Der Begriff ‚Moderne’ wird in der Alltags- ebenso wie in der Wissenschaftssprache einigermaßen diffus verwendet. Was als ‚Moderne’ gelten soll, welche soziohistorischen Umstände die Moderne beginnen – und vielleicht auch enden – lassen, welche Moderne eigentlich wobei thematisiert wird, über all das herrscht eher Unklarheit als Klarheit. ‚Moderne’ fungiert als ‚Passepartoutbegriff’ und dient vielfältigen (und teilweise widersprüchlichen) Konstruktionsinteressen. Die sich verändernden Bestimmungen der Moderne korrelieren mehr oder weniger mit dem sich wandelnden Selbstverständnis verschiedener historischer Abschnitte: „Die Modernitätsmerkmale von heute sind nicht die von gestern und auch nicht die von morgen, und eben darin liegt Modernität“, schreibt etwa Niklas Luhmann (1992, S. 75).
Bereits im 5. Jahrhundert nach Christus wurde literarisch die adjektivische Form ‚modernus’ (abgeleitet vom lateinischen ‚modo’: eben, erst, jetzt) im Gegensatz zu ‚antiquus (alt, früher, ehemalig) als Zeitbegriff benutzt, um „ausschließlich das historische Jetzt der Gegenwart zu bezeichnen“ (Jauß 1979, S. 15). Bis ins späte Mittelalter diente das Wort ‚modern’ in Wissenschaft, Philosophie und Dichtung als Abgrenzung von der jeweiligen Vergangenheit. Im 14. Jahrhundert wurde mit ‚modern’ ein Bewusstsein von Neuerung verbunden.
Begriffsgeschichtlich kristallisieren sich mit der Zeit drei Bedeutungshöfe von ‚modern’ heraus:
Ansetzen lässt sich der Beginn der Moderne als einer geschichtlichen Epoche etwa in der Zeit zwischen 1750 und 1830. Der damals einsetzende tiefgreifende gesellschaftliche Strukturwandel ist aber keineswegs uni-linear ausgerichtet, sondern vielmehr multi-linear, ungleichzeitig, fragmentiert, vielschichtig, inhomogen, widersprüchlich, ja teilweise paradox (vgl. Loo/Reijen 1992). Und dieser komplexe Prozess geistiger, politisch-moralischer und industriegesellschaftlicher Umwälzung(en) wird seit den 50er Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts eben unter dem Stichwort ‚Modernisierung’ diskutiert. Moderne und Modernisierung implizieren im Großen und Ganzen eine „Dialektik der Aufklärung“ (Horkhei-mer/Adorno 1990) von ‚gesetzten’ Idealen (wie Freiheit, Gleichheit, Menschlichkeit, Demokratie usw.) hie und von tatsächlichen Erfahrungen solcher Wandlungsprozesse da. Mit Klaus Wahl (1989, S. 161) kann man deshalb auch von der „Modernisierungsfalle zwischen dem Mythos und der Realität der Moderne“ sprechen. Infolgedessen wird vor dem Hintergrund ihrer Kritik und Negation die Moderne und ihre Geschichte immer wieder neu recherchiert, erzählt, ja: erfunden.
In dieser sozusagen reflektierenden Tradition ist die Zeitdiagnose der Gegenwart, wie Sie sie vielleicht noch von Peter Gross kennen, nun geprägt von den Erfahrungen eines besonders rasanten gesellschaftlichen Wandels und seiner riskanten Implikationen: Verbunden mit zunehmenden Krisen der Industriegesellschaft und des Sozialstaates und einer galoppierenden Globalisierung werden durch alle gesellschaftlichen Bereiche hindurch die bisherigen normativen Prämissen und Regelungen in Frage gestellt. Die modernen Gesellschaften geraten dergestalt in die Turbulenzen einer anderen, einer ‚zweiten’ Moderne (Beck).
Ob dabei die ‚Logik’ der Industriemoderne tatsächlich zerbricht, oder ob es sich doch ‚nur’ um Umstellungskrisen handelt, die Wolfgang Zapf (1992, S. 206) annimmt, ist auch unter Modernisierungstheoretikern anhaltend strittig. Während die Theoretiker reflexiver Modernisierung (wie Ulrich Beck) eine grundlegende Transformation der Moderne, weg von der Industriegesellschaft, diagnostizieren, sehen Theoretiker der weitergehenden Modernisierung (wie Zapf) eben keine qualitativen Veränderungen, die den Modernisierungsprozess als einen Prozess mit grundsätzlicher Richtungskonstanz und Strukturverbesserungen durch Innovationen und Reformen in Frage stellen.
Was die beiden Positionen eint, ist aber das Interesse daran, die komplexen Modernisierungsprozesse empirisch zu erfassen und theoretisch zu analysieren. Damit wiederum tragen sie auch beide dazu bei, sozusagen das Programm des von Jürgen Habermas so genannten ‚Projekts der Moderne’ einzulösen, denn „je mehr Gesellschaften modernisiert werden, desto mehr gewinnen Akteure ... die Fähigkeit, über die sozialen Bedingungen ihrer Existenz zu reflektieren und diese dadurch zu verändern“, auch wenn Ulrich Beck immer wieder betont, dass die aktuellen Veränderungsvorgänge sich großteils „reflexionslos, jenseits von Wissen und Bewusstsein vollziehen“ (Beck 1994, S. 174).
