goffman 1969, 11 u. 17).
Für Goffman ist die Kontrolle über die Situation somit das zentrale Anliegen der Darsteller, das erfüllt werden muß, wenn die Darstellung bzw. Inszenierung erfolgreich sein soll. Die Mittel des Ausdrucks erschöpfen sich nun nicht in sprachlichen und sprachähnlichen Zeichen, sowie der Vielzahl der nicht intendierten, aber deutbaren Verhaltensweisen, die jemand in Gegenwart anderer produziert. Sie umfassen auch die Gestaltung der Räumlichkeit, in der die Aufführung stattfindet.
Die Gestaltung der Räumlichkeit (Bühne) und das Verhalten mitsamt der Erscheinung (Kleidung, Frisur etc.) des Darstellers faßt Goffman unter den Terminus 'Fassade', wenn es sich bei den verwendeten Ausdrucksmitteln um standardisierte Ausdrucksmittel handelt (Goffman 1969, 23). Standardisiert sind Ausdrucksmittel, wenn sie
"in einer allgemeinen und vorherbestimmten Art dazu dienen, die Situation für das Publikum der Vorstellung zu bestimmen." Goffman 1969, 23)
D.h. daß die betreffenden Ausdrucksmittel in einem Kulturbereich insofern typisch bzw. standardisiert sind, als sie zum einen in verschiedenen Situationen dazu dienen können, die Situation in bestimmter Art und Weise zu definieren und zum anderen sind diese Ausdrucksmittel sozial vermittelt und sozial verteilt. Eine Situation wird also typischerweise mit diesen oder jenen Mitteln in bestimmter Art und Weise definiert und die Definition wird durch diese Typizität der verwendeten Ausdrucksmittel auch typischerweise verstanden.
So sind zum Beispiel Arztpraxen (aber auch Apotheken, Großküchen etc.) in der Regel recht karg eingerichtet, mit modernen medizintechnischen Apparaturen ausgestattet und in hellen Farben gestrichen, um beispielsweise den Eindruck von Sauberkeit, Sachlichkeit, Kompetenz, Vertrauenswürdigkeit usw. bei dem spezifischen Publikum (Patienten, Käufer, Beamte des Ordnungsamtes etc.) hervorzurufen.
Den Begriff der Fassade unterteilt Goffman nun zum einen in das 'Bühnenbild' und zum anderen in die 'persönliche Fassade'. Das Bühnenbild umfaßt die szenischen Komponenten einer Situation, d.h., unter diesen Begriff fällt die räumliche Gestaltung, die Requisiten und Kulissen des Handelns, wie am Beispiel der Arztpraxis dargestellt.
Als Beispiele für weitere Bühnenbilder können die Gestaltung der eigenen Wohnung (z.B.: Eichenschrank, braunes Ledersofa, Hirschgeweih, ausgestopfter Marder etc.), die Einrichtung eines Büros und im Falle von Bühnenbildern, die jemand für kurze Zeit wählt, z.B. Hotelzimmer (z.B.: Präsidenten-Suite) dienen.
Die persönliche Fassade umfaßt im Gegensatz zum Bühnenbild die Ausdrucksmittel, die identifizierend mit dem Darsteller verbunden werden und die er mit sich führt (vgl. Goffman 1969, 25). Hierzu gehören zum ersten seine physische Erscheinung, also seine Größe und Figur sowie seine Physiognomie, und die Kennzeichen, die mit der sozialen Position der betreffenden Person verbunden sind, wie beispielsweise 'Rangmerkmale' (z.B.: Uniformen, Orden, Abzeichen), Kleidung etc. Zum zweiten fallen hierunter die Haltung, die Sprechweise, Gestik und Mimik etc. der betreffenden Person. Diejenigen Ausdrucksmittel der persönlichen Fassade, die etwas über die soziale Position des Darstellers mitteilen, faßt Goffman unter dem Terminus 'Erscheinung' und diejenigen Ausdrucksmittel, mit denen der Einzelne seine kommunikative Rolle (z.B.: dominanter Interaktionsteilnehmer oder devoter Interaktionsteilnehmer), die er im Rahmen einer Interaktion spielen will, anzeigt, nennt Goffman 'Verhalten' (vgl. Goffman 1969, 25).
