Hermeneutik

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Philosophische Hermeneutik

Die Hermeneutik ist die Lehre vom Verstehen. Zunächst war es Hauptgegenstand der Hermeneutik, klassische Texte zu interpretieren (sowohl Bibeltexte als auch weltliche oder philosophische Texte, insbesondere Homer und Aristoteles). Neben dieser literarischen Hermeneutik bildet sich im 19. Jahrhundert unter Schleiermacher eine philosophische Hermeneutik aus, in der es nicht um das Verstehen von Texten, sondern von Lebensäußerungen überhaupt geht. Mit dem Aufkommen des Historismus werden sehr stark die historischen Umstände berücksichtigt, unter denen ein Text entstanden ist (Dilthey). In den Geisteswissenschaften geht es nach Dilthey um ein nachvollziehendes Erleben.

Der Philosoph Martin Heidegger betont in seinem Hauptwerk "Sein und Zeit", dass das Verstehen ein wesentlicher Zug des menschlichen Daseins ist. Damit ist „Verstehen“ nicht nur eine Methode der Geisteswissenschaften, sondern ein fundamentales Merkmal der menschlichen Existenz. H. G. Gadamer ("Wahrheit und Methode") betont die Funktion des Vorverständnisses beim Verstehen. Jeder Mensch verfügt bereits über ein Vorverständnis, dass er an einen Text heranträgt und das seine Interpretation beeinflußt. Dieses Vorverständnis muss dann ggf. korrigiert werden.

In der Wissenschaftstheorie betont die hermeneutische Schule den Unterschied zwischen geisteswissenschaftlichen Methoden einerseits und naturwissenschaftlichen Methoden andererseits. Da es in den Geisteswissenschaften um sinnhafte Gebilde geht, können hier keine naturwissenschaftlichen Methoden angewandt werden. In der aktuellen Diskussion wird darüber hinaus geltend gemacht, dass selbst Naturwissenschaftler ein Vorverständnis von ihrem Gegenstand haben, und dass daher hermeneutische Methoden auch in der Wissenschaftstheorie der Naturwissenschaften berücksichtigt werden sollten.

Die Frage nach der Frage, auf die etwas eine Antwort ist

Der Kern aller Hermeneutik lässt sich trotz all ihrer Unterschiedlichkeiten nun, und das ist in den letzten Jahrzehnten immer wieder getan worden, mit den Worten von Odo Marquardt auf einen Punkt bringen, nach denen die Hermeneutik immer die Suche nach der Frage ist, auf die eine untersuchte Handlungspraxis (aus der Sicht des Handelnden) die Antwort ist. „Man versteht etwas“, so Odo Marquardt, „indem man es versteht als Antwort auf eine Frage; anders gesagt: man versteht es nicht, wenn man nicht die Frage kennt und versteht, auf die es die Antwort war oder ist“ (Marquardt 1981: 118). All dies motivierte Marquardt auch zu der Frage nach der Frage, auf die die Hermeneutik eine Antwort ist. Diese Metapher ist heikel, ist doch die Antwort der aufschlussreiche Ausgangspunkt. Sie gibt Aufschluss über die vorangegangene, also zurückliegende, nicht mehr vorhandene Frage. Die Hermeneutik bringt das Vergangene in die Gegenwart – durch Interpretation.

Passende und nicht passende Antworten

Der Hermeneut, der sich der Metaphorik Marquardt bedient, findet in seinen Daten eine Handlungspraxis, also ein Resultat vor, und diese Handlungspraxis ist aus seiner Sicht der Dinge die Antwort. Allerdings legt diese Metaphorik das Missverständnis nahe, dass die jeweilige Antwort auch ‚richtig’ oder ‚passend’ ist, also auch eine Lösung darstellt. Übersehen wird dabei leicht, dass es auch falsche und nicht-passende Antworten gibt.

Schlüssel - Schloss

Die Aufgabe des Hermeneuten ist es nun, die ursprüngliche Frage zu finden und bei seiner Suche hilft ihm die Antwort, enthält sie doch die Frage noch in sich. Deshalb lässt sich die ursprüngliche Frage noch entschlüsseln. Frage und Antwort verhalten sich wie Schloss und Schlüssel: wenn das Untersuchte der Schlüssel ist, dann kann man über die Form des Schlosses begründete Hypothesen aufstellen.

Siehe auch hermeneutische Wissenssoziologie

Literatur:

Heidegger, Martin (1993): Sein und Zeit, Tübingen.

Gadamer, Hans-Georg (1975): Wahrheit und Methode, Tübingen.

Marquardt, Odo (1981): Abschied vom Prinzipiellen. Stuttgart: Reclam.

Autor: Jo Reichertz

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