Mythos

Aus myKoWi.net - Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Mythos als Narration

Mythen sind Narrationen, Erzählungen aus alter Zeit, die beanspruchen, im Kern etwas Wahres und Wichtiges überliefern zu können. Der Mythos erzählt nicht nur eine Geschichte von außerordentlichen Ereignissen, sondern in diese Geschichte, in die stets auch das Übermenschliche hineinragt, sind immer auch die Fragen nach der Herkunft und der Bedeutung des menschlichen Lebens eingewoben. Alte Mythen sind Geschichten, die Geschichte gemacht haben. Neue Mythen sind nur solche Narrationen, die ihrerseits dazu in der Lage sind, zukünftige Geschichte mitzugestalten und nicht solche Erzählungen, die nur dazu in der Lage sind, kurzweilige und kurzlebige Geschichten in den Medien hervorzurufen.

Grenze zwischen Diesseits und Jenseits

Der Mythos zieht immer eine Trennungslinie zwischen einer diesseitigen Welt (der Wirklichkeit, hier auf Erden) und einer jenseitigen Welt (über, neben oder unterhalb der Wirklichkeit). Die jenseitige Welt ist dabei stets von Gottheiten, Geistern, Seelen oder Wesen mit magischen Kräften bewohnt, welche mit dem Diesseits in vielfältiger Weise in Verbindung stehen. (Hierin besteht auch die ,eigentliche‘ Botschaft der Mythen - nämlich der Frohen Botschaft: Die Götter existieren. Gott ist da!). Diese Wesen aus der jenseitigen Welt beobachten das Leben im Diesseits, manchmal greifen sie auch in es ein, bestrafen oder belohnen Menschen für ihre Taten, mal willkürlich, mal nach Verdienst.

Mythen sind Erzählungen von der ‘transzendenten Wirklichkeit’ des Menschen. Mythen kommen in die Welt, ohne dass ein konkreter Autor namhaft gemacht werden kann. Allerdings müssen sie immer wieder, idealerweise von bestimmten Funktionsträgern und zu besonderen Zeiten und an hervorgehobenen Orten erzählt werden. In und mit Mythen versucht der Mensch, sich, seine Gemeinschaft und die Welt zu deuten. Der Mythos gibt den großen Dingen im menschlichen Leben Sinn: den Natur- und Lebensvorgängen. Diesseitiges wird mit einer Erklärung aus dem Jenseits verständlich gemacht.

Nichtaufklärbarkeit von Mythen

Mythen dürfen sich deshalb nicht restlos in den Logos überführen lassen; es muss immer noch einen letzten Vorhang geben, der sich nicht lüften lässt - es muss immer einen Punkt geben, der ungeklärt bleibt, mithin einen Anlass und einen Ausgangspunkt für Phantasien und Wünsche der Mythen-Rezipienten. Ein restlos aufgeklärter Mythos versickert, wenn man das Ungeklärte und das Unerklärbare (rational) klärt und er verliert damit auch seine Wirkung: Wer das Unerklärbare wissenschaftlich aufklärt, zerstört den Witz, die Magie, die Aura - vom Mythos bleibt genau soviel übrig wie vom Nikolaus, wenn die leuchtenden Augen des Kindes hinter dem Rauschebart des heiligen Mannes das Gesicht des Nachbarn erkannt haben - Faszination wie Tremor verflüchtigen sich gleichzeitig, sofort, restlos und unwiderruflich.

Die Sprache der Mythen

Die Sprache der Mythen ist knapp, die Handlung einfach. Wiederholungen und rhythmische Formelhaftigkeit sind konstitutiv für diese Erzählungen. Im Mythos wird nicht differenziert. Alles Seelische liegt außen und ist dort personifiziert sichtbar. „Der Mythos ist jene Bewusstseinsform, die sich gleichzeitig einen ganzen Komplex von Ursachen und Wirkungen vergegenwärtigt“ (McLuhan 1995: 328). Damit unterscheidet sich der Mythos sehr deutlich vom ,Logos‘, der Vernunft (als deren Gegenbegriff der Mythos auch aufgefasst wird). Der Mythos ist gerade nicht rational, nicht linear, nicht sequentiell, nicht geordnet, nicht eindeutig, sondern vielfältig, mehrschichtig und komplex. Statt dessen spricht der Mythos die Emotionen, die Wünsche, die Hoffnungen und die Ängste an, er appelliert also nicht an den Verstand, und er wirkt auch dort, wo das Argument versagt - meist viel nachhaltiger. Der Mythos ist nicht durch ‘Lebensnähe’, ‘komplizierten Handlungsaufbau’ und ‘differenzierte Persönlichkeiten’ gekennzeichnet, sondern durch Einfachheit, Polarisierung und Widersprüchlichkeit.