Mit dem Bühnenbild, der Erscheinung und dem Verhalten sind nun die grundlegenden Ausdrucksmittel benannt, die eine Situation im Rahmen einer Darstellung definieren. Goffman geht davon aus, daß die drei Komponenten insofern untereinander in einer Abhängigkeitsbeziehung stehen, als man annehmen kann, daß die Darsteller ihr Verhalten an das Bühnenbild und die Erscheinung, die den sozialen Status und somit auch eine bestimmte Rolle markiert, anpassen. Dies läßt sich mit einem Beispiel von Goffman (1969, 26) verdeutlichen:
"Außer unserer vermuteten Übereinstimmung zwischen Erscheinung und Verhalten erwarten wir natürlich auch noch eine gewisse Kohärenz zwischen Bühnenbild, Erscheinung und Verhalten. Eine solche Kohärenz bildet den Idealtypus, der uns dazu anregt, daß wir unser Augenmerk und Interesse auf die Ausnahmen davon richten. Hier steht dem Forscher der Journalist zur Seite, denn die Abweichungen von der erwarteten Kohärenz zwischen Bühnenbild, Erscheinung und Verhalten bedingen Glanz und Pikanterie zahlreicher Karrieren und die Publikumswirksamkeit vieler Zeitschriftenartikel. So vermerkt etwa ein Porträt des erfolgreichen Grundstücksmaklers Roger Stevens in der Zeitschrift 'The New Yorker' die verblüffende Tatsache, daß Stevens ein kleines Haus, ein bescheiden eingerichtetes Büro und kein Briefpapier mit Monogramm besitzt."
Während Goffman mit der Fassade im allgemeinen und dem Bühnenbild im speziellen das Zeichenrepertoire bespricht, das der Gestaltung der Bühne, als Räumlichkeit oder Ort der Darstellung, dient, beschäftigt er sich unter den Termini Vorder- und Hinterbühne nicht mit der semiotischen, sondern primär mit der räumlichen Dimension von Darstellungen und deren Funktion. Goffman zielt hier auf Interaktionen ab, die sich in einem räumlich abgrenzbaren Bereich – wie einer Wohnung, einem Büro, Garten, Speisesaal, Separée etc. – abspielen.
Das Bühnenbild als Teil der Fassade gehört in räumlicher Hinsicht der Vorderbühne an. Die Vorderbühne ist die Region bzw. der Ort, auf dem die Darstellung stattfindet. Hier sind alle Ausdrucksmittel des Bühnenbildes zum Zweck einer erfolgreich ablaufenden Darstellung angeordnet, und die Darsteller verhalten sich so, daß sie den Eindruck, den sie hervorrufen wollen, mit großer Wahrscheinlichkeit auch hervorrufen. Dabei folgen sie auf der Vorderbühne spezifischen Regeln, die Goffman (vgl. 1969, 100 ff.) zum einen als Höflichkeitsregeln und zum anderen als Anstandsregeln bestimmt.
Höflichkeitsregeln beziehen sich auf das Verhalten des Darstellers, das er gegenüber seinem Publikum übt, während er mit ihm vermittels Sprache oder sprachähnlicher Gesten kommuniziert (vgl. Goffman 1969, 100). Anstandsregeln bezeichnen die Verhaltensweisen, die ein Darsteller vollzieht, wenn er sich nicht in 'direkter' Kommunikation mit dem Publikum befindet, aber dennoch von letzterem beobachtet werden kann. So spricht ein Darsteller in der Regel nicht schlecht über eine Person, die sich in Hörweite befindet und er zieht auch keine Grimassen oder verhält sich in irgendeiner visuell beobachtbaren Art und Weise herablassend gegenüber einer Person, die ihn sehen kann. Die Vorderbühne ist somit die eigentliche Bühne, zu der das Publikum uneingeschränkten Zugang hat.
Im Unterschied dazu ist die Hinterbühne für Goffman (1969, 104) "als der zu einer Vorstellung gehörige Ort, an dem der durch die Darstellung hervorgerufene Eindruck bewußt und selbstverständlich widerlegt wird", zu bestimmen. Die Hinterbühne dient Goffman zufolge vor allem dazu, die Vorstellung vorzubereiten.
Die Darsteller können sich an diesem Ort von oder vor ihrer Vorstellung entspannen, sie können sich hier auf die Vorstellung vorbereiten, indem sie sich beispielsweise zurecht machen oder eine Taktik überlegen. Sie können an diesem Ort die Requisiten aufbewahren, herstellen oder pflegen, die sie für ihre Darstellung benötigen, sie können Einzelheiten ihrer Darstellung absprechen, wenn mehrere Darsteller als Ensemble an einer Aufführung beteiligt sind etc. Entscheidend ist an dieser Stelle, daß die Darsteller auf der Hinterbühne aus ihrer Rolle fallen (Goffman 1969, 105).
