Georg Simmel

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Georg Simmel und seine kultursoziologischen Untersuchungen zur Urbanisierung

In Berlin entwickelte sich um die Jahrhundertwende eine tiefgreifende Umgestaltung der urbanen Lebenswelt. Dies belegt auch das systematisch einsetzende Interesse der Wissenschaften am Thema „Großstadt“. 1903 erschien Band 9 des Jahrbuchs der Gehestiftung unter dem Titel „Die Großstadt - Vorträge und Aufsätze zur Städteausstellung“.

In diesem Band beschäftigt sich Simmel in einem Essay „Die Großstädte und das Geistesleben“ mit drei Hauptthemen: Quantität, Arbeitsteilung und Geld bzw. Rationalität. Für ihn sind diese Themen eng mit den Formen menschlicher Gemeinschaft in der modernen Welt verbunden. Die Großstadt ist für Simmel der Ort der Moderne. Der moderne Mensch findet in ihr seine Bewährungsprobe und versucht trotz aller gesellschaftlichen Vorgaben, seine Eigenständigkeit und seinen Individualismus zu bewahren. Im 19. Jahrhundert genießen die Menschen bereits eine relative Freiheit. Durch die Arbeitsteilung geht aber auch wieder ein Stück davon verloren, da das einzelne Individuum stärker von der Gesellschaft abhängig ist. Durch die Industrialisierung kommt es zu einem raschen Bevölkerungsanstieg in den Städten. Die Menschen strömten in Scharen vom Land in die Stadt, um Arbeit zu finden und ein vermeintlich besseres Leben zu führen. Aus dieser neuen Art des Zusammenlebens innerhalb der Gesellschaft entwickelte sich jedoch auch ein neuer Menschentyp. Simmels Essay versucht die wesentlichsten Züge des Großstadtmenschen und seine Verhaltensmuster samt ihren Ursachen zu charakterisieren.

Das Landleben gestaltet sich gleichmäßig und ist eng mit den Traditionen und dem Brauchtum der Landbevölkerung verbunden. Hier kennt das Individuum seinen Platz und ist in die Gemeinschaft eingebettet. Dafür nimmt es auch einen stärkeren Zwang von Seiten der Gemeinschaft auf sich. Simmel sieht die psychologische Grundlage für die beginnende großstädtische Individualisierung in der „Steigerung des Nervenlebens, die aus dem raschen und ununterbrochen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht“ (Simmel 1984:173). Der Großstadtmensch ist ständig mit neuen Eindrücken konfrontiert - das belastet seine Nerven und versetzt ihn in einen Zustand ständiger Erregtheit. Die Menschen sprechen auch von dem „nervösen Zeitalter“. Die Nervosität wird zu einer Selbstbeschreibung der damaligen Zeit und die Steigerung des Nervenlebens wird zur Grundbedingung für die Herausbildung städtischer Individualitäten:

„Die psychologische Grundlage, auf der der Typus großstädtischer Individualitäten sich erhebt, ist die Steigerung des Nervenlebens, die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht. Der Mensch ist ein Unterschiedswesen, d.h. sein Bewusstsein wird durch den Unterschied des augenblicklichen Eindrucks gegen den vorhergehenden angeregt; beharrende Eindrücke, Geringfügigkeiten ihrer Differenzen, gewohnte Regelmäßigkeit ihres Ablaufs und ihrer Gegensätze verbrauchen sozusagen weniger Bewusstsein, als die rasche Zusammendrängung wechselnder Bilder, der schroffe Abstand innerhalb dessen, was man mit einem Blick umfasst, die Unerwartetheit sich aufdrängender Impressionen. Indem die Großstadt gerade diese psychologische Bedingung schafft – mit jedem Gang über die Straße, mit dem Tempo und den Mannigfaltigkeiten des wirtschaftlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Lebens -, stiftet sie schon in den sinnlichen Fundamenten des Seelenlebens, in dem Bewusstseinsquantum, das sie uns wegen unserer Organisation als Unterschiedswesen abfordert, einen tiefen Gegensatz gegen die Kleinstadt und das Landleben, mit dem langsameren, gewohnteren, gleichmäßiger, fließenden Rhythmus ihres sinnlich geistigen Lebensbildes“ (Simmel 1984:192f.).

