Niklas Luhmann (1927-1998) gilt gegenwärtig als der einflußreichste Soziologe auf deutschsprachigem Gebiet: zum einen wegen seiner universal angelegten Theoriekonstruktion der allgemeinen Theorie sozialer Systeme und zum anderen wegen der Vielzahl seiner veröffentlichten Aufsätze und Monographien, die sich etwa auf allgemeine Studien zur soziokulturellen Entwicklung, gesellschaftlichen Differenzierung der Moderne, Wissenssoziologie, Kommunikationstheorie und des weiteren auf besondere Untersuchungen der sozialen Funktionssysteme des Rechts, der Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst, Familie etc. konzentrieren.
Mit dieser Fülle an unterschiedlichen Interessen und Theorievorschlägen korrespondiert sein soziologisches Selbstverständnis, wonach ihm gerade die Soziologie als Einzelwissenschaft deswegen besonders reizvoll erschien und seine disziplinäre Heimat wurde, weil sich in ihr alles machen läßt, ohne thematisch von vornherein eingegrenzt und festgelegt zu sein. Sein grundlegendes, seit mehr als dreißig Jahren praktiziertes Erkenntnis- und Forschungsinteresse gilt einer allgemeinen Gesellschaftstheorie, die in der Lage ist, der sozialen Komplexität der modernen Weltgesellschaft hinreichend und universell gerecht zu werden.
Für die Kommunikationswissenschaft ist die Theoriearchitektur der sozialen Systeme aus zwei Gründen besonders relevant. Einerseits basiert Luhmanns Gesellschaftstheorie auf dem Konzept eines selbstreferentiellen Kommunikationsprozesses. Damit wird eine komplexe, eigenständige Kommunikationstheorie angeboten, die für jeden Kommunikationswissenschaftler enorme Erklärungsmöglichkeiten von sozialen Ereignissen und Prozessen, respektive von interaktionalem Mitteilungshandeln, bietet sowie breite Anwendungsmöglichkeiten für die Beobachtung von Kommunikationsprozessen auf unterschiedlichen Gebieten, wie etwa im Kontext von face-to-face-Beziehungen, von Organisationen oder von spezifisch konstituierten und ausgerichteten Kommunikationen der Liebe, der Wirtschaft, des Rechts etc. Andererseits ist dem Aufbau dieser selbstreferentiellen Kommunikationstheorie inhärent, daß sie, ihrem Anspruch auf Universalität folgend, es ermöglicht, eine spezifische Tiefenanalyse sowohl der Binnenstruktur verschiedener Kommunikationstypen als auch der kommunikativ different erzeugten sozialen Ebenen, also von verschiedenen sozialen Systemtypen der Kommunikation zu betreiben.
Weil Luhmanns soziologische Systemtheorie von vielerlei traditionalen Konzepten der Soziologie und Theorieergebnissen anderer Disziplinen Gebrauch macht, erscheint es einleitend sinnvoll, einen Überblick über einige wesentliche voraussetzungsvolle Implikationen seiner gesellschaftstheoretischen Ausrichtung zu leisten. Insbesondere mit dem Vollzug der autopoietischen Wende seit 1984 lassen sich drei wichtige theoretische Konsequenzen angeben, die alle Ausführungen Luhmanns begleiten.
Prozesse und Ereignisse des Bewußtseins sind intransparent aufgrund der Geschlossenheit psychischer Systeme und werden nur insofern von der soziologischen Systemtheorie berücksichtigt, als sie an sozialen Prozessen beteiligt sind und dadurch beobachtbar werden. Kausale und direkte Steuerungseinwirkungen des Bewußtseins auf Kommunikation werden als theoretisch nicht haltbar abgelehnt. So ist das Bewußtsein zwar notwendige Bedingung und notwendiges Umweltkorrelat von Kommunikation, aber weder ihr Subjekt, noch ihre kausale Ursache, noch ihr Produzent. Ein Kommunikationskonzept nach Art der Informationsübertragung gilt als unterkomplex und wird folglich als inadäquate Beschreibung verabschiedet. Statt dessen ist Kommunikation als selbstreferentieller sozialer Prozeß zu begreifen, der seine selektiven Komponenten von Information, Mitteilung und Verstehen selbst hervorbringt und synthetisiert. Gesellschaft besteht weder aus Individuen noch aus Handlungen, sondern ausschließlich aus Kommunikationen. Kommunikation ist die basic unit des Sozialen. Bevor in den weiteren Unterkapiteln dieses Wissenssegments ausführlich auf die Grundbegriffe und die Kommunikationstheorie Luhmanns eingegangen wird sowie am Beispiel des Funktionssystems Wissenschaft die Systemtheorie zur konkreten angewandten Beschreibung gebracht wird, können zusammenfassend noch zwei Kernaussagen, die für den kommunikationswissenschaftlichen Hintergrund Essener Prägung wesentlich sind, festgehalten und vorausgeschickt werden:
(1) Alle sozialen Systeme, also Interaktions-, Organisations- und Funktionssysteme, sind autopoietische und sinnverarbeitende Systeme, die ausschließlich aus dem basalen Element Kommunikation bestehen und durch Kommunikationen ihre je eigenen Relationierungen und Strukturen aufbauen.
(2) Kommunikation ist als ein soziales Erzeugnis und ein selbstreferentieller Prozeß zu begreifen, die rückwirkend ihre Einheit in der Synthetisierung der Selektionstriade von Information, Mitteilung und Verstehen vollzieht, organisiert und reproduziert. Hierbei gilt – entgegen anderer Theoriedispositionen: Nur die Kommunikation kann kommunizieren.
Allen noch mit Luhmann Unvertrauten sei einleitend der Trost mitgegeben, daß Luhmann immer wieder selbst die 'Zumutungen' seiner abstrakten Theoriekonstruktion thematisiert und erkannt hat und auf viel Geduld seiner Leser gesetzt hat. Keiner ist also beim ersten Zugang mit seinen Begriffsschwierigkeiten und Verstehensproblemen allein, sondern findet sich mit allseits bekannten Erfahrungen konfrontiert, die dem Umstand entsprechen, daß Luhmann von seiner universellen Theorieanlage das Bild entworfen hat, sie gleiche "eher einem Labyrinth als einer Schnellstraße zum frohen Ende." (Luhmann 1984, 14)
Niklas Luhmann verfolgt das Ziel, unter Rückgriff auf andere Theorieoptionen eine umfassende Systemtheorie sozialer Systeme aufzustellen. Er pflegt einen offenen Theoriestil kombinatorischer Relationierung (vgl. Luhmann 1975d, 196), der insbesondere eine allgemeine Systemtheorie, eine allgemeine Evolutionstheorie und eine allgemeine Kommunikationstheorie in seiner soziologischen Gesellschaftstheorie zusammenführt und sich aus so unterschiedlichen Wissenschaften und Forschungskontexten speist wie etwa: Biologie, Kybernetik, Neurophysiologie, Distinktionslogik und Erkenntnistheorie. Damit einher geht ein Universalitätsanspruch bezüglich einer umfassenden Erklärung der unterschiedlichen sozialen Prozesse und Ereignisse. Alles, was sozialen Charakters ist, soll mithin Berücksichtigung und Eingang in die soziologische Systemtheorie finden. Zur Rahmung und zum Aufbau dieser soziologischen Theoriekonzeption, die in hinreichender Komplexität die soziale Wirklichkeit beschreiben und erklären will, schreibt Luhmann:
"[Eine solche Theorie] reklamiert für sich selbst nie: Widerspiegelung der kompletten Realität des Gegenstandes. Auch nicht: Ausschöpfung aller Möglichkeiten der Erkenntnis des Gegenstandes. Daher auch nicht: Ausschließlichkeit des Wahrheitsanspruchs im Verhältnis zu anderen, konkurrierenden Theorieunternehmungen. Wohl aber: Universalität der Gegenstandserfassung in dem Sinne, daß sie als soziologische Theorie alles Soziale behandelt und nicht nur Ausschnitte". (Luhmann 1984, 9)
Zentral muß es dabei um eine Definitionsleistung von System, sozialen Systemen, deren Operationsweise und schließlich deren Strukturbildung gehen.
In der Geschichte der Systemtheorie lassen sich drei unterschiedliche Paradigmata finden, die System definieren. Diese werden allgemein benannt als:
1. die Differenz von Teil und Ganzem, 2. die Differenz von System und Umwelt und 3. die Differenz von Identität und Differenz, sprich: das autopoietische Konzept.
Allgemein können wir dann von einem System sprechen, wenn wir eine spezifische Menge von Elementen vorfinden und diese Elemente zueinander in irgendeiner Beziehung stehen bzw. sich relational verbinden lassen und damit eine Struktur aufbauen. Das System bezeichnet dann die Ganzheit der Elemente, die eine Struktur bilden und aufbauen, wobei sich die Ganzheit selbst von irgend etwas anderem unterscheidet.
In einem Frühwerk hält Luhmann fest, daß unter System verstanden werden soll:
"jedes Wirklich-Seiende, das sich, teilweise auf Grund der eigenen Ordnung, teilweise auf Grund von Umweltbedingungen, in einer äußerst komplexen, veränderlichen, im ganzen nicht beherrschbaren Umwelt identisch hält." (Luhmann 1973, 7)
In einer späteren Definition hält er fest:
"Von Systemen im allgemeinen kann man sprechen, wenn man Merkmale vor Augen hat, deren Entfallen den Charakter eines Gegenstandes als System in Frage stellen würde. Zuweilen wird auch die Einheit der Gesamtheit solcher Merkmale als System bezeichnet." (Luhmann 1984, 15)
Und um schließlich schon die autopoietischen Wende in Luhmanns Theoriearchitektur zu fokussieren, so soll mit der folgenden Ausführung deutlich werden, daß die Beobachtung und Beschreibung von komplexen (bezogen auf Struktur und Organisation) – in Abgrenzung zu einfachen bzw. trivialen Systemen, wie z.B. einer Maschine – Systemen Rücksicht nimmt auf deren Selbstschließung und eigene Abgrenzungsleistung gegenüber einer spezifischen Umwelt, auf die jedes System einerseitsals notwendige Bedingung angewiesen ist, aber von der es andererseits nie direkt, kausal oder zweckgerichtet beeinflußt werden kann:
"Komplexe Systeme standen der älteren Lehre als Ganzheiten vor Augen, die aus Teilen zusammengesetzt sind und durch die Art ihrer Ordnung Qualitäten bzw. Errungenschaften garantieren, die den Teilen für sich allein nicht zukommen könnten. Mit dieser Auffassung bricht die neuere Systemtheorie durch Einführung des Umweltbezugs. [...] Die These lautet vielmehr, daß die Strukturen und Prozesse eines Systems überhaupt nur in Beziehung auf dessen Umwelt möglich und verständlich sind; ja daß erst der Umweltbezug überhaupt festlegt, was in einem System als Element und was als Beziehung zwischen Elementen fungiert. Etwas forciert kann man deshalb formulieren: das System ist seine Beziehung zur Umwelt, das System ist die Differenz zwischen System und Umwelt." (Luhmann 1975d, 194)
Hinsichtlich der drei Stufen der systemtheoretischen Entwicklung kommen wir damit erstens zur Differenz von Teil und Ganzem. Wir haben es also erstens mit spezifischen Teilen (als Elementen) zu tun, die für sich unabhängig voneinander bestehen und erst über einen spezifischen Strukturaufbau und über eine spezifische Verbindung das Ganze darstellen. Die Schere z.B. besteht aus vier unabhängigen Elementen, nämlich einer Schraube, einer Mutter und zwei Klingen. Diese vier Elemente oder Bestandteile stehen für sich in keiner Weise für den Zusammenbau als Schere oder für das 'System Schere'. Erst über eine spezifische Kombination, über spezifische Strukturen ergibt sich aus den Elementen eine Ganzheit, nämlich die Ganzheit Schere.
