Inhaltsverzeichnis |
George Herbert Mead (1863-1931) hat sich im Laufe seiner Schaffenszeit mit einer Vielzahl unterschiedlicher Themenbereiche auseinandergesetzt. So hat er u.a. Arbeiten zu philosophischen, psychologischen, pädagogischen und ethischen Problembereichen verfaßt. Den Hauptteil seines Werkes bildet eine Sozialpsychologie, in der er vornehmlich der Frage nachgeht, wie das Verhalten und Erfahren des Einzelnen, ausgehend von dem sozialen Kontext, in dem dieser lebt, zu erfassen ist. Sein Interesse richtet sich dabei im speziellen auf die soziale Konstitution von spezifisch menschlichen Eigenschaften respektive Fähigkeiten wie reflexives Bewußtsein, Geist und Identität. Die Konstitution der genannten Phänomene erklärt Mead ausgehend von einer Kommunikationstheorie, die das Kernstück seiner Sozialpsychologie bildet. Er unterscheidet mit einerseits bewußter und andererseits unbewußter Kommunikation zwei Kommunikationsformen, wobei er jene als Kommunikation vermittels von Gebärden und diese als Kommunikation vermittels signifikanter Symbole begreift. Menschliche Organismen sind nach Mead aufgrund ihrer Beteiligung an unbewußter gebärdenvermittelter Kommunikation in der Lage, signifikante Symbole und mithin (Selbst-)Bewußtsein, Geist und Identität zu entwickeln.
Einer Kommunikationswissenschaft, die Kommunikation als einen sozialen Prozeß auffaßt, an dem mindestens zwei Individuen beteiligt sind, die sich vermittels von nicht-sprachlichen und sprachlichen Zeichen im Hinblick auf ihre Ziele verständigen, und die diesen Prozeß hinsichtlich all seiner Aspekte untersucht, bietet Meads Werk ein reichhaltiges terminologisches und theoretisches Erklärungsinstrumentarium. So stellt Mead eine Kommunikationstheorie bereit, die verbales und non-verbales kommunikatives Verhalten berücksichtigt und Kommunikation als eine nicht auf Individualhandlungen reduzierbare, mindestens zwei Individuen umfassende, soziale Handlung begreift. Darüber hinaus bietet Meads Werk eine Theorie der Gebärde als Teil einer Sozialhandlung, eine Theorie der Genese von Sinn und Bedeutung sowie eine Theorie der Sprachentstehung in Form einer Theorie signifikanter Symbole und mithin einen Erklärungsansatz zur Lösung des Problems der (sprachlichen) Intersubjektivität.
George Herbert Mead entwickelt seine Kommunikationstheorie als Kernstück einer Sozialpsychologie, der es darum geht, die Erfahrungen und das Verhalten des Einzelnen im gesellschaftlichen Kontext, in dem dieser lebt, zu betrachten. Das primäre Erkenntnisinteresse Meads besteht dabei nicht in einer umfassenden Kommunikationstheorie, sondern in der Erklärung der Konstitution von Bewußtsein, Geist und Identität der Individuen aufgrund ihrer Teilnahme an Kommunikation und damit an Gesellschaft. Das Problem der Genese von Sprache spielt dabei eine entscheidende Rolle. Mead beschäftigt sich auf dem Weg zur sozialen Erklärung von Geist und Identität mithin mit dem Problem sprachlicher Intersubjektivität (vgl. Joas 1980, 19). Dies besteht in der Frage nach der Entstehung eines für kommunikative Zwecke hinreichenden gemeinsamen Wissensvorrates in Form von Sprache.
Meads Theorie läßt sich von solchen Theorien des sozialen Geschehens abgrenzen, die, wie beispielsweise die Theorien von Max Weber und Alfred Schütz als Vertreter einer verstehenden Soziologie, das soziale Geschehen ausgehend von den Handlungen der einzelnen Mitglieder der Gesellschaft, und nicht umgekehrt, die Erfahrungen und das Verhalten des Einzelnen ausgehend vom gesellschaftlichen Ganzen zu erfassen suchen. Mead (1968, 45) formuliert dies wie folgt:
"Für die Sozialpsychologie ist das Ganze (die Gesellschaft) wichtiger als der Teil (das Individuum), nicht der Teil wichtiger als das Ganze; der Teil wird im Hinblick auf das Ganze, nicht das Ganze im Hinblick auf den Teil oder die Teile erklärt."
Mead hat seine theoretische Position unter dem Einfluß von und in Auseinandersetzung mit Theorien und theoretischen Paradigmata gewonnen, die zu seiner Lebenszeit den wissenschaftlichen Diskurs geprägt haben. Als wesentliche Einflüsse, an denen sich Mead positiv und auch negativ orientiert hat, sind der mit den Namen Charles Sanders Peirce William James und John Dewey verbundene amerikanische Pragmatismus, die Evolutionstheorie Charles Darwins, der deutsche Idealismus ausgehend von Kant über Fichte , Schelling und Hegel sowie der Behaviorismus von John Broadus Watson zu nennen. Der Einfluß des Pragmatismus zeigt sich darin, daß Mead davon ausgeht, Denken und Handeln seien insofern untrennbar miteinander verbunden, als Denken als Erkenntnisprozeß immer auf die Lösung von Handlungsproblemen zielt. Darwinistisch ist Meads Theorie insofern, als er Organismen im allgemeinen und menschliche Individuen im speziellen nicht isoliert betrachtet, sondern immer im Zusammenhang mit ihrer jeweiligen Umwelt, an die sie sich aktiv anpassen. Dies führt zu der Grundidee einer funktionalistischen Psychologie, die die Eigenschaften und Fähigkeiten von Organismen immer als funktional im Hinblick auf den umweltbezogenen Anpassungsprozeß beschreibt. Im Falle menschlicher Organismen heißt dies dann, daß auch geistige Fähigkeiten, wie im Pragmatismus, als funktional für die Bewältigung des Lebens angesehen werden.
Der Einfluß des deutschen Idealismus (Kant, Fichte, Schelling, Hegel) kann grob durch die Idee eines selbstbewußten Subjekts gekennzeichnet werden, das der Idealismus jedoch vorraussetzt und dessen Konstitution er nicht erklären kann. Ausgehend von dieser Idee und dem theoretischen Desiderat der Selbst-Konstitution entwickelt Mead letztlich seine sozialpsychologische Theorie des Selbst als Produkt des Zusammenspiels von "I" und "Me" (vgl. Preglau 1993, 52 f. und Joas 1980, 38 ff.).
Mead selbst bezeichnet sich in seinem 1934 posthum veröffentlichten und aus Vorlesungsmitschriften seiner Schüler zusammengestellten Hauptwerk "Mind, Self and Society. From the Standpoint of a Social Behaviorist" (dt. "Geist, Identität und Gesellschaft. Aus der Sicht des Sozialbehaviorismus", 1968) als "Sozialbehaviorist". Damit markiert er insbesondere das Verhältnis seiner Theorie zum Behaviorismus, wie ihn John Broadus Watson formuliert hat. In dieser Position sind allerdings auch die genannten Merkmale der drei weiteren Traditionen aufgehoben, die Meads Werk beeinflußt haben. So geht Mead die Entwicklung von Bewußtsein, Denken und Identität vom grundlegenden Lebensvollzug menschlicher Organismen an, wobei er diesen grundlegenden Lebensvollzug als die Teilnahme am sozialen Geschehen begreift.
Im Rahmen des Watsonschen Behaviorismus wird nun tierisches wie auch menschliches Verhalten mit Hilfe des Reiz-Reaktions-Modells (Stimulus-Response-Modell) erklärt. Das Verhalten von Organismen wird als Reaktion auf einen Reiz in der Umwelt des Indivduums aufgefaßt, wobei die jeweiligen Reiz-Reaktions-Verbindungen im Laufe der Entwicklung des jeweiligen Organismus gelernt werden. Das Verhalten, sei es menschliches oder tierisches, wird vom Behaviorismus somit ausschließlich von der Umwelt ausgehend erklärt. Erscheint die Reduktion psychologischer Forschung auf beobachtbares Verhalten im Falle von Tieren noch als plausibel und haltbar, so klingt dasselbe Vorgehen im Falle menschlichen Verhaltens für Mead absurd (vgl. Mead 1968, 48 f.). Alle innerhalb der menschlichen Individuen statthabenden Prozesse schließt Watson aus dem Gegenstandbereich der Psychologie aus, da sie einer exakten Beobachtung, im Sinne einer kontrollierten experimentellen Untersuchung, nicht zugänglich sind. Begriffe wie Bewußtsein und Geist sind für den Behaviorismus nicht durch externe Beobachtung zu erfassen und die Beschäftigung mit diesen Phänomenen ist somit als unwissenschaftlich zu qualifizieren. Wenn Denken oder Bewußtsein im Rahmen des Behaviorismus thematisiert werden, dann müssen sie als ein äußeres, also prinzipiell beobachtbares Verhalten definiert werden.
Mead ordnet seine eigenen Arbeiten nun einerseits dem Behaviorismus zu und grenzt sich andererseits scharf vom Denken Watsons ab. Der Behaviorismus bezieht sich in Meads Auffassung nicht allein auf beobachtbares Verhalten, sondern definiert sich vielmehr darüber, daß er die gesamte Erfahrung von Individuen ausgehend von ihrem Verhalten erfaßt – sei dieses nun beobachtbar oder auch nicht beobachtbar. Mead (1968, 40) formuliert dies wie folgt:
"Die vom Behaviorismus allgemein vertretenen psychologischen Ansichten finden sich bei John B. Watson. Der von uns verwendete Begriff des Behaviorismus ist jedoch angemessener als der Watsons. Behaviorismus in diesem allgemeineren Sinn ist einfach eine Methode, die Erfahrung des Individuums vom Standpunkt seines Verhaltens aus zu untersuchen, insbesondere, jedoch nicht ausschließlich jenes Verhaltens, das von anderen beobachtet werden kann."
Mead faßt den Begriff des Behaviorismus somit dahingehend weiter als Watson, als er Vorgänge im Innern eines Individuums, dessen "inneren Erfahrungen" (Mead 1968, 43), die nicht aus einer externen Perspektive zu beobachten sind, mitberücksichtigt. Behavioristisch bleibt sein Ansatz insofern, als er die "inneren Erfahrungen" von beobachtbarem Verhalten ableitet:
"Ich möchte jedoch betonen, daß wir auch bei der Diskussion solcher 'inneren' Erfahrung den behavioristischen Standpunkt beibehalten können, vorausgesetzt, daß wir ihn nicht zu eng fassen. Man muß nur darauf bestehen, daß objektiv sichtbares Verhalten seinen Ausdruck im Individuum findet, und zwar nicht so, als ob es in einer anderen subjektiven Welt stattfände, sondern innerhalb seines Organismus."(Mead 1968, 43)
Der organismische Ausdruck beobachtbaren Verhaltens im Innern des Individuums wird durch das Zentralnervensystem ermöglicht. Phasen des beobachtbaren Verhaltens finden sich im Innern eines Individuums. Mead führt zur Bezeichnung der inneren Phasen von Handlungen den Terminus "Haltung" ein, den er begrifflich als den Anfang einer Handlung bestimmt (vgl. Mead 1968, 43). Mead erweitert den Begriff des Verhaltens somit nach Einführung des Terminus 'Haltung' zum Begriff der 'Handlung'. Terminologisch werden wir im folgenden den Begriff "Haltung" als Übersetzung des englischen 'attitude' nicht durchgängig übernehmen, da Mead den Begriff sowohl für psychische als auch für körperliche Haltungen verwendet. Wir übernehmen eine von Joas (1980 a, 17) vorgeschlagene terminologische Differenzierung insofern wir im Hinblick auf psychische 'attitudes' nunmehr von 'Einstellungen' und im Hinblick auf körperliche 'attitudes' von 'Haltungen' sprechen werden.
