Interkulturelle Kommunikation

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Interkulturelle Verständigung


I Jede sozialwissenschaftliche Hermeneutik ist von der Überzeugung getragen, daß die gesellschaftliche Wirklichkeit nur verstehend angemessen beschrieben werden kann. Ausschlaggebend hierfür ist die unterstellte Konstitution des Forschungsgegenstandes: Begreift man Gesellschaft als eine durch miteinander handelnde Subjekte konstruierte Wirklichkeit, dann ist diese Wirklichkeit erst erfaßt, wenn die Sinnsetzungsprozesse der Handelnden, der sich daraus ergebende kommunikative Verständigungszusammenhang und der relevante kulturelle Orientierungsrahmen nachgezeichnet sind. Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung sind demzufolge zuerst die alltäglichen Verstehensleistungen der miteinander handelnden Subjekte, und der sozialwissenschaftlichen/wissenssoziologischen Hermeneutik fällt die Aufgabe zu, das alltäglich naive wechselseitige Verstehen skeptisch auf seine Verfahren hin zu hinterfragen und diese Verfahren theoretisch gefiltert so zu ordnen, daß sie dann methodisch kontrolliert im wissenschaftlichen Verstehen der alltäglichen Wirklichkeitskonstruktionen und der kulturellen Orientierungsrahmen zum Einsatz kommen können.

II Für eine grundlagentheoretische Klärung interkultureller Verständigungsprozesse ist eine sozialwissenschaftliche/wissenssoziologische Hermeneutik gut geeignet, weil sie das Gelingen alltäglichen Verstehens nicht schlicht voraussetzt, sondern die Möglichkeit des wechselseitigen Verstehens vor aller empirischen Rekonstruktion alltäglicher Wirklichkeitskonstruktionen protohermeneutsch offenlegt. Mit Bezug auf die Konstitutionsanalysen von Alfred Schütz und Thomas Luckmann zu den Problemen des Fremdverstehens wird zunächst danach gefragt, wie alltägliches Verstehen in Anbetracht struktureller Erfahrungsungleichheit der Interaktanten überhaupt möglich ist. Schütz und Luckmann kommen zu dem Ergebnis, daß ein Verstehen im strengen Sinne gar nicht möglich ist. Den Menschen bleibt im Alltag in Anbetracht ihrer strukturellen Erfahrungsungleichheit ‚lediglich‘ die pragmatische Verständigung, die Verständigung vor dem Hintergrund nie ganz abgestimmter sozialer Typisierungsschemata und nie ganz eindeutiger kultureller Orientierungsrahmen. Die Dynamik des kulturellen Prozesses wird dann systematisch begreifbar als Folge der den Subjekten auferlegten Perspektivität, die ‘das’ kulturel¬le Gefüge nicht zur Ruhe kommen läßt, weil sie die Subjekte alltäglich in immer neue Aushandlungs- und Abstimmungsprozesse treibt. In Anbetracht dieser differenzlogischen Fundierung kommunikativer Verständigungsprozesse wird dann die übliche Gegenüberstellung von intra- und interkultureller Kommunikation problematisch. Zugleich wird die Möglichkeit interkultureller Verständigung sichtbar. Denn das von Schütz und Luckmann erarbeitete differenzlogische Kommunikationsverständnis verweist für intra- wie für interkulturelle Kommunikation auf ein identisches Problem: die Verständigung in Anbetracht von Erfahrungsungleichheit. Und die in der Beobachtung intrakultureller Kommunikation sich zeigende Möglichkeit einer Konstruktion von orientierungsstabilisierenden Ähnlichkeitsbereichen in Anbetracht von Erfahrungsungleichheit verweist auf die Chance einer pragmatischen Verständigung auch in interkultureller Kommunikation. In der intersubjektiven und interkulturellen Spiegelung ihrer Perspektiven können die Kommunikanten ihre kulturspezifischen Orientierungen pragmatisch motiviert so weit ausdifferenzieren, modifizieren und angleichen, daß eine mehr oder weniger weitgehend erfolgreiche Unterstellung von Intersubjektivität gelingen kann und eine gemeinsame Handlungs¬koordinierung möglich wird. Die Möglichkeit interkultureller Verständigung ist demnach in der differenzlogischen Fundierung und in der pragmatischen Ausrichtung jeder Kommunikation angelegt. So macht dann eine trennscharfe Abgrenzung von inter- und intrakultu¬reller Kommunikation kaum noch Sinn. Es scheint vielmehr ratsam, die beiden verwand¬ten Kommunikationstypen als Pole eines gleitenden Spektrums aufzufassen, so daß abgestufte Bestimmungen möglich werden, entsprechende Fragestellungen aufgeworfen und angemessene Untersuchungsdesigns kreiert werden können.

