Interpretatives Paradigma

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Zwei Prämissen des interpretativen Paradigmas

Das Feld des interpretativen Paradigmas spannt sich im Wesentlichen entlang zweier Prämissen auf: die eine bezieht sich auf den Gegenstandsbereich der Wissenschaften, die sich mit dem Menschen beschäftigen, die andere bezieht sich auf die Arbeit der Erforschung menschlichen Handeln. Beide Prämissen bestehen aus einer Reihe von Annahmen über die Besonderheiten (a.) menschlichen Handelns und (b.) deren Erforschung. Diese Bündel theoretischer Aussagen resultieren nicht aus empirischer Forschung, sondern liegen ihr zugrunde.

Immer handeln konkrete Menschen

(zu a.) Es sind immer konkrete Menschen, die handeln. Stets nehmen konkrete, in die Geschichte und in die Gesellschaft eingebettete Menschen etwas wahr, bewerten es, messen ihm Sinn zu, ordnen sich dann (aufgrund der vorgenommenen Sinnzuschreibung) unter, oder lassen alles beim alten, oder entscheiden sich dafür, etwas zu verändern oder Neues zu entwickeln. Auf dieses Handeln wirkt das Äußere - die Natur, die Sozialität - nicht direkt ein, sondern das Außen wird von der implizit deutenden Wahrnehmung und der (bewussten oder routinisierten) Deutung des Handelnden gebrochen. Das Äußere besitzt nur dann (einschränkende oder ermöglichende) Kraft und manchmal auch Macht über den Handelnden, wenn es durch ihn und damit für ihn Bedeutung erhalten hat. Jenseits dieses bedeutungsvollen Äußeren mag es weiteres geben, doch dieses interessiert die Wissenschaft vom Menschen erst, wenn es zu einem historisch anderen Zeitpunkt bedeutungsvoll geworden ist.

Qualitative Sozialforschung kann all dies nachzeichnen und festhalten. Darüber hinaus kann sie aber auch die typische Gestalt des konkret Gewordenen, das Muster oder die Figur rekonstruieren und so auch konkrete Fälle und Entwicklungen erklären. Was qualitative Forschung aber nicht kann (und nicht will) ist auch klar: sie kann hinter all dem keinen Sinn, keine Rationalität und auch keine Funktion (zum Nutzen des Großen Ganzen) erkennen. Geschichte entfaltet sich nicht, sie reproduziert in der Aktion nicht immer wieder die gleiche Struktur, sondern Geschichte und Interaktion sind entwicklungsoffene, einander bedingende und einander durchdringende Prozesse, die immer einmal (wieder) Muster bilden, dann jedoch immer wieder sich ihren eigenen Weg suchen bis zum nächsten Muster, das jedoch wieder ein völlig anderes sein kann.

Deutungen erster und zweiter Ordnung

(zu b.) In und mit ihrer Lebenspraxis schaffen (konstruieren) Menschen arbeitsteilig Gesellschaft und soziale Ordnung: nicht jeder mit der gleichen Möglichkeit, seine Vorstellungen umzusetzen und viele nicht freiwillig. Ihre Deutungen der gemeinsamen Welt werden im Anschluss an die Arbeiten von Alfred Schütz „Konstruktionen erster Ordnung“ genannt. Sie sind Ausdruck der jeweiligen sozialen Lage und zugleich auch Mittel der ‚Reflexion’ und Veränderung dieser sozialen Lage. Wissenschaftliche Arbeit ist immer und notwendig Teil dieser arbeitsteilig organisierten Schaffung von Gesellschaft und der sozialen Lagen. Sie ist ein spezifischer Arbeitsbereich mit spezifischen Methoden, Arbeitsstilen und Zielen. Wissenschaftliche Arbeit, die wesentlich durch Forschung, Kommunikation, Reflexion, Lehre und Prüfung gekennzeichnet ist, produziert auf diese Weise „Konstruktionen zweiter Ordnung“. Dies sind also (Re-)Konstruktionen der sozialen Konstruktionen erster Ordnung. Da Wissenschaftler auch immer in der Praxis leben, die sie untersuchen, sind sie Produzenten von Konstruktionen erster wie zweiter Ordnung.


Autor: Jo Reichertz

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