Hinter dieser Differenz von Teil und Ganzem steht dann der Leitsatz: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Die Ganzheit der Schere ist insofern mehr als die Summe seiner Teile, als die Summe seiner Teile noch lange nicht für die Funktionsweise steht, damit etwas schneiden zu können.
Entsprechendes gilt für das System Auto, als weiteres Beispiel: Das Auto wird in diesem Kontext als Einheit verstanden, die aus Einzelkomponenten besteht, wie Schrauben, Gußteile, Glasscheiben, Plastikteilchen usw. Die Addition dieser verschiedensten Bausteine deutet noch lange nicht auf die Funktionsweise der Ganzheit Auto hin. Insofern ist das Auto dann als zusammengesetztes Etwas, als Ganzheit, als System mehr als die Summe seiner Teile. Jemand könnte sicherlich mit den Teilen, aus denen ein Auto besteht, auch etwas völlig anderes herstellen, hätte es dann aber mit einem anderen System zu tun. Nach diesem Verständnis ist kein System, hinsichtlich dessen, was es als Einheit darstellt, inwiefern es einsetzbar ist oder welche Funktion es hat, auf die einzelnen Bestandteile zurückzuführen.
Damit haben wir in knappen Zügen das erste Paradigma der Differenz von Teil und Ganzem bestimmt, wonach das Ganze nicht mehr auf die Summe seiner Teile zurückzuführen ist. Weder der Gesamtaufbau noch die Funktionsweise einer Ganzheit sind aus der Zerlegung in die Einzelelemente verständlich.
Das zweite systemtheoretische Paradigma steht unter der Differenz von System und Umwelt. Ein System als Ganzheit kann nur dann als Ganzheit betrachtet werden, wenn es in Differenz zu etwas anderem steht, was eben ein Nicht-System ist oder was nicht das System selbst ist. Dahinter verbirgt sich eine differenztheoretische Bestimmung. Etwas ist als Positivum nur darüber bestimmbar, indem ihm ein negativer Wert zugewiesen wird. Etwas ist nur etwas im Gegensatz zu dem, was es nicht ist. So ist ein System nur ein System im Vergleich zu einer Umwelt, die es nicht ist als System.
Diesem Ansatz entspricht eine extra-unit-orientation, d.h. die Zuschreibung von einer Ganzheit als System geschieht aus der Perspektive der Umwelt, geschieht von einem externen Systemstandpunkt. Indem jemand außerhalb des Systems steht, nämlich in der Umwelt, kann er etwas als Ganzheit, als System beobachten und das eben nur, weil er in der Umwelt steht. Innerhalb dieses Paradigmas geht es dann immer aus der Perspektive der Umwelt darum, ein System hinsichtlich seiner Funktionsweisen oder seiner Strukturen zu bestimmen und zu analysieren.
Das dritte Paradigma nun ist das autopoietische Konzept bzw. die Differenz von Identität und Differenz. Hier finden wir eine intra-unit-difference-orientation vor, die nichts anderes besagt, als daß es nun nicht mehr um den externen Standpunkt in der Umwelt geht, von der aus ein System als System aufgefaßt wird, sondern daß es nun um den internen Standpunkt innerhalb eines Systems geht, von dem aus sich das System selbst als System bestimmt. Es bestimmt sich selbst als System in Differenz zu einer Umwelt als Nicht-System.
Das bedeutet, die Sichtweise, die Perspektive ist von der Umwelt ins System hineinverlagert worden. Indem das System sich selbst als System bestimmt, liegt also eine intra-unit-orientation vor. Der ganze Beobachtungsprozeß gilt nun aber als intra-unit-difference(!)-orientation, weil sich das System von seinem eigenen Standpunkt aus selbst als System bestimmt in Differenz zur Umwelt. Die Differenz zu einer negativen Umwelt leistet die Orientierung auf sich selbst als positive Identität. Das System baut seine eigene Identität auf in Differenz zu anderen Ereignissen, die in der Umwelt stattfinden, die aber nichts mit ihm selbst zu tun haben.
Dieser Theorieansatz rekurriert auf die Begriffe der Selbstorganisation, der Selbstreferentialität und der Autopoiesis. Zur diesbezüglichen Verbindung jener Begriffe mit einer umfassenden Gesellschaftstheorie (als Theorie sozialer Systeme) führt Luhmann aus:
"Die Theorie selbstreferentieller Systeme behauptet, daß eine Ausdifferenzierung von Systemen nur durch Selbstreferenz zustandekommen kann, das heißt dadurch, daß die Systeme in der Konstitution ihrer Elemente und ihrer elementaren Operationen auf sich selbst (sei es auf Elemente desselben Systems, sei es auf Operationen desselben Systems, sei es auf die Einheit desselben Systems) Bezug nehmen. Systeme müssen, um dies zu ermöglichen, eine Beschreibung ihres Selbst erzeugen und benutzen; sie müssen mindestens die Differenz von System und Umwelt systemintern als Orientierung und als Prinzip der Erzeugung von Informationen verwenden können. Selbstreferentielle Geschlossenheit ist daher nur in einer Umwelt, ist nur unter ökologischen Bedingungen möglich. Die Umwelt ist ein notwendiges Korrelat selbstreferentieller Operationen [...].
Man kann jetzt die System/Umwelt-Differenz aus der Perspektive eines Beobachters (zum Beispiel: des Wissenschaftlers) unterscheiden von der System/Umwelt-Differenz, wie sie im System selbst verwendet wird, wobei der Beobachter wiederum nur als selbstreferentielles System gedacht werden kann." (Luhmann 1984, 25)
In der Einordnung dieser drei genannten systemtheoretischen Paradigmata in die Luhmannsche Systemtheorie findet sich beim frühen Luhmann das zweite Paradigma, d.h. die Differenz von System und Umwelt, innerhalb derer die Systeme umweltoffen konzipiert sind, und beim aktuellen Luhmann das dritte Paradigma bzw. das autopoietische Konzept. Deswegen spricht man bei Luhmann auch seit seinem Werk "Soziale Systeme" (1984) von der autopoietischen Wende. Vornehmlich wollen wir uns deswegen auf diese theoretische Perspektive konzentrieren und gehen nun auf das Konzept der Autopoiesis ein.
Autopoiesis ist ein Kunstwort, das von den chilenischen Neurobiologen Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela erfunden worden ist und sich aus den griechischen Komponenten autos (= selbst) und poiein (= machen, schaffen, herstellen) zusammensetzt. Autopoiesis bedeutet dann in genauer Übersetzung: Selbstschaffung. Wir werden später sehen, daß in das Konzept der Autopoiesis nicht nur Selbstproduktion, sondern darüber hinaus Selbstreproduktion, Selbsterhaltung und Selbstorganisation eingehen. Für Maturana/Varela ging es vermittels dieses Konzepts darum, das Organisationsprinzip alles Lebendigen bzw. das Organisationsprinzip von Leben zu erklären – und zwar Leben als System verstanden – und damit ein Organisationsprinzip herauszufinden, das allen lebenden Systemen zugeschrieben werden kann. Durch ihre Fragestellung: Wie funktioniert, wie organisiert sich alles Lebendige, wodurch ist Leben gekennzeichnet?, kommen sie mit ihrem Konzept dahin zu sagen, daß Leben Autopoiesis ist. Leben folgt einem Prinzip, das sich selbst nach eigenen Strukturen und rekursiver Bezüglichkeit hervorbringt und reproduziert.
Luhmann hat dieses ursprünglich biologische Konzept der Autopoiesis in die Soziologie übernommen, um damit ein allgemeines Organisationsprinzip des Sozialen bestimmen zu können. Er löst das Autopoiesiskonzept von der Frage ab: Was ist Leben? und stellt demgegenüber die Fragen: Was ist Soziales, wie funktioniert soziale Ordnung, oder wie lassen sich soziale Systeme charakterisieren, analysieren und erklären? Bevor dies ausführlicher erläutert wird, geben wir das Verständnis des Konzepts der Autopoiesis nach Maturana/Varela wieder. Dazu heißt es:
"es gibt eine Klasse mechanistischer Systeme; jedes Element dieser Klasse ist ein dynamisches System, das als Netzwerk von Prozessen der Produktion seiner eigenen Bestandteile definiert ist; diese Bestandteile wirken zum einen durch ihre Interaktion in rekursiver Weise an der ständigen Erzeugung und Verwirklichung eben des Netzwerkes von Prozessen der Produktion mit, das sich selbst produziert hat, und konstruieren zum anderen dieses Netzwerk von Prozessen der Produktion von Bestandteilen als eine Einheit in einem Raum, den sie (die Bestandteile) dadurch definieren, daß sie seine Grenzen verwirklichen. Solche Systeme nenne ich autopoietische Systeme und die Organisation eines autopoietischen Systems nenne ich die autopoietische Organisation. Ein autopoietisches System, das durch physikalische Bestandteile verwirklicht wird, ist ein lebendes System." (Maturana 1982, 280)
Die Geschlossenheit eines jeden autopoietischen Systems vollzieht sich durchgängig in kreiskausaler, rekursiver Weise, so daß es während des Bestehens des Systems weder Anfang noch Ende gibt. Für einen kreiskausalen Prozeß einen Anfang anzunehmen oder eine Zäsur zu setzen, ist folglich ein sinnloses Unternehmen.
Für ein autopoietisches System sind folgende vier Momente konstitutiv:
1. Ein autopoietisches System ist geschlossen und arbeitet selbstreferentiell, d.h.
selbstbezüglich.
2. Es ist selbstproduzierend, also selbsterzeugend.
3. Es ist selbstreproduzierend, also selbsterhaltend.
4. Es ist selbstorganisierend.
Wir halten dazu noch einmal die zentrale Aussage fest: Autopoietische Systeme sind geschlossene Systeme. Während es mit der System/Umwelt-Differenz darum geht, die Systeme umweltoffen zu bestimmen, geht es nun in diesem Konzept darum, autopoietische Systeme als geschlossen zu bestimmen, wobei gerade diese Geschlossenheit die Bedingung für Offenheit ist. Die Geschlossenheit autopoietischer Systeme kann so spezifiziert werden: Sie erzeugen die Elemente, aus denen sie bestehen, durch die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst. Nun sind aber autopoietische Systeme nicht autark, d.h. sie existieren nicht unabhängig und isoliert von einer Umwelt, sondern sie sind lediglich autonom, d.h. ihre Produktionsweise und ihre Organisationsweise besteht zwar unabhängig von der Umwelt, nichtsdestotrotz sind sie aber auf spezifische Umwelteinflüsse angewiesen.
