Michel Foucault

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Inhaltsverzeichnis

Theoretische Einordnung

Michel Foucault (* 15. Oktober 1926 in Poitiers; † 25. Juni 1984 in Paris) war ein Wissenschaftler, dessen theoretische Einodnung nicht leicht fällt. Zumal er sich zu Lebzeiten der traditonellen Fächeraufteilung widersetzte. Rezipiert wird er häufig als Philosoph. Im Zuge der gegenwärtigen Konjunktur diskurstheoretischer und -analytischer Arbeiten in den Sozialwissenschaften wird er in jüngster Zeit gleichsam der Soziologie zugeordnet. So plädiert z.B. der deutsche Sozialwissenschafter Reiner Keller für eine wissenssoziologische Leseart von Foucaults Werken.

In materialreichen empirischen Studien untersuchte Focault die abendländische Geschichte des Wahnsinns (Wahnsinn u. Gesellschaft), der Medizin (Die Geburt der Klinik), des Strafsystems (Überwachen u. Strafen) und der menschlichen Sexualität (Sexualität u. Wahrheit).

Dabei verlaufen seine Untersuchungen entlang drei großer thematischer Achsen, die Menschen in Subjekte verwandeln.[1] Nämlich entlang der Achse des Wissens (Ordnung der Dinge, Archäologie des Wissens), der Achse der Macht (z.B. Ordnung des Diskurses) und der Achse der Ethik (Sexualität und Wahrheit, Bd. II und III). Entlang der Achse des Wissens bezeichnet er seine Methode als Archäologie. Der Archäologe soll diejenigen Bedingungen freilegen, unter denen der Mensch sich als Subjekt des Wissens konstituieren konnte. Dazu soll er rekonstruieren wie sich das moderne Denken in einem historischen Prozess sich hat entwickeln können. Seine Genealogie thematisiert die Achse der Macht. Dabei interessiert sie sich besonders für die Verschränkung der beiden Achsen "Macht" und "Wissen".

Leben

Hauptwerke

Wahnsinn und Gesellschaft

In seiner 1961 erschienenen Dissertationsschrift "Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft" schreibt Foucault eine Geschichte des abendländischen Wahnsinns. Diese basiert auf der Analyse umfangreichen empirischen Materials wie z.B. Verordnungen, Gesprächsprotokolle, Dienstanweisungen, Zeitungsartikel uvm. Dabei zeigt sich, wer zu einer bestimmten historischen Epoche an der Deutung und Definition des Phänomens "Wahnsinn" beteiligt war.

Dabei kommt er zu der Erkenntnis, dass es sich bei dem Phänomen des ‚Wahnsinns’ nicht etwa um eine substantielle Entität handelt, der zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft die gleichen Attribute zugesprochen werden. Vielmehr handelt es sich um ein beobachtetes abweichendes Verhalten, welches in verschiedenen Gesellschaften nicht nur unterschiedlich erfahren, sondern mit dem auch unterschiedlich umgegangen wird. Foucault betont, wie der Wahnsinnige sich von einem gesellschaftlich akzeptierten Teil der gesellschaftlichen Ordnung zu einer Person entwickelt, die eingeschlossen und ausgeschlossen wird. So wurde z.B. der Wahn zur Zeit der Aufklärung als eine Verfehlung angesehen, die es zu bestrafen galt. Später, im Zeitalter der Klassik wird der Wahnsinn als eine Krankheit gedeutet und erfahren. Wenn man so will, wurde das Phänomen von der Medizin diskursiv vereinnahmt was dazu führte, dass Wahnsinnige nicht mehr als Kriminelle, sondern fortan als Kranke angesehen und auch behandelt wurden. An der Deutung und Definition des des Wahnsinns wahren unterschiedliche Wissenschaften beteiligt. Niemals jedoch die Betroffenen selber. Sie waren vom gesellschaftlichen Diskurs über den Wahnsinn ausgeschlossen. Daher bezeichnet Foucault die Geschichte des Wahnsinns auch als eine „Archäologie des Schweigens“ (Foucault 1973: 8).

Das der Wahnsinn in der Zeit der Aufklärung entdeckt wurde ist kein Zufall, brauchte es zur Entdeckung der Vernunft, so Foucault, doch einen Gegenpol, nämlich den Wahnsinn.

Die Geburt der Klinik

Die Ordnung der Dinge

In Die Ordnung der Dinge bemüht Foucault sich um das Verfassen einer alternativen Ideengeschichte, die von subjektphilosophischen Trübungen gereinigt ist. Eine teleologische Geschichtsschreibung, welche geschichtliche Ereignisse unter große Serien subsumiert behagt ihm nämlich nicht. Er interessiert sich für die Brüche. (vgl. Foucault 1981: 9ff) Zwei große Brüche in der Geschichte des abendländischen Denkens sieht er im Übergang von der Renaissance zu Klassik, und von der Klassik zur Aufklärung.