Solange sie sich auf der Hinterbühne aufhalten und für das Publikum nicht sichtbar sind, verhalten sie sich nicht der Rolle gemäß, die sie vor ihrem Publikum spielen. Wenn beispielsweise der Gastgeber einer Party sich kurzfristig in sein Schlafzimmer zurückzieht, das er dem Publikum nicht zugänglich macht, wird er sich anders verhalten, als in der Gegenwart seiner Gäste. Er wird wahrscheinlich seine Haltung und Mimik verändern und möglicherweise vor einem Spiegel grimassieren, um sein Mienenspiel für sein Publikum zu prüfen oder auch um sich vor sich selbst über einige Gäste lustig zu machen. Ebenso wie in einer Privatwohnung das Schlafzimmer häufig die Hinterbühne bildet, so kann in einem Restaurant die Küche diese Funktion übernehmen. In der Küche werden die Speisen für die Gäste vorbereitet und die Kellner, die häufig zwischen beiden Bühnen wechseln, werden sich hier anders verhalten, als vor ihren Gästen.
Goffman (1969, 112) macht darauf aufmerksam, daß der Wechsel eines Darstellers von der Vorder- zur Hinterbühne und vice versa der interessanteste Zeitpunkt ist, um die Eindrucksmanipulation zu beobachten.
"Es ist ein belehrender Anblick, einen Kellner in den Speisesaal eines Hotels gehen zu sehen. Wenn er durch die Tür geht, macht er eine plötzliche Wandlung durch. Die Haltung seiner Schultern ändert sich; aller Schmutz und aller Ärger sind in diesem Augenblick von ihm abgefallen. Er gleitet mit feierlicher, priesterlicher Miene über den Teppich. Ich erinnere mich daran, wie unser Hilfs-Maitre d'hôtel, ein feuriger Italiener, an der Speisesaaltür stehenblieb, um sich an den Piccolo zu wenden, der eine Weinflasche zerbrochen hatte. Die Faust über dem Kopf schüttelnd, brüllte er [...]: 'Tu me fais - Du willst ein Kellner sein, du kleiner Bastard? Du, ein Kellner! Du bist nicht mal imstande, den Fußboden in dem Bordell zu scheuern, aus dem deine Mutter kommt. Maquereau!' Sprachlos wandte er sich der Türe zu; und als er sie öffnete entfuhr ihm schließlich die gleiche Beleidigung wie dem Gutsherrn Western in 'Tom Jones'. Dann betrat er den Speisesaal und segelte, die Schüssel in der Hand, graziös wie ein Schwan durch den Raum. Zehn Sekunden später beugte er sich ehrfürchtig zu einem Gast hinunter. Und man mußte, wenn man ihn sich verbeugen und mit jenem wohlwollenden Lächeln des gelernten Kellners lächeln sah, einfach glauben, der Gast müsse beschämt sein, sich von einem solchen Aristokraten bedienen zu lassen".
Aufgrund der Diskrepanz zwischen der Vorder- und Hinterbühne im Hinblick auf das Verhalten der Darsteller und der räumlichen Gestaltung, ist es für die Darsteller wichtig, den Zugang zur Hinterbühne zu kontrollieren, damit die Darstellung erfolgreich vollzogen werden kann. In ähnlichem Maße ist es für die Darsteller aber auch relevant, die Vorderbühne zu kontrollieren. In diesem Fall geht es nicht darum, Informationen oder Verhaltensweisen vor dem Publikum geheim zu halten, die für die Vorführung zwar relevant sind, aber nicht unmittelbar zu ihr gehören, sondern darum, die Darstellung vor dem richtigen Publikum zu spielen, d.h. die Kontrolle der Vorderbühne besteht in der Zuschauersegregation.
So kann ein Darsteller vor einem bestimmten Publikum die Rolle des liebevollen Familienvaters und vor einem anderen Publikum die autoritäre Rolle des Offiziers spielen. Der Autorität und dem Respekt, den er in seiner Rolle als Offizier hat, könnte es schaden, wenn die ihm untergeordneten Soldaten ihn in der Rolle des Vaters sehen. Er kann somit darauf bedacht sein, keinem seiner Untergebenen zu begegnen, wenn er beispielsweise einen Familienausflug macht, bei dem er als Pferd seinen Kindern dient.
Die Vorderbühne ist nun von der Hinterbühne nicht unbedingt durch materielle Wahrnehmungsbeschränkungen wie Wände oder Fenster abgegrenzt. Nach Goffman kann prinzipiell jeder Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt zur Hinterbühne werden, der zu einem anderen Zeitpunkt als Vorderbühne fungiert, sobald sich die Darsteller in Abwesenheit ihres rollenspezifischen Publikums befinden und ihrem Verhalten nach aus ihrer Rolle fallen (Goffman 1969, 116).
