Kommunikationswissenschaft

Aus myKoWi.net - Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Kommunikationswissenschaft als moderne Schlüsselwissenschaft

Der Kommunikationswissenschaft als einer vor allem empirisch und interdisziplinär arbeitenden Sozialwissenschaft stellen sich heute (wie allen anderen Wissenschaftsdisziplinen auch) neue Aufgaben und Herausforderungen. Denn sie forscht, lehrt und bildet aus in einer Zeit,

a. in der das individuelle Leben immer stärker und immer häufiger durch die Notwendigkeit kommunikativen (Aus-)Handelns gekennzeichnet ist und b. in der staatliche, wirtschaftliche und private Organisationen aller Art Kommunikation als ein Steuerungsmittel erster Güte ansehen und zur Erreichung ihrer Ziele einsetzen und c. in der die lokale, nationale wie internationale Öffentlichkeit sich im Wesentlichen mit Hilfe der Massenmedien informiert und durch sie auch irritieren bzw. animieren lässt und d. in der Probleme des Wissens und der Kommunikation von immer leistungsstärkeren Kommunikationstechnologien übernommen werden und diese Medien deshalb als Bedingung und Mittel erfolgreichen Wirtschaftens nicht mehr wegzudenken sind,

Die Kommunikationswissenschaft ist nun wie keine andere Wissenschaft dazu befähigt, alle die o.a. Prozesse in den Blick zu nehmen, zu analysieren und zu verstehen. Sie ist ebenfalls dazu in der Lage, diese Prozesse durch stellvertretende Deutung transparent zu machen und zu begleiten, kann aber auch Angaben zu deren Entwicklung, Steuerungsmöglichkeiten und Steuerungspotentialen machen.

Kommunikationsgesellschaft

In einer Gesellschaft, die zu Recht mit dem Begriff Kommunikationsgesellschaft gekennzeichnet wird, kann die Kommunikationswissenschaft nicht mehr allein das Ziel haben

a. Allein die Medien bzw. deren Nutzung in den Blick zu nehmen b die Bedingungen der Möglichkeit von Kommunikation zu bestimmen oder c eine reine und/oder allgemeine Kommunikationstheorie zu konstruieren d die internen kognitiven Prozesse von Sprecher/Hörer während der Kommunikationsakte zu rekonstruieren oder a. empiristisch Medienkommunikation zu vermessen.

Fokussiert eine Kommunikationswissenschaft nur eines oder mehrere dieser Ziele, konzentriert sie sich also zu sehr auf die weitere Beschreibung der ‚zeitlosen’ Bestandteile der Medien oder des kommunikativen Handelns, dann läuft sie Gefahr, zuerst gesellschaftspolitisch, dann wissenschaftlich bedeutungslos werden. Denn eine solche entweder rein empiristisch oder ‚reine’ Kommunikationstheorie erwartet das Schicksal, das bereits anderen Disziplinen der Sozialwissenschaften widerfahren ist bzw. zur Zeit widerfährt: sie wird einen schleichenden, aber tief greifenden und nachhaltigen institutionellen (Stellen-)Abbau hinnehmen müssen. Dieser Entwicklung entgegenzuarbeiten, ist aus meiner Sicht eine wissenschafts-, fach- wie gesellschaftspolitisch immens wichtige Aufgabe.

Deshalb wird sich jede Kommunikationswissenschaft, die auch in Zukunft national wie international konkurrenzfähig sein will, einerseits sich als empirisch orientierte Kommunikationsforschung begreifen müssen und sich andererseits ihrer wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Verantwortung zu stellen haben, d.h. sie wird gut beraten sein, in der heutigen Kommunikationsgesellschaft