In Simmels Darstellung zeigt sich hier sehr deutlich, wie er den Einfluss der städtischen Lebensweise auf die Gesellschaft sieht. Die Anonymität der Großstadt bringt eine Steigerung des Nervenlebens, und unterschiedliche Lebens- und Wahrnehmungsweisen sind die Ursachen für das spezifisch großstädtische Geistesleben. Für Simmel spielt der „intellektualistische Charakter des großstädtischen Seelenlebens“ eine große Rolle. So sieht er in der Konzentration auf Intellektuelles einen Schutzmechanismus des Großstädters, praktisch ein Schutzorgan gegen die Entwurzelung, mit der die Strömungen und Diskrepanzen seines äußeren Milieus ihn bedrohen. Der Großstädter reagiert mit dem Verstand, nicht mit dem Gemüt. Verstandesmäßigkeit ist für Simmel „ein Präservativ des subjektiven Lebens gegen die Vergewaltigung der Großstadt“ (Simmel zit. in Hengartner 1999:214f.).

Sitte und Brauchtum werden in der Stadt durch formale Kontrollmechanismen ersetzt. Die sozialen Beziehungen haben sich ausgeweitet. Es kommt zu einer Überlagerung sozialer Kreise. Hier kommt Simmels Interesse für die quantitativen Analysen der Gruppe zum Tragen. Er vertritt die Ansicht, dass sich durch eine Erhöhung der Größe einer sozialen Gruppe nicht nur der Spielraum der individuellen Freiheit und die individuelle Unverwechselbarkeit erhöht,, sondern auch die Unpersönlichkeit. Die Qualität sozialer Beziehungen verringert sich. Das Individuum läuft Gefahr, in der Masse zu verschwinden. Das Leben in einer großen Gruppe birgt immer die Gefahr der Anomie in sich. Dadurch, dass das Individuum plötzlich nicht mehr an seinen fixen Traditionen festhalten kann, verliert es den Boden unter den Füßen. Wird die „Lebenswelt“ in der ein Mensch lebt, gefährdet, gibt es eine große Anzahl von Abwehrreaktionen. Versagen nun diese Abwehrreaktionen, so entsteht Anomie. Für den unmittelbar Betroffenen bringt diese Gefährdung seiner Welt, entscheidende Veränderungen mit sich. Er zerbricht an diesem plötzlichen „Aus-den-Angeln-gehoben-Werden“ - alles was war, löst sich auf.

Anomie stellt einen Zustand der Regellosigkeit bzw. Normlosigkeit dar und kann verschiedene Ursachen haben:

Einerseits kann Anomie eine Folge wachsender Arbeitsteilung von Individuen sein, anderseits Folge der Ausweitung der menschlichen Bedürfnisse ins Unendliche. Anomie tritt vor allem in Zeiten plötzlicher wirtschaftlicher Depression oder Prosperität auf und führt zu einer erhöhten Rate von abweichendem Verhalten (Durkheim).

Anomie kann auf eine Spannung zurückgehen, die sich ergibt aus dem Zusammenbruch der kulturellen Ordnung in Form des Auseinanderklaffens von kulturell vorgegebenen Zielen und Werten einerseits und den sozial erlaubten Möglichkeiten, diese Ziele und Werte zu erreichen, andererseits. Hier führt die Anomie dazu, dass Druck auf die Individuen ausgeübt wird und sie zu abweichendem Verhalten zwingt (Merton).

Anomie ist aber auch die Bezeichnung für einen psychischen Zustand, der vor allem durch Gefühle der Einsamkeit, der Isoliertheit, der Fremdheit, der Orientierungslosigkeit sowie der Macht- und Hilflosigkeit gekennzeichnet ist (vgl. Hartfiel, Hillmann 1982:25f.).

All diese Definitionen treffen auf den Fremden in der Stadt zu – er ist der Prototyp des Städters. Die Stadt kann als Wohnort des Fremden bezeichnet werden. Ist es in der Dorfgemeinschaft üblich, immer und überall bekannte Gesichter zu sehen, so wird ein Fremder, kommt er in das Dorf, von jedermann angestarrt. Trifft man auf zu viele Fremde, fürchtet man um seine Heimat. Die Städte jedoch leben von dem Fremden. Nur durch Zuwanderung ist die eigenartige Mischung der Stadt zustande gekommen. Schon im antiken Rom wurde auf Zuwanderer gesetzt, denn sie machten die Stadt groß. Auch während der Industriellen Revolution wurde die Stadt zum Wohnort des Fremden. Jene Menschen, die bereit sind, in die Fremde zu ziehen, sind auch oftmals flexibler, intelligenter und bringen neues Wissen und neue Fähigkeiten in die Stadt mit (vgl. Bollmann: 1999:83f.). Hier handelt es sich nicht „um den Fremden, der heute kommt und morgen geht, sondern um den Fremden der heute kommt und morgen bleibt“ (Simmel 1968:509).