Vorder- und Hinterbühne bestimmen sich somit vornehmlich durch das Verhalten der Darsteller, das je nach Anwesenheit oder Abwesenheit des Publikums variiert, wobei räumlich abgegrenzte Hinterbühnen den Vorteil haben, daß sich die Darsteller während einer Vorstellung auf jene zurückziehen können, um der Darstellung kurzfristig zu entfliehen und sich für den weiteren Verlauf der Darstellung vorzubereiten.
Abschließend läßt sich nun zusammenfassen, daß Goffman das Theatermodell als Analogie zur sozialen Welt anführt, um die Problematik der Darstellung von Rollen und der damit verbundenen Definition von Situationen im Rahmen von face-to-face-Interaktionen zu explizieren.
Interaktionen lassen sich demnach als Situationen beschreiben, an denen Darsteller, die eine Rolle spielen, und ein Publikum beteiligt sind, die sich wechselseitig beeinflussen, indem sie durch einen spezifischen Ausdruck bei ihrem Gegenüber einen spezifischen Eindruck hervorzurufen suchen. Um sich selbst in ihrer Rolle erfolgreich darzustellen und damit die Situation in spezifischer Art und Weise zu definieren, verwenden die jeweiligen Darsteller dabei unterschiedliche Typen von Ausdrucksmitteln.
Dabei sind sie zum Zweck einer unproblematischen Darstellung darauf angewiesen, die Situation insofern zu kontrollieren, als sie versuchen, alle Ausdrucksweisen, die die eigene Darstellung gefährden, zu vermeiden. Kontrolliert werden dabei zum einen die Verhaltensweisen des Darstellers und zum anderen die Bühne, die räumlich in eine Vorder- und Hinterbühne unterteilt ist, auf der die Darstellung stattfindet.
Goffmans zentrales Anliegen, um das seine zahlreichen Veröffentlichungen immer wieder kreisen, ist die Untersuchung von face-to-face-Interaktionen, die er als eigenständigen Forschungsgegenstand innerhalb der Soziologie geltend macht. Dieses Vorhaben ist bereits in seiner Dissertation "Communication conduct in an island community" (1953) in Grundzügen angelegt. Schon in dieser Arbeit geht es ihm um mehr als die Darstellung und Beschreibung unterschiedlicher Interaktionsformen und -typen. Sein Ziel ist die Analyse der Regelstrukturen, die in allen menschlichen Interaktionsprozessen eine Rolle spielen, der 'interaction order' (vgl. Goffman 1953, 343 ff.).
"Wenn Personen in geregelte Beziehungen zueinander treten, so bedienen sie sich sozialer Gepflogenheiten oder Praktiken, d.h. strukturierter Anpassungen an die Regeln. Diese Anpassungsstrukturen umfassen Übereinstimmungen, heimliche Abweichungen, entschuldbare Übertretungen, schamlose Regelverletzungen und dergleichen. Diese unterschiedlich motivierten und unterschiedlich funktionierenden Verhaltensmuster, diese mit Grundregeln verknüpften Routinehandlungen konstituieren in ihrer Gesamtheit das, was man als eine 'soziale Ordnung' bezeichnen kann". (Goffman 1974, 11)
Jene Regeln werden nicht erst in der Interaktionssituation von den Beteiligten erzeugt, sondern sind diesen vorgegeben. Das bedeutet allerdings nicht, daß sie das Verhalten automatisch bestimmen oder strikt festlegen: Regeln haben
"keine determinierende Wirkung auf Handlungsabläufe. Es sind immer Individuen – nicht Regeln – die handeln, und sie können absichtlich oder oftmals auch unabsichtlich gegen die vorhandenen Regeln verstoßen". (Lenz 1991, 39)
Die soziale Ordnung wird also nach Goffman nicht durch eine sture Regelbefolgung der Gesellschaftsmitglieder gewährleistet, sondern kommt durch ständige Aushandlungs- und Balanceprozesse zwischen Regeln und ihren Aktualisierungen im tatsächlichen Verhalten zustande. Gleichwohl reproduzieren und bestätigen die an einer Interaktion Beteiligten diese Regeln ständig, indem sie sich auf sie beziehen und sich gegenseitig ihre Gültigkeit versichern.