III Die konstitutionsanalytische Klärung der Probleme und der Möglichkeit des Fremdverstehens wirkt sich sowohl auf das Gegenstandsverständnis einer sozialwissenschaftlichen/wissenssoziologischen Hermeneutik als auch auf die Bestimmung des Erkenntnisstatus einer auf diesen Gegenstand bezogenen methodisch kontrollierten Rekonstruktion aus. Und sie hat entsprechende Folgen für die empirische Rekonstruktion interkultureller Kommunikationsprozesse.

III/1 Da die kulturellen Vororientierungen, die sich geschichtlich über Generationen in intersubjektiven Spiegelungsprozessen herausgebildet haben, aufgrund der strukturellen Ungleichheit der Erfahrungsbildung nicht zu einer widerspruchsfreien Abstimmung gelangen können, sind die Handlungssubjekte alltäglich gezwungen, im situativen Verständigungsprozeß mehr oder weniger weitgehende Abstimmungen, Modifikationen und Ausdifferenzierungen vorzunehmen. Von daher steht im Zentrum des Interesses einer sozialwissenschaftlichen/wissenssoziologischen Hermeneutik die Dynamik zwischen den dezentralen Vortypisierungen und den situativ kommunikativen Abstimmungen. Diese Dynamik ist in interkulturellen Kommunikationsprozessen besonders ausgeprägt, da keine oder nur eine rudimentär gemeinsame kulturelle Vororientierung besteht, die kommunikative Verständigung vielmehr mit Bezug auf (zunächst) verschiedene kulturelle Vorprägungen erfolgt. Von daher ist in bezug auf interkulturelle Kommunikation für eine sozialwissenschaftliche/wissenssoziologische Hermeneutik im besonderen von Interesse, empirisch zu rekonstruieren, wie die Dynamik von situativer interkultureller Verständigung und der Angleichung der kulturellen Vortypisierungen jeweils vonstatten geht.

III/2 Das Wissen um die Nichthintergehbarkeit der Erfahrungsungleichheit hat aber auch Folgen für die Bestimmung des erkenntnistheoretischen Status von wissenschaftlichem Verstehen. Nimmt man sie, die Nichthintergehbarkeit der Erfahrungsungleichheit, auch auf dieser Ebene ernst, dann ist auch bei einer methodisch kontrollierten Erfahrungsbildung Objektivität bzw. intersubjektive Gültigkeit – streng genommen – nicht zu haben. Beim ‚intrakulturellen Forschen‘ wird dieses Problem im Normalfall übergangen. In Forschungskontexten, in denen die Perspektive des Sozialforschers – wie bei der Analyse interkultureller Kommunikation – zumindest an einen feldrelevanten kulturellen Orientierungsrahmen nicht ohne weiteres anschlußfähig ist, läßt sich dieses erkenntnistheoretische Problem nicht mehr kaschieren. Der Sozialforscher befindet sich dann offensichtlich bei der Analyse interkultureller Verständigungszusammenhänge selbst in einem interkulturellen Verständigungszusammenhang. Allerdings geht es ihm dabei nicht, wie den alltagspraktisch Handelnden, um eine pragmatische Abstimmung und Angleichung, ihm geht es um die Übersetzung der fremdkulturellen Perspektive in die Perspektive seiner Herkunftskultur. Um eine solche Übersetzung leisten zu können, muß sich der Sozialforscher auf einen Dialog mit dem zu untersuchenden Feld einlassen. Darauf verweist mit Nachdruck die in der Ethnographie geführte writing-culture-Debatte. Eine so aus dem Dialog vorgenommene Übersetzung erfolgt nach dem Prinzip der Anverwandlung: In der Auseinandersetzung mit dem Fremden differenziert der Sozialforscher seine Perspektive so aus, daß auf seiner Seite ein reflektierter Ähn¬lichkeitsbereich entsteht, von dem her ihm das Fremde vertraut wird, ohne daß er den Relevanz- oder Deutungsrahmen seiner Herkunfsperspektive im ganzen verändert. Der Sozialforscher greift auf eine Variante alltagsweltlicher interkultureller Verständigung zurück, verfeinert sie methodisch und kreiert so den wissenschaftlich rekonstruktiven Spezialfall interkultureller Verständigung: eine den Dialog, aus dem sie hervorgegangen ist, mitreflektierende, analogisierende Übersetzung.

