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Die Kultur einer Gesellschaft und damit auch das gesamte gesellschaftliche Wissen sind stets das jeweils nur vorläufige Resultat der permanenten und an jedem sozialen Ort der Gesellschaft stattfindenden Auseinandersetzungen über die richtige Deutung der Welt. Dieses gesellschaftliche Wissen ist sowohl miteinander als auch gegeneinander erarbeitet. Alte und Junge, Frauen und Männer, Künstler und Wissenschaftler, Etablierte und Außenseiter, Gläubige wie Ungläubige, Traditionalisten und Modernisierer sind die Akteure in dieser Auseinandersetzung um die richtige Deutung dessen, was wir auf Grund unserer eigenen biografischen Situation als die Welt, als die Natur, als die Gesellschaft, als uns selbst und als die Anderen auffassen. Und natürlich sind es auch Einheimische und Fremde, die an dieser Auseinandersetzung beteiligt sind.
‚Fremde’ sind in diesem Verständnis all jene, die nicht von ‚hier’ kommen, sondern uns aufsuchen, um entweder für kurze Zeit (Reisende, Touristen), für längere Zeit (Studium, zeitlich begrenzte Arbeit) oder gar für immer zu bleiben (politische Emigration, Arbeitsmigration, Auswanderung). Zu den Fremden gehören in diesem Verständnis auch jene, die ‚uns’ für kurze oder längere Zeit verlassen haben, um jenseits unseres eigenen Horizonts zu leben, zu studieren oder zu arbeiten, und die dann zurückgekommen sind, um uns von dieser Fremde zu erzählen oder auch nur zu sagen, dass es jenseits unserer Welt andere Welten gibt. Diese Heimkehrer bringen das Fremde mit, nicht nur weil sie es in sich tragen, sondern auch, indem sie davon erzählen und indem sie sich ‚fremd’ benehmen, Anderes essen, Anderes tun, Anderes für wirklich halten.
Alle diese Fremden haben mit ihren Erzählungen, aber noch sehr viel mehr auf Grund ihres Verhaltens, ihres Umgangs mit uns, unsere Wissen von der Welt und unser Verständnis von uns selbst verändert. Diese durch die Fremden veränderten Weltdeutungen sind zwar durchaus unsere ‚eigenen’, enthalten aber Teile des Fremden in sich, entweder implizit in der Abgrenzungsarbeit (boundary work) oder in der expliziten Erweiterung des Eigenen. Insofern enthält die gesellschaftliche Wirklichkeit einer bestimmten Kultur nicht nur permanent von innen heraus Impulse für die Weiterentwicklung, sondern schon immer und notwendigerweise auch von außen - und zwar durch Fremde aller Art. Allerdings haben sich Art und Umfang des Kontakts mit Fremden quantitativ und qualitativ verändert.
Kultur war und ist mithin nicht ein System, das auf bestimmten Axiomen Sätzen aufruht, die sowohl widerspruchsfrei wie systematisch geordnet sind, sondern die Rede von der Einheit und Homogenität einer Kultur ist eine wenig datengetränkte Idealisierung – eine Fiktion der Wissenschaftler, welche die Arbeit zwar leichter macht, die aber auch die wachsende Diversifizierung von Kultur abdunkelt - wenn nicht gar unsichtbar macht.
Der vielfach beschriebene Prozess der Globalisierung und der damit einhergehende ‚Kontaktzwang’ (compulsion to contact) (Soeffner) beschleunigt dagegen den Prozess der Vervielfältigung und Durchmischung des Kulturellen. Tausende von neuen Blumen sind gewachsen - so würde es Mao Tse Tung sehen. Und diese neuen kulturellen Blüten sind nicht wie früher Ergebnis bilateralen, sondern Ergebnis multilateraler Verhandlungen über gesellschaftliches Wissen.
In diesem Aushandlungsprozess greifen die beteiligten Akteure nicht nur auf die alten und neuen Medien zurück, sondern sie setzen sie auch gezielt für ihre Zwecke ein. Die klassischen Massenmedien wie das Radio, die Zeitung und das Fernsehen dienen dabei zwar immer noch als Integrationsmedien, die Symbole und symbolische Ordnungen anbieten, aber wegen der weltweiten Öffnung des Fernsehmarktes bringen die Massenmedien nicht mehr alleine eine Ordnung, sondern immer mehr Symbole und symbolische Ordnungen jeder Spielart und jeder Reichweite als Angebot ins Eigenheim, auf das man sich flanierend dem Angebot nähern und gegebenenfalls dieses Angebot auch annehmen kann.
