Nach Ansicht von Gerold Ungeheuer ist der Mensch aktiver Autor seiner Kommunikationshandlungen. Die Planung seiner Kommunikationshandlungen nimmt der Autor mit Hilfe seiner individuellen Kommunikationstheorie vor. Eine wissenschaftliche Kommunikationstheorie muss das stets mitberücksichtigen. „Sie führt nämlich zu dem Schluß, daß in einer wissenschaftlichen Kommunikationstheorie die Menschen nicht nur gedacht werden als Individuen, die sich ihrer Kommunikationshandlungen bewußt sind, sondern vielmehr als solche, die selbst eine individuelle Kommunikationstheorie besitzen, wie fragmentarisch, lückenhaft und außerwissenschaftlich sie auch immer sei, nach der sie ihre eigenen Kommunikationshandlungen einrichten und ausführen, nach deren Kriterien sie auch ihre kommunikativen Verstehensakte zum Erfolg führen oder sie als gescheitert erleben“ (Ungeheuer 1983: 9).
Die individuelle Kommunikationstheorie ist dabei Teil der individuellen Welttheorie eines Individuums. „Die individuelle Kommunikationstheorie ist in dieser Welt des Individuums als Teilbereich enthalten, und das Individuum nimmt von daher Veranlassung, Orientierung, Durchführungsregeln, Handlungspläne und den linguistische Mittel zum Vollzug der kommunikativen Sozialhandlung, die nach seiner Konstitution immer Lösung eines praktischen Problems ist“ (Ungeheuer 1983: 35).
Der Begriff ‚Theorie’ scheint Ungeheuer dadurch gerechtfertigt, dass Alltagswissen und wissenschaftliche Theoriebildung die gleiche Funktion haben: die Rechtfertigung von Handlungen. „Das genannte ‚Alltagswissen’ über menschliches Kommunikationsverhalten hat aber für die kommunikative Lebenspraxis der Menschen dieselbe Funktion, die eine Theorie in wissenschaftlicher Forschung für die wissenschaftlichen Erkenntnisbestände und die Forschungspraxis hat: nämlich die Funktion der Rechtfertigung; das heißt aber auch: jenes ist Theorie wie diese, wenngleich für die wissenschaftliche Arbeit schärfere Bedingungen der Wahrheitsfindung gelten als für die Gebilde des Alltagsbewußtseins“ (Ungeheuer 1983: 5f.).
Literatur:
Ungeheuer, Gerold (unter Mitarbeit von Hans-Georg Juchem) (1983). Einführung in die Kommunikationstheorie. Studienbrief an der FernUniversität Hagen. 3 Einheiten.
Autor: Jo Reichertz Universität Duisburg-Essen