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Der kommunikative Konstruktivismus geht im Wesentlichen auf die Arbeiten von Thomas Luckmann, Hubert Knoblauch und Jo Reichertz zurück. Grundthese ist, das die gesellschaftliche Wirklichkeit kommunikativ hergestellt wird.
Kommunikation gründet in der Kultur einer Sprach- und Interaktionsgemeinschaft, und jede kommunikative Praxis ruft diese Kultur einerseits auf, während sie andererseits diese Praxis auch immer verändert. Kommunikation schafft immer die Kultur, deren Ausdruck sie zugleich ist.
Menschliche Kommunikation hat stets eine pragmatische Funktion, d.h. es geht immer um menschliche Handlungen und um deren Koordination oder deren Koorientierung – dazu gehört immer und unhintergehbar auch die Darstellung und Feststellung der eigenen Identität, der des Gegenübers, des Verhältnisses zueinander und dessen, was die Wirklichkeit sein soll. Kommunikation ist grundlegend für Kooperation.
Kommunikation ist in diesem Sinne bewusstes und geplantes ebenso wie nicht bewusstes, habitualisiertes und nicht geplantes zeichenvermitteltes Handeln. Sie ist symbolische Interaktion – von konkreten Menschen für konkrete Menschen, in bestimmten Situationen und bestimmten Soziallagen und: mit bestimmten Absichten. Kommunikation kann sprachliche Zeichen benutzen, muss es aber nicht. Kommunikation findet auch ohne Sprache statt, denn Sprache ist nur ein Werkzeug von Kommunikation. Es gilt aber auch: Sprache war von Beginn an ein Werkzeug der Kommunikation. Die Wurzeln der Sprache finden sich also in der Kommunikation, nicht in dem Erkenntniswunsch.
Jede kommunikative Handlung ist auch eine soziale Handlung, d.h. sie ist an eine soziale Identität gerichtet und erwartet eine Antwort-Handlung. Aber nicht jede soziale Handlung ist auch Kommunikation. Kommunikatives Handeln ist eine echte Teilmenge sozialen Handelns. Das Handeln mit Hilfe von Zeichen setzt Gesellschaft voraus, da die Umgangsweisen mit Zeichen nicht in den Zeichen selbst verankert sind, sondern vor allem gesellschaftlich eingeübt und verbürgt sind. Aber kommunikatives Handeln schafft auch immer wieder aufs Neue Gesellschaft, da jede kommunikative Handlung Gesellschaft gestaltet und formt.
Kommunikation ist allerdings nicht allein das Mittel, mit dem sich Menschen absichtvoll Botschaften zukommen lassen und versuchen, andere zu steuern (das ist Kommunikation auch, aber nicht allein und noch nicht einmal wesentlich), sondern Kommunikation ist immer auch die menschliche Praktik, mit der zugleich Identität, Beziehung, Gesellschaft und Wirklichkeit festgestellt werden. Kommunikation ist die Basis gesellschaftlicher Wirklichkeit, da sie Identität, Wirklichkeit, Gesellschaft und Beziehung erst konstituiert. Mittels Kommunikation wird Identität, Wirklichkeit und eine bestimmte Form der Beziehung zu Anderen zugeschrieben, behauptet, aufgeführt, festgestellt und geändert. Kommunikation dient in diesem Verständnis nicht allein der Übermittlung (von Informationen), sondern vor allem der Vermittlung (sozialer Identität und sozialer Ordnung).
Weil das so ist, kommt es dabei regelmäßig zu Konflikten. Anzunehmen, der Andere habe ein Interesse daran, sich vom Kommunizierenden steuern und auf eine bestimmte Identität festlegen zu lassen und sich deshalb an diesem Steuerungsprozess bereitwillig zu beteiligen, und dies auch noch im Sinne des Steuernden, ist ziemlich weltfremd – obwohl es empirisch durchaus in einigen Fällen vorkommen kann. Insofern kann man, betreibt man Kommunikationsforschung im Rahmen einer Gesellschaftstheorie, nicht davon ausgehen, dass die an der Kommunikation Beteiligten das gleiche Interesse am Verlauf der Kommunikation haben. Im Gegenteil, es gibt gute Gründe dafür, dass in bestimmten Situationen die Kommunizierenden zu Recht die Kommunikation aussetzen, insbesondere dann, wenn sie glauben, dass sie dem Gegenüber im Hinblick auf seine kommunikativen Fähigkeiten unterlegen sind.
Mit Hilfe von Kommunikation wird gesellschaftliche Wirklichkeit gesellschaftlich hergestellt. Kommunikation stellt nicht nur Wirklichkeit, Identität, Beziehung und Gesellschaft fest, sondern liefert darüber hinaus auch Anhaltspunkte dafür, was jeweils davon zu halten ist – und damit wird auch mittels Kommunikation Macht etabliert und legitimiert und auch jede Form von Ungleichheit hergestellt und legitimiert.
Deshalb macht es Sinn, in Anlehnung an einen berühmten Titel soziologischer Literatur (Berger & Luckmann 1969) von der „kommunikativen Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit“ (Luckmann 2002: 207) zu sprechen. Dementsprechend kann man die Disziplin, die diese Perspektive verfolgt, kommunikativen Konstruktivismus nennen.
Knoblauch, Hubert (1995): Kommunikationskultur. Die kommunikative Konstruktion kultureller Kontexte. Berlin: de Gruyter.
Knoblauch, Hubert & Luckmann, Thomas (2000): Gattungsanalyse. In: Uwe Flick et al. (Hrsg.): Qualiattive Sozialforschung. Reinbek: Rowohlt. S. 538-546.
Knoblauch, Hubert & Schnettler, Bernt (2004): Vom sinnhaften Aufbau zur kommunikativen Konstruktion. In: Gabriel, Michael (Hrsg.): Paradigmen der akteurszentrierten Soziologie. Wiesbaden: VS Verlag. S. 121-138.
Luckmann, Thomas (2002): Wissen und Gesellschaft. Konstanz: UVK.
Reichertz, Jo (2007). Die Macht der Worte und der Medien. Wiesbaden: VS Verlag.
Reichertz, Jo (2009): Kommunikationsmacht. Wiesbaden: VS Verlag.