Allgemein gesagt heißt das: Autopoietische Systeme sind organisationell bzw. operationell und informationell geschlossen aber materiell und energetisch offen!. Sie beziehen aus der Umwelt Materie und Energie, dafür sind sie offen; in welcher Art und Weise aber Materie und Energie verarbeitet werden, wie sie übersetzt werden, unterliegt den eigenen Modi und Strukturen des Systems selbst.
Das System organisiert sich selbst, indem es selbst festlegt, was es mit der Materie und der Energie anfängt. Folglich können autopoietische Systeme auch nicht kausal von Umwelteinflüssen bestimmt oder determiniert werden, sondern sie werden allenfalls von Umwelteinflüssen irritiert oder gestört. Konkrete Systemzustände bestimmen sich damit im System und durch das System selbst und werden nicht von der Umwelt bestimmt. Autopoietische Systeme arbeiten struktur- bzw. zustandsdeterminiert aus ihrer eigenen Funktionsweise.
Demgegenüber steht die Funktionsweise von allopoietischen Systemtypen (allos = fremd, anders), also von fremderzeugten und sich nicht selbsterhaltenden Systemen. Diese können ihre Elemente, aus denen sie bestehen, nicht selbst erzeugen, sondern bekommen die Elemente aus der Umwelt zugeführt, um aus diesen dann einen spezifischen System-Output zu leisten, und auch ihre Reproduktionsweise hängt von direkten Umwelteinflüssen bzw. Umwelteingriffen ab.
Ein allopoietisches System läßt sich zum Beispiel am System Auto erläutern. Das Auto ist eine gegebene Ganzheit, die eine spezifische Funktion erfüllt und aus spezifischen Elementen und deren Verbindungen besteht. Hinsichtlich seiner materialen Beschaffenheit, seines materialen 'Unterbaus', ist das Auto nicht in der Lage, sich selbst herzustellen, und ebenso wenig kann es selbst bestimmen, was es mit bestimmten Bauteilen macht, wie es sie anordnet oder wie es sie strukturell verändert.
Des weiteren ist unter dem energetischen Gesichtspunkt das Auto bezüglich seiner Funktion des motorbetriebenen Fahrens und Vorwärtskommens nicht nur darauf angewiesen, daß es aus der Verbindung bestimmter Einzelteile besteht, sondern daß ihm auch Energie, z.B. in Form von Benzin zugeführt wird. Das Benzin wird nun im Vergaser verarbeitet, dem Motor zugeführt, und dann wird über die Antriebswelle und weitere Prozesse ein spezifischer Mechanismus in Gang gesetzt, der das Auto zum Fahren bringt.
Wenn jemand statt Benzin Wasser in den Tank einfüllt, ist das Auto als System nicht in der Lage, das Wasser nach eigenen Operationsweisen so in einen Treibstoff zu übersetzen, daß es trotzdem fährt; sondern es wird sich eben nicht bewegen lassen. Und es wird deshalb nicht fahren, weil die Umweltbedingung 'Zufuhr von Energie' nicht in richtiger Form geleistet worden ist. Das System ist für sich nicht in der Lage, nach einer selbstbezüglichen Operationsweise selbst zu bestimmen, was es mit zugeführter Materie oder Energie macht oder leistet. Diese Fremdbestimmung eines allopoietischen Systems läßt sich noch weiter verdeutlichen.
Wenn in diesem System Auto ein Einzelteil Verschleißerscheinungen zeitigt, ist das System auch nicht in der Lage, diese Verschleißerscheinungen selbst zu beheben und wieder zu reparieren, sondern es ist wieder auf einen Umwelteinfluß angewiesen, der den kaputten Zustand repariert und behebt und dann die Ganzheit des Systems wieder aufbaut, um sie für weitere Funktionsweisen zur Verfügung zu stellen. Das System Auto als fremdbestimmtes System ist auch nicht in der Lage, diese von außen zugeführte Energie in irgendwas anderes zu übersetzten als in Motorleistung. Es kann damit zum Beispiel nicht das Öl austauschen oder kann das Benzin nicht in Form von reinem Sauerstoff abgeben.
Nach diesem Muster können wir uns also jede Maschine als allopoietisch konstruiert vorstellen, die auf die Zufuhr von Energie, Materie und Informationen von außen angewiesen ist und dann nach einer bestimmten Input-Output-Leistung etwas Spezifisches und nichts anderes hervorbringt. Das Auto übersetzt also das Benzin in Motorleistung, die Kaffeemaschine bringt über den Input von Strom, Filtertüte, Kaffeepulver und Wasser als Outputleistung Kaffee und nichts anderes heraus, oder eine Kopiermaschine bringt über den Input Strom, Blätter und Druckvorlage nichts anderes raus als ein bedrucktes Blatt Papier.
Demgegenüber haben wir es auf der Ebenen des Lebenden mit autopoietischen Systemen zu tun. Autopoietische Systeme sind auf eine spezifische materielle und energetische Zufuhr von außen angewiesen, übersetzen diese Zuführungen aber in eigene informationelle Zustände nach einer intern funktionierenden autonomen Organisationsweise. Ein plausibles Beispiel für die autopoietische Operationsweise des Lebens läßt sich mit dem System der Zelle anführen.
Die Zelle ist unter anderem schon deswegen autonom gegenüber seiner Umwelt aufzufassen, weil sie von einer Zellmembran, einer Zellhaut umgeben ist. Damit ist die Zelle ein System, das sich von seiner Umwelt unterscheidet und von seiner Umwelt als geschlossen abgrenzt. Alles, was dieser Zelle nun energetisch und materiell zugeführt wird, übersetzt die Zelle für sich selbst. Sie produziert und reproduziert daraus eigene Elemente; und zwar ausschließlich die eigenen Elemente, aus denen sie besteht, durch bereits vorliegende Elemente, aus denen sie besteht: Jede Zelle teilt sich selbst. Der Zelle ist nichts von außen als Element zuführbar, sondern die Zelle selbst sorgt für den Aufbau der eigenen Elemente.
Von der Zelle kann man diesen Sachverhalt auf einen größeren Kontext übertragen, exemplarisch auf den menschlichen Körper. Der menschliche Körper bzw. Organismus ist ebenfalls ein lebendes System, das autopoietisch funktioniert. Der menschliche Organismus ist auf Energie und Materie von außen angewiesen, d.h. er braucht Wärme, er braucht Licht und er braucht in irgendeiner Form Energie, die er im Normalfall über Nahrung zu sich nimmt.
In welcher Art und Weise aber diese Umweltoffenheit, als energetische und materielle Umweltoffenheit, in interne Systemzustände übersetzt wird, unterliegt der eigenen Operationsweise des menschlichen Organismus. Es kommt nicht in einer 1:1-Übersetzung zu einer Aufnahme von etwas als Energie, sondern dieses jeweilige energetische Etwas wird erst vom Organismus selbst als Energie qualifiziert und somit wird auch selbstorganisierend bestimmt, in welcher Art und Weise dieses Etwas energetisch verarbeitet wird. Der menschliche Organismus regelt für sich selbst, wie er auf etwas bzw. ob er überhaupt auf etwas reagieren soll. Er bestimmt natürlich auch für sich selbst, in welcher Art und Weise Energie auch wieder nach außen hin abgegeben wird: wann sich die Hautporen öffnen, damit der Organismus die Systemwärme regeln und stabil halten kann; wie der Organismus in irgendeiner Form verbrauchten Sauerstoff wieder an die Umwelt abgibt, genauso wie er im weitesten Sinne verdaute Energie oder verdaute Materie wieder abgeben muß.
Damit bestimmt also nicht die Umwelt die Funktionsweise des menschlichen Organismus, sondern der menschliche Organismus regelt seine eigene Organisationsweise und Operationsweise selbst, und dies von den konkreten Systemprozessen und -zuständen auch unterschieden zu anderen Organismen. Insofern ist jedes Organismus-System autonom, aber nicht autark.
Diese autopoietische Operations- und Organisationsweise läßt sich auch auf das Bewußtseinssystem übertragen, das seine Systemzustände selbst festlegt und damit auch selbst bestimmt, was als Information zu verstehen ist und vor allem wie etwas als Information weiterverarbeitet wird. Dies meint nichts anderes, als daß in der Umwelt keine informationellen Zustände vorliegen, die in einer direkten 1:1-Übersetzung aufgenommen werden, als ob sie im Bewußtsein quasi repräsentiert werden. Vielmehr ist zwar etwas in der Umwelt als Ereignis gegeben, etwa als energetisches Ereignis, aber dieses wird dann vom Bewußtseinssystem erst via Beobachtung wahrgenommen und als relevant konstituiert sowie schließlich selbstregulativ als systeminterne Information verarbeitet. Somit gilt: Das Bewußtsein schafft eine Information, und nicht die Information liegt bereits in der Umwelt vor.
Luhmann übernimmt dieses Prinzip der Autopoiesis und überträgt es sowohl auf psychische als auch auf soziale Systeme. Bei Luhmann sind psychische und soziale Systeme autopoietische Systeme, das heißt, sie operieren nach einer internen Maßgabe und organisieren sich selbst, produzieren und reproduzieren ihre Elemente, aus denen sie bestehen, durch die Elemente, aus denen sie bestehen.
Er schreibt: "Als autopoietisch wollen wir Systeme bezeichnen, die die Elemente, aus denen sie bestehen, selbstproduzieren und selbstreproduzieren. Alles, was solche Systeme als Einheit verwenden, ihre Elemente, ihre Prozesse, ihre Strukturen und sich selbst, wird durch eben solche Einheiten im System erst bestimmt." (Luhmann 1985, 403)
Als Anmerkung sei noch erwähnt, daß der grundlegende Unterschied zwischen Maturana/Varela und Luhmann nicht nur darin besteht, daß erstere das Autopoiesiskonzept zum Erklären von Leben benutzt haben und Luhmann das Autopoiesiskonzept zum Erklären insbesondere von sozialer Ordnung oder allgemein zum Erklären von Gesellschaft benutzt, sondern ein weiterer grundlegender Unterschied darin besteht, daß Maturana/Varela sich dagegen verwehrt haben, das Autopoiesiskonzept auf soziale Prozesse übertragen zu können. Nichtsdestotrotz hat Luhmann gezeigt, daß es für soziale Prozesse anwendbar ist und soziale Systeme einer höchst komplexen Erklärung unterzogen werden können. Nun werfen wir konkret unseren Blick auf die Luhmannsche Systemtheorie und betrachten dabei zuerst seine allgemeine Einteilung der verschiedenen Systemtypen.
Mit Blick auf die unterschiedlichen Systemtypen lassen sich Systeme auf der einen Seite in Maschinen mit allopoietischer Operations- und Organisationsweise unterteilen und auf der anderen Seite in Organismen, Bewußtseine und die Gesellschaft mit ihrer je autopoietischen Operations- und Organisationsweise.
Damit haben wir auf einer ersten Ebene das basale Organisationsprinzip differenziert. Auf einer zweiten Ebene können wir dem das sinnverarbeitende Prinzip hinzufügen. Weder Maschinen noch Organismen verarbeiten Sinn, sehr wohl aber psychische Systeme und soziale Systeme. Psychische Systeme verarbeiten Sinn in Form von Gedanken bzw. Vorstellungen, und soziale Systeme verarbeiten Sinn in Form von Kommunikationen. Das heißt, daß das Letztelement der psychischen Systeme Gedanken und das Letztelement von sozialen Systemen Kommunikationen sind. Auf einer dritten Ebene schließlich kann die soziale Systembildung wieder für sich differenziert werden, d.h. es liegen drei Typen von sozialen Systemen vor, die nach dem Grad ihrer Komplexität gegliedert werden können.