Die Regeln, die ein Individuum befolgt, unterscheiden sich in erster Linie nach dem jeweiligen Bezugs- bzw. Handlungssystem, in dem es agiert. Nach Goffman muß bei der Analyse von Interaktionen auch das Individuum selbst als etwas jeweils anderes untersucht werden, je nachdem in welches Handlungssystem es eingebunden ist. Hier unterscheidet er zwei Typen: Regeln im Zusammenhang mit dem Straßenverkehr, öffentlichen Plätzen usw. betreffen das Individuum als Fortbewegungseinheit, Regeln, die für Begegnungen gelten, betreffen es als Partizipationseinheit (vgl. Goffman 1974, 23 ff.). Zu letzteren zählen zum Beispiel die Regeln für Begrüßungen und Verabschiedungen, die Regelungen des Sprecherwechsels, des Blickkontakts, der angemessenen bzw. unangemessenen Redebeiträge usw.
Die Hauptfunktion der Regeln, die das Individuum als Fortbewegungseinheit betreffen, ist die Vermeidung von Zusammenstößen jeglicher Art. Goffman definiert eine Fortbewegungseinheit als
"ein Gehäuse, das (gewöhnlich von innen) von einem menschlichen Piloten oder Navigator gelenkt wird". (Goffman 1974, 27)
Das betrifft nicht nur Fahrzeuge aller Art (Autos, Fahrräder, Züge etc.), sondern es
"läßt sich auch das Individuum selber, das Fahrbahnen überquert und die Straßen entlanggeht – das Individuum als Fußgänger –, als ein Pilot ansehen, der in eine weiche und empfindliche Schale eingeschlossen ist, nämlich in seine Kleider und seine Haut". (Goffman 1974, 27 f.)
Die Straßenverkehrsregeln stellen für Goffman einen "Idealfall" für die Eigenschaften von Grundregeln dar, wobei es entscheidende Unterschiede zwischen der Regelung des Fahrbahnverkehrs und der des Verkehrs auf Gehwegen gibt. Während es bei ersterem meist lediglich darauf ankommt, möglichst schnell von einem Punkt zum anderen zu kommen und sein Funktionieren relativ formell geregelt ist, verfolgen Fußgänger häufig andere Ziele (z.B. Einkaufen, Spazieren, Plaudern), die an andere soziale Regeln geknüpft sind, und es überwiegen informelle Übereinkünfte.
Um einen reibungslosen Ablauf des Fußgängerverkehrs zu ermöglichen, geht man auf Gehwegen in der Regel in zwei Richtungen, wobei die (gedachte) Trennlinie ungefähr in der Mitte liegt, es sei denn der Verkehr in eine Richtung wäre besonders stark. Aufeinander zukommende Fußgänger tendieren dazu, rechts zu gehen, um einander auszuweichen. Die wechselseitige Koordination der Gehrichtungen funktioniert darüber hinaus mittels Externalisation und Abtastung. Externalisation oder leibgebundene Kundgabe eines Individuums meint die gestische Vermittlung von Informationen über seine Situation und seine Intentionen. So lassen etwa Art und Geschwindigkeit seiner Bewegung auf die weitere Gehrichtung schließen, sein Verhalten wird vorhersehbar und bietet anderen die Möglichkeit, sich darauf einzustellen.
Mit Abtastung ist gemeint, daß die Umgebung "im Auge behalten" wird. Bewegungsrichtung und -geschwindigkeit der anderen Fußgänger im Abtastbereich werden kontrolliert und eingeschätzt.
Abtastung findet natürlich nicht nur auf Gehwegen, sondern in allen öffentlichen Situationen statt. Dabei erfolgt die "Leibeskontrolle" meist bereits aus größerer Distanz mittels eines flüchtigen Blicks, so daß den Personen in unmittelbarer Nähe keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt werden muß. Im Hinblick auf das kommunikative Verhalten der Beteiligten handelt es sich hier um eine nicht-zentrierte Interaktion (vgl. Goffman 1971, 35). Ein zu langes Anschauen von Personen, die sich in nächster Nähe befinden, wäre zwar keine Verletzung der Verkehrsregeln, aber eine der Regeln des Anstands, die mit den Territorien des Selbst (vgl. Goffman 1974, 54 ff.) zusammenhängen.
Als Territorien des Selbst bezeichnet Goffman Bereiche oder Reservate, auf die ein Individuum einen Anspruch erhebt.
"Territorien weisen verschiedene Arten der Organisation auf. Einige sind 'ortsgebunden'; sie sind geographisch festgelegt und einem Berechtigten zugeteilt, dessen Anspruch oft durch Gesetz und Gerichte gestützt wird. Beispiele hierfür sind Felder, Höfe und Häuser. Andere sind 'situationell' [...]." (Goffman 1974, 55)
Auf sie hat das Individuum ein Anrecht nur in bestimmten Situationen und für eine gewisse Zeit. Dazu zählen z.B. Mietverhältnisse, ein Tisch im Restaurant oder eine Parkbank.
