Feldforschung

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Feldforschung geschieht stets praktisch in einer sozialen Umwelt. Deshalb muss der Forscher seinen konkreten Standpunkt als Teilnehmer am sozialen Geschehen ständig mit reflektieren und (sich) Rechenschaft darüber ablegen, wie und wo er selber als 'Beobachter' im Geflecht sozialer Beziehungen zu verorten ist. Da aber das Verhältnis zwischen dem Sozialwissenschaftler und seinem Gegen-Stand eben einen "Sonderfall der Beziehung zwischen Erkennen und Handeln, zwischen symbolischer Beherrschung und praktischer Handhabung, zwischen der logischen, d.h. mit allen akkumulierten Objektivierungsinstrumenten ausgerüsteten Logik und der universell vorlogischen Logik der Praxis" darstellt (Bourdieu 1982, S. 40f), empfiehlt es sich auf längere Sicht, eine "Theorie der Bedeutung des Eingeborenseins" zu entwickeln.

Kurzfristig ergeben sich daraus, dass Erklärungswissen eine andere Qualität hat als Handlungswissen, für ethnographisches Arbeiten zweierlei Konsequenzen: Zum einen muss man in der Forschungspraxis klar unterscheiden zwischen dem Prozess der Daten-Erhebung im Feld alltäglichen Handelns und dem Prozess der Daten-Interpretation in der (einsamen) theoretischen Einstellung. Und zum anderen muss man bei den alltagspraktisch konstituierten Daten klar unterscheiden zwischen (durch aktive Teilnahme und Beobachtung gewonnenen) Handlungs-Daten und (durch Gespräche bzw. Interviews) gewonnene Performanz- bzw. Selbst-Darstellungs-Daten, die idealerweise handlungsleitendes Wissen repräsentieren.

Ich stimme Pierre Bourdieu dahingehend also völlig zu, dass ein Sozialforscher um so bessere Aussichten hat, die Perspektive seines Gegen-Standes zu verstehen, je mehr er selbst nicht nur die symbolische Logik der wissenschaftlichen Theorie, sondern auch die praktische Logik der alltäglichen Praxis (seines jeweiligen Untersuchungsfeldes) praktisch beherrscht. Wer sich einen praktischen Habitus angeeignet hat und sich dann doch auch wieder - mittels der 'Objektivierungsinstrumente der Wissenschaft', mittels kontrollierter theoretischer Reflektion - von ihm distanzieren kann, verfügt m.E. in der Tat über eine besondere, nur schwerlich anderweitig zu kompensierende Qualität von Daten. Und darin eben liegt der für die Lebensweltanalyse konstitutive phänomenologische Beitrag zur Erschließung und Rekonstruktion des Forschungs-Gegen-Standes.

Das Spezifische am Zugang des Phänomenologen zum Forschungs-Gegen-Stand ist, dass er ansetzt - und zwar erkenntnistheoretisch begründet exklusiv ansetzt - bei seinen eigenen, subjektiven Erfahrungen. Was immer dann an phänomenologischen 'Operationen' auf welches Erkenntnisinteresse hin auch vollzogen wird, die alleinige, weil allein evidente Datenbasis sind (und bleiben) die eigenen, subjektiven Erfahrungen. Andere wissenschaftliche Unternehmen, unter anderem auch die (konventionelle) Soziologie und Ethnologie, sind hingegen kosmologisch orientiert (vgl. Luckmann 1980, S. 9-55), was in diesem Falle heißen soll, dass sie sich auf Daten vom 'Hören-Sagen' stützen, dass sie das, was die Forscher lesen, beobachten und gesagt bekommen, als Basis ihrer Sekundärkonstruktionen von Wirklichkeit verwenden.

Mit diesem Hinweis plädiere ich keineswegs dafür, dass man statt praktischer Feldforschung - also den Leuten zuschauen, über die Schulter sehen, mit den Leuten reden und ihre 'Dokumentationen' studieren - nunmehr 'Introspektion' (und im Gefolge dann 'Bilderbuch-Phänomenologie') betreiben sollte. Es geht mir lediglich darum, dass die Reflexion eigenen Erlebens und eigener Erfahrungen stärker in die Praxis empirischer Sozialforschung integriert wird. Es geht mir also um ein Forschungsverfahren, das verschiedene Möglichkeiten der Datenerhebung zu integrieren und eine Reihe von je spezifisch sich eignenden Methoden zu applizieren sucht, um so das Geschehen aus der Perspektive des (typischen) Teilnehmers beschreiben und unsere analytischen Kommentare daraufhin überprüfen zu können, auf welche Relevanzsysteme sie sich jeweils beziehen. Da man aber, der phänomenologischen Auffassung zufolge, nur über Erfahrungen reflektieren kann, die man (gemacht) hat, muss man als Ethnograph demnach stets systematisch mitbedenken, welche (Art von) Erfahrungen man - bezogen auf eine bestimmte Thematik - nun jeweils tatsächlich selber (gemacht) hat.