Als einfaches, rein situatives, Sozialsystem kann das Interaktionssystem bezeichnet werden, als komplexeres Sozialsystem folgt dann das Organisationssystem, und schließlich haben sich im Zuge der soziokulturellen Evolution autonome Funktionssysteme gebildet. Die moderne (Welt-)Gesellschaft fungiert dabei als umfassendes, alle Interaktions-, Organisations- und Funktionssysteme einschließendes, Sozialsystem. Alle diese Systemtypen bestehen, organisieren und erhalten sich ausschließlich aus Kommunikation (und nichts anderem!), wobei es je nach Systemtypus zwischen interaktionsförmiger, organisationaler und funktionssystemspezifischer Kommunikation zu unterscheiden gilt. Eine Besonderheit des Gesellschaftssystems besteht darin, daß sie – im Gegensatz zu den Interaktions-, Organisations- und Funktionssystemen – über keine soziale Umwelt verfügt.
Mit diesen letzten Aspekten zeigt sich bereits hier, daß Luhmanns Theorie sozialer Systeme bzw. seine Gesellschaftstheorie im wesentlichen auf einer Kommunikationstheorie basiert. Dies ist keine fremdevozierte Zuschreibung, sondern Luhmann selbst verweist auf die Notwendigkeit, "dem Begriff der Kommunikation zentrale Bedeutung für die Gesellschaftstheorie zuzusprechen." (Luhmann 1997, 68)
Ein weiteres Spezifikum der Unterscheidung in soziale Systemtypen liegt darin, daß sie als Theorievorlage der soziokulturellen Entwicklung und gesellschaftsstrukturellen Veränderung folgt. Von daher hängt die Systemdifferenzierung hochgradig mit der Gesellschaftsdifferenzierung zusammen. Für einen kurzen Einblick in diesen theorieinterdependenten Sachverhalt und das Theorem funktionaler Differenzierung, als Kennzeichen der modernen Weltgesellschaft, verweisen wir auf Luhmanns folgende prägnante gesellschaftstheoretische Fokussierung:
"Die Systemdifferenzierung betrifft [...] nicht nur die Systeme selbst, sondern auch ihre Umwelten und auch die Beziehungen zwischen System und Umwelt. Es gibt dann bei zunehmender Differenzierung nicht nur mehr verschiedenartige Einheiten, sondern auch für jede Einheit eine jeweils andere Umweltkonstellation in einer für alle gemeinsamen Gesellschaft; und schließlich entsprechend verschiedene Techniken, mit dieser Differenz von System und Umwelt fertig zu werden. Das heißt, um es auf eine Formel zu bringen, die die selbstreferentielle Struktur des Arguments deutlich macht: Differenziert werden die Differenzen zwischen Systemen und Umwelten. [...]
Man kann zunächst einmal drei Typen der Innendifferenzierung des Gesellschaftssystems unterscheiden, nämlich [1] segmentäre Differenzierung auf der Basis der Gleichheit von Systemen und Umwelten; [2] schichtungsmäßige Differenzierung auf der Basis rangmäßiger Gleichheit im System und Ungleichheit im Bezug zur Umwelt; und [3] funktionale Differenzierung auf der Basis funktionaler Gleichheit im System und funktionale Ungleichheit im Bezug zur Umwelt. [...] Im großen und ganzen kann man sagen: archaische Gesellschaften sind in ihrer Primärstruktur segmentär differenziert, Hochkulturen schichtungsmäßig differenziert, die moderne Gesellschaft dagegen funktional differenziert.
Dies zuletzt genannte Prinzip ermöglicht die größte Systemkomplexität, weil es auf sekundäre Stufen der Differenzierung auch Schichtung und auch segmentäre Differenzierung zuläßt. Es ist demnach nicht einfach die immer größere Differenzierung, sondern die Wahl des Prinzips der Differenzierung, die die bisherige gesellschaftliche Evolution auszeichnet; und das besagt, daß überholte Differenzierungen aufgelöst werden müssen, wenn ein voraussetzungsreicheres Prinzip der Differenzierung realisiert wird. [...]
In allen differenzierten Systemen kann man für jedes Teilsystem drei – und nur drei – Systemreferenzen unterscheiden: Die Beziehung zum umfassenden Gesamtsystem, die Beziehung zu anderen Teilsystemen und die Beziehung zu sich selbst. [...] Unter der Voraussetzung funktionaler Differenzierung muß jedes Teilsystem, sei es Politik oder Wissenschaft, Wirtschaft oder Familie, Erziehung oder Recht, diese drei Systemreferenzen wie folgt artikulieren: seine Beziehung zum Gesellschaftssystem als (institutionalisierte) Funktion, seine Beziehung zu anderen Teilsystemen als Leistung, die als Input zu beziehen und als Output zu erbringen ist, und seine Beziehung zu sich selbst als Reflexion." (Luhmann 1975d, 197f.)
Es bleibt dazu noch anzumerken, daß in die drei Gesellschaftsformen von segmentärer, stratifizierter und funktionaler Differenzierung mittlerweile, an der Schnittstelle zwischen Segmentation und Stratifikation stehend, als vierte Form die Zentrum/Peripherie-Differenz in Luhmanns Gesellschaftstheorie Einzug gehalten hat (vgl. Luhmann 1997, 663ff.).
Nach dem Konzept der Autopoiesis erläutern wir ein weiteres grundlegendes Konzept der soziologischen Systemtheorie Luhmanns: das Phänomen, respektive die evolutionäre Errungenschaft Sinn. Sinn ist das Medium von psychischen und sozialen Systemen, und er fungiert gleichermaßen als Verbindungsglied zwischen diesen beiden Systemtypen. Das psychische System operiert als sinnverarbeitendes System mit Sinn in der Form von Gedanken und Vorstellungen. Das soziale System operiert als sinnverarbeitendes System mit Sinn in der Form von Kommunikation.
Zentral führt Luhmann – und für jeden Phänomenologen ist hier der Rekurs auf Husserl evident – zu Sinn an:
"Das Sinnprozessieren ist [...] ein ständiges Neuformieren der sinnkonstitutiven Differenz von Aktualität und Möglichkeit. Sinn ist laufendes Aktualisieren von Möglichkeiten. Da Sinn aber nur als Differenz von gerade Aktuellem und Möglichkeitshorizont Sinn sein kann, führt jede Aktualisierung immer auch zu einer Virtualisierung der daraufhin anschließbaren Möglichkeiten. Die Instabilität des Sinnes liegt in der Unhaltbarkeit seines Aktualitätskerns; die Restabilisierbarkeit ist dadurch gegeben, daß alles Aktuelle nur im Horizont von Möglichkeitsanzeigen Sinn hat.
Und Sinn haben heißt eben: daß eine der anschließbaren Möglichkeiten als Nachfolgeaktualität gewählt werden kann und gewählt werden muß, sobald das jeweils Aktuelle verblaßt, ausdünnt, seine Aktualität aus eigener Instabilität selbst aufgibt. [...] Insgesamt ist Sinn also ein Prozessieren nach Maßgabe von Differenzen, und zwar von Differenzen, die als solche nicht vorgegeben sind, sondern ihre operative Verwendbarkeit [...] allein aus der Sinnhaftigkeit selbst gewinnen. Die Selbstbeweglichkeit des Sinngeschehens ist Autopoiesis par excellence." (Luhmann 1984, 100f.)
Der Sinnbegriff ist sowohl ein zentraler soziologischer als auch ein zentraler philosophischer Begriff, der sich durchgängig in allen Theorien von hoher kommunikationswissenschaftlicher Relevanz wiederfindet. Bei Max Weber etwa findet sich unter anderem der subjektiv gemeinte Sinn, der alles Handeln fundiert. Bei Alfred Schütz geht es um die Rekonstruktion des subjektiv gemeinten Sinns anhand der Weil-Motive. Oder innerhalb des Sozialbehaviorismus George Herbert Meads meint Sinn das Resultat interaktionaler Koordination zwischen einer Geste und der sich darauf beziehenden, anpassenden Reaktion.
In diesem Sinne kann prinzipiell jeder sozialen Kommunikationstheorie zugeschrieben werden, daß es um die Mitteilung von Sinn geht, der über eine Verständigungsleistung angenommen oder abgelehnt wird. Dieser Sinnbegriff ist jedoch zunächst an den einzelnen Akteur bzw. an das einzelne Subjekt gebunden. Es geht hierbei also immer um den Einzelnen, der Sinn konstruiert bzw. Sinn schafft und dann diesen Sinn in der Hoffnung mitteilt, daß von seinem Interaktionspartner der Sinn dementsprechend verstanden und übernommen wird. Von diesem Sinnbegriff müssen wir uns bei Luhmann verabschieden. Er betont selbst,
"daß der Sinnbezug aller Operationen sowohl für psychische als auch für soziale Systeme eine unerläßliche Notwendigkeit ist. Beide Arten von Systemen sind im Wege der Co-Evolution entstanden. Die eine ist nicht ohne die andere möglich und umgekehrt. Sie haben sich, wenn man so sagen darf, am Sinn ausdifferenziert. Sinn ist die eigentliche 'Substanz' dieser emergenten Ebene der Evolution. Es ist daher falsch (oder milder: ist ein falsch gewählter Anthropozentrismus), wenn man der psychischen, das heißt der bewußtseinsmäßigen Verankerung eine Art ontologischen Vorrang vor der sozialen zuspricht. Es ist überhaupt verfehlt, für Sinn einen 'Träger' zu suchen. Sinn trägt sich selbst, indem er seine eigene Reproduktion selbstreferentiell ermöglicht. Und erst die Formen dieser Reproduktion differenzieren psychische und soziale Strukturen." (Luhmann 1984, 141)
Die erste Frage, die sich bei Luhmann mit Sinn verbindet, lautet: Was wird vermittels Sinn prozessiert oder was wird damit durch den Operationsmodus von psychischen Systemen oder sozialen Systemen verarbeitet? Eine Antwort darauf wäre: Was verarbeitet wird, sind Informationen. Vermittels Sinn wird Information erzeugt und prozessiert, die als aktuelles Ereignis zu verstehen ist. Darauf bezieht sich auch die Differenz von Sinn bei Luhmann als Differenz von Aktualität versus Potentialität. Sinn ist hier ein differenztheoretischer Begriff. Dieser differenztheoretische Begriff von Aktualität versus Potentialität ist aber für sich als Einheit ein universaler Begriff, der keine Negation kennt.
Dieser Sinnbegriff ermöglicht nicht die Negation von Sinn als Nicht-Sinn, weil Sinn als Einheit die Differenz von Sinn/Nicht-Sinn umschließt. Auch Nicht-Sinn wäre eine Auswahl von Sinn, die aktualisiert wird. Also kann festgehalten werden: Sinn ist ein Universalbegriff. Sinn markiert ein Ereignis, das zu einem spezifischen Moment aktualisiert wird vor der Maßgabe, daß damit etwas anderes nicht aktualisiert wird, d.h. etwas anderes weiterhin nur möglich ist; oder in der Husserlschen Terminologie: daß etwas anderes immer nur am Horizont appräsentiert ist und bleibt. Diese aktuelle Auswahl von etwas geschieht nur dadurch als Auswahl, daß etwas anderes nicht ausgewählt wird.
