John J. Gumperz

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Gumperz, John J. (*1922) amerikan. Soziolinguistik. Er untersucht den Vorgang der Kontextualisierung durch die Subjekte in einer geteilten Situation und somit die Konstruktion eines Handlungskontextes durch sprachliches Handeln zur Herstellung einer spezifischen Wirklichkeit.

John Gumperz‘ Interaktionale Soziolinguistik nimmt eine interaktionistische Perspektive auf den Handlungskontext ein. Dabei sollen kulturspezifische Deutungsmuster kreativ umgesetzt werden. Entscheidend ist, dass ein Kontext nur interaktiv zwischen den Beteiligten hergestellt werden kann. Dies tun sie, indem sie sich wechselseitig ihr Handlungsanliegen anzeigen, um erfolgreich zu kommunizieren.

Die Interaktionale Linguistik soll Schlüsselsituationen auffinden und bedient sich dabei der deskriptiv-ethnographischen Analyse transkribierter Texte aus gesellschaftlich relevanten Handlungsfeldern. Diese stehen in einem größeren Zusammenhang mit sozialen Organisationen und diese werden durch kommunikative Netzwerke verbunden.

Um Kontexte wechselseitig realisieren zu können, benötigen die Subjekte das soziale Wissen einer Gemeinschaft. Das Wissen bildet sich historisch und intersubjektiv gültig aus. Somit ist nicht alleine eine Sprache, sondern ein Repertoire als Hintergrundwissen aktiv. Dieses Repertoire umfasst auch das Gebrauchswissen der Sprache und Aspekte wie beispielsweise lingusitische Varitäten. Damit beinhaltet es auch Aspekte der Fremdtypisierung, wie das Wissen über die Interaktionspartner, z. B. dessen Rolle oder Status. Das vorhandene Wissens muss mit einem Bestandteil der Äußerungen selbst verbunden werden, damit daraus daraus der Kontext (re-)konstruiert werden kann.

Jeder Kontext wird für die Interaktanten anhand von Kontextualisierungsschlüsseln, den gemeinsam geteilten Zeichen einer Sprachgemeinschaft, ver- oder entschlüsselt. Diese Schlüssel können sowohl verbal als auch nonverbal (Prosodie, paralinguistische Zeichen) sein, sie sind jedoch in der Regel nicht explizit. Mit ihnen Wählen Sprecher den linguistischen Kode ihrer Aussagen. Die Kontextualisierungsschlüssel richten sich damit auf einen bestimmten Ausschnitt des Hintergrundwissens der Partner, der zur erfolgreichen Kommunikation notwendig ist. In Verbindung mit dem Wissen und dem Verhältnis der Schlüssel untereinander können die Subjekte dann konversationell aus den Aussagen auf den Kontext schließen. Der Sprecher weist damit auch auf seine soziale Identität und den Rahmen des gesprochenen, also die soziale Situation, hin und schränkt die Bedeutung von Äußerungen ein – diese sind grundsätzlich nämlich mehrdeutig.

Ein Kontext mit seinen typischen Sprechereignissen unterliegt einer Strukturierung, einer inneren Organisation, die oft als routinisierte Handlungssequenzen erfolgen. Dies kann bis hin zu verpflichtenden sozialen Situationen mit einer eigenen Diskussionskultur reichen. Der konkrete kommunikative Verlauf ist dann eine Schnittmenge der institutionalisierten Kontexte, der konkreten Situation und der individuellen Biographie des Sprechers.

Jede Äußerung, also das konkrete Zusammenspiel verschiedener indexikalischer Zeichen, ist somit einerseits durch Kontexte geprägt und andererseits eine ständige Erneuerung der bereits existierenden Kontexte. Sowohl im produktiven wie auch dem interpretativen Part ist das Subjekt also zu einer Kombination und Variation der ihm bekannten Wissensbestände gezwungen, um erfolgreich kommunizieren zu können.

Besonders Auffällig sind Missverständnisse, die aufgrund unterschiedlicher verwendeter Kontexte auftreten. Der Sprecher steckt mit dem Kontext auch den Interpretationsrahmen seiner verwendeten Wörter mit, welcher qua Sozialisation und erlerntes Hintergrundwissen der Interaktionsteilnehmer verstanden werden muss. Geschieht dies nicht, kommt insb. in interkultureller Kommunikation zu Verwirrungen in der Gesprächsführung. Ein bekannt gewordenes exemplarisches Beispiel eines solchen Falles ist ein englischsprachliches Gerichtsverfahren eines philippinischen Arztes in den USA. Bei der Anklage der fahrlässigen Tötung verteidigt der Arzt sich selbst und übersetzt auch seine Argumente selbst ins Englische. Dabei spricht er jedoch immer noch in philippinischen Kontexten. So ergab das Gesprochene an sich Sinn, deckte sich jedoch nicht mit der Intention, es wurde also keine Aktivität hergestellt, denn in der Heimatsprache des Angeklagten existierte das Phänomen ‚Kindesmisshandlung‘ konzeptuell nicht. Daraus wird ersichtlich, dass nicht das Zeichenträgerrepertoire selbst ein Erfolgsgarant für erfolgreiche Verständigung ist, sondern dass die kontextuellen Deutungsrahmen des gesprochenen der Subjekte übereinstimmen müssen.

Das Subjekt muss also die Kontextualisierungsschlüssel in Bezug auf die non-verbalen Signale deuten. Es besitzt zudem bereits eine Erwartungshaltung und ist auf der Suche nach einer sinnvollen Interpretation. Dabei gelangt es in eine paradoxe Lage: es erstellt eine vorläufige Situationsinterpretation, indem es eine Hypothese aus der Perzeption und dem sozialen Wissens mit den Erwartungen abgleicht, um den Sinn des Gesprochenen und die Einstellungen des Gegenüber zu erschließen. Im Vollzug des Diskurses stellt sich für das Subjekt dann heraus, dann heraus, ob erfolgreich interpretiert wurde.

Der Kontext wird also interaktiv zwischen den Beteiligten ausgehandelt. Da Kommunikation niemals situationslos stattfindet, besitzt die Interaktionale Soziolinguistik eine entsprechende Relevanz für die Kommunikationswissenschaft. Zu diesem Zweck kann das Subjekt strategisch von seinem vorhandenen Wissen Gebrauch machen, seine Intention verbirgt sich dabei hinter der Aktivität.

Literatur:

Gumperz, John J. (1982) Discourse Strategies. Cambridge.

Sekundärliteratur:

Knoblauch, Hubert (1995) Kommunikationskultur. Die kommunikative Konstruktion kultureller Kontexte. Berlin; New York. Schröer, Norbert (2002) Verfehlte Verständigung: Kommunikationssoziologische Fallstudie zur interkulturellen Kommunikation. Konstanz.

--Michael Roslon 19:03, 6. Apr 2008 (CEST)

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