Einstellungen bezeichnen nun die Art und Weise, wie sich ein Individuum einem Objekt nähert, d.h., sie bezeichnen spezifische Reaktionsbereitschaften im Hinblick auf ein bestimmtes Objekt, das als Reiz für eine Handlung bzw. unterschiedliche Handlungen aufgefaßt werden kann. Richtet jemand seine Aufmerksamkeit auf ein Objekt, so nimmt er diesem gegenüber unterschiedliche Einstellungen ein, die die späteren Phasen der jeweiligen Handlung vorwegnehmen. Mead (1968, 50) erläutert den Begriff der Einstellung anhand des folgenden Beispiels:
"Die gegenwärtige Forschung weist jedoch auf die Organisation der Handlung durch Haltungen hin. Es gibt eine Organisation der verschiedenen Teile des Nervensystems, die Handlungen auslösen. Sie umfaßt nicht nur das, was unmittelbar abläuft, sondern auch die späteren Phasen. Wenn man sich einem entfernten Gegenstand nähert, so nähert man sich ihm im Hinblick auf das, was man bei seiner Ankunft zu tun gedenkt. Nähert man sich einem Hammer, so sind die Muskeln dazu bereit, den Stiel des Hammers zu ergreifen. Die späteren Phasen der Handlung sind in den früheren enthalten – nicht einfach in dem Sinn, daß sie alle abzulaufen bereit sind, vielmehr in dem, daß sie zur Kontrolle des Prozesses selbst dienen. Sie bestimmen die Art, in der man sich dem Objekt nähert, und die für die frühen Phasen notwendigen Schritte. [...] Die Handlung als Ganze bestimmt hier den Prozeß."
Der Begriff der Einstellung erlaubt es Mead letztlich die Verbindung zwischen Außen und Innen, zwischen äußerem und innerem Verhalten zu erfassen und bildet – wie wir noch sehen werden – somit die zentrale Theoriestelle, die die Erklärung von Bewußtsein, Geist und Identität ausgehend von kooperativem Verhalten leisten soll.
Wie wir eingangs erwähnt haben, betrachtet Mead die Erfahrungen und das Verhalten des Einzelnen im gesellschaftlichen Zusammenhang. Weiterhin haben wir gesehen, daß Mead sein Werk der behavioristischen Psychologie zurechnet, indem er die inneren Erfahrungen ausgehend von beobachtbarem Verhalten zu erfassen sucht. Aus der Verbindung des durch den Begriff der Einstellung modifizierten Behaviorismus und der Position der Sozialpsychologie ergibt sich nun der für Mead eigentümliche Standpunkt des Sozialbehaviorismus, von dem aus die Entwicklung sprachlicher Kommunikation und darauf aufbauend die Entwicklung von Bewußtsein, Geist und Selbst bzw. Identität erfaßt werden soll. Mead (1968, 46) faßt seinen Standpunkt wie folgt zusammen:
"Diese allgemeinen Bemerkungen galten unserer Methode. Sie ist behavioristisch, sieht jedoch im Gegensatz zum Behaviorismus Watsons auch jene Teile der Handlung, die der Beobachtung von außen nicht zugänglich sind, und betont die Handlung des menschlichen Wesens innerhalb seiner natürlichen gesellschaftlichen Situation."
Der Ausgangspunkt von Meads Sozialpsychologie ist somit nicht die Individualhandlung, wie wir sie im Unterschied zum behavioristischen Begriff des Verhaltens dargestellt haben, sondern die soziale bzw. gesellschaftliche Handlung (social act). Im folgenden verwenden wir für 'social act' die deutsche Übersetzung 'soziale Handlung', die Joas (exemplarisch 1980 a, 210) vorschlägt und nicht den Terminus 'gesellschaftliche Handlung', wie ihn der Übersetzer von "Geist, Identität und Gesellschaft" verwendet. Der Terminus 'soziale Handlung' und der Terminus 'gesellschaftliche Handlung', der in einigen Zitaten vorkommt, werden im Rahmen dieses Textes synonym verwendet.
Eine soziale Handlung ist für Mead dann gegeben, wenn das Verhalten eines Individuums als Reiz für das Verhalten eines anderen Individuums fungiert und umgekehrt (vgl. Mead 1968, 45 und 1980, 210). Soziale Handlungen setzen also mindestens zwei Individuen voraus und sind nicht auf deren Einzelhandlungen und Motive zurückzuführen, sondern bilden einen eigenständigen nicht reduzierbaren Untersuchungsgegenstand, der durch mehrere Teilhandlungen unterschiedlicher Individuen zustande kommt. Solche sozialen Handlungen, die in Form von Interaktionen und somit in Form von Kommunikation ablaufen, finden sich nicht allein bei Menschen, sondern auch bei Tieren, die ihr Verhalten koordinieren. Mead geht es aus sozialpsychologischer Perspektive letztlich allein um die Beschreibung und Erklärung spezifisch menschlicher Kommunikation, die durch signifikante Symbole wie beispielsweise durch Sprache vermittelt ist. Um die Spezifität menschlicher Kommunikation herauszustellen und die Entwicklung signifikanter Symbole und damit einhergehend von Bewußtsein und Identität zu erklären, grenzt Mead diese von solchen Kommunikationsformen ab, die auch im Tierreich zu finden sind und stellt die elaborierte Form der symbolvermittelten, menschlichen Kommunikation in einen Fundierungszusammenhang mit der evolutionär in phylogenetischer wie auch in ontogenetischer Perspektive zeitlich vorangehenden gesten- bzw. gebärdenvermittelten Kommunikation.
Er unterscheidet die beiden Formen der Kommunikation ferner dahingehend, daß gebärdenvermittelte Kommunikation vornehmlich unbewußt abläuft und sowohl bei Tieren als auch bei Menschen vorfindbar ist und daß symbolvermittelte Kommunikation Bewußtsein voraussetzt und ausschließlich Menschen vorbehalten ist. Mead unterscheidet in diesem Sinne zwischen unbewußter und bewußter Kommunikation (Mead 1968, 85 f.).
Dem sozialbehavioristischen Anspruch gemäß, das Verhalten und die Erfahrungen des Einzelnen ausgehend von seiner Partizipation am sozialen Geschehen zu erfassen, stellt sich für Mead zur Erklärung der spezifisch menschlichen, bewußten Kommunikation die Frage nach den Bedingungen der Entwicklung signifikanter Symbole und der damit einhergehenden sozialen Konstitution des (Selbst-)Bewußtseins und der Identität. Anders formuliert muß Mead klären, wie signifikante Symbole, Bewußtsein und Identität durch Kommunikation entstehen und wie mithin bewußte Kommunikation auf Basis unbewußter Kommunikation sich entwickelt. Im Rahmen dieses Kapitels geht es allerdings weniger um die Konstitution von Bewußtsein und Identität, als vielmehr um die Kommunikationstheorie Meads, so daß wir uns nun auf die Darstellung der beiden Formen der Kommunikation sowie der Kontinuität zwischen ihnen beschränken können. Bevor wir mit der Darstellung beginnen, seien an dieser Stelle erneut einige terminologische Entscheidungen vorangestellt. Die von Mead verwendeten Termini 'gesture' und 'vocal gesture' werden in der deutschen Ausgabe von "Mind, Self and Society" mit 'Geste' und 'vokaler Geste' übersetzt. Hans Joas (1980a, 17) macht jedoch darauf aufmerksam, daß zumindest der Terminus 'vocal gesture' dahingehend unglücklich mit 'vokale Geste' übersetzt ist, als Mead sich mit 'vocal gesture' auf das Konzept der 'Lautgebärde' von Wilhelm Wundt bezieht und durch die Übersetzung somit der Traditionszusammenhang verschleiert wird. Joas macht deshalb den Vorschlag 'vocal gesture' mit 'Lautgebärde' zu übersetzen. Wir werden diesen angemesseneren Terminus im folgenden übernehmen und um der Einheitlichkeit willen auch von Gebärden und nicht von Gesten sprechen.
Unbewußte Kommunikation beschreibt Mead als eine durch Gebärden vermittelte Kommunikation. Gebärden definiert er im Rekurs auf Wundt als die Anfänge oder Teile sozialer Handlungen, die als Reiz für eine Reaktion seitens eines anderen Organismus stehen, der an derselben sozialen Handlung beteiligt ist (vgl. Mead 1968, 81 und 93). Die Gebärden zeigen zudem bestimmte Einstellungen im Sinne von Reaktions- bzw. Handlungsbereitschaften des sie verwendenden Organismus an. Sie sind Anzeichen für spezifische Reaktionsbereitschaften eines Organismus, die als Reiz für einen weiteren Organismus dienen, sich in spezifischer Art und Weise zu verhalten. Insofern, als Gebärden Anzeichen für eine Einstellung und damit für eine mögliche auszuführende Handlung sind, können sie als gehemmte Handlungen bzw. als synkopierte Handlungen bezeichnet werden. So ist beispielsweise die Drohgebärde eines Tieres ein Anzeichen für dessen aggressive Einstellung dem zweiten Organismus gegenüber und verweist auf einen möglichen tatsächlich auszuführenden Angriff. Hierbei ist zu beachten, daß Mead zwischen individuellen und sozialen Handlungen unterscheidet und sich der Terminus synkopierte bzw. gehemmte Handlung auf Individualhandlungen bezieht (vgl. Schneider 1994, 131). Die Gebärde steht für eine mögliche vollständige individuelle Handlung seitens eines Organismus und fungiert im Zusammenhang einer komplexen sozialen Handlung als Reiz für einen weiteren Organismus, dessen Reaktion auf diesen Reiz wiederum zum Reiz für eine Reaktion seitens des ersten Organismus wird usw.
Die derart bestimmte Gebärdenkommunikation wird so lange fortgeführt, bis letztlich eine soziale Handlung zustande kommt (vgl. Mead 1968, 83f.). Mead (1968, 82) exemplifiziert die gebärdenvermittelte Kommunikation am Beispiel des Hundekampfes:
"Ich brachte das Beispiel von den kämpfenden Hunden, um den Begriff der Geste einzuführen. Die Handlung jedes der beiden Hunde wird zum Reiz, der die Reaktion des anderen beeinflußt. Es besteht also eine Beziehung zwischen den beiden; und da der andere Hund auf die Handlung reagiert, wird diese wiederum verändert. Eben die Tatsache, daß der Hund zum Angriff auf einen anderen bereit ist, wird zu einem Reiz für diesen anderen, seine eigene Position oder seine eigene Haltung zu ändern. Kaum tritt dies ein, löst die veränderte Haltung des zweiten Hundes beim ersten wiederum eine veränderte Haltung aus. Hier werden Gesten ausgetauscht. Es handelt sich jedoch nicht um Gesten in dem Sinne, daß sie etwas besagen. Wir nehmen nicht an, daß sich der Hund sagt: 'Wenn das Tier aus dieser Richtung kommt, wird es mir an die Kehle springen, und ich werde mich so bewegen.' Es findet aber eine tatsächliche Veränderung in seiner eigenen Position statt, aufgrund der Richtung, aus der sich der andere Hund nähert."
Gebärdenvermittelte Kommunikation entsteht aufgrund der Notwendigkeit, von in Gruppen lebenden Organismen kooperative Tätigkeiten auszuführen, die zunächst durch biologische Antriebe motiviert sind. Zu solchen sozialen Handlungen, die aus der biologischen Ausstattung resultieren, über die die jeweilige Art, denen die betreffenden Organismen angehören, verfügt, zählen das Fürsorgeverhalten der Eltern ihren Kindern gegenüber, heterosexuelle Geschlechtsbeziehungen zum Zwecke der Fortpflanzung und das vorangehende Werbeverhalten sowie Handlungen des Kampfes, die beispielsweise der Verteidigung der Gruppe gegenüber Feinden oder der Herstellung einer Rangordnung innerhalb einer Gruppe dienen können (vgl. Mead 1980 a, 312 ff.). Während die Sozialbeziehungen im Falle tierischer Gesellschaften weitestgehend auf die genannten Formen beschränkt bleiben, differenzieren sich in menschlichen Gesellschaften unter der Bedingung bewußter Kommunikation eine Vielzahl unterschiedlicher sozialer Beziehungen aus. Die genannten Sozialbeziehungen bilden allerdings die Grundformen, die aus biologischen Gründen notwendig zustande kommen.
Mit seinem Verständnis der Funktion der Gebärde im Zusammenhang einer kooperativen Tätigkeit grenzt sich Mead, im Hinblick auf eine Theorie bewußter Kommunikation, fruchtbar von den Ausdrucks- und Sprachtheorien von Darwin und Wundt sowie von der Nachahmungstheorie von Royce ab (vgl. Joas 1980, 92).
Darwin hat die Funktion einer Gebärde dahingehend bestimmt, daß sie dem Ausdruck von Emotionen seitens eines individuellen Organismus diene. Diesen Funktionsbegriff der Gebärde hat Wundt im Rekurs auf Darwins Ausdruckstheorie übernommen, wobei Wundt über Darwin hinausgehend davon ausgeht, daß die Gebärde als Emotionsausdruck einen anderen Organismus zur Nacherzeugung der Emotion und eines dazugehörigen Vorstellungsinhaltes anregt. Ein zu diesem Vorstellungsinhalt assoziierter weiterer Vorstellungsinhalt führe dann zu einer weiteren Gebärde seitens des zweiten Organismus. Durch ein derart organisiertes Wechselspiel von Gebärden, denen ein Vorstellungsinhalt enspricht, stellt sich Wundt die Entstehung von Sprache vor. Wundt kann allerdings nicht erklären, wie es dazu kommt, daß mehrere Organismen über gleiche Vorstellungsinhalte verfügen. Er kann damit die grundlegende Fragestellung Meads nach der sozialen Konstitution des Bewußtseins und der damit einhergehenden Lösung des Problems der sprachlichen Intersubjektivität nicht beantworten und setzt Bewußtsein sowie Bewußtseinsinhalte schlicht voraus.