Also: dies und nichts anderes; Tafel und nicht X; oder Vorlesung und nicht Cafébesuch. Jeder kann jeweils nur etwas aktuell als Ereignis festlegen bzw. bezeichnen vor dem Hintergrund dessen, was dann eben nicht bezeichnet wird. Das heißt, das Aktuelle wird aus einem Möglichkeitshorizont ausgewählt, und der Horizont, aus dem ausgewählt wird, bleibt selbst nicht bezeichenbar. Und indem etwas eben aktuell bezeichnet wird und auch beobachtbar ist, gewinnt es Sinn.
Mit Rekurs auf die Distinktionslogik George Spencer Browns läßt sich sagen, daß sich jede Operation von Sinn durch eine Unterscheidung (distinction) und eine Bezeichnung (indication) vollzieht (vgl. Luhmann 1984, 100). Als Form verweist Sinn auf zwei Seiten: die der Bezeichnung als marked state und die des unbezeichneten Horizontes als unmarked space.
"Als operative Einheit aus Unterscheidung und Bezeichnung ist Sinn eine Form, die sich selbst enthält, nämlich die Unterscheidung von Unterscheidung und Bezeichnung. Eine Form ist letztlich eine Unterscheidung, die in sich selbst als Unterschiedenes wiedervorkommt." (Luhmann 1997, 57)
Das Spezifische nun an dieser Operationsweise von Informationen als Sinnprozessieren ist nun, daß mit dem Auftreten von Sinn, also der Aktualität eines Ereignisses, dieses Ereignis sofort wieder zerfällt bzw. verschwindet und damit den Raum freigibt für einen Anschluß neuer, anderer Möglichkeiten, die dann eben wieder Sinn machen. Damit gilt zusammengefaßt: Sinnhafte Ereignisse sind eine aktuelle Auswahl aus einem unbestimmten Horizont von Möglichkeiten und verschwinden mit dem Auftreten ihrer selbst sofort wieder, um neuen Ereignissen Platz zu machen und mithin die autopoietische Operationsweise von psychischen und sozialen Systemen zu gewährleisten.
Hinsichtlich der soziologisch relevanten Dimension von Sinn verweist Luhmann auf die Zeit-, Sach- und Sozialdimension (vgl. Luhmann 1984, 112ff.). Die Zeitdimension resultiert aus der prozessierten Unterscheidung von Vorher versus Nachher. Die Sachdimension resultiert aus der prozessierten Unterscheidung von dies versus anderem, diesem Gegenstand und nicht jenem oder diesem Thema und kein anderes. Die Sozialdimension schließlich resultiert aus der prozessierten Unterscheidung des Verhältnisses und der Perspektiven zwischen Ego und Alter ego.
Abschließend wollen wir von diesen Ausführungen zum Medium Sinn und der damit sich vollziehenden Autopoiesis sozialer (und psychischer) Systeme einen Bogen zur Kommunikation schlagen und unsere Rekonstruktion der Grundbegriffe dieser universal angelegten Theorie sozialer Systeme mit einer ausführlichen Erläuterung Luhmanns bezüglich Sinn, Kommunikation und zeitlich instabiler Operationsweise abblenden.
"Wenn man Kommunikation als Einheit begreift, die aus den drei Komponenten Information, Mitteilung und Verstehen besteht, die durch die Kommunikation erzeugt werden, schließt das die Möglichkeit aus, einer dieser Komponenten einen ontologischen Primat zuzusprechen. Weder kann man davon ausgehen, daß es zunächst eine Sachwelt gibt, über die dann noch gesprochen werden kann; noch liegt der Ursprung der Kommunikation in der 'subjektiv' sinnstiftenden Handlung des Mitteilens; noch existiert zunächst eine Gesellschaft, die über kulturelle Institutionen vorschreibt, wie etwas als Kommunikation zu verstehen sei.
Die Einheit der kommunikativen Ereignisse ist weder objektiv, noch subjektiv, noch sozial ableitbar, und eben deshalb schafft sich die Kommunikation das Medium Sinn, in dem sie dann laufend darüber disponieren kann, ob die weitere Kommunikation ihr Problem in der Information, in der Mitteilung oder im Verstehen sucht.
Die Komponenten der Kommunikation setzen einander wechselseitig voraus; sie sind zirkulär verknüpft. Sie können daher ihre Externalisierungen nicht mehr als Eigenschaften der Welt ontologisch fixieren, sondern müssen sie im Übergang von einer Kommunikation zur anderen jeweils suchen. Die Zeitpunktgebundenheit der Operation Kommunikation bezieht sich auf den Zeitpunkt des Verstehens auf Grund der Beobachtung einer Differenz von Information und Mitteilung. Erst das Verstehen generiert nachträglich Kommunikation." (Luhmann 1997, 72)
Es ist für Luhmanns soziologische Systemtheorie paradigmatisch, daß von Handlung auf Kommunikation umgestellt wird und der Kommunikation ein zentraler Stellenwert innerhalb Luhmanns Theoriearchitektur zugewiesen wird. Das grundlegende soziale Ereignis, die basic unit der Gesellschaft ist Kommunikation. Jedes soziale System besteht folglich aus dem Letztelement Kommunikation, aus dem es seine je eigene Operationsweise, Struktur und Geschichte aufbaut und diese durch Kommunikation auch fortlaufend aufrechterhält bzw. reproduziert.
Als zentrales Ausgangsproblem fokussiert Luhmann in seiner Kommunikationstheorie die Opakheit bzw. Intransparenz psychischer Systeme – in dem Sinne, daß kein Bewußtsein ein anderes direkt beobachten bzw. an fremde Gedanken direkt anschließen kann –, um von dort aus der Frage nachzugehen, wie soziales Verstehen und kommunikative Erreichbarkeit trotzdem möglich sind.
In seinen eigenen Worten:
"Daß Bewußtseinssysteme füreinander wechselseitig unzugänglich sind, weil sie operativ geschlossen operieren, erklärt zwar den Bedarf für Kommunikation, antwortet aber nicht auf die Frage, wie Kommunikation angesichts eines solchen 'Unterbaus' möglich ist." (Luhmann 1995c, 25)
Kommunikation wird zu allererst statt als gängiges, unproblematisch erfahrenes Phänomen als Problem begriffen, und zwar – wie wir sehen werden – als zweifaches Problem: Zum einen stellt sich das Problem, wie Kommunikation trotz unwahrscheinlicher Ausgangsbedingungen stattfinden und seine Einheit vollziehen kann. Zum anderen stellt sich das Problem, wie Kommunikation ihre Fortsetzung wahrscheinlich machen und sich selbst als erwartbares, und eben nicht rein zufälliges und willkürliches, Ereignis hervorbringen kann. Das erste Problem bezieht sich auf die Rahmenbedingungen von Kommunikation, auf ihr Außen. Das zweite Problem bezieht sich auf die Selbstproduktion ihrer Form und auf ihre binnenstrukturelle Organisation, auf ihr Innen. Und noch weiter konkretisiert, bezieht sich das Problem der Kommunikation nach der ersten Seite hin auf das psychisch zuzurechnende Ausgangsproblem der Kontingenz bzw. zweifach doppelten Kontingenz und nach der zweiten Seite hin auf das sozial zuzurechnende Problem, Kontingenz zu organisieren und in soziale Wahrscheinlichkeit zu transformieren.
Mit dieser problemorientierten Ausrichtung erläutern wir im folgenden:
1. die Ausgangssituation sozialer Systembildung durch Kommunikation mit Blick auf die zweifach
doppelte Kontingenz,
2. den selbstreferentiellen Prozeß der Kommunikation in ihrer Synthetisierung der selektiven
Triade von Information, Mitteilung und Verstehen,
3. das Emergenzniveau sozialer Systeme und den Modus der strukturellen Kopplung zwischen
Bewußtsein und Kommunikation sowie
4. das Unwahrscheinlichkeitstheorem von Kommunikation und seine soziokulturelle Lösung.
Kontingenz wird von Luhmann als modallogischer Terminus eingeführt, der eine jede Situation als unbestimmt beschreibt (vgl. Luhmann 1984, 152). Kontingent ist also eine Situation, in der etwas möglich ist, aber nicht zwingend notwendig ist. Etwas kann so sein, muß aber nicht so sein. Es kann so sein, es kann aber auch anders sein.
Mit Blick auf den sozialen Kontext läßt sich festhalten:
Als Ausgangssituation, aus der heraus soziale Systeme entstehen (bzw. autokatalytisch emergieren) können, charakterisiert Luhmann im Anschluß an Parsons die Situation der sogenannten 'doppelten Kontingenz'. Im Gegensatz zu Parsons versteht Luhmann 'doppelte Kontingenz' nicht als Abhängigkeit von etwas (bzw. von einer anderen Person), sondern vielmehr als die gleichzeitige Negation von Notwendigkeit und Unmöglichkeit und mithin als eine Beliebigkeit von Auswahlzuständen bzw. Auswahlereignissen. Eine Situation, in der sich zwei selbstreferentielle Prozessoren bzw. informationsverarbeitende Systeme wechselseitig beobachten können, läßt sich dabei insofern als 'doppelt kontingent' charakterisieren, als die Verhaltensmöglichkeiten eines jeden der beiden Systeme – aufgrund ihrer prinzipiellen Intransparenz bzw. Opakheit füreinander – für das jeweils andere nicht vorhersehbar sind.
Die Auflösung der doppelten Kontingenz kommt durch die Unterstellung einer Beeinflussungsmöglichkeit zustande. Diese Unmöglichkeit des gegenseitigen Wissens vom Anderen, als Effekt der Intransparenz von selbstreferentiellen Systemen, führt auf der Ebene interaktionaler Begegnung geradezu zwangsläufig zur wechselseitigen Anbindung prozessierten Verhaltensausdrucks – und dies in selbstbezüglicher Weise auf einem höheren Emergenzniveau: also als und durch Kommunikation.
"Jede soziale Interaktion involviert mindestens zwei Partner, nennen wir sie Alter und Ego, die beide sich kontingent verhalten, das heißt: die beide über verschiedene Verhaltensmöglichkeiten verfügen und dies voneinander wissen. Jeder kann so - und auch anders. Jeder kann sich dem nahegelegten Modus der Interaktion fügen, aber auch abweichen. Man nimmt normalerweise an und hält fest, was einem in die Hand gegeben wird; aber man könnte es auch fallenlassen. Daß sowohl Alter als auch Ego dieses einfachen Modells in diesem Sinne kontingent handeln und dies voneinander wissen und sogar voneinander wissen, daß sie es voneinander wissen - dies nennt man im soziologischen Fachjargon 'doppelte Kontingenz'. Nur unter dieser Voraussetzung kann man sinnvoll von Kommunikation sprechen: denn Kommunikation ist immer Übermittlung von Selektionen, die als Selektionen erkennbar sind. [...] Alle Beteiligten haben die Möglichkeit, nein zu sagen oder sich anders zu verhalten, als ihnen nahegelegt wird. Auch dies ist eine universell präsente, stets mitpräsentierte Möglichkeit, der man in der Wahl seiner Kommunikationen Rechnung trägt." (Luhmann 1975c, 68)
Wenn also die Auswahl von spezifischen Ereignissen innerhalb eines psychischen Systems kontingent ist, d.h. so, aber auch anders verlaufen kann, sehen wir uns in einer sozialen Situation mit dem brisanten Problem konfrontiert, wie zwei Interaktionspartner sich aufeinander orientieren oder miteinander abstimmen können. Wir finden hier als Ausgangslage den Modus der Kontingenz vor: Jeder Interaktionspartner und damit jedes psychische System, kann sein Verhalten entweder so oder auch anders auswählen und bestimmen. Diese Situation ist doppelt kontingent in der sozialen Situation, in der ein Interaktionspartner sowohl von sich selbst weiß, daß seine Auswahlkriterien kontingent sind, als auch vom Anderen weiß, daß ebenso dessen Auswahlkriterien kontingent sind. Der eine weiß also, daß auch sein Interaktionspartner sein Verhalten kontingent auswählt, also sich so oder auch anders verhalten kann.