Bei manchen Themen ist es nur in einem sehr eingeschränkten Sinne oder auch überhaupt nicht möglich, die 'Innensicht' eines Teilnehmers selber existenziell zu erlangen. Deshalb kann man mitunter die in Frage stehende Welt wirklich nur von außen, eben aus einer anderen Perspektive, und das heißt vor allem: nur vermittelt über die Darstellungen, über die (zeichenhaften und anzeichenhaften) Objektivationen und Repräsentationen der dort tatsächlich gemachten Erfahrungen, kennenlernen. Denn eine Erfahrung der infrage stehenden Thematik lässt sich, jedenfalls im strengen phänomenologischen Sinne, eben nur gewinnen, wenn man sich auf ein Thema (auch) existentiell einlässt, wenn man das Thema wenigstens für eine gewisse Zeit selber (alltags-)praktisch 'bearbeitet'. Das bedeutet forschungspraktisch, dass man am besten versucht, im Feld 'einer zu werden, wie...'.

Allerdings muss man bei den meisten Themen auch seine Forschungsinteressen pragmatisch beschneiden. Die hierbei üblichen praktischen Probleme betreffen einerseits die grundsätzliche Begrenztheit eines jeglichen Forschungsbudgets (d.h., vorab ausgeklügelte und aufeinander abgestimmte Datenerhebungsverfahren lassen sich, aufgrund von Zeit-, Geld- und Personalmangel, zum Teil nicht, zum Teil nur völlig verkürzt durchführen), und sie betreffen andererseits die 'Verschlossenheit' des Feldes (d.h., an manchen gesellschaftlich-kulturellen Veranstaltungen kann man überhaupt nicht partizipieren, an manchen kann man aufgrund persönlicher Voraussetzungen - wie Alter, Geschlecht, Ausbildung usw. - nicht partizipieren, und an manchen kann man aufgrund besonderer Umstände oder zu bestimmten Zeiten nicht partizipieren usw.).

Die hier vertretene Idee von Feldforschung bezieht sich also erstens darauf, dass möglichst viele und vielfältige aktuelle und sedimentierte Äußerungs- und Vollzugsformen einer zu rekonstruierenden (Teil-)Wirklichkeit erfasst und interpretativ verfügbar gemacht, und zweitens darin, dass die 'Innensicht' des normalen Teilnehmers an einem gesellschaftlich-kulturellen Geschehen wenigstens näherungsweise verstanden und nachvollzogen werden soll, denn "das Festhalten an der subjektiven Perspektive ist die einzige, freilich auch hinreichende Garantie dafür, dass die soziale Wirklichkeit nicht durch eine fiktive, nicht existierende Welt ersetzt wird, die irgendein wissenschaftlicher Beobachter konstruiert hat" (Schütz in Schütz/Parsons 1977, S. 65f).

Das hier vertretene Forschungskonzept impliziert also keineswegs, sich in einer 'Bukolik' milieuhafter, quasi-natürlicher Idyllen jenseits systemischer Zwänge zu erschöpfen, wie dies v.a. Justin Stagl (1986, S. 88) mit seinem Verdikt gegen die von ihm so genannte 'Subkulturanthropologie' zu unterstellt hat. Weder geht es um die Vermengung soziologischer Auf- mit folkloristischer Verklärung, noch um die Verquickung von Forschungs- mit praktischen (als 'emanzipatorisch' deklarierten) 'Aktions'-Interessen. Es geht darum, Mit-Erlebtes ebenso wie anderweitig (methodisch) Erfahrenes und zu Tage Gefördertes den von Alfred Schütz (1971, S. 49ff) formulierten Postulaten logischer Konsistenz, Adäquanz und subjektiver Interpretierbarkeit entsprechend in theoretische Konstrukte zweiten Grades zu übersetzen.