Die Übergänge untersucht er im Hinblick auf die wissenschaftliche Erkenntnisbildung entlang verschiedener Disziplinen. Dazu analysiert er die Diskurse der Biologie, der Sprachwissenschaft, der Ökonomie und der Philosophie anhand von empirischem Material zunächst synchron, um sie dann anschließend diachron miteinander zu vergleichen.

Er arbeitet für jede Epoche ein allen Disziplinen gemeinsames epistemisches Grundmodell heraus, welches als ein „Code des wissenschaftlichen Deutens“ fungiert (vgl. Keller 2005: 129).
Im Zeitalter der Renaissance waren Zeichen und Ding noch nicht voneinander getrennt und man ging von einer Zeichenhaftigkeit der gesamten Welt aus. Dinge konnten aufgrund von Ähnlichkeiten aufeinander bezogen werden. Da die Ikonizität das erkenntnisleitende Prinzip war, ist die Renaissance- Erfahrung noch wesentlich von Analogieschlüssen geprägt. So glaubte man z.B., dass die Physiognomie eines Menschen die objektive zeichenhafte Manifestation seiner Charaktereigenschaften wäre. (vgl. Foucault: 46ff; Nöth 2000: 14)
Das änderte sich mit dem Übergang in das Zeitalter der Klassik. Die Zeichen wurden zu Repräsentationsmedien statt in den Dingen selber niedergelegt zu sein. Gleichzeitig nahm man aber an, dass es ein natürliches Entsprechungsverhältnis zwischen der Struktur der Dinge und der Struktur der Ideen gäbe. Daher war die Klassik das Zeitalter der Ordnungswissenschaften in welchem die Dinge restlos in Taxinomien und Schemata repräsentiert werden konnten. In der Biologie wurden z.B. Pflanzen klassifiziert, indem man auf Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen ihnen achtete. (vgl. Foucault 1971: 180f; Nöth 2000: 17)
Erst das Verschwinden des dyadischen Repräsentationmodells macht das Auftauchen des Menschen im Zeitalter der Aufklärung erkenntnislogisch möglich. Da im klassischen Zeitalter die Welt restlos in Tableaus repräsentiert werden konnte bedurfte es einer durch das Subjekt vermittelnden Erkenntnisinstanz nämlich noch nicht. Es gab „kein erkenntnistheoretisches Bewusstsein vom Menschen als solchem“ (Foucault 1971: 373).
So wird in den verschiedenen Disziplinen der Mensch als lebendes, arbeitendes und sprechendes Individuum entdeckt. In Korrelation dazu bildete sich mit Kant die Subjektphilosophie heraus, die nun das Problem zu lösen hat, wie sich das arbeitende, sprechende und lebende Individuum selbst erkennen kann.

Der Mensch wird gleichzeitig zum Subjekt und Objekt der Erkenntnis, was für Foucault zu einem erkenntnistheoretischen Dilemma führt. Da nämlich das Erkennen durch kategoriale Strukturen eines transzendentalen Subjekts begründet wird (Kant), der Mensch aber immer nur empirisch sein kann, kommt den Humanwissenschaften ein prekärer epistemologischer Status zu. Daher bezeichnet Foucault das Erkenntnissubjekt ‚Mensch’ als „eine seltsame empirisch transzendentale Dublette“ (ebd.: 384), die es jedoch nicht schafft „sich vom schwankenden Boden der Geschichte zu befreien“ (Kögler 2004: 50). Foucault fordert vom tatsächlichen Sein des Menschen auszugehen, statt die Bedingung der Möglichkeit der Erkenntnis ins Unendliche zu projizieren. Das transzendentale Subjekt ist für Foucault kein hinreichend stabiles Fundament der Erkenntnis. (ebd. 49ff)