Royce versucht das Problem des Verstehens von Bedeutung durch ein Imitationskonzept zu lösen. Royce geht davon aus, daß ein Organismus dieselbe Einstellung einnimmt wie ein zweiter, sobald er das Verhalten des ersten nachahmt und so die Bedeutung seines Verhaltens lernt. Mead wendet gegen diesen Ansatz jedoch zweierlei ein: zum ersten wird auch hier schon ein Bewußtsein, das über 'Inhalte' verfügt, vorausgesetzt, denn Nachahmung ist nur möglich, wenn man die vorangegangene Gebärde schon verstanden hat (vgl. Mead 1968, 99 und Joas 1980, 99); zum zweiten erscheint der Ansatz von Royce dahingehend empirisch falsch oder zumindest unplausibel, als im kollektiven Leben von Organismen kaum Nachahmungsverhalten vorfindbar ist, sondern vielmehr komplementäres Verhalten (vgl. Mead 1968, 99 f. und Wenzel 1990, 68).
Diese Konzepte bieten Mead keine Lösung für sein Problem der Entstehung bewußter Kommunikation, die sich dadurch auszeichnet, daß die an ihr beteiligten menschlichen Individuen ihre Handlungen aufgrund der Antizipation, also der Vorwegnahme einer spezifischen Anschlußreaktion seitens eines zweiten Individuums auswählen und somit bewußt kontrollieren. Dies setzt für Mead signifikante Symbole voraus, die für die kommunizierenden Individuen die gleiche Bedeutung bzw. den gleichen Sinn haben. Wie kommt es nun dazu, daß Menschen ausgehend von der Stufe der Gebärdenkommunikation eine Sprache hervorbringen, die aus solchen signifikanten Symbolen besteht? Zur Beantwortung dieser Frage gilt es zunächst den Begriff der 'Bedeutung' bzw. des 'Sinns' aus sozialbehavioristischer Perspektive aufzuklären.
Bedeutung (im folgenden synonym mit Sinn verwendet) ist, Mead (1968, 115 ff.) zufolge, nicht erst auf der Ebene bewußter Kommunikation zu finden, sondern schon auf der Ebene der unbewußten Kommunikation vermittels Gebärden. Mead faßt Bedeutung zunächst in einem objektiven Sinne als Struktur sozialer Handlungen auf. Sinn ist insofern ein Strukturmerkmal sozialer Handlungen, als er zunächst in der Reaktion eines Organismus B auf die vorangegangene, eine komplexe soziale Handlung anzeigende Gebärde eines weiteren Organismus A 'besteht'. Die Reaktion seitens des zweiten Organismus interpretiert die Gebärde, auf die sie bezogen ist, und bezeichnet dadurch ihre Bedeutung bzw. ihren Sinn. Der im Vollzug einer sozialen Handlung objektiv entstehende Sinn verweist, Mead (1968, 115 f.) zufolge, auf drei Relationen der Gebärde als Teil einer umfassenden sozialen Handlung: zum ersten steht die Gebärde in einer Relation zum ersten Organismus, zum zweiten in einer Relation zum zweiten Organismus und dessen Reaktion und zum dritten steht sie in einer Relation zu der komplexen sozialen Handlung, dessen Anfang oder Teil sie darstellt. In diesem Sinne symbolisiert oder bedeutet die Gebärde aus einer Beoabachterperspektive die gesamte soziale Handlung. Zur Verdeutlichung des dreistelligen objektiven Sinnbegriffs läßt sich ein Beispiel von Manfred Schneider (1994, 128 f.) anführen:
"Bedeutung gewinnt das Verhalten eines Organismus dann, wenn es geeignet ist, bei einem anderen Organismus bestimmte anpassungsrelevante Reaktionen auszulösen, die auf dieses Verhalten als Einleitungsphase einer komplexen Verhaltensfolge bezogen sind. So etwa, wenn das Zähneblecken und Knurren eines Hundes, das einem möglichen Angriff vorausgeht, einen Artgenossen zur Flucht veranlaßt: Das Zähneblecken und Knurren fungiert in der Interaktion zwischen den Hunden objektiv als Symbol für den bevorstehenden Angriff. Es gewinnt diese Eigenschaft durch die Reaktion des Artgenossen, dessen Flucht die Funktion hat, diesen Angriff zu vermeiden. Eine bedeutungskonstituierende Verhaltenssequenz besteht demnach aus drei Elementen: Dem als Auslösereiz wirkenden Verhalten oder – wie Mead in Anknüpfung an Wundt sagt – der Geste des ersten Organismus, der Reaktion des zweiten Organismus und dem durch die Geste angezeigten Folgeverlauf der sozialen Handlung."
Mead formuliert einen Begriff von Sinn bzw. Bedeutung, der den traditionellen bewußtseinsphilosophisch orientierten psychologischen oder soziologischen Theorien, wie bspw. den Theorien von Wundt , aber auch von Weber und Schütz , dahingehend widerspricht, als diese Theorien nicht von einem im sozialen Geschehen zunächst objektiv gegebenen Sinn ausgehen, sondern von einem im jeweils individuellen Bewußtsein zunächst subjektiv konstituierten Sinn. Ein solcher Ansatz, der (Selbst-) Bewußtsein voraussetzt, kann Meads Problem der sozialen Konstitution von Bewußtsein und Bedeutung nicht lösen. Meads Sinnbegriff hingegen erlaubt es nun weiter zu fragen, wie, ausgehend von unbewußter Kommunikation, die Konstitution signifikanter Symbole und damit bewußter Kommunikation zu erklären ist.
Bedeutung in dem angeführten objektiven Verständnis Meads entsteht innerhalb einer jeden sozialen Handlung, also in sozialen Zusammenhängen von Tieren und Menschen. Objektiver Sinn ist als Strukturmerkmal sozialer Handlungen allerdings nur für einen (menschlichen) Beobachter einer sozialen Handlung zu verstehen. Die interagierenden Organismen sind sich des Sinns der sozialen Handlungen, zu deren Zustandekommen sie durch ihre Gebärden beitragen, nicht bewußt. Der Hund, der die Haltung eines möglichen Angriffs einnimmt, ist sich nicht bewußt, daß sein Verhalten die Flucht des anderen Hundes bedeutet, d.h., er wählt seine Gebärde nicht aufgrund der Antizipation des Folgeverhaltens des zweiten Hundes aus, sondern verhält sich instinktiv, z.B. um sein Revier vor Eindringlingen zu schützen. Im gleichen Maße ist auch dem zweiten Hund nicht der Gesamtzusammenhang der sozialen Handlung bewußt und er wählt sein Fluchtverhalten nicht aufgrund einer vorangegangenen Überlegung aus, in der er verschiedene Handlungsalternativen im Hinblick auf das Folgeverhalten des ersten Hundes abwägt. Die soziale Handlung wird zwar kooperativ durch die jeweiligen Teilhandlungen der beteiligten Hunde konstituiert, sie ist jedoch in keinem der Hunde repräsentiert (vgl. Schneider 1994, 129 f. und Mead 1980d, 294).
Eine solche Repräsentation der sozialen Handlung und eine bewußte Verwendung von Gebärden findet sich erst im Fall der Kommunikation zwischen Menschen. Im Unterschied zur unbewußten Kommunikation hat die Gebärde auf der Ebene bewußter Kommunikation nicht allein objektiv durch die interpretierende Anschlußreaktion eine Bedeutung, sondern sie hat auch für die an der sozialen Handlung beteiligten Individuen selbst eine Bedeutung, einen Sinn. D.h. daß das eine Gebärde verwendende Individuum sich der Reaktion, die seine Gebärde bei einem anderen Individuum auslösen wird, bewußt ist und die Gebärde im Hinblick auf die von ihm antizipierte und intendierte Reaktion einsetzt. Die menschlichen Individuen müssen den zunächst objektiven Sinn mithin gleichsam verinnerlichen und dies setzt einen Mechanismus voraus, der in dem die Gebärde verwendenden Individuum tendentiell dieselbe Reaktion hervorruft, wie bei dem Individuum, an das sie gerichtet ist (vgl. Mead 1980e, 320). Einen solchen Mechanismus findet Mead in dem von Wundt entlehnten Konzept der 'Lautgebärde'.
Die Lautgebärde hat die Eigenschaft, daß sie – beispielsweise im Gegensatz zu Mimik und anderem, durch das sie hervorbringende Individuum nicht wahrnehmbaren, körperlichem Ausdrucksverhalten – von dem sie verwendenden Individuum in der gleichen Art und Weise wahrgenommen wird, wie von dem Individuum, an das sie gerichtet ist. Sie ist durch diese Eigenschaft als Bedingung für das Entstehen signifikanter Symbole in ausgezeichneter Weise geeignet. Die Lautgebärde wird aber erst dann zu einem signifikanten Symbol, wenn sie zudem in dem sie verwendenden Individuum die Tendenz auslöst, in der gleichen Art und Weise zu reagieren, wie das zweite an der sozialen Handlung beteiligte Individuum tatsächlich reagiert (vgl. Mead 1980e, 320 ff.). Da nun Lautgebärden nicht allein bei Menschen vorkommen, sondern beispielsweise auch bei Vögeln, Hunden, Löwen etc., bilden sie noch keinen hinreichenden Mechanismus, der die Entwicklung signifikanter Symbole und mithin Sprache erklären kann. Mead nimmt neben der Lautgebärde zudem an, daß die spezifisch menschliche biologische Ausstattung es diesem erlaubt, sich selbst durch den Einsatz von Lautgebärden in derselben Art und Weise anzuregen, zu affizieren, wie das andere die Gebärde wahrnehmende Individuum. Die physiologischen Bedingungen dafür sieht er in der Entwicklung des spezifisch menschlichen Zentralnervensystems und der Großhirnrinde (vgl. Mead 1980e, 322) und darin, daß jedes menschliche Individuum diesbezüglich gleich strukturiert ist:
"Für einen Mechanismus wie den oben beschriebenen ist es notwendig, zunächst irgendeinen Reiz im Sozialverhalten der Mitglieder einer artgleichen Gruppe zu finden, der in dem Individuum, von dem der Reiz ausgeht, die gleiche Reaktion auslöst, die er in den anderen hervorruft. Darüber hinaus müssen die Individuen der Gruppe so gleichartig strukturiert sein, daß der Reiz die gleiche Eigenschaft für das eine wie für das andere Individuum hat. Einen solchen Typ eines sozialen Reizes finden wir in der menschlichen Gesellschaft in der Lautgebärde".(Mead 1980 e, 321).
Jedes menschliche Individuum ist mithin aufgrund seiner physiologischen Konstitution in der Lage, im allgemeinen Erfahrungen zu machen und aus diesen zu lernen und im speziellen durch Erfahrungen im gesellschaftlichen Kontext Intelligenz und Sprachfähigkeit auszubilden. Nachdem nun der physiologische Mechanismus benannt ist, der das Konzept der Lautgebärde notwendigerweise ergänzen muß, können wir uns wieder der Entstehung signifikanter Symbole zuwenden. Das entscheidende Moment für die Entstehung signifikanter Symbole ist damit benannt, daß ein Individuum, vornehmlich durch die Verwendung von Lautgebärden, tendentiell die gleiche Reaktion bei sich selbst wie bei einem anderen auslösen kann. Damit ist allerdings noch keine Antwort auf die Probleme der Entstehung eines "Bewußtseins von Bedeutungen" und mithin signifikanter Symbole ausgehend von der gebärdenvermittelten Kommunikation formuliert. Hierzu ist das Geschehen bei der Verwendung von Lautgebärden im Interaktionszusammenhang zu betrachten.
Ein "Bewußtsein von Bedeutungen" (Mead 1980 b, 210 ff.) und signifikante Symbole entstehen erst, wenn ein menschlicher Organismus als Teilnehmer einer sozialen Handlung bemerkt, daß er sein Verhalten an dem von ihm antizipierten Verhalten des anderen orientiert. Ein Individuum bemerkt dies, sobald die Reaktion des anderen in seine Erfahrung tritt und mit seiner Selbstanregung bzw. Selbstaffektion gekoppelt wird. Mead (1980e, 322) formuliert diesen Sachverhalt wie folgt:
"Wenn also eine Lautgebärde in dem Individuum, welches diese Gebärde macht, eine Tendenz zu der gleichen Reaktion auslöst, die sie in einem anderen hervorruft, und wenn dieser Beginn einer Handlung des anderen in ihm selbst in seine Erfahrung eingeht, so wird das Individuum feststellen, daß es dazu tendiert, sich selbst gegenüber so zu handeln, wie andere ihm gegenüber handeln."