Gerade aus dieser beabsichtigten und absichtsvollen 'professionellen Schizophrenie', aus diesem pointierten 'Springen' zwischen den Sub-Sinnwelten nämlich resultiert jene analytisch so fruchtbare Position des 'marginal man', wie ihn v.a. Everett V. Stonequist (1961) eindringlich und eindrucksvoll protegiert hat: "Die Objektivität des Randseiters, die sich in multiplen Sichtweisen niederschlägt, ist weder Resultat aus Gleichgültigkeit (im Sinne einer Position über den Parteien) noch aus einer kritischen Haltung an sich geboren, die ihn das scheinbar Selbstverständliche in Zweifel ziehen lässt. Der tiefere Grund für die Objektivität des Randseiters liegt vielmehr (...) in der Erkenntnis der Grenzen des 'thinking as usual'. Er ist ein Fremdgewordener, der gerade aufgrund soziokultureller Entfremdung die Chance zur Klarsicht hat" (Lindner 1990, S. 206).

Diesem 'Randgänger' sind also Einsichten möglich, die dem 'Eingeborenen', der keine Alternativen kennt oder wahrnimmt oder zur Kenntnis zu nehmen bereit ist, verschlossen sind. Wichtig scheint mir dabei allerdings, zu betonen, dass der Randseiter die Chance zur Klarsicht hat, und nicht etwa dazu gezwungen ist, "über kulturelle Unterschiede und kulturellen Wandel nachzudenken" (Stagl, zit. nach Lindner 1990, S. 203). Die 'Perspektive des Fremden' ist ein diffiziler, 'heuristischer Kunstgriff' bei Forschungen in der eigenen Kultur. "Der Forscher im Feld ist folglich ein experimenteller marginal man" (Lindner 1990, S. 210).

Für die soziologische Ethnographie, für den quasi-ethnologischen Blick auf die mannigfaltigen Kulturen 'next door', der darauf abzielt, das kulturell und gesellschaftlich Selbstverständliche seiner fraglosen Gültigkeit zu entkleiden, ist diese experimentelle Grundhaltung als erkenntnisgenerierende Attitüde in der theoretischen Einstellung eben unverzichtbar, denn "I suppose there may be people who are so completely committed to being professional sociologists that they can never escape the thought that they are Sociologists. If so, they shouldn't be field researchers" (Douglas 1976, S. 120). Für den Feldforscher bedeutet das eben, dass er sich auch einlassen muss auf unerwartete Erfahrungen, dass er bereit sein muss, sich verwirren zu lassen, Schocks zu erleben, eigene Moralvorstellungen (vorübergehend) auszuklammern, Vor-Urteile zu erkennen und aufzugeben, kurz: dass er eine maximale Bereitschaft haben muss, den anderen Sinn so zu verstehen, wie er gemeint ist. Und das Problem dabei besteht darin, dass man mit dieser Attitüde auch selber, sozusagen 'privat', aus keinem Feld so herauskommt, wie man hineingegangen ist. Dem soziologischen Ethnographen kann folglich durchaus das Gleiche passieren wie das, was Claude Lévi-Strauss (1978, S. 400) für die Initiation des ethnologischen Feldforschers veranschlagt hat, nämlich dass er "jene innere Umwälzung (vollzieht), die aus ihm wahrhaftig einen neuen Menschen macht."



Literatur

Bourdieu, Pierre: Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1982

Douglas, Jack D.: Investigative Social Research. Beverly Hills, London (Sage) 1976

Lévi-Strauss, Claude: Strukturale Anthropologie I. Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1978

Lindner, Rolf: Die Entdeckung der Stadtkultur. Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1990

Luckmann, Thomas: Lebenswelt und Gesellschaft. Paderborn u.a. (Schöningh) 1980

Schütz, Alfred: Gesammelte Aufsätze, Bd. 1. Den Haag (Nijhoff) 1971

Schütz, Alfred/Parsons, Talcott: Zur Theorie sozialen Handelns. Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1977

Stagl, Justin: Kulturanthropologie und Kultursoziologie. In: Neidhardt, Friedhelm/Lepsius, M. Rainer/Weiß, Johannes (Hrsg.): Kultur und Gesellschaft (SH 27 der KZfSS). Opladen (Westdeutscher) 1986, S. 75-91

Stonequist, Everett V.: The Marginal Man. New York 1961


Prof. Dr. Anne Honer, Hochschule Fulda, University of Aplied Sciences, Kulturwissenschaftlerin

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