Foucault nimmt an, dass der subjektiven Erkenntnisse epochenspezifische Denksysteme vorausgehen. Dieses Episteme strukturiert das Denken indem es ihm einen Rahmen vorgibt, der es zwar ermöglicht aber zugleich auch beschränkt. Dabei ist die Ordnung der Dinge nicht eine natürliche Ordnung, sondern eine die historisch variabel ist. Sie ist „zugleich das, was sich in den Dingen als ihr inneres Gesetz ausgibt […] was nur durch den Raster eines Blicks, einer Aufmerksamkeit, einer Sprache existiert“ (Foucault 1971: 22).
Foucault versucht durch die Analyse der verschiedenen Diskurse die diskursiven Regelmäßigkeiten zu rekonstruieren, von denen er glaubt, dass sie eine entschiedene Rolle in der Geschichte der Wissenschaften gespielt haben.
Ich wollte gern wissen, ob die Individuen, die verantwortlich für den wissenschaftlichen Diskurs sind, nicht in ihrer Funktion, ihren perzeptiven Fähigkeiten und in ihren praktischen Möglichkeiten von Bedingungen bestimmt werden, von denen sie beherrscht und überwältigt werden. Kurz, ich versuchte den wissenschaftlichen Diskurs nicht vom Standpunkt der sprechenden Individuen aus zu erforschen, […] sondern vom Standpunkt der Regeln, die nur durch die Existenz [eines T.K.] solchen Diskurses ins Spiel kommen… (ebd. S.15)

Das Denksystem einer Epoche bezeichnet Foucault in Anspielung an Kant auch als historisches Apriori. So wie bei DE SAUSSURE die Langue der Parole zugrunde liegt, so liegt bei Foucault das historische Apriori der konkreten Erkenntnistätigkeit zugrunde (Keller 2004: 16). Das freilegen dieser erkenntniskonstitutiven Strukturen ist das Ziel von Foucaults Archäologie. Sie soll durch historische Untersuchungen das Positive Unbewusste enthüllen, indem sie nachzeichnet, wie sich das Episteme der Gegenwart sich in einem historischen Prozess hat entwickeln können (Foucault 1971: 11). Dabei ist ihre Methode die Diskursanalyse, denn das Episteme ist die Gesamtheit der Beziehungen, die man in einer gegebenen Zeit innerhalb der Wissenschaften entdecken kann, wenn man sie auf der Ebene diskursiver Regelmäßigkeiten untersucht (Foucault 1981: 273).

Einem Subjekt einen erklärenden Status in der Erklärung zuzubilligen lehnt Foucault entschieden ab, denn er meint, dass die historische Analyse des wissenschaftlichen Diskurses letzten Endes Gegenstand nicht einer Theorie des wissenden Subjekts, sondern vielmehr eine Theorie diskursiver Praxis ist (Foucault 1971: 15).

Wie Kögler bemerkt, geschieht dies „im kritischen Geist einer Destruktion der Subjektphilosophie“ (Kögler 2004: 25). Da für Foucault Wissenschaft, Geschichte sowie das Sprechen und das Denken nicht hinreichend begriffen werden kann indem man sie auf ein Subjektzentrum bezieht, bezeichnet er das Subjektdenken auch als einen anthropologischen Mythos der unser Denken bisher nur in die Irre geführt habe (vgl. ebd.).
Die Tatsache, dass der Mensch als Erkenntnissubjekt erst relativ spät auftaucht und dies auch nur durch eine spezifische Disposition des Wissens möglich war, lässt ihn vermuten, dass der Mensch, sobald sich diese Disposition des Wissens ändere, auch wieder verschwinden könne. Im Schlusssatz des Buchs Die Ordnung der Dinge wettet er mit dem Leser, dass sobald dies geschehe der Mensch aus der Philosophie verschwinde „wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“ (Foucault: 1971: 462). Diesen Prozess vorzubereiten und voranzutreiben ist das Ziel seiner Archäologie. Dabei geht es Foucault nicht um die nihilistische Vernichtung des Menschen, sondern um die Überwindung eines Denkmodells in dem wir völlig gefangen zu sein scheinen. (vgl. Kögler 2004: 25) Der Diskurs tritt nun an die Stelle des Subjekts, die diskursive Praxis geht dem Subjekt voraus.

Archäologie des Wissens

Überwachen und Strafen

Sexualität und Wahrheit

Der Wille zum Wissen

Der Gebrauch der Lüste

Die Sorge um sich

Geschichte der Gouvernementalität (I und II)

Quellen

[1] Dreyfus, H./Rabinow,P. [Hg.] Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, Frankfurt/M., S. 241-261

Foucault, Michel (1971): Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Foucault, Michel (1973): Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahnsinns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Foucault, Michel (1981): Archäologie des Wissens. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Foucault, Michel (2004): Die Geschichte der Gouvernementalität I. Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Frankfurt a. M.

Foucault, Michel (2004): Die Geschichte der Gouvernementalität II. Geburt der Biopolitik. Frankfurt a. M.

Foucault, Michel (2005): Analytik der Macht. Frankfurt a. M.

Keller, Reiner (2005): Wissenssoziologische Diskursanalyse. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften

Kögler, Hans- Herbert (2004): Michel Foucault. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart; Weimar: Metzler

Nöth, Winfried (2000): Handbuch der Semiotik. 2. vollständig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Weimar: Metzler

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