III/3 So stellt sich für die Datenauswertung entsprechend die Frage nach einer angemessenen methodischen Gestaltung des Dialogs. Ähnlich wie andere Soziologen und Soziolinguisten, die sich dem Problem der Hermeneutik des Fremden in empirischen Untersuchungen gestellt haben, schlage ich vor, das Datenmaterial im Dialog mit kulturvertrauten Co-Interpreten¬ auszuwer¬ten. Die Aufgabe dieser Co-Interpreten besteht dann darin, dem Sozialforscher die ihm fremde Perspektive so zu übersetzen, daß ihm analogisierende Anverwandlungsprozesse möglich werden, so daß ihm dann irritierende fremdkulturelle Kommunikationssegmente als sinnvoll nachvollziehbar, verstehbar werden. Die im folgenden aufgeführte Schrittfolge der Dialoggestaltung soll dazu beitragen, methodisch kontrolliert entsprechende Anverwandlungsprozesse zu fördern:

A. Erstellung einer Leitinterpretation

- Auswahl eines geeigneten Co-Interpreten - Einführung des Co-Interpreten in den Untersuchungszusammenhang: Fragestellung; Auswertungsmethode - Analogisierende Übersetzungsphase I: eigenständige Übersetzung des Co-Interpreten - Analogisierende Übersetzungsphase II das gemeinsame Interpretationsgespräch: gemeinsame Lesartendiskussion; Tonbandprotokollierung - Analogisierende Übersetzungsphase III Auswertung des gemeinsamen Interpretationsgesprächs durch den Sozialwissenschaftler auf der Basis des Tonbandprotokolls: konturenscharfe Festlegung der Lesarten; Verdichtung der feinanalytischen Beschreibung auf Fallbesonderheiten hin

B. Kontrollinterpretationen mit weiteren Co-Interpreten

Literatur Bubner, R. (1980). Ethnologie und Hermeneutik. In: G. Baer und P. Centlivres (Hg.). Ethnologie im Dialog (183-196). Fribourg Dammann, R. (1992). Die Entdeckung des inneren und des äußeren Auslands. In: kea. Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Heft 4: 21-38 Schröer, N. (1997). Wissenssoziologische Hermeneutik. In: R. Hitzler/A. Honer (Hg.). Sozialwissenschaftliche Hermeneutik. Opladen : 109-129 Schröer, N. (2002) Verfehlte Verständigung? Kommunikationssoziologische Fallstudie zur interkulturellen Kommunikation. Konstanz Schütz, A. (1971d). Symbol, Wirklichkeit und Gesellschaft. In: ders. Gesammelte Aufsätze 1 (331-411). Den, Haag

Autor: Norbert Schröer, Universität Duisburg-Essen, Universität Wien

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