‚Kommunikation’ ist keine (dem normalen Menschen verborgene) Daseinseinheit - wie z.B. das Atom -, das die Wissenschaft erst aufspüren und dann vermessen muss, sondern ‚Kommunikation’ ist ein Begriff, der wie alle Begriffe in der Wissenschaft ein Handwerkzeug für die Beschreibung und die Untersuchung sozialer Phänomene ist. Der Begriff ‚Kommunikation ist der Name für ein durch und durch soziales Phänomen, über das in dieser ausgearbeiteten Form nur die Gattung Mensch verfügt (obwohl bei einigen Tieren Vor- und Sonderformen von Kommunikation zu finden sind), und das seit gut einem Jahrhundert immer mehr Wissenschaftler/innen interessiert. Dies vor allem,
- weil das individuelle Leben immer stärker und immer häufiger durch die Notwendigkeit kommunikativen (Aus-)Handelns gekennzeichnet ist, - weil staatliche, wirtschaftliche und private Organisationen aller Art Kommunikation als ein Steuerungsmittel erster Güte ansehen und zur Erreichung ihrer Ziele einsetzen, - weil die lokale, nationale wie internationale Öffentlichkeit sich im Wesentlichen mit Hilfe der Massenmedien informiert und durch sie auch irritieren bzw. animieren lässt und - weil Probleme des Wissens und der Kommunikation von immer leistungsstärkeren Kommunikationstechnologien übernommen werden und diese Medien deshalb als Bedingung und Mittel erfolgreichen Wirtschaftens nicht mehr wegzudenken sind.
Den Begriff ‚Kommunikation’ zu bestimmen, heißt (wie bei allen wissenschaftlichen Begriffen) also nicht, zu dieser Bezeichnung das von ihm Bezeichnete zu suchen, sondern heißt, zu bestimmen, was von dieser Bezeichnung in einem bestimmen Kontext bezeichnet werden soll. Definieren bedeutet immer, das anzugeben, was für einen von Interesse ist, also das Interessierende von dem abzugrenzen, was nicht von Interesse ist - wenn man so will: eine Unterscheidung einzuführen, die einen Unterschied macht.
Zu versuchen, eine solche (möglicherweise vorschnelle) Begriffsumgrenzung zu vermeiden und ganz auf den Begriff zu verzichten oder noch ärger: immer wieder auf der Suche nach der richtigen Bestimmung auf der Stelle zu treten, ist aus erkenntnistheoretischer, arbeitsökonomischer und alltagspraktischer Sicht weder sinnvoll noch möglich. Ohne eine zumindest heuristisch entworfene Begriffsbestimmung ist keine Aussage zur ‚Kommunikation’ möglich, auch nicht die, dass etwas ‚Nicht-Kommunikation’ sei oder dass eine Stimulus-Response-Sequenz eben keine sei. Jede Aussage zur ‚Kommunikation’ setzt implizit voraus, dass ein Vorverständnis darüber existiert, was ‚Kommunikation’ ‚ist’ bzw. sein soll. Auch wenn sich dieses Vorverständnis später als unpraktisch, als nicht passend herausstellt, war dieser anfängliche ‚Irrtum’ die Brücke, die zum Erkenntnisfortschritt führte.
Deshalb wird hier, auch auf die Gefahr hin, ‚Kommunikation’ unpraktisch zu bestimmen, im weiteren aus sozialwissenschaftlicher Sicht versucht, das zu bezeichnen, das von dieser Bezeichnung (vorerst) bezeichnet werden soll: ‚Kommunikation’ ist in diesem Verständnis symbolisch vermittelte Interaktion. Kommunikation ist also stets eine Form sozialen Handelns – obwohl nicht alles soziale Handeln auch Kommunikation ist. Der Ausgangspunkt von Kommunikation ist ein Handlungsproblem. Kommunikation ist der gesamte Prozess der Bearbeitung dieses Handlungsproblems mit Hilfe von Symbolen. Der Begriff ,kommunikatives Handeln‘ bezeichnet also (um zwei weit verbreitete Missverständnisse anzusprechen) weder allein den Vorgang der Informationsübertragung von einem Sender zu einem Empfänger, noch allein den Vorgang, durch einen spezifischen Symbolgebrauch beim hörenden Gegenüber eine bestimmte innere Erfahrung hervorzurufen bzw. aufgrund von Deutungsprozessen aus dem Gehörten die spezifische innere Erfahrung des Sprechers zu konstruieren.
