Gewalt als soziologisches Phänomen

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GEWALT als soziologisches Phänomen

„… und bist Du nicht willig, dann brauch’ ich Gewalt“ – nicht nur in der Lyrik ist das Wort „Gewalt“ präsent - Gewalt ist ein fixer Bestandteil moderner Gesellschaften – kein Wunder, dass sich auch die Soziologie umfassend damit beschäftigt. Den Gewaltbegriff genau zu definieren mag einfach erscheinen, EINE Theorie zum Gewaltphänomen aufzustellen ist hingegen so gut wie unmöglich, zieht sich doch der Gewaltbegriff nahezu sämtliche wissenschaftliche Disziplinen.

Was ist nun Gewalt? Gewalt ist, wenn ein Individuum zu einer Handlung oder Duldung genötigt wird, die es niemals aus freien Stücken setzen oder zulassen würde und bei der die Androhung von physischer Kraftanwendung eine entscheidende Rolle spielt.

„Das dem Substantiv Gewalt zugrunde liegende Verb ‚walten’ stammt aus dem Indogermanischen und bedeutet dort soviel wie ‚stark sein’. In seiner weiteren Bedeutungsgeschichte innerhalb des Deutschen fokussiert sich dieses ‚stark sein’ im Sinne von ‚herrschen’, ‚gebieten’, ‚Herrschaft’ ausüben. Im Sinne von ‚stark sein’ über andere, andere beherrschen, soll Gewalt auch hier verstanden werden.“

Von Gewalt spricht man aber auch, wenn es sich um „destruktiv intendierte Operationen als ultimatives Mittel der Machtausübung im Rahmen einseitiger Über- bzw. Unterordnungsverhältnisse, beruhend auf äußerlicher Überlegenheit ohne Anerkennung durch die Unterlegenen. Die geschieht häufig im Gegensatz zu einem innerlich wirkenden Zwang und stellt so ein Grenzphänomen unter den Äußerungsformen von Macht dar.“ Max Weber, einer der wichtigsten Soziologen, definiert Macht als „die Chance, den eigenen Willen auch gegen den Widerstand der Betroffenen durchzusetzen“ – Macht, die illegal ausgeübt wird, kommt dem Gewaltbegriff sehr nahe; kommt diese Gewalt nun unmittelbar gegenüber Personen oder Sachen zum Einsatz, so spricht man vom direktesten Mittel der Machtausübung. Gewalt ist somit die „instrumentelle Technik der Machtausübung.“

Erste soziologische Ansätze finden sich bereits bei Emile Durkheim, der mit seinem Anomiebegriff abweichende Verhaltensformen von Individuen analysierte. Robert Merton entwickelte den Begriff „Anomie“ zu einer Anomietheorie weiter. Merton meint, „dass abweichendes Verhalten als Symptom für das Auseinanderklaffen von kulturell vorgegebenen Zielen und von sozialstrukturierten Wegen, auf denen diese Ziele zu erreichen sind, betrachtet werden kann.“ Somit schafft abweichendes Verhalten oft die Basis für Gewalt.

Einen anderen Zugang hat hingegen Norbert Elias, der in seinem „Prozess der Zivilisation“ die Einstellung mittelalterlichen Gesellschaft zum Thema Gewalt wie folgt beschreibt: „Die Freude am Quälen und Töten anderer war groß, und es war eine gesellschaftlich erlaubte Freude.“ Nach Elias ändert sich die Einstellung zur Gewalt mit dem Wandel der Gesellschaft. Durch den Zivilisationsprozess entwickelt das Individuum einen Zwang zum Selbstzwang – dadurch kommt es zu einer Tabuisierung und negativ Besetzung des Gewaltbegriffs.

Edmund Husserl hat in seiner phänomenologischen Soziologie ebenfalls das Thema „Gewalt“ beleuchtet. Die Phänomenologie sieht hier ihre Aufgabe nicht nur in einer beschreibenden Theorie der Gewalt, sie will Ursachenforschung betreiben, die möglicherweise zu einer Reduzierung der Gewalt führen kann.

Arnold Gehlen – als Vertreter der soziologischen Anthropologie - sieht hingegen in einem Verlust der Traditionen die Ursache für die Entstehung von Gewalt in Industriegesellschaften. Traditionen bilden das stabile Grundgerüst einer Gesellschaft – fallen sie weg, kommt es zu einer immer stärker werdenden Bindung an die industrielle Wirtschaft, welche die Individuen sozusagen endgültig an die Unsicherheit kettet. Gehlen zeigt hier einen Ansatz, den uns auch die postindustrielle Gesellschaft präsentiert.

Die Gewaltsoziologie als wissenschaftliche Disziplin ist ein relativ junges Forschungsgebiet, ist doch das Thema Gewalt an sich auch Forschungsgegenstand der politischen Soziologie, der Jugendsoziologe, der Soziologie des abweichenden Verhaltens, der Entwicklungssoziologie, der Soziologie sozialer Probleme und der Geschlechtersoziologie.


LITERATUR: Bossle, Lothar: Demokratie ohne Alternative, Stuttgart 1972 Elias, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation. Vol. 1-2, Frankfurt / M., 1976 Endruweit, Günter u.a.: Wörterbuch der Sozologie. Bd I, Stuttgart 1989 Gehlen, Arnold: Philosophische Anthropologie und Handlungslehre. Bd. 4, Frankfurt/M. 1983 Lehmkuhl, Ulrike: Gewalt in der Gesellschaft. München, Basel 1994 Merton, Robert K. Sozialstruktur und Anomie. Reinhold, Gerd; Lamnek, Siegfried; Recker, Helga: Soziologielexikon. 2. Auflage, München, Wien 1992 Weber, Max:Wirtschaft und Gesellschaft. 5. Auflage, Tübingen 1980 von Felten, Miriam:„… aber das ist noch lange nicht Gewalt“ – Empirische Studie zur Wahrnehmung von Gewalt bei Jugendlichen, Opladen, 2000

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