Anders formuliert geht Mead davon aus, daß ein menschlicher Organismus die Bedeutung bzw. den Sinn seiner Gebärden dadurch bewußt erfährt, daß er die Reaktionen des anderen auf sein eigenes ihm zugängliches Tun, bezieht um dieses letztere dann späterhin im Lichte der Reaktionen des anderen zu interpretieren und zu analysieren. Die erste bewußte Erfahrung seines Handelns, die ein Individuum machen kann, ist somit eine Erfahrung der Reaktion des anderen auf die von ihm hervorgebrachte Lautgebärde, die in der Verbindung mit der in ihm selbst ausgelösten Reaktionsbereitschaft eine bewußte Bedeutung erlangt. Im Fortgang eines solchen Prozesses, bei dem die Beteiligten ihre eigenen Reaktionen im Hinblick auf die Gebärden des Gegenübers fortlaufend reflektieren und interpretieren, entstehen für sie gemeinsame, intersubjektive Bedeutungen der unterschiedlichen Gebärden. Es entsteht ein gemeinsamer, gleichsinnig verwendbarer Vorrat signifikanter Symbole (vgl. Wenzel 1990, 70 ff.).
Mead beschränkt nun den Begriff der signifikanten Symbole nicht allein auf Lautgebärden. Auch andere körperliche Gebärden, die die Eigenschaft der Selbstwahrnehmbarkeit mit den Lautgebärden gemein haben, können zu signifikanten Symbolen werden (vgl. Mead 1980 e, 321 f.). So besteht beispielsweise die Gebärdensprache, die gehörlose Menschen verwenden, aus für mindestens zwei Interaktionspartner gleichzeitig sichtbaren Bewegungen.
Signifikante Symbole ermöglichen nun bewußte Kommunikation und die Planung und Koordination komplexer sozialer Handlungen dahingehend, als das jeweilige Individuum seine Symbole nun im Lichte der Antizipation des Folgeverhaltens seitens des oder der anderen reflektiert. Es nimmt somit die Einstellung des anderen ein und übernimmt in diesem Sinne dahingehend die Rolle des anderen, als er dessen erwartbares Verhalten antizipiert, um daran sein eigenes Handeln zu orientieren. Rolle bezeichnet für Mead somit nicht – wie in der Soziologie üblich – ein Set von Verhaltenserwartungen, das an eine bestimmte soziale Position bzw. an einen bestimmten sozialen Status gleichsam objektiv geknüpft ist. Mead versteht unter diesem Begriff vielmehr die konkreten Verhaltenserwartungen, die ein Individuum in einer bestimmten Situation den weiteren an der sozialen Handlung beteiligten Individuen gegenüber hat.
In dem Sinne, als ein Individuum tendentiell dieselbe Reaktion in sich wie auch im anderen hervorruft, ist dann auch die Einstellung im Sinne einer spezifischen Reaktionsbereitschaft der entscheidende Begriff, der die Erklärung von bewußter Kommunikation und mithin des "Bewußtseins von Bedeutungen" ausgehend von außen nach innen, ausgehend von einem beobachtbaren sozialen Handeln ermöglicht, denn das Bewußtsein der Bedeutung eines signifikanten Symbols besteht letztlich in dem Bewußtsein der Einstellung, die den Beginn der Reaktion des anderen bezeichnet. Die Bedeutung des signifikanten Symbols besteht in der antizipierten Reaktion des anderen.
Signifikante Symbole sind einer Gesellschaft nun vornehmlich in Form von Sprache gegeben, so daß Kommunikation mit signifikanten Symbolen auch primär als sprachliche Kommunikation aufzufassen ist. Die innerhalb einer Gesellschaft wesentlichen signifikanten Symbole lernen die Mitglieder einer Sprachgemeinschaft durch die Teilnahme an Kommunikation im Laufe ihrer Sozialisation.
Die bewußte Kommunikation vermittels signifikanter Symbole läßt sich nun anhand des folgenden Beispiels verdeutlichen: Wenn sich eine Person in Not befindet und um Hilfe ruft, dann tut sie dies, weil sie die Einstellung eines möglichen Helfers antizipiert. Sie nimmt sich selbst gegenüber die Einstellung des Helfers ein und wählt daraufhin den Hilferuf als geeignetes Symbol für ihre Zwecke.
Abschließend läßt sich nun zusammenfassen, daß George Herbert Mead seine Theorie der Kommunikation als zentrales Theoriestück einer Sozialpsychologie formuliert, der es um die Erklärung der Genese von Geist und Identität im sozialen Kontext und mithin um eine Erklärung des Zustandekommens von sprachlicher Intersubjektivität geht. Mead steht dabei in der Tradition des von Charles Sanders Peirce begründeten amerikanischen Pragmatismus, der Evolutionstheorie Charles Darwins, des von Kant , Fichte , Schelling und Hegel geprägten deutschen Idealismus sowie des Behaviorismus nach John Broadus Watson. Mead betrachtet das Verhalten und Erfahren des Einzelnen in dem gesellschaftlichen Zusammenhang, in dem dieser lebt und geht davon aus, daß die grundlegenden Erfahrungen, die ein menschlicher Organismus machen kann, soziale Erfahrungen sind, die dieser während seiner Teilnahme an sozialen Handlungen macht. Soziale Handlungen sind kooperative Tätigkeiten, an denen mindestens zwei Organismen beteiligt sind, die ihre synkopierten Handlungen dahingehend kommunikativ koordinieren, als das Verhalten des einen als Reiz für das Verhalten des anderen fungiert. Kommunikation findet Mead zufolge allerdings nicht allein in menschlichen Gesellschaften, sondern auch im Zusammenleben von Tieren statt.
Dabei unterscheidet Mead zwei Typen der Kommunikation: zum einen unbewußte und zum anderen bewußte Kommunikation. Unbewußte Kommunikation findet sich gleichermaßen im Zusammenleben von Tieren und von Menschen, während bewußte Kommunikation spezifisch menschlich ist. Unbewußte Kommunikation, die bei Menschen den Ausgangspunkt für die Genese bewußter Kommunikation bildet, ist durch Gebärden vermittelt. Gebärden sind synkopierte Handlungen einzelner Organismen, die als Reiz für eine bestimmte Reaktion seitens eines weiteren Organismus, der an derselben sozialen Handlung beteiligt ist, fungieren. In diesem Fall haben die einzelnen Gebärden zwar insofern objektiv eine Bedeutung, als sie auf eine spezifische Reaktion und eine spezifische Gesamthandlung bezogen sind, sie sind aber nicht für die an der Kommunikation beteiligten Organismen selbst bedeutsam. Im Unterschied zu der in diesem Sinne unbewußten Kommunikation zeichnet sich bewußte Kommunikation eben dadurch aus, daß die Individuen, die die Gebärden verwenden, auch eine Bedeutung mit diesen verbinden. Wenn eine Gebärde für das sie verwendende Individuum dasselbe bedeutet wie für den Adressaten der Äußerung, so handelt es sich um ein signifikantes Symbol.
Als Voraussetzung für die Entstehung signifikanter Symbole müssen Menschen zum einen über artspezifische physiologische Mechanismen, wie die Großhirnrinde, verfügen, die sie dazu befähigen, (Selbst-) Bewußtsein und Sprache zu entwickeln, zum anderen müssen sie über eine Form der Gebärde verfügen, die in dem sie einsetzenden Organismus tendentiell die gleiche Reaktion auslöst wie bei dem Organismus, an den sie gerichtet ist. Mead sieht in der Lautgebärde einen solchen Mechanismus, da sie im Gegensatz zu Mimik und anderen körperlichen Ausdrucksbewegungen von dem sie verwendenden Organismus am besten in derselben Weise wahrgenommen werden kann, wie sie von einem anderen wahrgenommen wird. Durch ihre Eigenschaft der Selbstwahrnehmbarkeit führt sie zudem zur Selbstaffizierung eines menschlichen Organismus. Aufgrund dieser Eigenschaften der Lautgebärde können sich im Interaktionsprozeß zwischen mindestens zwei menschlichen Organismen signifikante Symbole herausbilden.
Die systematische Einordnung des Werkes von George Herbert Mead ist aus verschiedenen Gründen verhältnismäßig schwierig. Mead selbst hat zu seinen Lebzeiten kein einziges Buch geschrieben oder ein zusammenhängendes Theoriekonzept vorgelegt. Es existiert lediglich eine Reihe von Aufsätzen, die aufgrund ihrer thematischen Vielfalt unterschiedlichen Disziplinen (u.a. Philosophie, Psychologie, Soziologie, Pädagogik, Theologie) zugeordnet werden können. Daß Mead heute trotzdem als ein "Klassiker" gilt, verdankt sich zum größten Teil der Tatsache, daß nach seinem Tod Mitschriften seiner Vorlesungen veröffentlicht wurden. So stammt auch sein meistgelesenes Werk, das von Charles William Morris herausgegebene "Mind, Self, and Society" (1934; dt. 1968 "Geist, Identität und Gesellschaft"), nicht von Mead selbst. Das Buch entstand aus studentischen Mitschriften seiner von 1900 bis zu seinem Tod im Jahr 1931 an der University of Chicago gehaltenen Vorlesungen über Sozialpsychologie.
"Dieses Buch ersetzt in der Intention seiner Herausgeber das fehlende System der psychologischen und sozialpsychologischen Ideen Meads [...]. Bei allem Nutzen dieses Textes ist aber zu bedenken, daß er in der Präzision und Zuverlässigkeit durch den Charakter einer Vorlesungsmitschrift gemindert und zudem durch den Herausgeber zum Teil nach sehr unklaren Maßstäben bearbeitet ist." (Joas 1980a, 9)
Unklar bleibt z.B., ob die Bezeichnung "Sozialbehaviorismus" für die von Mead vertretene Richtung von ihm selber stammt, wie der Text nahelegt ("Unser Behaviorismus ist ein Sozialbehaviorismus." Mead 1968, 44), oder ob er, wie Morris in seiner Einleitung schreibt, "von Mead nicht selbst verwendet" (Morris 1968, 19) wurde. Mit dem Behaviorismus ist jedenfalls bereits eine der wichtigen Strömungen genannt, die das Denken zur Zeit Meads beeinflußten und die es im folgenden zu beleuchten gilt.
Neben dem Behaviorismus, mit dem sich Mead kritisch auseinandersetzt, sind es besonders die Evolutionstheorie Charles Darwins, der amerikanische Pragmatismus und der deutsche Idealismus, die sein Werk beeinflussen. Die Kennzeichnung seines Ansatzes als "Sozialbehaviorismus" – ob nun von Mead selber vorgenommen oder nicht – markiert eine Abgrenzung zum Behaviorismus, wie er von dem Begründer dieser Richtung, dem amerikanischen Psychologen John Broadus Watson (1878-1958) vertreten wurde. In dem Bemühen, die Psychologie methodisch den Naturwissenschaften anzugleichen, unternahm der Behaviorismus den Versuch, tierisches wie menschliches Verhalten ohne Bezugnahme auf innerpsychische Vorgänge zu beschreiben und zu erklären.
Solche nur über Introspektion zu gewinnenden Vorgänge finden demnach in einer "Black Box" statt, über die man keine wissenschaftlichen Aussagen machen kann. Statt dessen soll das Verhalten von Lebewesen mit Hilfe des Reiz-Reaktions-Modells (stimulus-response-model) erklärt werden, demzufolge Verhalten als Reaktion auf einen bestimmten Umweltreiz verstanden wird. Die Entwicklung eines Organismus kann dann als ein Lernprozeß der verschiedenen Reiz-Reaktions-Verbindungen betrachtet werden. Während Mead dieser Methode im Falle der Tierpsychologie zustimmt, da man sich hier nicht auf die Introspektion beziehen kann, hält er sie für die Erklärung menschlichen Verhaltens für reduktionistisch und somit unangemessen. Mead betont, daß auch innere Erfahrungen insofern "behavioristisch" untersucht werden können, als sie von äußerlich beobachtbarem Verhalten ableitbar sind.