Kommunikatives Handeln ist notwendigerweise stets mehr als Informationsübertragung und/oder Verstehen. Kommunikatives Handeln ist statt dessen der gesamte Prozess der Verständigung, der Verstehen zur Voraussetzung hat, sich jedoch nicht in ihm erschöpft. „Dahinter steht die Einsicht, dass es für die Kommunikationstheorie kaum etwas Sinnloseres gibt als ein situationsloses Kommunikationsmodell oder die wissenschaftliche Konstruktion einer ,idealen Sprechsituation‘. Beiden fehlt, was für die Kommunikation essentiell ist: die Einbettung der Kommunikation in konkrete Situationen und die praktische Konkretion kommunikativen Handelns“ (Soeffner & Luckmann 1999: 176).
Kommunikation besteht deshalb zumindest aus vier Teilhandlungen:
Die Teilhandlungen (1) und (3) beziehen sich vor allem auf den Symbolgebrauch und deshalb benötigt man hierzu das Wissen um die Grammatik und Semantik einer Sprachgemeinschaft, die Teilhandlungen (2) und (4) beziehen sich auf soziale Praktiken zur Durchsetzung bzw. zur Abwehr von Ansprüchen und deshalb benötigt man das Wissen um die Pragmatik einer Gesellschaft.
Untersucht man kommunikative Handlungen, die, wenn sie aufeinander Bezug nehmen, sich zu einer Kommunikation verweben, dann ist eine erste Differenzierung meist sinnvoll: nämlich die zwischen Kommunikationen, die über eine eigene Bildungsgeschichte verfügen, und keine eigene Bildungsgeschichte aufweisen. Zur ersten Sorte gehören alle Kommunikationen, in die Menschen im Alltag verwickelt sind, weil sie einen gemeinsamen Alltag haben und auch immer wieder schaffen: Eltern, Partner, Kinder, Familie, Freunde und Bekannte. Man kennt sich, weil man eine gemeinsame Geschichte hat – auch eine gemeinsame Kommunikationsgeschichte. Die Erwartungen an den jeweils anderen sind diffus und unspezifisch, nur geformt von der gemeinsamen Geschichte. Es muss nicht mehr alles gesagt und ausgehandelt werden, weil es bereits früher kommuniziert wurde. Jede neue kommunikative Handlung schleppt die Geschichte der Kommunizierenden mit sich, erneuert und erweitert sie, ergänzt sie, verfestigt sie oder bricht sie auch ab. Diese Verankerung jeder Kommunikation in der Vergangenheit erleichtert, aber erschwert auch kommunikatives Handeln. Zu den Kommunikationen ohne eigene Bildungsgeschichte zählen all die Kommunikationen, die mit Vertretern von Organisationen (Behörden, Unternehmen etc.) geführt werden. Hier greift man beim kommunikativen Handeln (von Ausnahmen abgesehen) nicht auf eine gemeinsame Geschichte zurück. Vieles muss deshalb vorab gesagt und festgestellt werden. Die Erwartungen an den anderen sind meist klar umrissen (Bitte neues Nummernschild ausstellen!) und dessen Adressierung und Verhalten rollenförmig.
Kommunikatives Handeln besitzt viele Dimensionen, die sinnvoller Weise (zumindest analytisch) auseinander zu halten sind. Kommunikationsanalyse muss diese Dimensionen berücksichtigen, will die Wirkung von Kommunikation verstehen. Obwohl bei jedem kommunikativen Handeln meist alle Dimensionen eine Rolle spielen, kommt je nach Situation einigen mehr, anderen weniger Bedeutung zu.