Aus der Perspektive eines Interaktionspartners ist die soziale Situation folglich doppelt kontingent. Aus der Perspektive beider Interaktionspartner ist die Situation zweifach doppelt kontingent. Beide Interaktionspartner wissen also, daß ihre Entscheidungen auf ein spezifisches Verhalten hin möglich, aber nicht notwendig sind, und daß demzufolge auch keine Notwendigkeit besteht, daß der gegenüberstehende Interaktionspartner den Vorschlag einer bestimmten Verhaltensweise auch übernimmt.
Insgesamt findet sich damit in einer zukunftsoffenen, unvertrauten Situation eine reflexiv bewußte, also von beiden wechselseitig bewußte, Unfähigkeit der Eigenwahl vor. Eine wechselseitige, geordnete Verhaltenskoordination scheint ab ovo unwahrscheinlich, wenn nicht geradezu unmöglich (vgl. Luhmann 1981a, 13).
Luhmann kann nun zeigen, daß die Entwicklung von Gesellschaft dahingehend ihren Weg genommen hat, dieses Problem zu entschärfen bzw. zu lösen: und zwar via Teilnahme an Kommunikation. Die auf psychische Systeme zuzurechnende Unmöglichkeit der direkten, gegenseitigen Beeinflussung führt zum eigenständigen Aufbau eines sozialen Systems, welches auf einer höheren Ebene operiert und durch Kommunikation soziale Ordnung prozessiert.
Im Gegensatz zur Vorstellung, daß Kommunikation ein Übertragungsprozeß von Informationen sei oder ein direktes Mitteilungshandeln zwischen zwei und mehr Menschen, präsentiert Luhmann einen Kommunikationsbegriff, der als komplexe Einheit und eigenständige soziale Operation zu verstehen ist und nicht von Menschen, sondern ausschließlich von sozialen Systemen prozessiert wird. Zudem ist zu sehen, daß sein Kommunikationsbegriff bereits auf einer vorsprachlichen Ebene ansetzt.
Kommunikation besteht aus drei verschiedenen Selektionen, die erst zusammen in einer Synthetisierung Kommunikation als Einheit konstellieren.
Diese drei Selektionen sind erstens Information, zweitens Mitteilung und drittens Verstehen. Jede dieser Komponenten besteht immer im verweisenden Zusammenhang auf die anderen beiden Komponenten, nicht für sich isoliert. Information ist dabei die Auswahl aus einem Horizont dessen, was thematisiert wird, was in Sprache gefaßt wird, was mitgeteilt werden soll.
Mitteilung ist dabei die Form des Wie der Information, die mitgeteilt werden soll, die Auswahl aus einem Horizont an möglichen Verhaltensweisen, Ausdrucksweisen, Mitteilungsweisen. Das Verstehen ist die Auswahl dessen, wie die Differenz von der Mitteilung einer Information aus einem möglichen Horizont verstanden wird.
Das Verstehen selbst ist nicht psychisch, sondern sozial gemeint und bedeutet: es kommt auf die Beobachtungsmöglichkeit an, die zeigt, daß eine Information von einer Mitteilung unterschieden worden ist, wobei dieses Verstehen selbst wieder in der Form der Mitteilung einer Information auftaucht. Damit zeigen sich also in der Einheit der Kommunikation drei unterschiedliche Auswahlleistungen aus drei unterschiedlichen Verweisungshorizonten.
Erst die Verknüpfung dieser drei Selektionen führt zu Kommunikation als sozialem Basisereignis, wobei die Verknüpfung gegenläufig zum aktuellen Zeitverlauf erfolgt. So findet jede Kommunikation immer durch einen fortwährend rückbezüglichen Anschluß statt. Analog dem Fibonacci-Effekt entsteht eine neue kommunikative Einheit aus der Rekursivität auf ein anderes kommunikatives Ereignis, so daß sich die sozial-infinite Reihe bildet: Kommunikation an Kommunikation an Kommunikation an Kommunikation etc.
Luhmann führt zu diesem rekursiven Aufbau und zur Selbstreferentialität der Kommunikation aus:
"Im Unterschied zu bloßer Wahrnehmung von informativen Ereignissen kommt Kommunikation nur dadurch zustande, daß Ego zwei Selektionen unterscheiden und diese Differenz seinerseits handhaben kann. Der Einbau dieser Differenz macht Kommunikation erst zur Kommunikation, zu einem Sonderfall von Informationsverarbeitung schlechthin. Die Differenz liegt zunächst in der Beobachtung des Alter durch Ego. Ego ist in der Lage, das Mitteilungsverhalten von dem zu unterscheiden, was es mitteilt. Wenn Alter sich seinerseits beobachtet weiß, kann er diese Differenz von Information und Mitteilungsverhalten selbst übernehmen und sich zu eigen machen, sie ausbauen, ausnutzen und zur (mehr oder weniger erfolgreichen) Steuerung des Kommunikationsprozesses verwenden. Die Kommunikation wird sozusagen von hinten her ermöglicht, gegenläufig zum Zeitablauf des Prozesses. [...] Daß Verstehen ein unerläßliches Moment des Zustandekommens von Kommunikation ist, hat für das Gesamtverständnis von Kommunikation eine sehr weittragende Bedeutung. Daraus folgt nämlich, daß Kommunikation nur als selbstreferentieller Prozeß möglich ist.
Wenn auf eine kommunikative Handlung eine weitere folgt, wird jeweils mitgeprüft, ob die vorausgehende Kommunikation verstanden worden ist. Wie immer überraschend die Anschlußkommunikation ausfällt, sie wird auch benutzt, um zu zeigen und zu beobachten, daß sie auf einem Verstehen der vorausgehenden Kommunikation beruht. [...] In jedem Falle ist jede Einzelkommunikation, sonst würde sie gar nicht vorkommen, in den Verstehensmöglichkeiten und Verstehenskontrollen eines Anschlußzusammenhangs weiterer Kommunikationen rekursiv abgesichert." (Luhmann 1984, 198f.)
Als autopoietischer sozialer Prozeß ist Kommunikation auf ein Ereignis angewiesen, das bereits stattgefunden hat, und indem sich darauf rückwirkend ein neues Ereignis bezieht, wird erst ein kommunikatives Ereignis konstruiert. Daraus folgt mit Fuchs, daß die Einheit der Kommunikation differentiell angelegt ist, also zwei Zeitstellen markiert werden müssen, um ein kommunikatives Ereignis zu sein, und "daß das Gewesene nachträglich zu sich selbst ein kommunikatives Ereignis ist." (Fuchs 1993, 25)
Die drei Komponenten Information, Mitteilung und Verstehen bilden zeitversetzt die soziale Einheit der Kommunikation. Denn keine der drei Selektionen existiert für sich als unabhängiges Modul, sondern sie sind nur als triadische Synthetisierung beobachtbar qua zirkulärer Voraussetzung und Verwiesenheit. Erst ein, selbst wiederum unbestimmtes, reaktives Ereignis konstituiert als selektiver Anschluß an ein vorausgegangenes Verhalten oder eine vorausgegangene Äußerungssequenz Kommunikation. Dazu heißt es bei Luhmann:
"Erst die Reaktion schließt die Kommunikation ab, und erst an ihr kann man ablesen, was als Einheit zustandegekommen ist." (Luhmann 1984, 212)
Erst die vollzogene Anschlußsequenz als Verstehen zeigt im Bezug auf die Unterscheidung einer Information von ihrer Mitteilung, daß überhaupt ein soziales Ereignis stattgefunden hat, und sie zeigt auch, welche Richtung und thematische Anschlußfähigkeit die Kommunikation genommen hat, also wie sie weiter prozessiert werden kann. Kommunikation findet also in selbstbezüglicher Weise immer gegenläufig zum Zeitprozeß statt, indem ein sozialer Verstehensanschluß ein vorausgegangenes beobachtetes Ereignis als Kommunikation qualifiziert.
Kommunikation hat in ihrer originären Form nicht bereits stattgefunden, wenn in irgendeiner Form die Differenz von Information und Mitteilung wahrgenommen worden ist, sondern sie findet erst dann statt, wenn sie ein Ereignis in der Differenz der Mitteilung einer Information gezielt sozial beobachtet und diese Beobachtung auch sozial thematisiert. An jedes kommunikative Ereignis kann (sich) dann im weiteren – aber auch wieder nur rückwirkend – ein neues kommunikatives Ereignis anschließen. Indem dieses Ereignis an das vorangegangene anschließt, bindet es sich dadurch eben rückwirkend und ist selbstbezüglich.
Hinsichtlich des Verhältnisses von Bewußtsein und Kommunikation ist entscheidend,
"daß das, was die Kommunikation als Information behandelt, nicht dem Binnenhorizont der psychischen Systeme, die beteiligt sind, entnommen, sondern durch die Kommunikation kreiert wird, und zwar als Anschluß, der die Unterschiede, die weiter Unterschiede machen können, selbst wählt (oder wiederum besser: als solche Wahl beobachtet werden kann). Entscheidend ist, daß die kommunikative Selektion der Information ihre anschlußproduzierende Kontur durch ihren Unterschied zur Mitteilungsselektion gewinnt". (Fuchs 1993, 27f.)
Damit haben wir zusammengefaßt folgende Konstruktion von Kommunikation, die in unserem Fall vornehmlich an interaktionsförmiger Kommunikation enggeführt ist, vorliegen: Zwei Interaktionspartner bzw. zwei psychische Systemen, die allgemein als Alter ego und Ego bezeichnet werden, sind an der Kommunikation beteiligt. Keiner von beiden kann einzeln Kommunikation initiieren, sondern die Kommunikation bringt sich selbst aus mindestens einer dyadischen Ausgangssituation hervor und nimmt fortan immer rückwirkend auf sich selbst Bezug.
Die Einheit von Kommunikation ist dabei an zwei unterschiedliche, zeitpunktfixierte Ereignisse gebunden. Eine Einheit der Kommunikation setzt also zwei Ereignisse voraus, indem ein Ereignis gegenläufig zum Zeitprozeß auf ein vergangenes Ereignis bezug nimmt, aus dem es die Differenz von Information und Mitteilung in beobachtbarer Weise via Beobachtung extrapoliert.