"Man muß nur darauf bestehen, daß objektiv sichtbares Verhalten seinen Ausdruck im Individuum findet, und zwar nicht so, als ob es in einer anderen, subjektiven Welt stattfände, sondern innerhalb seines Organismus." (Mead 1968, 43)
Aus dem deutschen Idealismus, also aus der Philosophie Kants und – daran anschließend – Fichtes, Schellings und vor allem Hegels , übernimmt Mead die Vorstellung, daß der Mensch ein mit Geist ausgestattetes, vernünftiges Subjekt ist, daß in der Lage ist, sich und seine Umwelt bewußt zu erkennen und zu verändern. Eine für Meads Bild des deutschen Idealismus prägende Gestalt war der Neuhegelianer Josiah Royce (1855-1916), dessen Philosophievorlesungen er an der Harvard University besuchte (vgl. Joas 1989, 22 f.). Meads Konzeption des Selbst als Synthese von "I" und "me" kann als die Überwindung des vom Idealismus hinterlassenen Desiderats der Konstitution des Subjekts, das er lediglich postuliert, aber nicht erklären kann, angesehen werden. Die philosophische Richtung, der Mead zeit seines Lebens am nächsten stand und die er entscheidend mitbeeinflußte, ist die des amerikanischen Pragmatismus. Begründet von Charles Sanders Peirce (1839-1914) und weitergeführt von Meads Lehrern William James (1842-1910) und John Dewey (1859-1952), vertritt der Pragmatismus die Ansicht, daß Denken immer auf Handeln (griech. pragma) und die Lösung von Handlungsproblemen bezogen ist. Denken ist demnach
"Problemlösen, das nicht von unserem subjektiven Wollen, sondern von der unabhängigen, wenn auch gemeinsam interpretierten Realität abhängt und nur nach bestimmten Regeln erfolgen kann [...]. Denken ist kein Selbstzweck, sondern notwendiges Mittel zur Lebensbewältigung." (Martens 1975, 42)
Wie der gesamte amerikanische Pragmatismus ist das Werk George Herbert Meads wesentlich durch die Evolutionstheorie des britischen Naturforschers Charles Darwin (1809-1882) beeinflußt. Dessen 1859 erschienenes Buch On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life bedeutete nicht nur auf dem Gebiet der Biologie eine wissenschaftliche Revolution. Hans Joas bezeichnet Darwin als "Schlüsselgestalt" in der Entwicklung des Meadschen Ansatzes, dessen
"Grundmodell des Organismus in einer Umwelt, an die er sich anpassen muß, um zu überleben, [dazu verhilft], alles Wissen im Verhalten und alles Verhalten in naturbedingten Notwendigkeiten der Reproduktion seiner selbst und der Art zu fundieren, anstatt vom Bewußtsein eines vorgeordneten Ich aus Verhalten und Außenwelt nachträglich ableiten zu wollen." (Joas 1989, 56)
Die Sozialtheorie George Herbert Meads hat die Sozialwissenschaften entscheidend beeinflußt. Aus der Fülle der Theoretiker, die sich implizit oder explizit auf Mead beziehen, seien hier nur die aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive wichtigsten kurz genannt. Zu seinen Lebzeiten kann aus den eingangs genannten Gründen von einer Wirkung seines Werkes nur innerhalb des engen Kreises der Chicagoer Universität, an der er tätig war, gesprochen werden. Nach seinem Tod wird seine Wirkungsgeschichte zunächst hauptsächlich vom sogenannten "Symbolischen Interaktionismus" geprägt. Dabei handelt es sich um eine Richtung, die sich explizit auf Mead beruft und deren erklärtes Ziel es ist, seine Sozialtheorie fortzuführen. Ihr Begründer ist Meads Schüler Herbert Blumer (1900-1987). Der Begriff ist von dem Meadschen Terminus "symbolische Interaktion" abgeleitet, stammt aber nicht von Mead selbst, sondern von Blumer (vgl. Abels 1998, 43). Im Symbolischen Interaktionismus wird der individuelle, nicht durch Normen und Regeln vorgegebene Anteil des menschlichen Handelns in Interaktionssituationen hervorgehoben. Menschen schaffen und verändern demnach ihre Realität durch Interaktionen ständig neu, indem sie gemeinsame Symbole produzieren, die als Orientierungsgrundlage dienen, aber auch jederzeit revidiert und neu definiert werden können. Die jeweilige Definition der Situation ist also nicht vorgegeben, sondern wird immer wieder neu ausgehandelt.
Mit der Betonung der Kreativität der an Interaktionsprozessen beteiligten Individuen bezieht sich Blumer einerseits auf die auch von Mead hervorgehobene Tatsache, daß das Handeln nicht durch äußere oder innere Strukturen determiniert ist, andererseits werden andere wichtige Bereiche der Meadschen Theorie vernachlässigt, wie
"die Bedeutung der unabhängig vom einzelnen Individuum bestehenden sozialen Normen und Symbole [...]. Auch fehlt im Symbolischen Interaktionismus die für Mead so zentrale Bezugnahme auf die Naturbasis, die biologischen Grundlagen der symbolisch vermittelten Interaktion, sowie auf Evolution und Geschichte." (Preglau 1997, 65).
Vermittelt über den Symbolischen Interaktionismus beeinflußt Meads Werk auch die mit den Namen Harold Garfinkel und Aaron Cicourel verbundene Ethnomethodologie. Die Ethnomethodologie unternimmt den Versuch, die der Ethnologie entlehnte Methode der verstehenden Rekonstruktion von Handlungssituationen durch teilnehmende Beobachtung auf alltägliche Interaktionssituationen anzuwenden. Auch Erving Goffman (1922-1982) stützt sich zum Teil auf Mead (vgl. z. B. Goffman 1982, 367), allerdings ist auch seine Rezeption zumindest ungenau:
"Was ein Individuum, für sich selbst ist, ist nicht etwas, was es erfunden hätte, sondern das, was sich bei den ihm gegenüberstehenden signifikanten Anderen als Erwartung in bezug auf es herausgebildet hat, als was sie es behandelt haben, und als was es schließlich sich selbst sehen mußte, um auf ihre Reaktionen ihm gegenüber reagieren zu können. Mead hatte nur darin Unrecht, daß er glaubte, die einzigen relevanten Anderen wären diejenigen, die dem Individuum anhaltende und besondere Aufmerksamkeit zu schenken bereit seien" (ebd.).
Mead betont im Gegensatz dazu in seinem Identitätskonzept die Wichtigkeit der Übernahme des "generalisierten Anderen", also der "Haltungen der organisierten Gesellschaft oder gesellschaftlichen Gruppe als Ganzer" (Mead 1968, 197). Auch kommt der Terminus "signifikanter Anderer" bei Mead an keiner Stelle vor, auch wenn das in der Sekundärliteratur immer wieder so dargestellt wird (vgl. z.B. Preglau 1997, 60; Abels 1998, 27 ff.). Der Begriff "significant other" wurde vielmehr in Anlehnung an Mead von dem amerikanischen Psychiater Harry Stack Sullivan (1892-1949) eingeführt (Sullivan 1940, vgl. auch Hurvitz 1992).
Auch Peter L. Berger (geb. 1929) und Thomas Luckmann (geb. 1927) erklären in ihrem einflußreichen Buch "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit" (1969): "Den Ausdruck 'significant other' hat George Herbert Mead geprägt" (Berger/Luckmann 1969, 51, Fußnote 6). Neben Alfred Schütz nennen sie Mead als einen ihrer wesentlichen Einflußfaktoren, dessen "Theorie der Sozialisation" (a.a.O., 141, Fußnote 3) sie in ihren wissenssoziologischen Entwurf übernehmen. Mit dem Erscheinen von "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit" wurde erstmals auch in Deutschland eine größere Leserschaft auf Mead aufmerksam.
Der größte Einfluß auf die Mead-Rezeption in Deutschland ging allerdings von Jürgen Habermas (geb. 1929) aus, der Meads Theorie der Entstehung sprachlicher Symbole und der Entwicklung der Ich-Identität an zentraler Stelle in seine "Theorie des kommunikativen Handelns" (1981) einfließen läßt. Habermas bezeichnet Mead als "in der Tat zentral für meinen ganzen Ansatz" (Habermas zit. n. Horster 1990, 30). Wie Mead geht Habermas davon aus, daß sich Ich-Identität nur dadurch konstituieren kann, daß Individuen als sprach- und handlungsfähige Subjekte in eine intersubjektiv geteilte Lebenswelt hineinwachsen. Sprache und Identität sind immer schon in Interaktionszusammenhänge eingebunden. Durch die Orientierung an (generalisierten) Anderen erkennt das Subjekt, daß es auf der einen Seite mit allen anderen Gesellschaftsmitgliedern gleich ist, auf der anderen Seite aber als Individuum sich von allen anderen Individuen unterscheidet. Dies ist die Grundvoraussetzung für das Konzept des kommunikativen Handelns.
Eine weitere wichtige Figur für die Mead-Rezeption in Deutschland ist Hans Joas, der erstmals eine Rekonstruktion des Meadschen Ansatzes anhand der zahlreichen hinterlassenen Aufsätze, die Mead zu seinen Lebzeiten verfaßt hat, unternimmt. Sein eigenes Konzept der "Kreativität des Handelns" stützt sich ebenfalls maßgeblich auf Mead.
Der Ausgangspunkt der Sozialpsychologie George Herbert Meads, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Entstehung von "Bewußtsein", "Geist" und "Identität" zu erklären, ist nicht das einzelne Individuum, sondern immer das gesellschaftliche Ganze. Entwicklungslogisch bedeutet dies, daß soziale Interaktion nicht das Ergebnis, sondern die Voraussetzung der genannten Eigenschaften ist.
"Anzusetzen ist also nicht wie in der Aristotelischen oder Descartschen Tradition beim Individuum als einem mit Geist ausgestatteten Wesen, sondern bei biologisch evolutionär motivierten Interaktionsprozessen."(Wagner 1993, 30)
Die Beschreibung solcher Interaktionsprozesse erfolgt bei Mead stets in der behavioristischen Terminologie als Abfolge von Reizen und Reaktionen. Mead distanziert sich allerdings von einem Behaviorismus Watsonscher Prägung, der sich ausschließlich auf beobachtbares Verhalten richtet und demzufolge innerpsychische Zustände wissenschaftlich nicht untersuchbar sind, da sie in einer "Black Box" stattfinden.
Soziale Handlungen sind nach Mead dadurch charakterisiert, daß das Verhalten eines Individuums einen Reiz für ein anderes darstellt, in einer bestimmten Weise zu reagieren, die wiederum das erste Individuum betrifft. Der Sinn bzw. die Bedeutung (meaning) solchen Verhaltens leitet sich aus der Reaktion ab und ist den beteiligten Individuen nicht notwendigerweise bewußt. Auch tierisches Verhalten hat in diesem Sinne eine Bedeutung, der sich das Tier, im Gegensatz zum Menschen, aber nicht reflexiv zuwenden kann. Zur Beschreibung sozialen Verhaltens bedient sich Mead des Wundtschen Begriffs der Gebärde.
"Gebärden sind Reste ursprünglich voll ablaufender Akte, die durch Inhibition jener Akte zustandekommen und deren evolutionsgeschichtlicher Vorteil in der Anpassung des Verhaltens der Lebewesen aneinander liegt."(Wagner 1993, 32)
Gebärdenvermittelte Kommunikation läuft unbewußt ab und findet sowohl bei Menschen als auch bei Tieren statt. Eine besondere Art der Gebärde ist die Lautgebärde, die den entscheidenden Vorteil hat, daß sie von allen beteiligten Individuen, d.h. sowohl vom sie verwendenden Individuum, als auch von demjenigen, an den sie gerichtet ist, in der gleichen Weise wahrgenommen werden kann. Dies gilt für Menschen und Tiere gleichermaßen.
Das Merkmal, das nach Mead den Menschen wesentlich vom Tier unterscheidet, ist seine Fähigkeit, mittels signifikanter Symbole, d.h. mittels Gebärden, die im Individuum selbst die gleiche Reaktion auslösen wie im Gegenüber, zu kommunizieren. Signifikante Symbole sind stets gesellschaftlich vermittelte, d.h. in und durch Interaktion entstandene Allgemeinbegriffe. Durch signifikante Symbole in Form von Sprache ist der Mensch sowohl in der Lage, das instinkthafte Reiz-Reaktions-Schema zu verlassen und seine Handlungen vor dem Hintergrund vergangener Erfahrungen denkend zu planen und zu kontrollieren (Sprache als Voraussetzung des Denkens), als auch mit anderen Menschen bewußt zu kommunizieren. Interaktionsprozesse sind also die Voraussetzung für Sprache, Denken und auch für die Entwicklung der Identität und des Selbst (self), um das es im folgenden gehen soll.
