Die Konsenstheorie der Wahrheit geht, wie ihr Name schon sagt, davon aus, dass das wahr ist, worüber ein allgemeiner Konsens besteht. Folglich ist eine Aussage dann wahr, wenn ein allgemeiner Konsens über ihre Wahrheit besteht. Allerdings unterscheiden viele Philosophen zwischen einem sozialen Konsens und einem rationalen Konsens. Der soziale Konsens gibt lediglich an, was die Mehrheit faktisch für wahr hält. Die Theorie des rationalen Konsenses geht davon aus, dass dasjenige wahr ist, dem jeder vernünftige Diskussionsteilnehmer zustimmen würde bzw. zustimmen könnte. In dieser Form wird die Konsenstheorie insbesondere in der Ethik diskutiert (Apel/Habermas, sogenannte Diskursethik), wenn es also um die Begründung von moralischen Geboten geht.
Der Vorteil der Konsenstheorie ist, dass sie ein Kriterium für Wahrheit angibt. Insbesondere in moralischen Diskursen scheint die Konsenstheorie leistungsfähig. Allerdings reicht der Konsens vermutlich nicht als Kriterium. Erstens ist es denkbar, dass sich auch Mehrheiten irren. Wenn jedoch nicht auf den sozialen Konsens abgezielt wird, sondern auf einen rationalen, so muß die Konsenstheorie Kriterien angeben, was rational ist und was nicht. Diese Kriterien können nicht selber wieder mit der Konsenstheorie begründen werden. Außerdem hält die Konsenstheorie einer Selbstanwendung nicht stand: Was ist, wenn die Mehrheit beschließt, nicht die Konsenstheorie der Wahrheit für gültig zu halten?
Autor: Jo Reichertz