Der Fremde in der Stadt entwickelt mit der Zeit eine objektive Betrachtungsweise. Dadurch, dass er fremd ist, kann er eine größere Distanz wahren. Der Fremde gehört immerhin zwei Kulturen an: einerseits der Kultur aus der er stammt, andererseits jener Kultur die seiner neuen Heimat eigen ist. Da er aber in keine Kultur ganz integriert ist, ergibt sich eine ganz besondere Form der Objektivität. Simmel sieht in dem „Objektiv Sein“ des Fremden einen Zustand der Freiheit. Keinerlei Festgelegtheiten behindern sein Verständnis und ermöglichen eben dadurch eine objektive Betrachtungsweise. Simmel hat, wie später auch Park, „die Fähigkeit zu kritischer Reflexion und kultureller Erneuerung an die Figur des Fremden gebunden. (...) Die Rolle des Fremden ist ambivalent, so ambivalent wie die städtische Kultur: Er bringt neue Informationen und neue Arbeitskraft (...). Aber er ist auch bedrohlich, denn er stellt kulturelle Selbstverständlichkeiten in Frage“ (Bollmann 1999: 85).

In der Großstadt begegnen einander ständig Fremde, wodurch das Individuum gezwungen ist, sich eine Art Selbstschutz zuzulegen. Würde man, wie es in einer Dorfgemeinschaft üblich ist, mit jedem Menschen ein paar Worte wechseln wollen, so wäre man hoffnungslos überfordert. Das führt zu einer steigenden Reserviertheit zum Schutz des eigenen Seelenlebens. Noch ein Aspekt ist an dieser Stelle zu beachten: In einer Dorfgemeinschaft oder Kleinstadt „kennt man sich“, daher ist man sich nicht fremd, auch wenn man keinen persönlichen Kontakt hat. Das führt in weiterer Folge zu einer Art Vertrautheit – ein Gefühl der Gemeinschaft ist vorhanden. In der Großstadt kommt es selten vor, vertraute Gesichter zu sehen. Die Masse der Fremden überwiegt, und es liegt in der Natur des Menschen, dem, den er nicht kennt, eine bestimmte Art von Misstrauen entgegen zu bringen.

Um eine „Ich-Stabilität“ zu sichern, muss eine gewisse sorgfältig kultivierte Distanz gewahrt werden. Die Reserviertheit ermöglicht dem Individuum einerseits Freiheit, die mit dem Mangel an Verbindlichkeit eintritt, andererseits aber Blasiertheit nach sich zieht. Dieses typisch großstädtische Phänomen ist als eine Art Schutzfunktion des Individuums zu verstehen. Die ständigen neuen Eindrücke, die durch ihre rasch wechselnde Gegensätzlichkeit das Nervenleben des Individuums in Aufruhr bringen, führen zu einer Abstufung gegen die Unterschiede der Dinge.

Literaturverzeichnis

Bollmann Stefan: Kursbuch Stadt. Stadtleben und Stadtkultur an der Jahrtausendwende. Stuttgart 1999.

Hartfiel Günther, Hillmann Karl-Heinz: Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart 1982.

Hengartner Thomas: Forschungsfeld Stadt. Zur Geschichte der volkskundlichen Erforschung städtischer Lebensform. Berlin, Hamburg, Reimer 1999.

Köhn Eckhardt: Straßenrausch. Flanerie und kleine Form. Berlin 1989.

Saunders Peter: Soziologie der Stadt. Frankfurt/Main; New York 1987.

Simmel Georg: Soziologie. Untersuchungen über die Form der Vergesellschaftung. Berlin 1968.

Simmel Georg: Die Großstädte und das Geistesleben. In: Das Individuum und die Freiheit. Berlin 1984.

Smuda Manfred: Die Großstadt als „Text“. München 1992.

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