Eine besondere Rolle bei der Aushandlung gesellschaftlichen Wissens in einer sich weiter globalisierenden Welt spielt seit gut zwei Jahrzehnten das Hybridmedium Internet. Das Internet ist sowohl Ergebnis als auch (Mit-)Erschaffer und Beschleuniger der Globalisierung. Einerseits weist es Züge eines Massenmediums auf und wird von einigen auch so genutzt, andererseits zeigt das Internet seine Stärke erst dann, wenn es als Kommunikationsmedium begriffen wird, in dem einzelne Akteure grenzüberschreitende Informationen jeder Art in die Welt bringen (push) können und andere Akteure sich Informationen jeder Art ziehen (pull) und nach eigenem Geschmack und Interesse zusammenstellen können.
Die Akteure im Netz kommen aus der ganzen Welt, ohne dass immer erkennbar wäre, welcher Kultur, welcher Nation und welchem Geschlecht sie angehören. Sie treten mit dichten (thick) oder oft auch mit dünnen (thin) Identitäten im Netz auf. Das, was sie kommunizieren, kann von ihnen stammen oder von anderen. Eigenes und Fremdes wird insbesondere in Hypertexten zu Neuem kompiliert und weitergereicht – oft ohne dass etwas als Eigenes oder Fremdes erkennbar ist.
Das Netz und auch die im Gebrauch des Netzes entstandene Kultur sind deshalb nicht homogen, nicht integriert und sie bilden keine Einheit. Im Gegenteil: die Netzkultur ist heterogen, nicht integriert und diversifiziert. Deshalb ist das Netz möglicherweise für die Übermittlung symbolischer Ordnung geeignet, jedoch keinesfalls für deren Durchsetzung. Das Besondere der Kultur im Netz ist nun, und darauf verweist der Kollege Andreas Hepp immer wieder, dass sie ohne Territorium und ohne Staat auskommt. Die Netzkultur ist translokal und das Medium selbst, also das Internet mit all seinen Formaten und Kommunikationsmöglichkeiten, ist wohl das am stärksten deterritorialisierte Medium. Obwohl es einen Ort braucht, ist es nicht an einen Staat oder eine Nation gebunden, sondern geographisch zerstreut (geographic scattered) (Strauss 1994: 194).
Es hilft, neue Formen translokaler Verdichtungen (Kerne – core worlds) hervorzubringen und trägt somit immer wieder zur Desintegration von bestehenden Kulturen bei. Es kann aber auch von verschiedenen Gruppen genutzt werden, auch über Tausende von Meilen hinweg, kulturelle Gemeinsamkeiten aufrechtzuerhalten und zu pflegen. Japanische Gruppen in Deutschland können mittels Internet nicht nur die eigene Gemeinschaft in Deutschland festigen, sondern sie können durch die schnellen und vielfältigen Internetverbindungen mit dem Heimatland Traditionen bewahren und fortführen und somit ihre kulturelle Identität in der Fremde bewahren. Kernkraftgegner, Liebhaber des Schachspiels, aber auch Fans von Michael Jackson schaffen es mithilfe des Internets, Gemeinschaften sie bilden und auch ihr Handeln in Bezug auf die bestimmte Ziele zu koordinieren und somit die eigene Bewegung zu stärken.
Des Internet ist also durch eine gegenläufige Entwicklung gekennzeichnet: einerseits können mit seiner Hilfe bestehende Grenzziehungen erhalten und gefestigt werden, aber andererseits stellt es die Mittel für die Ausbildung und Festigung neuer Kulturen bereit. Dies mündet letztlich, zumindest aus meiner Sicht, nicht in der Entwicklung einer neuen einheitlichen und integrierten globalen Kultur, aber auch nicht zu dem, was man ‚Glokalisation’ nennt - versteht man doch unter Glokalisation entweder die Aneignung einer globalen Kultur, indem sie mit dem Lokalkolorit aufpeppt wird, oder aber die Anreicherung des Lokalen in der Weise, dass es an das Globale anschlussfähig ist. Dagegen vermute ich, dass die Interkulturalität gänzlich neue Formen und Inhalte schaffen wird und dass diese vielfältigen Formen nebeneinander stehen, miteinander konkurrieren auch miteinander leben werden. In dieser Form des Interkulturellen werden das Globale und das Lokale ununterscheidbar durchmischt sein und die Frage nach den Fremden und dem Eigenen wird sich zunehmend immer weniger stellen. Möglichweise verkörpert (embodies) das Netz schon diese Interkulturalität. Und vielleicht wird man in ein paar Jahrzehnten die Frage diskutieren, weshalb die Soziologie so lange davon überzeugt war, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft in eine Kultur integriert sein müssten.
Autor: Jo Reichertz Universität Duisburg-Essen