"Schließlich gibt es 'egozentrische' Reservate, die sich mit dem Ansprucherhebenden fortbewegen, wobei dieser das Zentrum bildet. Sie werden in der Regel (aber nicht notwendig) langfristig beansprucht. Ein Beispiel sind Portemonnaies". (Goffman 1974, 55)
Zu den verschiedenen Reservaten gehört der persönliche Raum, der ein Individuum immer umgibt, wobei seine jeweilige Ausdehnung situationsabhängig ist, und dessen Verletzung als Eindringen gewertet wird. Ein Reservat mit klaren Abgrenzungen, auf das ein Individuum einen Anspruch erhebt, bezeichnet Goffman als Box. Dazu gehören z.B. Möbel, Sitzplätze und alle Orte, die für eine Person 'reserviert' sind. Den Bereich um ein Individuum, den es zur Ausübung einer aktuellen Tätigkeit benötigt, nennt Goffman den Benutzungsraum. Ferner gibt es die Reihenposition; das ist die
"Ordnung, nach der ein Ansprucherhebender in einer bestimmten Situation ein bestimmtes Gut im Verhältnis zu anderen Ansprucherhebenden bekommt". (Goffman 1974, 63)
Danach wird z.B. die Reihenfolge in einer Schlange geregelt. Weitere Territorien sind die Hülle, d.h. Haut und Kleidung einer Person; Besitzterritorien, das sind Gegenstände, die als der betreffenden Person zugehörig angesehen werden, also seine "persönliche Habe"; das Informationsreservat, also der Bereich persönlicher Informationen, den man als "Privatsphäre" bezeichnet; schließlich das Gesprächsreservat, das ein beliebiges Ansprechen oder Einmischen in Gespräche in einem gewissen Maß verhindert. Bei den Regeln, die die Territorien des Selbst betreffen, handelt es sich im allgemeinen nicht um klar festgeschriebene Gesetze, die offen zutage liegen und den Handelnden in jeder Situation bewußt sind.Es sind vielmehr internalisierte und meist unbewußt wirkende, normative Grundlagen der sozialen Ordnung, gegen die – absichtlich oder unabsichtlich – auch verstoßen werden kann, was auch häufig geschieht. In solchen Fällen kommt es zu sozialen Aushandlungsprozessen, auf die weiter unten noch genauer eingegangen wird.
Zur Kennzeichnung des Anspruchs auf ein Reservat werden Markierungen benutzt, (z.B. ein Namensschild an einem Koffer, der Trennstab auf dem Einkaufsband im Supermarkt, das Handtuch am Strand usw.), die nach Goffman auch darin bestehen können, daß jemand seinen Anspruch gestisch oder verbal äußert.
Die Territorien des Selbst sind nicht auf extrakorporale Gegenstände und Räumlichkeiten beschränkt, sie betreffen auch den Körper des Individuums selbst. Dementsprechend gibt es viele unterschiedliche Arten der Territoriumsverletzung – von schweren Gewaltverbrechen bis zu oft nur Sekundenbruchteile dauernden Verletzungen der "Blickdisziplin". Gerade letztere sind für Goffmans Untersuchungen von face-to-face-Interaktionen von besonderem Interesse. Dazu ein Beispiel:
"die öffentlichen Pissoirs in Amerika bringen Männer in engen Kontakt zueinander, und zwar unter Bedingungen, die sie vorübergehend dazu zwingen, sich partiell zu entblößen. An solchen Orten ist man mit seinen Blicken sehr vorsichtig, damit die Privatsphäre nicht mehr als notwendig verletzt wird. Wenn zwei Männer nebeneinanderstehen und urinieren, bleibt für ihre Blicke nur ein kleines Flächenterritorium, das unverdächtig ist". (Goffman 1974, 93)
Goffman geht davon aus, daß die Interaktionsteilnehmer im Normalfall daran interessiert sind, direkte Regelverletzungen von sich aus zu vermeiden. Da sie sich jedoch ständig auf verschiedenartige Situationen einstellen müssen, die dauernde Verhaltensanpassungen notwendig machen, droht stets die Gefahr von unabsichtlichen Regelverstößen. Was in der einen Situation als adäquates Verhalten angesehen wird, kann in einer anderen eine Regelverletzung darstellen. Es kommt daher entscheidend darauf an, daß die Interaktionsteilnehmer den gleichen Rahmen für die Situation verwenden, daß sie also einerseits richtig einschätzen, was vor sich geht, und außerdem "eine hinlänglich richtige Vorstellung von den Vorstellungen der anderen, einschließlich deren Vorstellung von seiner eigenen Vorstellung" (Goffman 1977, 369) haben.
