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Wissenschaftliches Interpretieren ganz allgemein, aber hermeneutisches Deuten im besonderen beruht auf der Prämisse, dass eine Bedeutungsrekonstruktion nur dann gelingen kann, wenn der Interpret hinreichend an der Kultur der Bedeutungsproduktion teilhat, also auf der Unterstellung von der teilweisen oder vollständigen Einheit der Kultur von Interpreten und Interpretierten. Damit ist auch, aber nicht nur (noch nicht einmal hauptsächlich) die Unterstellung gemeint, dass der Interpret die Kultur des Interpretierten teilt, sondern vor allem, die Unterstellung, die Bedeutungsgrenzen mit den Sprachgrenzen gleichzusetzen also die Hoffnung, dass der Mythos von der kulturellen Identität mehr als ein Mythos ist.
Nur weil der Interpret selbst über diese Verfahren und Regeln verfügt, sie in sich aufrufen und auch die Angemessenheit von Bedeutungsproduktionen beurteilen kann, kann er auch deren gesellschaftliche Bedeutung erkennen, festhalten und niederschreiben. Fraglos kann dies nur im Hinblick auf die soziale Grammatik, Semantik und Pragmatik von (Sprach-)Handlungen gelingen. Nie kann man und (so weit ich das sehe) will auch niemand ernsthaft die individuelle Grammatik, Semantik und Pragmatik, die Handlungen zugrunde liegen, erfassen.
Die Interpretationskompetenz resultiert in dieser Sicht aus der hinreichenden Einheit der Kultur von Forscher und Beforschtem - eine Einheit (und das lehren uns - um nur ein paar zu nennen - die Historiker, die Ethnologen, die Kulturwissenschaftler und nicht zuletzt auch die Wissenssoziologen), die durchaus fraglich ist.
Es ist weder überraschend noch besonders neu, dass sich Sozialwissenschaftler, wenn sie die Arbeit des Deutens beginnen, sich auf die Kultur einer Sprach- und Interaktionsgemeinschaft aus der Sicht des ,Man‘, des ,Dritten‘ oder in den Worten von Mead aus der Sicht des ,generalisierten Anderen‘ beziehen (müssen): was bedeutet es, also welche Folgen hat es (so die typischen Interpretenfragen), wenn ,man‘ in einer bestimmten Gesellschaft in einer bestimmten Situation in einer bestimmten Weise sprachlich oder nichtsprachlich in der gegebenen Weise handelt und was versteht ,man‘ darunter bzw. wie würde jedes sprachbegabte und vernünftige Mitglied dieser Gesellschaft darauf reagieren.
Oft übersieht der Forscher dabei allerdings, dass die Rede von der Deutung aus der Perspektive des Generalisierten Anderen eine euphemistische und unsoziologische Formulierung dafür ist, das etwas eine vorherrschende bzw. eine herrschende Lesart von (Sprach-)Handlungen ist, zu der es in bestimmten Untergruppen der Gesellschaft auch eine Fülle subversiver und auch gleich wirkmächtiger Lesarten gibt (Hall 1999). Kultur bildet in dieser Sicht der Dinge keine Einheit (z.B. Burke 1998: 247ff und Geertz 2000: 218ff), folglich auch keine Einheit, an der ein Wissenschaftler teilhaben kann, sondern stattdessen eine Vielfalt, die lediglich wegen diverser ‚Familienähnlichkeiten‘ (Wittgenstein 1971) für einheitlich gehalten wird.
Burke, Peter, 1998: Eleganz und Haltung, Berlin.
Geertz, Clifford, 2000: Available Light, Princeton University Press,.
Hall, Stuart, 1999: Kodieren/Dekodieren. In: Roger Bromley et al. (Hrsg.), Cultural Studies, Lüneburg S. 92-112.
Wittgenstein, Ludwig, 1971: Philosophische Untersuchungen, Frankfurt am Main.