"Kommunikation kommt nur zustande, wenn diese zuletzt genannte Differenz beobachtet, zugemutet, verstanden und der Wahl des Anschlußverhaltens zu Grunde gelegt wird. Dabei schließt Verstehen mehr oder weniger weitgehende Mißverständnisse als normal ein. [...] Wir gehen davon aus, daß drei Selektionen zur Synthese gebracht werden müssen, damit Kommunikation als emergentes Geschehen zustandekommt." (Luhmann 1984, 196)
Es zeigt sich, daß Luhmann mit seinem Konzept von Kommunikation Abschied nimmt von allen Vorstellungen der Kommunikation als zweckgerichtetem und intentionalem Prozeß. Er bezweifelt vielmehr, daß ein Interaktionspartner rational etwas intendieren kann, das dann vermittels der Sprache oder vermittels eines anderen Verhaltenstypus gezielt an einen Anderen gerichtet wird, der die vermittelte Intention lediglich wieder gezielt zu zerlegen bräuchte, um in eindeutiger Weise Absicht und Information zu verstehen.
Mit diesem Kommunikationsbegriff als Letztelement von Gesellschaft verabschiedet Luhmann auch den Handlungsbegriff als Letztelement von Gesellschaft. Die Form von Handeln oder von sozialer Handlung, wie sie zentral von Max Weber oder Alfred Schütz benutzt werden, sieht immer den Rückgriff auf den subjektiv gemeinten Sinn vor, der dann von seiner Intention her entweder an einem Objekt oder an einem Anderen orientiert ist und etwa an dem Anderen gezielt eine Verhaltensänderung zu bewegen versucht. Die Handlung stiftet als Einzelereignis aber keinen sozialen Zusammenhang, sie ist mit Blick auf den individuell Handelnden geradezu a-sozial bzw. sozialdefizitär. Weber Schütz
Der Sozialbezug des Handelns entsteht erst mit der Ausrichtung auf einen Anderen und mit der wechselseitigen Abstimmung des subjektiv gemeinten Sinnes zwischen den Individuen. Ein weiteres Problem aus soziologischer Perspektive stellt sich hinsichtlich der Sinnkonstitution der Handlung. Wie, so ließe sich fragen, soll eine untrennbar mit ihrem Erzeuger verbundene Einzelhandlung sozialen Sinn erzeugen? Und wenn es ihr in der Ausrichtung auf einen Anderen gelänge, wie ließe sich der soziale Sinn dann als eigenständige Dimension, unabhängig vom Bewußtsein des Einzelnen, erkennen und beschreiben?
Wegen dieser angedeuteten Unschärfe und Problembeladenheit ersetzt Luhmann das zweiseitige Handlungskonzept durch sein dreistelliges Kommunikationskonzept, an der mindestens zwei beteiligt sein müssen, die unterschiedliche Ereignisse hervorbringen, die aber selbst nach der Eigendynamik und Eigenlogik des sozialen Systems verarbeitet und weiter prozessiert werden. Für diese selbstreferentielle Eigendynamik gilt das soziale Muster: Kommunikation an Kommunikation an Kommunikation etc. Wenn keine Kommunikation mehr anschließt, ist das jeweilige soziale System aktuell zu seinem Abbruch gekommen, kann aber jederzeit wieder neu aufleben, indem wieder thematisch rückwirkend darauf bezuggenommen wird.
Als Handlung taucht ein soziales Ereignis nur dann auf, wenn gleichsam als Selbstsimplifikation die Kommunikation sich post festum selbst als Handlung beobachtet – "Handlung wird in sozialen Systemen über Kommunikation und Attribution konstituiert als eine Reduktion der Komplexität, als unerläßliche Selbstsimplifikation des Systems" (Luhmann 1984, 191) – und zwar entweder als Mitteilungshandeln oder als Handeln von einer Information. Nicht Handlung ist demnach die basic unit des Sozialen, sondern Kommunikation. Jede Handlung ist eine kommunikativ erzeugte Vereinfachung der Kommunikation selbst, indem sie von ihrer komplexen Selbstsynthetisierung absieht und ein punktuelles Ereignis entweder in Richtung der Mitteilung oder in Richtung der Information auf eine der an Kommunikation beteiligten Personen zurechnet.
Diesen Zusammenhang zwischen Handlung und Kommunikation fassen wir mit Luhmann zusammen: "Als Ausgangspunkt ist festzuhalten, daß Kommunikation nicht als Handlung und der Kommunikationsprozeß nicht als Kette von Handlungen begriffen werden kann. [...] Man kann den Kommunikationsprozeß deshalb nicht voll erfassen, wenn man nicht mehr sieht als die Mitteilungen, von denen eine die andere auslöst. In die Kommunikation geht immer auch die Selektivität des Mitgeteilten, der Information, und die Selektivität des Verstehens ein, und gerade die Differenzen, die diese Einheit ermöglichen, machen das Wesen der Kommunikation aus." (Luhmann 1984, 225f.)
Und weiter heißt es: "Entsprechend der Unterscheidung von Information und Mitteilung wird Handeln in zwei verschiedenen Kontexten sozial konstituiert: als Information bzw. als Thema einer Kommunikation oder als Mitteilungshandeln. Es gibt, anders gesagt, sehr wohl nichtkommunikatives Handeln, über das die Kommunikation sich nur informiert. Auch dessen soziale Relevanz wird jedoch durch Kommunikation vermittelt. Kommunikationssystemen steht es frei, über Handlungen oder über etwas anderes zu kommunizieren; sie müssen jedoch das Mitteilen selbst als Handeln auffassen, und nur in diesem Sinne wird Handeln zur notwendigen Komponente der Selbstreproduktion des Systems von Moment zu Moment. Deshalb ist es nie falsch, wohl aber einseitig, wenn ein Kommunikationssystem sich selbst als Handlungssystem auffaßt. Erst durch Handlung wird die Kommunikation als einfaches Ereignis an einem Zeitpunkt fixiert." (Luhmann 1984, 227)
Der Aspekt, daß erst ein soziales Anschlußereignis in der Form von Verstehen ein vorangegangenes Ereignis als Kommunikation qualifiziert, mithin erst eine Anschlußkommunikation zeigt, daß überhaupt Kommunikation stattgefunden hat, wird durch die These der Selbstreferentialität, also der Selbstbezüglichkeit als genuiner Prozeßweise eines jeden sinnverarbeitenden autopoietischen Systems, belegt und unterstützt. Jede Anschlußäußerung zeigt also ein bestimmtes Verstehen der vorangegangenen Äußerung und zeigt damit auch, in welcher Art und Weise eine Bedeutung sozial konstituiert worden ist.
Die Möglichkeiten, einen sozialen Anschluß an ein vorangegangenes Ereignis zu produzieren, sind unüberschaubar. Es stehen eine unendliche Anzahl von Möglichkeiten zur Verfügung, konkret wird aber immer nur ein Anschluß aktualisiert. Hier finden wir auch wieder Sinn als tragende Komponente von sozialen Systemen vor, indem ein konkretes Ereignis ausgewählt wird aus einer unbestimmten Anzahl von Potentialität.
Der kommunikative Anschluß, der nach der Eigenlogik der sozialen Systeme selbst erfolgt, verweist darauf, daß das soziale System auf einem anderen Niveau operiert als das psychische System. Psychische Systeme sind zwar an Kommunikation beteiligt, aber kommunizieren nicht selbst.
Da wir es demzufolge in der Referenz auf soziale Systeme mit einem anderen Niveau zu tun haben, führt Luhmann hier den Terminus der 'Emergenz' ein. So wie sich für psychische Systeme festhalten läßt, daß deren Ordnungs- und Strukturaufbau in keiner Weise auf die zugrundeliegende Ebene von etwa Nerven- und Organismussystem zurückzuführen ist, so läßt sich auch für soziale Systeme festhalten, daß deren Eigenschaften nicht aus den Eigenschaften der beteiligten psychischen Systeme deduzierbar sind, sondern eigenständig eine 'höherwertige' Ordnung bilden.
In einer allgemeinen Fassung kann formuliert werden: Emergenz bezeichnet – etwa vergleichbar dem frühen Paradigma einer allgemeinen Systemtheorie, wonach das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile – eine qualitativ eigenständige und neue System- und Ordnungsebene, deren ausgebildete bzw. ausdifferenzierte Qualität sich weder auf die Eigenschaften und Einflüsse des materiellen und energetischen 'Unterbaus' reduzieren noch aus diesem erklären läßt.
Soziale Systeme sind insofern emergent, als Kommunikation in der Synthetisierung ihrer Selektionstriade zu einer Einheit die Operations- und Organisationsweise des Sozialsystems bestimmt und nicht etwa die an Kommunikation beteiligten psychischen Systeme, als Umwelt des Sozialen, den Kommunikationsprozeß und die Operationen des Sozialsystems bestimmen. Kein Bewußtsein kann gezielt Kommunikation beeinflussen oder steuern, sondern die Kommunikation selbst bestimmt, in welcher Art und Weise sie die fremdreferentiell 'eingespeisten' Ereignisse verarbeitet und ordnet. Die Sinnbildung von Kommunikation, ihre produzierten Verstehensanschlüsse und ihre rekursive Vernetzung sind nicht auf die Beteiligung Einzelner und deren psychische Intentionen zurückführbar.
Psychische und soziale Systeme sind beide für sich operational und organisationell geschlossen und sind in ihrer jeweiligen autonomen Geschlossenheit beide füreinander unerreichbar. Keine Kommunikation kann in Form von Gedanken oder Vorstellungen operieren, und kein Bewußtsein kann kommunizieren. Dennoch stehen beide in einem Abhängigkeitsverhältnis und sind gegenseitig aufeinander angewiesen.
Dieses gegenseitige Bedingungsverhältnis lautet bei Luhmann: Keine Kommunikation ohne Bewußtsein und kein Bewußtsein ohne Kommunikation. Obzwar jedes System ausschließlich selbst seine eigenen Operationen durchführt, stehen notwendigerweise, um die eigenen Reproduktionsmöglichkeit zu gewährleisten, beide unterschiedlichen Systemtypen in einem spezifischen, Sinn verarbeitenden Modus der Bezugnahme: sie stehen zueinander im Modus der strukturellen Kopplung. Qua struktureller Kopplung kann sozialen und psychischen Systemen zum einen das Verhältnis der co-evolutiven Ausbildung und zum anderen der Modus der Gleichzeitigkeit zugeschrieben werden. Bezüglich der Co-Evolution von Kommunikation und Bewußtsein sieht Luhmann, daß Bewußtsein notwendige Umweltbedingung für Kommunikation und Kommunikation notwendige Umweltbedingung für Bewußtsein ist (vgl. Luhmann 1990, 44f.).
"Die Autopoiesis der Kommunikation produziert Kommunikation aus Kommunikation – nie aus Bewußtseinszuständen; aber diese Produktion setzt als gleichzeitig gegebenes Medium Bewußtsein voraus. Wie schon im Verhältnis von Bewußtsein und Leben ist also auch hier die strukturelle Kopplung ein Verhältnis der Gleichzeitigkeit. Das heißt [...]: sie kann nicht als kausale Sequenz von Ursache und Wirkung begriffen werden." (Luhmann 1990, 43f.)
Wenn Kommunikation sich durch Kommunikation reproduziert und seine Autopoiesis zur Selbstschließung bringt, dann wird Bewußtsein als Sinn-Medium in Anspruch genommen.
