Funktionalistisch

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Positive Auswirkung als Ausgangspunkt für Erklärungen

„Wenn eine Handlung oder ein Handlungsmuster positive Auswirkungen hat, ist die Vorstellung verlockend, dass diese Sinn und damit auch eine Erklärung für das Verhalten vermitteln“ (Elster 1987: 202). Doch wann, so Elster, ist es legitim, wann angemessen, wenn man sagt, ein Handeln bzw. ein Verhalten sei aufgrund und mithilfe seiner späteren Wirkung zu erklären?

Erklärungen, die davon ausgehen, dass mithilfe der Wirkung von Handeln das Handeln selbst entweder verstanden oder erklärt werden kann, werden in der Regel ‚funktionalistisch’ genannt, da sie entweder für den Akteur oder das jeweilige Handlungssystem positive Auswirkungen haben, somit insgesamt das Wohlbefinden, das Überleben bzw. die Überlebenschancen erhöhen. Nun ist der Funktionalismus in den Sozialwissenschaften in Verruf geraten, insbesondere weil er - so das Argument vieler Kritiker - der Beliebigkeit der Argumentation Tür und Tor öffnet.

Intendierte und nicht-intendierte Folgen

Soziales Handeln hat oft (und das ist trivial und ist von den Klassiker wie den aktuellen Soziologen immer wieder betont worden), nicht-intendierte und oft nicht-bemerkte Folgen, die aus Sicht des Akteurs in irgendeiner Weise (entweder direkt oder indirekt) für ihn oder sein Kollektiv von Vorteil sind. Hier liegt die Frage nahe, ob eine ‚unsichtbare Hand’ den Akteur das für ihn Gute tun ließ, oder ob gar ein individuelles oder kollektives Unbewußte den Akteur zu dem sinnvollen Tun anstiftete oder ob einfach nur die Würfel rollten und zufälligerweise dieses Mal zum Vorteil des Akteurs oder seines Kollektivs fielen.

Anthony Giddens

Anthony Giddens, der sich in seinem Bemühen, mit seiner Theorie der Strukturierung die Gegenüberstellung von Handlung und Struktur zu überwinden, sowohl mit der Handlungstheorie von Schütz als auch der von Parsons auseinandergesetzt hat, kritisiert nicht nur energisch den Funktionalismus von Parsons, sondern auch den heimlichen von Schütz: Dessen Hermeneutik sei nichts anderes als verkappter Funktionalismus (Giddens 1996: 78-111 und 1984: 158-200). Im Prinzip gehe diese Kunst des Verstehens davon aus, dass der einzelne Akteur bestimmte Probleme wahrnehme und durch sein Handeln immer wieder versuche, diese auszubalancieren. Der Einzelne gerate immer wieder in problematische Situationen und sein Handeln der Personen stelle diese Ordnung, diese Balance wieder her. Das sei, so Giddens, durchaus eine Variante des Funktionalismus, allerdings eine, die sich am Einzelnen und nicht an der Gruppe ausrichtet.

Jon Elster

Jon Elster, ebenfalls ein vehementer Kritiker eines unreflektierten Funktionalismus, weist in seiner Auseinandersetzung jedoch nicht alle Erklärungen von Handlungen zurück, die sich auf Wirkungen beziehen. Im Einzelnen sieht er sechs Möglichkeiten, in denen solche Erklärungen von der Wirkung her durchaus angebracht sind und zur Erklärung von Handlungen beitragen können: Dies sind: „1) Ein Verhalten kann durch sein Auswirkungen erklärt werden, wenn diese vom Handelnden beabsichtigt sind. 2) Auch wenn die Wirkungen unbeabsichtigt sind, können sie das Verhalten erklären, wenn es jemanden anderen gibt, der (a) aus dem Verhalten Nutzen zieht, der (b) dies auch wahrnimmt und (c) zu dessen Aufrechterhaltung oder Verstärkung fähig ist, um den Nutzen zu erlangen. 3) Eine ähnliche Erklärung kann herangezogen werden, wenn der Handelnde selbst erkennt, daß das Verhalten unbeabsichtigte und nützliche Folgen hat, welche dieses dann verstärken (…). 4. Auch wenn die Wirkungen von denen, die sie hervorrufen, unbeabsichtigt sind, und von denen, die den Nutzen aus ihnen ziehen, nicht erkannt werden, können sie das Verhalten erklären, wenn wir einen Rückkopplungsmechanismus von der Wirkung zum Verhalten bestimmen können. Die natürliche Auslese ist ein solcher Mechanismus von außergewöhnlicher Bedeutung. 5) Selbst wenn keine dieser Bedingung gilt, können wir uns auf die Erklärungskraft von Wirkungen berufen, wenn wir allgemeines Wissen von der Existenz eines Rückkopplungsmechanismus besitzen, selbst wenn wir diesen nicht in jedem Einzelfall bestimmen können. 6) Oder die Erklärung verzichtet ganz auf Absicht, Erkennen oder Rückkopplung, beruht stattdessen auf einem gut konstruierten Wirkungsgesetz“ (Elster 1987: 206f). Die spannende Frage lautet nun: Welche dieser ‚Figuren’ liegt bei sinnhaftem Handeln vor?

Siehe auch: sinnhaftes Handeln

Literatur:

Elster, Jon (1987): Subversion der Rationalität. Frankfurt am Main: Campus. Giddens. Anthony (1984): Interpretative Soziologie. Frankfurt am Main: Campus.


Autor: Jo Reichertz

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