Die wichtigsten Dimensionen von kommunikativen Handlungen sind (siehe auch Karl Bühler, Paul Watzlawick und Reichertz 2007):
Sowohl Kommunikationen mit als auch die ohne eigene Bildungsgeschichte werden vor dem Hintergrund und mit Hilfe von Kommunikationsordnungen geführt. Die Ordnungen kann man etwas starrer als Gattungen (Thomas Luckmann) oder etwas weicher Rahmen (Erving Goffman) nennen. Diese Ordnungen eröffnen und begrenzen kommunikatives Handeln und sie weisen dem Handeln meist auch ein gewisses Gewicht zu (Witz, Prüfung, Gebet, Entschuldigung). Die Gattung oder der Rahmen legen nahe, was jeweils kommuniziert werden darf und was nicht und welche Folgen es hat. Diese Gattungen und Rahmen sind gesellschaftlich erarbeitet und verbürgt – sie sind Institutionen (im Sinne Arnold Gehlens). Gattungen wie Rahmen können in bestimmten Situationen interaktiv ausgefüllt, moduliert oder auch verändert werden.
Kommunikation findet in vielfältigen Formen und Kontexten statt. Die Konversation, also das gesittete Gespräch, in dem zwei Menschen abwechselnd über ein Thema mit dem Ziel der Verständigung über dieses Thema miteinander kommunizieren, ist eine besondere Form des Kommunizierens in Dyaden, die sich im übrigen historisch erst recht spät entfaltet hat. Das Gespräch unter vier Augen ist somit nicht die Urform oder der Prototyp des miteinander Kommunizierens von Angesicht zu Angesicht, sondern ein spezialisierter Unterfall, mit eigenen Regeln und Aufgaben. Lange vor dem Gespräch und der Unterhaltung bediente sich die Gattung Mensch der Kommunikation unter mehreren Anwesenden zur Abstimmung von Identität, Rang und Verhalten. Von den Besonderheiten des Gesprächs darf mithin nicht auf die Besonderheiten von Kommunikation geschlossen werden – und vice versa (auch wenn es noch so verlockend ist und so oft getan wird). Kommunikation ist immer vielfältiger als das Gespräch, weshalb die Gesprächsanalyse und auch die Konversationsanalyse nur einen Teilbereich der Kommunikationsanalyse darstellen können.
Kommunikation ist also symbolvermitteltes Handeln von konkreten Menschen für konkrete Menschen. Ohne Zweifel kann man in der Kommunikationsanalyse auch die Begriffe ‚Sprecher’ und ‚Hörer’ sinnvoll verwenden - solange man dabei nicht vergisst, dass diese Begriffe voraussetzen, „dass wir es mit Akustischem zu tun haben, obwohl ganz offenkundig das Visuelle, manchmal auch das Taktile eine organisatorisch hochgradige Bedeutung hat“ (Goffman 2005: 43). Wer allerdings nur etwas über Hörer und Sprecher sagt, läuft Gefahr, dass ihm das Besondere von Kommunikation systematisch nicht in den Blick gerät.
Kommunikation ist symbolvermitteltes Handeln von konkreten Menschen für konkrete Menschen und zwar immer: in bestimmten Situationen und bestimmten Soziallagen und mit bestimmten Absichten. Deshalb ist jede Sprechhandlung eine soziale Handlung, d.h. sie ist an eine soziale Identität gerichtet und erwartet eine Antwort-Handlung. Kommunikation zu verstehen, bedeutet dann immer, den in einem bestimmten Kontext eingebetteten Handlungsprozess zu verstehen. Die wissenschaftliche Analyse und auch das wissenschaftliche Verstehen von Kommunikation kann sich deshalb Sicht nicht auf das Erfassen von Intentionen von Sprechern begrenzen.