"Identität entwickelt sich; sie ist bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden, entsteht aber innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, das heißt im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu diesem Prozeß als Ganzem und zu anderen Individuen innerhalb dieses Prozesses."(Mead 1968, 177)
In der deutschen Übersetzung von Mind, Self, and Society (Geist, Identität und Gesellschaft, 1968), aus der hier hauptsächlich zitiert wird, wird der Begriff self durchweg mit "Identität" übersetzt. Wir verwenden statt dessen den Begriff "Selbst", da er dem amerikanischen Original näherkommt.
Zunächst ist festzuhalten, daß das Selbst nicht identisch mit dem Körper eines Individuums ist und daß die Wahrnehmung des Selbst nicht identisch mit der Körperwahrnehmung ist, denn:
"Der Körper erfährt sich selbst nicht in dem Sinn als ein Ganzes, in dem die Identität in die Erfahrung eintritt."(Mead 1968, 178)
Die Körperwahrnehmung ist vielmehr fragmentarisch, und die einzelnen Teile des Körpers werden wie Objekte wahrgenommen. Man kann seinen eigenen Fuß berühren oder betrachten genauso wie irgendein anderes Objekt außerhalb des Körpers. Die Feststellung, daß dieser Fuß "zu mir" gehört, erfordert das Bewußtsein von einem über diese Wahrnehmung hinaus bestehenden Selbst, auf das die einzelnen Körperwahrnehmungen bezogen werden können.
Das entscheidende Merkmal des Selbst ist, daß es sich selbst als ein Objekt betrachten kann. Ein Individuum kann seine Aufmerksamkeit auf Objekte oder Mitmenschen in seiner Außenwelt, auf seine eigenen Handlungen oder auf sich selbst als handelnde Person lenken. Es kann über sich selbst reflektieren und selbst diese Reflexionen wieder zum Objekt des Bewußtseins machen. Sprachlich läßt sich diese Objektivierung etwa mit dem Satz "Ich denke über mich nach" verdeutlichen. Hier wird eindeutig zwischen dem Subjekt ("Ich") und dem Objekt ("mich") unterschieden; die beiden sind nicht identisch, auch wenn es sich um ein und dieselbe Person handelt. Sobald ich mich mir selbst reflexiv zuwende, fallen "I" und "me", um die Meadschen Begriffe zu verwenden, auseinander. Die Frage, die sich aus dieser Beschreibung des Selbst ergibt, formuliert Mead wie folgt:
"Wie kann ein Einzelner (erfahrungsgemäß) so aus sich heraustreten, daß er für sich selbst zum Objekt wird? Das ist das entscheidende psychologische Problem der Identität oder des Bewußtseins; die Lösung ergibt sich dadurch, daß man sich an den gesellschaftlichen Verhaltensprozeß hält, in den die jeweilige Person eingeschaltet ist. [...] Der Einzelne erfährt sich - nicht direkt, sondern nur indirekt - aus der besonderen Sicht anderer Mitglieder der gleichen gesellschaftlichen Gruppe oder aus der verallgemeinerten Sicht der gesellschaftlichen Gruppe als Ganzer, zu der er gehört. Denn er bringt die eigene Erfahrung als einer Identität oder Persönlichkeit nicht direkt oder unmittelbar ins Spiel, nicht indem er für sich selbst zu einem Subjekt wird, sondern nur insoweit, als er zuerst zu einem Objekt für sich selbst wird, genauso wie die anderen Individuen für ihn oder in seiner Erfahrung Objekte sind; er wird für sich selbst nur zum Objekt, indem er die Haltungen anderer Individuen gegenüber sich selbst innerhalb einer gesellschaftlichen Umwelt oder eines Erfahrungs- und Verhaltenskontextes einnimmt, in den er ebenso wie die anderen eingeschaltet ist. Die Bedeutung der 'Kommunikation' liegt in der Tatsache, daß sie eine Verhaltensweise erzeugt, in der der Organismus oder das Individuum für sich selbst zum Objekt werden kann." (Mead 1968, 180)
Nicht nur die Art wie, sondern auch die grundsätzliche Fähigkeit, daß der Mensch ein Selbst entwickelt, dem er sich reflexiv zuwenden kann, ist sozial bedingt. Bei der Kommunikation mittels signifikanter Symbole, insbesondere bei der Verwendung von Lautgebärden in Form von Sprache, wendet sich das Individuum in gleichem Maße an sich selbst, wie es sich an andere richtet. Es löst in sich die gleichen Reaktionen aus, wie im anderen. Das bedeutet nicht, daß sich beide im Anschluß an die Gebärde gleich verhalten; es bedeutet vielmehr, daß die Gebärde für beide den gleichen Sinn hat, und zwar deswegen, weil sich beide mit den Augen des jeweils anderen auf sie als Objekt beziehen können. Wenn man z.B. etwas zu einem anderen sagt, dann sagt man es gleichzeitig auch zu sich selbst und kontrolliert das Gesagte während der Rede. Während man spricht, entscheidet man, ob das Gesagte verständlich, sinnvoll usw. ist und bestimmt danach die Art, wie man weiterredet. Dabei orientiert man sich nicht nur an den sichtbaren Reaktionen des Gegenübers, sondern auch an den Reaktionen, die das Gesagte in einem selbst auslöst (vgl. dazu den anschaulichen Aufsatz von Heinrich von Kleist: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden, in: Kleist 1985).
"Unter sinnvoller Sprache verstehen wir, daß die Handlung so beschaffen ist, daß sie den Einzelnen selbst beeinflußt, und daß die Wirkung auf den Einzelnen Teil der intelligenten Abwicklung des Gespräches mit anderen ist." (Mead 1968, 183)
Der Einzelne muß also in der Lage sein, sich selbst und sein eigenes Verhalten mit den Augen der anderen zu sehen, er muß die Rolle des anderen (the rôle of the other) einnehmen können. In einer prägnanten Formulierung Meads (1980e, 327):
"Wir müssen andere sein, um wir selbst sein zu können."
Die Entstehung dieser Fähigkeit erläutert Mead anhand des kindlichen Spielens mit der Unterscheidung von play und game. Die ersten Spiele des Kleinkindes bestehen darin, daß es die Rollen seiner verschiedenen Bezugspersonen übernimmt und von deren Standpunkt aus handelt und denkt. Bei einem solchen Rollenspiel (play) spielt es z.B. Mutter, Vater, Lehrer(in) oder Verkäufer(in), wobei es während des Spielens in der Lage ist, die Rollen ständig zu wechseln.
Es ist charakteristisch für ein solches Spielen, daß das Kind dabei "Selbstgespräche" führt, wobei es sich abwechselnd in die verschiedenen Rollen begibt und z.B. als Mutter zu sich selbst als Vater spricht. Es muß sich also in seiner Phantasie die Reaktionen der anderen vorstellen können, um sie dann nachzuahmen. Mit den Worten Meads (1968, 193):
"Es hat in sich Reize, die in ihm selbst die gleiche Reaktion auslösen wie in anderen. Es nimmt diese Reaktionen und organisiert sie zu einem Ganzen. Das ist die einfachste Art und Weise, wie man sich selbst gegenüber ein anderer sein kann."
Die Phase des play ist die erste Stufe der Entwicklung des Selbst, sie ist
"der erste Schritt der sozialen Strukturierung des physiologischen Organismus, der Beginn der Transformation des bloßen Objekt-Seins [...]. Doch führt das 'play' nicht zu einer endgültigen sozialen Strukturiertheit des Selbst." (Wagner 1993, 47)
Das Kind schafft sich in seiner Phantasie Interaktionssituationen, in denen es die Standpunkte und Rollen konkreter Anderer einnehmen kann; es kann jedoch permanent zwischen den verschiedenen Rollen wechseln, und was es in dem einen Moment spielt, determiniert nicht das Verhalten im nächsten. Deshalb kann man strenggenommen
"auch nicht sagen, es tut so, als ob es der andere wäre, sondern es ist der andere in diesem Augenblick." (Abels 1998, 27)
Anders ist dies, sobald das Kind in der Lage ist, an organisierten Wettspielen (games) teilzunehmen:
"Das spielende Kind muß hier bereit sein, die Haltung aller in das Spiel eingeschalteten Personen zu übernehmen, und diese verschiedenen Rollen müssen eine definitive Beziehung zueinander haben." (Mead 1968, 193)
Bei einfachen Wettspielen, wie Verstecken oder Fangen, sind es im Prinzip nur zwei unterschiedliche Rollen, die das Kind antizipieren muß; bei komplexeren Spielen können es unbegrenzt viele sein. So muß z.B. beim Fußballspiel jeder Spieler über die verschiedenen Aufgaben von Verteidigern, Mittelfeldspielern und Stürmern Bescheid wissen. Kleinkinder können dies noch nicht und neigen dazu, sich beim Fußballspielen grundsätzlich dahin zu bewegen, wo der Ball gerade ist.
Ein entscheidender Unterschied zwischen play und game ist, daß das letztere nach Regeln gespielt wird, die die Spieler beherrschen müssen. Diese Spielregeln schreiben die Rollen der einzelnen Teilnehmer fest.
"Die Regeln sind also eine Gruppe von Reaktionen, die eine bestimmte Haltung auslösen. Man kann eine bestimmte Reaktion von anderen fordern, wenn man selbst eine bestimmte Haltung einnimmt. Alle diese Reaktionen sind auch in einem selbst. [...] Das Wettspiel repräsentiert im Leben des Kindes den Übergang von der spielerischen Übernahme der Rolle anderer zur organisierten Rolle, die für das Identitätsbewußtsein im vollen Wortsinn entscheidend ist." (Mead 1968, 194)
Die organisierte Gruppe, in der das Individuum seine einheitliche Identität entwickelt, bezeichnet Mead als den "generalisierten Anderen" (generalized other). Der Mensch verinnerlicht in seiner Entwicklung die verschiedenen Einstellungen, das Werte- und Normensystem der Gesellschaft, zu der er gehört, und zwar nicht nur in Bezug auf sich selbst, sondern auch im Hinblick auf die Gesellschaft als Ganzes und die Beziehungen ihrer Mitglieder untereinander. Er internalisiert somit den generalisierten Anderen, und nur dadurch, daß er die Einstellungen und Rollen der anderen innerhalb der organisierten Gruppe genauso gegenüber sich selbst, wie gegenüber allen anderen einnimmt, ist er in der Lage, seine eigene Identität zu entwickeln und zu stabilisieren.
Die Wahrnehmung des eigenen Selbst geschieht immer in der Form des "me", das man mit Mead (1968, 218) als "die organisierte Gruppe von Haltungen anderer, die man selbst einnimmt" definieren kann. Das Selbst besteht aber nicht nur aus diesem "me", ansonsten wären weder individuelle Unterschiede zwischen den Menschen, noch spontanes Handeln oder gesellschaftliche Neuerungen möglich. Daneben gibt es einen unberechenbaren Faktor des Selbst: das "I", d.i. die jeweils aktuelle Reaktion auf diese Haltungen.
Wenn man eine bestimmte Handlung in einer bestimmten Situation ausführen will, so kann man diese Situation und die verschiedenen Handlungsalternativen unter verschiedenen Perspektiven abwägen, d.h. man kann im Hinblick auf die Situation und sein eigenes voraussichtliches Handeln verschiedene Einstellungen anderer einnehmen. Diese Einstellungen machen das "me" aus. Das "me" definiert also die Situation, auf die das "I" reagiert. Wie diese Reaktion ausfällt, ist aber weder für das handelnde Individuum selbst, noch für seine Umgebung vollständig vorherbestimmbar. Das "I" sorgt in jeder Situation für ein gewisses Maß an Kontingenz.
Ein zweiter wesentlicher Aspekt bei der Bestimmung von "I" und "me" betrifft ein zeitphilosophisches Problem (vgl. Wagner 1993, 50 ff; Joas 1989, 164 ff.): Wenn "ich" über "mich" (als Objekt) nachdenke, dann kann ich nicht gleichzeitig über das nachdenkende "ich" nachdenken. Ich kann mir meines "I" erst im Nachhinein bewußt werden.
"Das 'I' ist demzufolge nicht in der Unmittelbarkeit des Handelns, sondern nur in der Erinnerung begreifbar; in der Erinnerung aber ist es bereits ins 'me' integriert und setzt demnach ein anderes 'I' voraus, das beobachtet."(Wagner 1993, 51)
In der eigenen Erfahrung tritt es nur "als historische Figur" (Mead 1968, 218) auf. Man kann sagen "Ich habe das und das gemacht", aber erst, nachdem man es tatsächlich gemacht hat.