Bei einem unabsichtlichen Regelverstoß, den der Andere nicht unbedingt sofort als unabsichtlich erkennt, ist es also wichtig, die eigene Position klar zu machen und gegebenenfalls richtig zu stellen – wofür wiederum oft kleinste gestische Hinweise ausreichen; denn es steht immer mehr auf dem Spiel als nur der aktuelle Verstoß, der dem Handelnden angelastet wird. Aufgrund der "Tendenz der Individuen, einzelne Handlungen als etwas Symptomatisches aufzufassen, erhalten sogar Handlungen ganz eigenständiger Art eine beträchtliche indikatorische Bedeutung" (Goffman 1974, 141). Von einzelnen Regelverstößen eines Individuums wird auf seine Beziehung zu dem dazugehörigen Normenkodex, zu Regeln überhaupt und schließlich auf seinen "moralischen Charakter" geschlossen.
Soziale Regeln und Normen wirken auf zweierlei Weise: als Verpflichtung (man muß bestimmte Dinge tun oder unterlassen) und als Erwartung (man ist berechtigt, ein bestimmtes Verhalten anderer in Bezug auf die eigene Person zu antizipieren). Mit Ausnahme von Gesetzen müssen sie nicht explizit formuliert sein. Ihre Einhaltung wird mit Hilfe sozialer Sanktionen – positiver (Belohnungen) wie negativer (Bestrafungen) – kontrolliert und untermauert.
"Soziale Sanktionen sind Metanormen – geltende Techniken für die Absicherung von Konformität". (Goffman 1974, 138)
Sie kommen nicht automatisch zur Anwendung, sobald eine Regel verletzt wird, sondern nur dann, wenn dem Verursacher auch die Verantwortung für seine Tat zugesprochen werden kann. Das Maß der Verantwortlichkeit eines Handelnden ist entscheidend für das gesamte Verständnis und die Beurteilung der Situation. Auch in einem Gerichtsprozeß, in dem es ebenfalls um die Durchsetzung sozialer Normen mit Hilfe von Sanktionen geht, wird nicht nur das Ergebnis einer Handlung, sondern auch und vor allem die Einstellung des Täters zu seiner Tat, seine Ziele und Motive, mit anderen Worten der Grad seiner Verantwortlichkeit, zur Beurteilung herangezogen. Bei Verstößen im Rahmen von face-to-face-Interaktionen laufen laut Goffman (1974, 154) "Miniaturversionen eines kompletten Justizverfahrens" ab.
"[Der] vollständige Zyklus von Verbrechen, Verhaftung, Prozeß, Bestrafung und Rückkehr in die Gesellschaft kann in Gestalt von zwei Gesten und einem Blick stattfinden". (Goffman 1974, 154)
Da die Intentionen eines Individuums immer nur diesem selbst zugänglich sind, ist es im Falle eines Vorwurfs mit eventuell drohenden Sanktionen darauf angewiesen, seine Auffassung der Situation, seine "Sicht der Dinge" kundzutun, um eine nachteilige Beurteilung seitens der anderen abzuwenden. Die grundsätzliche Undurchsichtigkeit der Intentionen der jeweils anderen eröffnet natürlich auch alle Möglichkeiten der Täuschung. Gerade im Falle von Täuschungen ist der Akteur bemüht, sich an soziale Regeln zu halten, um in seinem Verhalten möglichst "normal" zu wirken und keine unnötigen Verdachtsmomente zu liefern (vgl. Goffman 1977, 98 ff.).
Ein Individuum kann, wenn eine seiner Handlungen den Anschein einer Territoriumsverletzung erwecken könnte, mittels korrektiver Handlungen eine korrektive Deutung der Situation ermöglichen. Dafür stehen ihm drei Hauptformen zur Verfügung: Erklärungen, Entschuldigungen und Ersuchen (vgl. Goffman 1974, 157 ff.).
In jedem Fall gehen die Interaktionspartner bei einer potentiellen Regelübertretung zunächst von einem "virtuellen Vergehen" (Goffman 1974, 156) aus, d.h. der schlimmstmöglichen Deutung eines Verhaltens, auf das es zu reagieren und das es zu entkräften gilt, wofür eine Reihe ritualisierter Verhaltensweisen zur Verfügung stehen. Wenn man z.B. jemandem versehentlich auf den Fuß tritt, folgt unwillkürlich eine Entschuldigung, auch dann, wenn die Unabsichtlichkeit eigentlich offensichtlich ist, z.B. in einem Gedränge.