Mythen und Aura

Der Ort des Mythos ist die Vergangenheit im Dunkeln, ein Grenzbezirk zwischen dokumentierter Wirklichkeit und erahnter Jenseitigkeit. Der Mythos hat damit eine lose Verbindung mit der Ersten Wirklichkeit (dem Diesseits), ragt er doch von der transzendenten Jenseitigkeit in die historische Diesseitigkeit hinein. Diese Jenseitigkeitsherkunft und -verbundenheit gibt dem Mythos bzw. den mythischen Gestalten ihre Aura. Und diese Aura ist der Beweis der Gottesverbundenheit, der Gottesgabe, der Jenseitigkeit. Wegen seiner Aura besitzt ein Mythos (bzw. ein mythischer Gegenstand) Macht. Verliert eine Erzählung ihre Aura, dann verwandelt sich der Mythos in ein Märchen.

Drei Arten von Mythen

Es gibt im groben drei Kategorien von Mythen - die Pseudo-Mythen, die klassischen, meist jenseitsbezogenen, und die neuen, meist diesseitsbezogenen Mythen.

Pseudo-Mythen, wie z.B. die Alltags- oder Großstadtmythen von noch lebenden Skorpionen in importierten Yuka-Palmen, sind Erzählungen von unglaublichen Ereignissen, die wirklich passiert sein sollen. Sie haben außer ihrer behaupteten Verbindung von Fiktionalität und Wirklichkeit nichts mit Mythen gemeinsam. Da im Alltag oft der Begriff des ,Mythos‘ in dieser Weise verwendet wird, kommt es leicht zu Mißverständnissen. Da dem Pseudo-Mythos der Bezug zur Transzendenz fehlt, wird er hier ausdrücklich nicht als Mythos begriffen.

Die klassischen, meist jenseitsbezogenen Mythen erzählen (im europäischen Kulturraum) von der Herkunft und Bedeutung von Objekten oder Personen, die letztlich dem Jenseits verpflichtet sind. Die in den Verkündigungsworten bzw. -schriften imaginierte Welt ist durchgängig zweige¬teilt: hier die diesseitige Welt voller Sorgen und Leid, dort die Welt des Glücks im überirdischen Jenseits. Diese Deutung von der Welt und des darin eingela¬gerten individuellen Lebens verspricht dem einzelnen eine leidfreie und glückliche (wenn auch ferne) Zukunft.

Die neuen, meist diesseitsbezogenen Mythen erzählen dagegen von der Herkunft und Bedeutung von Objekten oder Personen, die letztlich dem Diesseits verpflichtet sind. Die neuen Mythen, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht, stellen der christlichen, jenseitig orientierten Botschaft eine (wenn auch meist implizite) diesseitig orientierte Frohe Botschaft entgegen. Es ist vor allem das wirtschaftlich organisierte System der Warenproduktion bzw. der Dienstleistungserbringung, welches die Gute Botschaft vom diesseitigen Glück bringt. Allerdings sind die Glücksvorstellungen nicht mehr universell, sondern partikularistisch - spezialisiert auf bestimmte Altersgruppen, Soziallagen, Geschmacksausrichtungen und Problemsituationen. So erzählen die neuen Mythen nämlich nicht nur (wenn auch sehr viel) von wundersamen Dingen, z.B. wie mit Hilfe von Meister Propper elend aussehende Fliesen sich im Nu in gut riechende Spiegelflächen verwandeln, sondern diese Erzählungen lehren auch (und das ist die ent¬scheidende Botschaft) die prinzipielle Erreichbarkeit irdischen Glücks - und die Bedeutungs¬losigkeit des Jenseitigen! Nicht mehr im Jenseits findet sich die Befreiung von Leid und Sorgen, also das Paradies bzw. der Himmel, sondern bereits im Diesseits auf Erden. Hic Rhodos, hic salta! Paradise is here and now!

Gute Botschaft der Mythen

Die Gesamtheit der diesseitigen Mythen schreibt in dieser Interpretation die Gute Botschaft weiter bzw. konsequent zu Ende: diese Frohe Botschaft imaginiert nicht mehr die erhoffte Befreiung vom Leid und die Korrektur irdischer Ungerechtigkeit in einem U-topos, also Nicht-Ort des Jenseits, sondern stellt in Aussicht, dass Glück auf Erden machbar und für jeden erreichbar ist. Diese Mythen liefern also angesichts der immer noch erlebbaren Realität des Nicht-Erlöstseins das mit Sehnsucht gewünschte Bild einer heilen Welt, die von Erfüllung, Fortschritt, Schönheit, Glück und Erfolg geprägt ist. Die Aufklärung und die Alles erfassende Rationalisierung hat den Mythos nicht verdrängt oder überflüssig gemacht. Das Gegenteil ist der Fall: je mehr die Welt rationalisiert wird, desto mehr bedarf sie des Mythos.


Autor: Jo Reichertz

Translate
Persönliche Werkzeuge