Die Theorie reflexiver Modernisierung befasst sich deshalb vor allem mit den nichtintendierten und den nicht in den Blick genommenen Konsequenzen industriegesellschaftlicher Modernisierung – insbesondere im Hinblick auf das dadurch entstandene Institutionengefüge. Anders ausgedrückt: Die Idee der reflexiven Modernisierung resultiert aus einer doppelten Kritik: aus der Kritik am Mythos einer immer weiter fortschreitenden, technisch-industriell-formaldemokratischen Entwicklung funktional ausdifferenzierter moderner Gesellschaften einerseits und aus der Kritik am Gegenmythos einer in ihren zivilisatorischen Potentialen erschöpften, ideologisch ausgelaugten, sich (nur noch) selbst zitierenden und simulierenden Post-Moderne andererseits. Reflexive Modernisierung meint demgegenüber das Kumulieren, das Aufbrechen und 'Umschlagen', aber auch das Ent-Decken und Sichtbarmachen nichtintendierter (und oft nicht bzw. kaum beachteter) Nebenfolgen des bisherigen Modernisierungsprozesses in (fast) all seinen Facetten. Das Etikett 'reflexiv' verweist darauf, daß es dabei insbesondere um eine neue 'Qualität' von Nebenfolgen geht, nämlich um solche, die die Voraussetzungen und Grundlagen unterschiedlicher Entwicklungsbereiche und -linien des Modernisierungsprozesses selber tangieren, irriteren und unter-minieren (könnten). Ganz vereinfacht gesagt: Die Konsequenzen der Modernisierung stellen deren Prämissen und Postulate in Frage.
So gesehen bezeichnet der Begriff 'Modernisierung' also eine spezifische Form des sozialen Wandels - nämlich jene Form des Wandels, in der ideengeschichtliche Neuerungen publik gemacht, plausibilisiert und in eine mehr oder minder allgemeine soziale Praxis umgesetzt werden. Dieser Prozess verläuft keineswegs homogen und geradlinig. Er ist vielgestaltig, ungleichzeitig, verwickelt und oftmals widersprüchlich. So verstanden ist er auch nicht vollendbar oder gar vollendet, sondern prinzipiell unabgeschlossen und beginnt in mehr oder weniger umfassenden Schüben immer wieder sozusagen von Neuem. Nicht nur das, was derzeit in den Sozialwissenschaften als 'andere', 'zweite' bzw. 'reflexive' Moderne diskutiert wird, auch die sogenannte 'Postmoderne' ist in diesem Sinne ebenso Teil dessen, was wir analytisch 'Modernisierung' nennen, wie etwa die Industrialisierung im 19. oder die politischen Konsequenzen der Aufklärung seit dem 18. Jahrhundert.
Und vor dem Hintergrund dieser komplexen sozialstrukturellen Veränderungen wird nun insbesondere die Frage nach Veränderungen im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft thematisch. Und eben hier setzt unser – mit dem anderen ‚Bein’ sozusagen in der Tradition der neueren Wissenssoziologie von Berger, Peter, L. und Luckmann, Thomas stehendes und sehr stark von den Schriften von Peter Gross zur Multioptionsgesellschaft und zur Ich-Jagd beeinflusstes – Interesse ein und an, unser Interesse an ‚Modernisierung’ als einem an-dauernden und empirisch überaus vielgestaltigen Handlungsproblem. Denn Modernisierung lässt sich auch soziologisch eben sowohl im Hinblick darauf betrachten, welche Veränderungen der institutionellen Rahmenbedingungen des Zusammenlebens sie je mit sich bringt und wie sich infolgedessen das Verhalten der Menschen - von diesen mehr oder weniger unbemerkt - an diese Veränderungen anpasst (diese Betrachtungsweise sieht Modernisierung vor allem als sozialstrukturelles Problem). Der Prozess lässt sich andererseits aber auch von daher betrachten, wie die Menschen ihn - sowohl ab-sichtsvoll als auch 'beiläufig' - erleben, erfahren und handelnd erzeugen.
Etwas vereinfacht könnten wir das damit annoncierte Erkenntnisinteresse auch als gerichtet auf die "individuelle Bearbeitung und kollektive Beeinflussung sozialstruktureller Gegebenheiten" zusammenfassen. Konkreter ausgedrückt geht es darum, Formen sozialen Handelns unter den Bedingungen von (aktuellen) Modernisierungsprozessen zu beschreiben, den (je typischen) Sinn dieser Handlungsformen zu verstehen und dadurch einen Beitrag leisten dazu, die Welt, in der wir leben, (sozial-)wissenschaftlich zu erklären. Nochmals: Diese Betrachtungsweise begreift Modernisierung eben vor allem als Handlungsproblem. D.h., die handlungstheoretisch relevante Frage zur Modernisierung lautet eben nicht: "Welche sozialstrukturellen Um- und Zustände treibt Modernisierung hervor?", sondern: "Welche Handlungsprobleme resultieren signifikanterweise aus Modernisierungsprozessen?" Denn konsensuell lässt sich wohl konstatieren, dass der moderne Mensch typischerweise in eine Vielzahl von disparaten Beziehungen, Orientierungen und Einstellungen verstrickt ist, dass er mit ungemein heterogenen Situationen, Begegnungen, Gruppierungen, Milieus und Teilkulturen konfrontiert ist, dass er folglich mit mannigfaltigen, nicht aufeinander abgestimmten Deutungsmustern und Sinnschemata umgehen muss.
Eine derartige Diagnose ist selbstverständlich keineswegs neu: Ganz simpel ausgedrückt: Sie steht gleichsam auf der Theorie-Plattform der neueren Wissenssoziologie, wie sie sich um und in der Nachfolge von Peter Berger und Thomas Luckmann entwickelt hat. Sie findet sich u.v.a. aber auch schon bei Georg Simmel (1908) mit seiner Idee von der Kreuzung sozialer Kreise angelegt, oder bei Erving Goffman (1974) mit seinem Konzept wechselnder Bezugsrahmen im modernen alltäglichen Erleben.
Ronald Hitzler, Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie, ISO, Fakultät 12, TU Dortmund