a. ihr beachtliches zeitdiagnostisches Potential einzusetzen und der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen, also aktuelle Entwicklungen der (lokalen, nationalen und globalen) Kommunikationskultur zu untersuchen und damit zum (Selbst-)Verständnis und der Gestaltung der heutigen Gesellschaft maßgeblich beizutragen, b. die kulturelle und soziale Bedeutung der alten und neuen Formen interpersonaler, medial unterstützter und massenmedialer Kommunikation zu erforschen, c. die Veränderungsprozesse in den Blick zu nehmen, die mit der Unterstützung bzw. Ersetzung von Kommunikation durch Technik (insbesondere neuer Computertechnologie zur Modellierung von Kognition und Kommunikation) einhergehen, d. den Studenten/innen die Schlüsselqualifikationen zu vermitteln, die sie in die Lage versetzen, die oben beschriebenen gesellschaftlichen Entwicklungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen (Interpersonal, Organisationen, Gesellschaft, Öffentlichkeit) und deren sozialen (z.B. Alter, Geschlecht, Bildung etc.), wirtschaftlichen und kulturellen Auswirkungen zu verstehen, und aufgrund dieser Kenntnisse auch gestaltend in diese Prozesse einzugreifen. Der gezielten Untersuchung und Nutzung aller Art von Medien (Print, Audio-visuell, Internet) kommt bei dieser Ausbildung eine zentrale Bedeutung zu.

Kommunikationswissenschaft als empirisch arbeitende Sozialwissenschaft

Kommunikationswissenschaft ist eine (von mehreren) vor allem empirisch arbeiten Sozialwissenschaften. Als eine solche hat sie aufgrund der Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte den anderen Sozialwissenschaften viel zu geben, sie kann aber auch von den anderen Sozialwissen¬schaften sehr viel lernen - insbesondere von der Soziologie, der Ethnologie, der Anthropologie und der Ethologie.

Da die Kommunikationswissenschaft eine vor allem empirisch arbeitende Wissenschaft ist, muss sie besonderen Wert auf die Erlernung und Beherrschung der quantitativen und qualitativen Methoden der Sozialwissenschaft legen. Deshalb sollte in der Kommunikationswissenschaft die Erlangung der Fähigkeit, vorhandenes Wissen zu überprüfen und sich selbständig Wissen über neue Erscheinungs¬formen und Medien kommunikativen Handelns anzueignen und auch methodisch gesichert selbst zu erarbeiten, vorrangiges Ziel sein.

‘Kommunikation’ ist der Gegenstandsbereich der Kommunikationswissenschaft, einer Wissenschaft also, die als eigenständiges Fach vielleicht ein halbes Jahrhundert alt ist, und die in vielfältiger Weise in der Sprachwissenschaft und der Sozialwissenschaft, aber auch in Konzepten der Nachrichtenübertragung und der Zeitungswissenschaft verwurzelt ist.

Unter Kommunikation wird hier der sozial verankerte Prozess verstanden, in dem entscheidungsoffene, personale oder institutionelle Akteure versuchen, mittels habitualisiertem oder reflexivem, von der jeweiligen Interaktionsgemeinschaft erarbeitetem und verbürgtem Symbol- und Mediengebrauch und habitualisierter oder reflexiver (ebenfalls gesellschaftlicher erarbeiteter und verbürgter) Symboldeutung, in direktem oder (medial) vermitteltem Kontakt, eingebettet in konkrete Situationen, ihr Handels zu koordinieren.

Arbeitsbereiche der Kommunikationswissenschaft

Kommunikationswissenschaft beschäftigt sich interdisziplinär als empirische Wissenschaft

1. mit allen Formen dieses Prozesses, seinen Abläufen, 2. seinen Bestandteilen, seinen Bedingungen, seinen Medien 3. seinen Folgen und seinen Funktionen 4. sowie den alltäglichen und wissenschaftlichen (aktuelle wie historische) Deutungsversuchen von Kommunikation und 5. den Methoden zur Erforschung von Kommunikation.


Jo Reichertz, Mai 2008

Translate
Persönliche Werkzeuge