"Selbst wenn man sagt, man wisse, was man im nächsten Moment tun werde, kann man sich täuschen. Man beginnt mit einer Tätigkeit, doch kommt irgendetwas dazwischen. Die sich daraus ergebende Handlung ist immer ein wenig verschieden von dem, was man voraussehen konnte. Das gilt sogar für das ganz einfache Gehen." (Mead 1968, 220)
In der Erfahrung des Selbst sind also "me" und "I" zwei unterschiedliche Instanzen; das me (bzw. die verschiedenen mes) steht dabei für die Haltungen anderer, die man selbst einnimmt, und ermöglicht so eine Bestimmung der Situation und ein Abwägen, welche Art des Handelns in dieser Situation angemessen ist. Demgegenüber steht das "I" für die tatsächliche Reaktion des Einzelnen, die niemals vollständig vom me determiniert werden kann. Aus der Erfahrung dieser "Dialektik von 'I' und 'me'" (Wagner 1993, 76) resultiert das Gefühl von Spontaneität, Handlungsfreiheit und Individualität des eigenen Selbst.
"Gäbe es diese beiden Phasen nicht, so gäbe es keine bewußte Verantwortung und auch keine neuen Erfahrungen" (Mead 1968, 221).
Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß das Selbst, gemäß Meads sozialpsychologischem Ansatz, ebenso wie Denken, Geist und Sprache nur in und durch Interaktionen, also in einem gesellschaflichen Prozeß entstehen können. Das Selbst ist nicht identisch mit dem Körper, es muß sich vielmehr erst ein Selbst gebildet haben, auf das die verschiedenen Körperwahrnehmungen bezogen werden können. Die Entwicklung des Selbst verdeutlicht Mead an der Entwicklung des kindlichen Spielens, wobei im play die Rollenübernahme eingeübt wird, aber erst im game, mit der Verinnerlichung des generalisierten Anderen, eine vollständig organisierte Identität herausgebildet werden kann. Das Selbst konstituiert sich aus der Dialektik von "I" und "me", wobei das "me" die Situation definiert, auf die das "I" in nicht vollständig vorhersehbarer Weise reagiert. Das Selbst ist insofern zwar immer in den gesellschaftlichen Prozeß eingebunden und ohne ihn nicht denkbar, aber nicht vollständig durch ihn festgelegt.
Mead erklärt im Rahmen seiner Sozialpsychologie die Genese von Bewußtsein, Sprache, Denken, Geist und Selbst des Einzelnen ausgehend von dessen Beteiligung an sozialen Handlungen. Indem er dies tut, umgeht er auch das Problem einer artifiziell wirkenden Lösung des Problems der Intersubjektivität. Dies besteht bei Mead grundlegend in der Frage danach, wie zwei autonome und füreinander wechselseitig nicht transparente Bewußtseine zu einem für kommunikative Zwecke hinreichend gemeinsamen Wissensvorrat in Form einer gemeinsamen Sprache gelangen können (vgl. Joas 1980, 18 ff.). Es geht Mead in diesem Sinne um "sprachliche Intersubjektivität" (vgl. ebd.). Dieses Problem läßt sich, Mead zufolge, nicht von solchen Theorien zufriedenstellend lösen, die die Welt im allgemeinen und die soziale Welt im speziellen, ausgehend vom individuellen Bewußtsein zu erfassen suchen. Das menschliche Individuum bewegt sich, diesen Theorien folgend, in der Welt und wirkt auf diese ein, indem es sein Verhalten bewußt plant und dementsprechend handelt. Nach demselben Muster wird in solchermaßen individualistischen Handlungstheorien Kommunikation als eine auf einen anderen gerichtete Mitteilungshandlung aufgefaßt, der eine bestimmte Intention, eine bewußte Absicht seitens des Sprechers zugrunde liegt.
Diesen Theorien ist nach Mead (vgl.1968, 99 f.) nun gemeinsam, daß sie Bewußtsein und Bewußtseinsinhalte voraussetzen und deren Konstitution mithin nicht erklären können. Es bleibt dadurch im Dunkeln, wie die theoretisch schon immer über Bewußtsein und Bewußtseinsinhalte verfügenden Individuen einen gemeinsamen Wissensvorrat und eine gemeinsame Sprache aufbauen können. Am Beispiel der entsprechenden Versuche von Darwin, Wundt und Royce, die Genese von Sprache zu erklären, zeigt Mead die Unzulänglichkeiten des genannten theoretischen Ausgangspunktes auf.
Mead hingegen geht nun davon aus, daß alle dem Menschen im Unterschied zum Tier zugesprochenen Merkmale, wie Rationalität, Intelligenz, Geist und Identität bzw. Selbstbewußtsein, aus seinem jeweiligen und dauerhaften Eingebundensein in soziale Handlungszusammenhänge resultieren. Mead kann mit seiner derart angelegten Theorie dann zum einen das Konstitutionsproblem höherer kognitiver Fähigkeiten, wie auch das sozialtheoretisch grundlegende Problem der (sprachlichen) Intersubjektivität aus seiner sozialbehavioristischen Perspektive angehen und lösen.
Im Rahmen dieses Kapitels wenden wir uns nun Meads Begriff des Geistes (mind) und seiner Konstitution ausgehend von sozialen Handlungen zu.
Als wesentliches Merkmal von Geist, als einer typisch menschlichen Fähigkeit, nennt Mead die "reflektive Intelligenz" (Mead 1968, 159). Im Unterschied zum Tier verfügen Menschen über die Fähigkeit zur Reflexion und damit auch über die Fähigkeit, ihr zukünftiges Handeln insofern zu planen, als sie verschiedene mögliche Handlungsausführungen im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel gegeneinander abwägen können. Tiere hingegen verfügen nicht über die Möglichkeit der Wahl eines bestimmten Verhaltens aus einem Pool von alternativen Handlungsmöglichkeiten. Tierisches Verhalten verläuft nach dem Reiz-Reaktions-Prinzip, d.h. Tiere reagieren auf einen Reiz unmittelbar mit einer bestimmten Reaktion. Mead (1968, 163 f.) exemplifiziert das Verhalten, das auf reflektiver Intelligenz beruht, wie folgt:
"Ein über Land gehender Mensch stößt auf eine Kluft, die er nicht überspringen kann. Er will weiter, aber die Kluft hindert ihn daran, diese Tendenz zu realisieren. In einer solchen Situation entwickelt sich seine Aufmerksamkeit gegenüber allen möglichen Merkmalen, die ihm vorher nicht auffielen. Bleibt er stehen, wird sein Geist sozusagen freigesetzt. Er blickt nicht einfach auf die Markierung des Pfades. Hund und Mensch würden beide einen Punkt zu finden versuchen, wo sie die Kluft überwinden können. Aber der Mensch könnte im Unterschiede zum Hund bemerken, daß sich in einer Richtung die Ränder einander nähern. Er sucht sich den geeignetsten Platz für seinen Versuch aus, wobei die Methode, die er sich selbst aufzeigt, seine Richtung bestimmt. Sähe der Hund in der Ferne eine enge Stelle, so würde er darauf zulaufen, doch würde er nicht von dem überlegten Vorgehen gelenkt, das der Mensch symbolisch sich selbst aufzeigen kann. Der Mensch wird andere Objekte in seiner Umwelt sehen und andere Bilder in seiner Erfahrung auftreten lassen. Er sieht einen Baum, der als Brücke über den vor ihm befindlichen Graben dienen könnte. Er kann verschiedene mögliche Handlungen ausprobieren, die sich in einer solchen Situation anbieten, und sie sich mittels der von ihm verwendeten Symbole verdeutlichen."
Reflexion im Sinne eines sich auf die eigene Erfahrung Zurückwendens setzt Mead zufolge (1968, 174) signifikante Symbole in Form von Sprache voraus. Signifikante Symbole haben die Eigenschaft, in dem symbolverwendenden Individuum tendentiell dieselbe Reaktion auszulösen wie in dem Individuum, an das sie gerichtet sind. Sie entstehen auf Basis unbewußter Kommunikation vermittels von Gebärden, die Mead als Anfänge sozialer Handlungen definiert. Menschliche Organismen sind nun aufgrund ihrer besonderen physiologischen Ausstattung (Gehirn, Großhirnrinde) und der Verwendung von Lautgebärden oder anderen Gebärden, die das sie verwendende Individuum gleichermaßen wie das andere an der sozialen Handlung beteiligte Individuum wahrnehmen kann, in der Lage, Sprache und Bewußtsein zu entwickeln. Indem sich das gebärdende Individuum durch sein Tun selbst affiziert und die Reaktion seitens seines Gegenübers als Interpretation seiner Gebärde erfährt, lernt es zum einen, daß es sein Verhalten am Verhalten eines anderen ausrichtet, es wird sich so auch seiner selbst bewußt und lernt zum anderen die Bedeutung seiner Gebärde kennen. Spielt sich ein solches spezifisches Wechselspiel im Verlauf der Kommunikation ein, entwickeln die beteiligten menschlichen Organismen einen hinreichend gemeinsamen Vorrat an Zeichen, die in beiden die identische Reaktion und somit die identische Bedeutung hervorrufen. Sie gewinnen einen gemeinsamen Vorrat an signifikanten, sprachlichen Symbolen (vgl. Mead 1980b, 218 ff.).
Die Bedeutung der Symbole besteht in der Verinnerlichung des Sinnes, der sich zwischen den mindestens zwei Beteiligten insofern zunächst objektiv konstituiert, als die Reaktion des anderen auf die Gebärde des einen als Interpretation dieser vorangegangen Gebärde aufzufassen ist. Die menschlichen Organismen verinnerlichen nun diesen objektiv entstandenen Sinn, indem sie, vermittels eines signifikanten Symbols, in sich selbst die Tendenz hervorrufen, in der bestimmten Art und Weise so zu reagieren, wie es der andere tatsächlich tut. In gleichem Maße lernt ein Individuum zudem die Bedeutung von nicht sozialen, also physikalischen Objekten, wie beispielsweise eines Hammers, eines Steins, eines Stuhls etc.. Die Bedeutung dieser Objekte lernt der Einzelne im Umgang mit ihnen, indem er eine bewußte Einstellung, im Sinne von Reaktionsbereitschaften, gegenüber dem Objekt gewinnt. So liegt die Bedeutung eines Hammers beispielsweise in der Praxis, die man mit ihm ausführt, also beispielsweise in der Reaktion des Hämmerns. Nun kann man mit einem Hammer nicht nur hämmern, sondern ihn beispielsweise auch aufheben, tragen, werfen, hinlegen und hinstellen, in Wasser versenken, verkaufen, verschenken etc. All diese Einstellungen dem spezifischen Objekt gegenüber sind im Zentralnervensystem eines Individuums in organisierter Form vorhanden und ihre Gesamtheit im Hinblick auf ein Objekt bezeichnet für Mead die 'Idee' des bestimmten Objektes (vgl. Mead 1968, 50 f.).
Wenn nun ein signifikantes Symbol für diesen Hammer entsteht, so liegt seine Bedeutung eben in der spezifischen Einstellung bzw. in dem ideellen Komplex von Handlungsmöglichkeiten dem Hammer gegenüber, den es symbolisiert (Mead 1968, 160 ff.). Wesentlich ist an dieser Stelle nun, daß das Symbol lediglich die Tendenz zu bestimmten Reaktionen, also bestimmten Einstellungen auslöst. Der Handelnde reagiert also nicht tatsächlich, sondern ruft in sich lediglich die Einstellungen hervor, die als Anfänge spezifischer Handlungen aufzufassen sind.
Daß ein signifikantes Symbol bei dem es verwendenden menschlichen Organismus nicht zu der Ausführung der angezeigten Reaktion führt, bezeichnet nun, für Mead, das entscheidende Moment für Reflexion. Die Tatsache, daß Menschen, durch ihr gattungsspezifisch ausgebildetes Zentralnervensystem, in die Lage versetzt sind, die auf einen Reiz folgende Reaktion zu hemmen, erlaubt es ihnen, sich reflektiv intelligent zu verhalten:
"Verzögerte Reaktion ist für intelligentes Verhalten notwendig. Organisation, implizite Überprüfung und schließlich Auswahl der sichtbaren Reaktion auf die gesellschaftlichen Situationen, denen ein Individuum konfrontiert wird und die ihm Anpassungsprobleme stellen, wären unmöglich, wenn seine sichtbaren Reaktionen in solchen Situationen nicht verzögert werden könnten, bis dieser Prozeß der Organisation, der impliziten Überprüfung und der schließlichen Auswahl abgelaufen ist; d.h. sie wären unmöglich, wenn die eine oder andere sichtbare Reaktion auf den jeweiligen Reiz aus der Umwelt unmittelbar erfolgen müßte. Ohne verzögerte Reaktion könnte keine bewußte oder intelligente Kontrolle über das Verhalten ausgeübt werden; denn durch diesen Prozeß der selektiven Reaktion – der nur deshalb selektiv sein kann, weil er verzögert wurde – bestimmt die Intelligenz das Verhalten. Tatsächlich ist es eben dieser Prozeß, der die Intelligenz konstituiert."(Mead 1968, 139 f.)