Es wird also nicht auf eine "realistische" Einschätzung der Situation reagiert (man könnte sich ja denken, daß der andere schon wissen wird, daß man nicht mit Absicht gehandelt hat), sondern auf die schlimmste anzunehmende Situationsinterpretation, das "virtuelle Vergehen", also in diesem Fall ein absichtliches, offensives Verletzenwollen des anderen. Diese Deutung gilt es zweifelsfrei von sich zu weisen, weswegen man in einer solchen Situation zum Entschuldigungsritual greift – auch wenn einem diese Erwägungen in der aktuellen Situation nicht bewußt sind. Im öffentlichen Raum sind dementsprechend alle Beteiligten an einem Arbeitskonsens gegenseitiger Anerkennung interessiert respektive damit zufrieden (vgl. Goffman 1971, 17).
Lenz (1991, 40 f.) faßt das Problem der grundsätzlichen Deutungsoffenheit von Situationen folgendermaßen zusammen:
"Die Situationsdefinitionen, auf deren Grundlage wir handeln, sind nicht getragen von einer 'echten Übereinstimmung' über die Realität, sondern haben immer nur einen vorläufigen Charakter [...]. Wir können immer nur eine relative Gewißheit darüber erlangen, was in einer Situation vor sich geht, es ist nicht auszuschließen, daß die anderen versuchen, etwas vorzutäuschen, oder daß ihnen ihr eigenes Tun unklar ist oder auch daß in der Situation die Handlungspläne geändert werden. Auch müssen wir immer daran arbeiten, sie von unseren 'guten Absichten' zu überzeugen und die 'schlechten' möglichst überzeugend zu verbergen. Wir müssen auch immer Überzeugungsarbeit leisten, daß wir wissen, was wir tun und auch berechenbar sind. Daß wir uns immer mit einem Arbeitskonsens zufrieden geben müssen, verweist auf die Grenzen des Fremdverstehens."
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß soziale Regeln und Normen, ähnlich wie Rahmen, als Ordnungsmuster fungieren, die ein Zurechtfinden in der (sozialen) Welt ermöglichen. Sie sorgen dafür, daß das Handeln anderer in bestimmtem Maße erwartbar und der Umgang mit ihnen somit gefahrloser ist. Soziale Ordnung ergibt sich nicht aus der strikten Befolgung von Regeln, sie erwächst vielmehr als ein Bündel von Anpassungsstrukturen an diese, das sowohl aus Regelbefolgungen als auch aus Regelverletzungen, vor allem aber dem sich daran anschließenden interaktiven Austausch besteht. Für Individuen als Fortbewegungseinheiten, die ihr Verhalten vor allem durch Externalisation und Abtastung koordinieren, gelten andere Regeln als für die an vielerlei sozialen Ereignissen teilnehmenden Partizipationseinheiten.
Soziale Regeln wirken als Verpflichtungen und Erwartungen, ihre Kontrolle wird durch die Anwendung sozialer Sanktionen ermöglicht. Regelverletzungen, die in sozialen Situationen eine Rolle spielen, betreffen immer Verletzungen der Territorien des Selbst, wobei ein Individuum im Falle eines (scheinbaren oder tatsächlichen) Regelverstoßes Erklärungen, Entschuldigungen und Ersuchen als korrektive Handlungen zur Anwendung bringen kann, um den Vorwurf des virtuellen Vergehens zu entkräften und eine für sich günstige Deutung der Situation herbeizuführen.
"Ein Individuum kann seine Freiheit und seine Distanz zum Ausdruck zu bringen versuchen, indem es eine ablehnende Haltung gegenüber diesen das Verhalten betreffenden Erwartungen demonstriert [...]; aber wie kritisch es ihnen auch immer gegenüberstehen mag, es wird nichtsdestoweniger Sorge tragen, in jeder Situation, in der die Umstände plötzlich Zweifel an seinem Tun aufkommen lassen, zu einer angemessenen Antwort bereit zu sein. Es braucht keine Verhaltensregel zu respektieren. Es braucht nicht einmal virtuelle Erklärungen, Rechtfertigungen und Entschuldigungen für sein abweichendes Verhalten zu vollziehen. Aber es muß sich auf jeden Fall zumindest bemühen, ein verteidigungsfähiges Verhältnis zu den daraus resultierenden negativen Urteilen über es zu demonstrieren". (Goffman 1974, 253)
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