„Sinnverstehen ist (...) eine solipsistisch undurchführbare, weil kommunikative Erfahrung. Das Verstehen einer symbolischen Äußerung erfordert grundsätzlich die Teilnahme an einem Prozeß der Verständigung. Bedeutungen, ob sie nun in Handlungen, Institutionen, Arbeitsprodukten, Worten, Kooperationszusammenhängen oder Dokumenten verkörpert sind, können nur von innen erschlossen werden. Die symbolisch vorstrukturierte Wirklichkeit bildet ein Universum, das gegenüber den Blicken eines kommunikationsunfähigen Beobachters hermetisch verschlossen, eben unverständlich bleiben müßte. Die Lebenswelt öffnet sich nur einem Subjekt, das von seiner Sprach- und Handlungskompetenz Gebrauch macht. Es verschafft sich dadurch Zugang, daß es an den Kommunikationen der Angehörigen mindestens virtuell teilnimmt und so selber zu einem mindestens potentiellen Angehörigen wird“ (Habermas: 1981: 164f).
Das Handeln mit Hilfe von Zeichen setzt Gesellschaft voraus, da die Umgangsweisen auf Zeichen nicht in den Zeichen selbst verankert sind, sondern vor allem gesellschaftlich verbürgt sind. Deshalb sind die Ergebnisse der Sozialwissenschaften und hier insbesondere der Soziologie für die Kommunikationswissenschaft von kaum zu unterschätzender Bedeutung. Eine Allgemeine Kommunikationswissenschaft, die sich mit der Rekonstruktion der strukturellen Merkmale von Sprecher und Hörer, des Zeichens und der Zeichenbildung zufrieden gibt, also auf die Untersuchung der Situiertheit und sozialen Fundierung von Kommunikation verzichtet, ist eine Kommunikationswissenschaft ohne Herz und Hirn: sie ist ohne Leben und ohne Verstand, kann sie doch nicht verstehen, weshalb z.B. die 53-jährige Helga Peters die Wortfolge ihres Mannes ,Kannst Du mal das Fenster schließen?“ als Bitte (und nicht als Frage) auffasst und noch weniger, weshalb sie der Bitte folgt - so sie es dann tut.
Kommunikatives Handeln schafft auch immer wieder Gesellschaft aufs Neue, da jede kommunikative Handlung Gesellschaft gestaltet und formt. Deshalb ist es sinnvoll, den allgemeinen Begriff der ‚Kommunikation’ zu vermeiden und stattdessen von ‚kommunikativen Ereignissen’ oder ‚kommunikativen Handlungen’ zu sprechen. ‚Kommunikatives Handeln’ liegt demnach dann vor, wenn zumindest zwei konkrete Menschen (= sinnstrukturiert und entscheidungsoffen) versuchen, ihr Handeln mit Hilfe von Symbolen zu koorientieren (Eine Koorientierung liegt auch dann vor, wenn man beschließt, nichts miteinander zu tun.).
Kommunikatives Handeln wird also hier verstanden als der sozial verankerte Prozess, in dem entscheidungsoffene, personale oder institutionelle Akteure versuchen, mittels habitualisiertem oder reflexivem, von der jeweiligen Interaktionsgemeinschaft erarbeitetem und verbürgtem Symbolgebrauch und habitualisierter oder reflexiver (ebenfalls gesellschaftlicher erarbeiteter und verbürgter) Symboldeutung, in direktem oder (medial) vermitteltem Kontakt, eingebettet in konkrete Situationen, ihr Handels zu koordinieren.
Habermas, Jürgen (1981): Theorie kommunikativen Handelns. 2 Bde. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Krallmann, Dieter/Ziemann, Andreas (2001): Grundkurs Kommunikationswissenschaft. München: Fink.
Soeffner, Hans-Georg & Thomas Luckmann (1999): Die Objektivität des Subjektiven. In: Hitzler, Ronald & Jo Reichertz & Norbert Schröer (Hrsg.) Hermeneutische Wissenssoziologie. Konstanz. UVK. S. 171-187.
Reichertz, Jo (2007) Die Macht der Worte und der Medien. Wiesbaden: VS Verlag.
Jo Reichertz, Mai 2008