Durch die Fähigkeit zu verzögerten Reaktionen und die Verfügbarkeit signifikanter Symbole ist der Mensch nun in der Lage, sein Verhalten zu kontrollieren und seine Handlungen zu planen. In Form signifikanter Symbole kann er, nachdem diese im Prozeß der Kommunikation entstanden und ihm bewußt gegeben sind, in sich selbst Einstellungen hervorrufen und im Hinblick auf ein bestimmtes Handlungsziel verschiedene Handlungsmöglichkeiten durchspielen und die am geeignetsten erscheinende letztendlich auswählen und ausführen. Insofern ist er in der Lage rational und reflektiv intelligent zu handeln.
Mead faßt in diesem Sinne Denken begrifflich als die typisch menschliche Fähigkeit, Handeln im voraus zu planen. Menschen sind vermittels signifikanter Symbole in der Lage, verschiedene Handlungsalternativen denkend abzuwägen, indem ihre Folgen im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel antizipiert werden. Mead (1968, 133) drückt diesen Sachverhalt in behavioristischer Terminologie wie folgt aus:
"Wenn man denkt, zeigt man sich selbst die Merkmale auf, die bestimmte Reaktionen auslösen – und das ist auch schon alles."
Denken impliziert somit einen spezifischen Zeitmodus, den man mit Mead (1968, 160) als "gegenwärtige Zukunft" bezeichnen kann. Dies meint nichts anderes als den Sachverhalt, daß die von einem menschlichen Individuum im Hinblick auf sein mögliches gegenwärtiges Handeln erwartete Zukunft dieses Handeln beeinflußt. Menschen stellen sich vor, was sie mit ihrem Handeln zukünftig bewirken werden und wägen daraufhin ihre Handlungen ab. Die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten, die ein Individuum abwägen kann, liegen in seinen vergangenen Erfahrungen begründet und sind insofern vergangene Gegenwarten, so daß man Meads Formulierung erweitern kann. Der Zeitmodus menschlichen reflektiv intelligenten Verhaltens ist sowohl gegenwärtige Zukunft als auch gegenwärtige Vergangenheit, denn in jeder Handlungsplanung beeinflussen die in der Zukunft liegenden Ziele als Reize die vergangenen Erfahrungen im Sinne möglicher Reaktionen, und umgekehrt hängen auch die Wahl der Ziele und das Erkennen eines zu lösenden Handlungsproblems sowie die Handlungsmöglichkeiten von den vergangenen Erfahrungen eines jeden Individuums ab (vgl. Mead 1968, 138 ff.).
Insofern, als menschliche Organismen die Welt, in der sie leben und handeln, selektiv wahrnehmen, konstituieren sie diese (vgl. Mead 1968,152). Dies geschieht zum einen durch die Spezifik ihrer sinnlichen Wahrnehmung der Welt, und zum anderen organisieren sie 'ihre' Welt durch die unterschiedlichen Bedeutungen, die die sie umgebenden Objekte für ihr Leben und Handeln haben. Die sinnhafte Organisation der Welt, die Bedeutungen der Objekte in dieser, sowie erstrebenswerte Ziele etc., lernen menschliche Individuen im Laufe ihrer Sozialisation durch ihre Teilnahme an sozialen Handlungen:
"Unsere ganze Erfahrungswelt – die Natur, so wie wir sie erfahren – ist grundlegend mit dem gesellschaftlichen Verhaltensprozeß verbunden, einem Prozeß, in dem Handlungen durch Gesten eingeleitet werden, die deshalb als solche funktionieren, weil sie wieder anpassende Reaktionen anderer Organismen auslösen, die auf die Vollendung oder die Resultante der durch sie ausgelösten Handlungen hinweisen oder sich darauf beziehen. Das heißt, daß der Inhalt der objektiven Welt, so wie wir sie erfahren, zum größten Teil durch das Verhältnis des gesellschaftlichen Prozesses zu ihr konstituiert wird, insbesondere durch das dreiseitige Verhältnis des Sinnes, der innerhalb dieses Prozesses entsteht. Der ganze Inhalt des Geistes und der Natur, insoweit er Sinn wird, ist abhängig von diesem dreiseitigen Verhältnis innerhalb des gesellschaftlichen Prozesses und zwischen den Phasen der gesellschaftlichen Handlung, die die Existenz eines Sinns voraussetzt." (Mead 1968, 152)
Im Zuge des Spracherwerbs konstituiert sich dann auch das (Selbst-) Bewußtsein und die Fähigkeit zu reflektiver Intelligenz, und das heißt für Mead, daß die Fähigkeit zu denken sich entwickelt. Wir können nun auf unsere Ausgangsfrage, was für Mead Geist bedeutet, zurückkommen. Geist bezeichnet für Mead die grundlegende menschliche Fähigkeit, sich vermittels signifikanter Symbole reflektiv intelligent zu verhalten und dadurch seine Beziehungen zu seiner Umwelt durch sein geplantes Verhalten zu kontrollieren. Geist wird von Mead somit funktional bestimmt. Geist und Denken stellen für seinen Sozialbehaviorismus keine selbstgenügsamen menschlichen Kompetenzen dar, sondern sie sind als evolutionäre Errungenschaften funktional für den Lebenszusammenhang der Individuen. Geistigkeit ermöglicht es dem Menschen, die Probleme, die er situativ lösen muß, denkend zu bewältigen. Geist ist Mead zufolge zudem sozial bestimmt, denn erst durch die Teilnahme an sozialen Handlungen, mithin an Kommunikation, konstituiert er sich mit dem Erlernen signifikanter Symbole. Die Desiderate, die Mead bei bewußtseinsphilosophisch orientierten Theorien markiert hat, sind somit gefüllt. Die Entstehung von Sprache, Bewußtsein, Geist, Identität wird ausgehend von der Situierung des Einzelnen in soziale Kontexte geklärt, und das Problem der sprachlichen Intersubjektivität wird Mead zufolge durch die soziale Herleitung des Materials des Geistes und der bewußten Kommunikation gelöst.
Abschließend können wir nun zusammenfassen, daß Mead die Konstitution von Geist ausgehend von der Beteiligung des Einzelnen an sozialen Handlungen, also ausgehend vom sozialen Ganzen zu erfassen sucht. Geist bezeichnet für ihn dabei die typisch menschliche Fähigkeit, Handeln im Hinblick auf in der Zukunft liegende Ziele, im Sinne zu bewältigender Probleme, bewußt zu planen, indem Handlungsalternativen abgewogen werden, um die geeignetste von ihnen letztendlich auszuführen. Dieser bewußte Denkvorgang setzt nun einerseits die Fähigkeit zur Reflexion voraus, wobei unter Reflexion die Rückwendung auf die eigenen vergangenen Erfahrungen zu verstehen ist, und andererseits setzt er signifikante Symbole voraus, vermittels derer sich ein Individuum die zukünftigen Reaktionen auf bestimmte Reize selbst anzeigen und somit sein Verhalten im Hinblick auf dessen erwartbare Folgen im voraus planen und kontrollieren kann. Die Möglichkeit zur Reflexion und auch zur Entwicklung signifikanter Symbole sieht Mead vornehmlich in der gattungsspezifischen physiologischen Ausstattung des Menschen in Form seines elaborierten Zentralnervensystems begründet. Vermittels seines Zentralnervensystems ist der Mensch in die Lage versetzt, seine Reaktionen auf bestimmte Reize zu verzögern. Er handelt mithin nicht, wie Tiere, nach dem klassischen behavioristischen Reiz-Reaktionsschema, sondern kann zwischen Reiz und Reaktion denkend sein Handeln kontrollieren.
Denken bezeichnet Mead zufolge denn auch nichts anderes, als sich selbst die zukünftigen Folgen seines Tuns aufzuzeigen, indem man vermittels signifikanter Symbole verschiedene mögliche Handlungen bewußt in Form eines "nach innen verlagerte[n] Gespräch[s]" (Mead 1980c, 245) durchspielt. Geist bezeichnet für ihn die allgemeine menschliche Fähigkeit, bewußt sein Verhalten und Handeln planend und kontrollierend an die jeweilige soziale und physische Umwelt anzupassen und wird somit funktional bestimmt.
Abels, Heinz [1998]: Interaktion, Identität, Präsentation. Kleine Einführung in interpretative Theorien der Soziologie. Opladen, Wiesbaden.
Berger, Peter L. und Luckmann, Thomas [1969]: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt a.M.: Fischer.
Goffman, Erving [1982]: Das Individuum im öffentlichen Austausch. Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung. Frankfurt a.M.
Habermas, Jürgen [1981]: Theorie des kommunikativen Handelns, 2 Bd. Frankfurt a.M. Hamilton, Peter (Hg.) [1992]: George Herbert Mead: Critical Assessments. Volume IV. London, New York.
Horster, Detlef [1990]: Habermas zur Einführung. 2. Aufl. d. überarb. u. erw. Neuausg. Hamburg.
Hurvitz, Nathan [1992]: The "Significant Other" in Marital and Family Therapy. In: Hamilton, Peter (Hg.) [1992]: George Herbert Mead: Critical Assessments. Volume IV. London, New York, S. 127-145.
Joas, Hans [1980]: Praktische Intersubjektivität. Die Entwicklung des Werkes von G.H. Mead. Frankfurt a.M.
Joas [1980a]: Einleitung des Herausgebers. In: Mead, George Herbert: Gesammelte Aufsätze Bd. 1. Frankfurt a.M., S. 7-18.
Joas, Hans [1992]: Die Kreativität des Handelns. Frankfurt a.M.
Kleist, Heinrich von [1985]: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. In: Kleists Werke in zwei Bänden. Erster Band. Berlin und Weimar, S. 307-313.
Martens, Ekkehard (Hrsg.) [1975]: Texte der Philosophie des Pragmatismus. Stuttgart.
Mead, George Herbert [1968]: Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt a.M.
Mead [1980]: Gesammelte Aufsätze Bd. 1. Frankfurt a.M.
Mead [1980a]: Die Definition des Psychischen. In: Ders.: Gesammelte Aufsätze Bd. 1. Frankfurt a.M., S. 83-148.
Mead [1980b]: Soziales Bewußtsein und das Bewußtsein von Bedeutungen. In: Ders.: Gesammelte Aufsätze Bd. 1. Frankfurt a.M., S. 210-221.
Mead [1980c]: Die soziale Identität. In: Ders.: Gesammelte Aufsätze Bd. 1. Frankfurt a.M., S. 241-252.
Mead [1980d]: Eine behavioristische Erklärung des signifikanten Symbols. In: Ders.: Gesammelte Aufsätze Bd. 1. Frankfurt a.M., S. 290-298.
Mead, George Herbert [1980e]: Die Genesis der Identität und die soziale Kontrolle. In: Ders.: Gesammelte Aufsätze. Band 1. Frankfurt a. M., S. 299-328.
Morel, Julius u.a. (Hrsg.) [1997]: Soziologische Theorie. Abriß der Ansätze ihrer Hauptvertreter. 5., überarb. u. erw. Aufl. München, Wien.
Morris, Charles W. [1968]: Einleitung: George H. Mead als Sozialpsychologe und Sozialphilosoph. In: Mead, George Herbert [1968]: Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt a.M., S. 13-38.
Preglau, Max [1997]: Symbolischer Interaktionismus: George Herbert Mead. In: Morel, Julius u.a. (Hg.) [1997]: Soziologische Theorie. Abriß der Ansätze ihrer Hauptvertreter. 5., überarbeitete und erweiterte Aufl. München, Wien, S. 52-66.
Schneider, Manfred [1994]: Die Beobachtung von Kommunikation. Zur kommunikativen Konstruktion sozialen Handlens. Opladen.
Sullivan, Harry Stack [1940]: Conceptions of Modern Psychiatry. In: Psychiatry 3 [1940], S. 1-117 [Nachdruck New York 1953].
Wagner, Hans-Josef [1993]: Strukturen des Subjekts. Eine Studie im Anschluß an George Herbert Mead. Opladen.
Wenzel, Harald [1990]: George Herbert Mead zur Einführung. Hamburg.
Dieser Artikel basiert auf den Inhalten des KOLOSS (= KOmmunikationswissenschaftliches Lern-Online-Software-System).