"Bewußtsein ist demnach an Kommunikation beteiligt als strukturdeterminiertes System und als Medium. Das ist nur möglich, weil Bewußtsein und Kommunikation, psychische Systeme und soziale Systeme niemals fusionieren, auch nicht partiell überlappen können, sondern völlig getrennte, selbstreferentiell-geschlossene, autopoietisch-reproduktive Systeme sind. [...]
Bewußtsein, können wir dann formulieren, hat die privilegierte Position, Kommunikation stören, reizen, irritieren zu können. Bewußtsein kann die Kommunikation nicht instruieren, denn die Kommunikation konstruiert sich selbst. Aber Bewußtsein ist für die Kommunikation eine ständige Quelle von Anlässen für die eine oder andere Wendung des kommunikationseigenen operativen Verlaufs. [...] Bewußtseinssysteme und Kommunikationssysteme bestehen mithin völlig überschneidungsfrei nebeneinander. Sie bilden zugleich aber ein Verhältnis struktureller Komplementarität. Sie können ihre eigenen Strukturen jeweils nur selbst aktualisieren und spezifizieren, daher auch jeweils nur selbst ändern. Sie benutzen einander aber zugleich zu einer gegenseitigen Auslösung solcher Strukturänderungen. Kommunikationssysteme können sich überhaupt nur durch Bewußtseinssysteme reizen lassen; und Bewußtseinssysteme achten in hohem Maße präferentiell auf das, was in der extrem auffälligen Weise von Sprache kommuniziert wird. Unser Argument ist: daß die überschneidungsfreie Separierung der jeweils geschlossenen Systeme eine Voraussetzung ist für strukturelle Komplementarität, also für das gegenseitige Auslösen (aber eben nicht: Determinieren) der jeweils aktualisierten Strukturwahl." (Luhmann 1995a, 45f.)
Wir halten noch einmal fest: Psychische Systeme produzieren Gedanken oder Vorstellungen, und soziale Systeme produzieren Kommunikation. In dieser je genuinen Operationsweise sind beide Systemtypen zwar jeweils autonom und betreiben dadurch ihre Autopoiesis, aber sie existieren dabei gleichzeitig nebeneinander und können sich jederzeit strukturell koppeln bzw. wechselseitig irritieren.
Während die Kommunikation an Kommunikation anschließt, kann unabhängig davon jeder an Kommunikation Beteiligte seine Gedanken (mehr oder minder konzentriert, stringent, wirr, verträumt etc.) in der selbstreferentiellen Weise von: Gedanke an Gedanke an Gedanke prozessieren. Das psychische System kann dies sowohl in einer thematischen Unabhängigkeit vom Kommunikationsprozeß leisten als auch hinsichtlich der zeitlichen Bedingungen in einem viel, viel schnelleren und komplexeren Maße, als es Kommunikation zuließe. Demgegenüber prozessiert das jeweilige soziale System seine Kommunikationen jeweils unabhängig von den Gedanken, die von den Beteiligten gerade gleichzeitig prozessiert werden, und läßt sich erst dann von diesen Gedanken irritieren, wenn sie in Sprache oder in ein Ausdrucksverhalten gefaßt und dadurch thematisiert werden.
Das Bewußtsein kann insofern durch Kommunikationen irritiert werden, als ein Gedanke auch an ein soziales Thema als Gedanke innerhalb des psychischen Systems anschließen kann, indem also Kommunikation psychisch beobachtet wird.
Während Kommunikation prozessiert wird, kann sich jeder daran Beteiligte unabhängig eigene Gedanken zu diesem Thema, zu diesem sozialen Ereignis machen. Das soziale System seinerseits läßt sich von Gedanken irritieren, indem es kommunikativ auf die in Mitteilungsform in den Kommunikationsprozeß 'eingespeisten' Gedanken bezugnimmt. Der wesentliche Modus der Irritation des sozialen Systems durch das psychische System – sowie vice versa – ist das Medium Sprache.
Mit Blick auf die Leistung der Sprache im Kontext der strukturellen Kopplung zwischen Bewußtsein und Kommunikation hält Luhmann fest: "Erst Sprache ermöglicht, indem sie von Teilnahme an Kommunikationssystemen abhängig macht, eine hohe Unabhängigkeit des Bewußtseins von bestimmten sozialen Konditionierungen, da ihm für alles, was verstanden wird, nun eine Ja-Version und eine Nein-Version zur Verfügung steht. Und ebenso kann die sprachliche Kommunikation das teilnehmende Bewußtsein derart fesseln, daß die Kommunikation sich frei bewegen kann, ohne sich ständig thematisch zu vergewissern, ob die Leute noch aufpassen und sich merken, was gesagt wird. Über Sprache wird Bewußtseinsbildung und Gesellschaftsbildung überhaupt erst möglich; oder wenn man so weit gehen will: in einem uns normal erscheinenden Sinne möglich. [...] Das Kommunikationssystem verdankt der Sprache hohe Unterscheidungsfähigkeit bei gezielter Anschlußfähigkeit, und das ermöglicht den Komplexitätsaufbau im Kommunikationssystem. Andererseits fasziniert die Sprache mit demselben Instrumentarium zugleich das Bewußtsein. [...] Sie zieht das Bewußtsein an, und sei es nur, um es zu reizen, die Kommunikation zu reizen. Sie präokkupiert das Bewußtsein nicht vollständig, aber in einem für die Fortsetzung der Kommunikation ausreichendem Umfange. Wer sich überhaupt beteiligt, kann gleichzeitig nicht viel anderes tun." (Luhmann 1990, 47f.)
Von der Selbstreferentialität aller Kommunikationsprozesse und dem Emergenzniveau jeden sozialen Systems kommen wir nun hinsichtlich des Kommunikationsprozesses auf die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation zu sprechen, die Luhmann betont, um damit in einer evolutionstheoretischen Argumentationsweise Veränderungen des Gesellschaftssystems aufzuzeigen. Luhmann verweist dabei auf die Einrichtung spezifischer Funktionsweisen, die sich die Gesellschaft geschaffen hat, um Kommunikation gezielter einsetzen zu können und hinsichtlich ihrer Erwartungen wahrscheinlicher und erfolgreicher zu machen.
Um die Unwahrscheinlichkeit bzw. die Brüche von Kommunikation zu beheben und um Kommunikation, die ab ovo nicht Gewißheit und Erfolg erzielen kann, zumindest wahrscheinlicher und erwartbarer zu machen, bedient sich die Gesellschaft evolutionärer Errungenschaften, die funktional als Medien bezeichnet werden.
"Diejenigen evolutionären Errungenschaften, die an jenen Bruchstellen der Kommunikation ansetzen und funktionsgenau dazu dienen, Unwahrscheinliches in Wahrscheinliches zu transformieren, wollen wir Medien nennen." (Luhmann 1984, 220)
So stellt der Mechanismus evolutionärer Selektion der Gesellschaft Sicherheitseinrichtungen zur Verfügung, welche in Form von Medien, versus beliebiger Selektionsofferten, auf kommunikativen Erfolg in der Anschlußsicherheit durch Komplexitätsreduktion und präferierte, zureichende Erwartbarkeit abstellen.
Luhmann geht mit seiner Unwahrscheinlichkeitsthese von Kommunikation (vgl. Luhmann 1981b, 25ff.) von drei Unwahrscheinlichkeiten aus:
Erstens der Unwahrscheinlichkeit des Verstehens, zweitens der Unwahrscheinlichkeit des Erreichens von Adressaten und drittens der Unwahrscheinlichkeit des Erfolgs (vgl. ebenso Luhmann 1984, 217ff.). Da es sich um eine evolutionstheoretische Argumentation handelt, sind diese drei Unwahrscheinlichkeitsaspekte letzten Endes am Nullpunkt der Evolution anzusiedeln, d.h. wir haben es mit der sehr einfach vorzustellenden sozialen Situation zu tun, in der wir ausschließlich Interaktionssysteme in ihrer konstitutiven Minimalbedingung von mindestens zwei sich wechselseitig reflexiv Wahrnehmenden, die nichts voneinander wissen, vorfinden. In dieser einfachen sozialen Situation von mindestens zwei Anwesenden, einem Alter ego und einem Ego, finden wir die Unwahrscheinlichkeit des Verstehens vor. Es ist unwahrscheinlich, daß Ego überhaupt versteht, was Alter ego meint.
Zweitens resultiert aus diesem sozialen Situationskontext die Unwahrscheinlichkeit des Erreichens von Adressaten. Es ist zwar einleuchtend, daß Ego Alter ego erreicht und umgekehrt, aber damit ist noch kein allgemeiner gesellschaftlicher Anschluß gesichert, der unabhängig von konkreter Anwesenheit entstehen könnte.
Drittens schließlich geht es um die Unwahrscheinlichkeit des Erfolgs. Selbst wenn ein soziales Verstehen Egos an eine mitgeteilte Information von Alter ego anschließt, ist damit noch nicht der Erfolg als solcher klargestellt und mithin gesichert, daß ein erwarteter Anschluß erfolgt. Es geht also nicht nur darum, daß ein Anschluß erfolgt, sondern vielmehr darum, daß ein Anschluß als erfolgreich klassifiziert werden kann, der eine bereitgestellte Selektionsofferte auch so für das folgende Verhalten übernimmt, wie sie erwartet und ausgerichtet war. Das Erfolgsziel der Kommunikation liegt mithin darin, daß auch befolgt wird, was mitgeteilt wurde.
Das spezifische Medium, um nun die Unwahrscheinlichkeit des Verstehens in Wahrscheinlichkeit zu transformieren, ist die Sprache. Sie verringert die Unwahrscheinlichkeit des Verstehens, weil sie die Kommunikation von der bloßen Wahrnehmung eines Verhaltens ablöst und Sinn durch einen geregelten, konventionalisierten Zeichen- bzw. Symbolgebrauch vermittelt. Zeichen reduzieren dabei die Komplexität von Sinn durch ihre begrenzte Kombinatorik auf Grund konventionalisierter gesellschaftlicher Regularien. Die Verwendung von Sprache präformiert die für Kommunikation notwendige Differenz von Information und Mitteilung.
Um die Unwahrscheinlichkeit des Erreichens zu absorbieren, wurden Verbreitungsmedien gesellschaftlich installiert, womit ebenso die Bedingung der unmittelbaren Anwesenheit des Interaktionspartners abgelöst und transzendiert wird. Hinsichtlich des unwahrscheinlichen Erfolgs der Kommunikation stehen symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien zur Verfügung, welche über eine spezifische duale Codierung die Anschlußselektionen deutlich einschränken und die Annahmewahrscheinlichkeit erhöhen.
Medien solcher Art lassen sich für das Funktionssystem Wissenschaft als Wahrheit, für das intime Interaktionssystem bzw. das Funktionssystem der Familie als Liebe, für das Wirtschaftssystem als Geld und Eigentum oder etwa für das Funktionssystem Politik als Macht angeben.
Gerade mit Blick auf die Leistung der Kommunikation für gesellschaftliche Funktionssysteme zeigt sich der enorme Stellenwert des Luhmannschen Kommunikationskonzepts innerhalb seiner Theorie zur modernen (Welt-)Gesellschaft. Damit schließt sich der Bogen zur einleitend ausgeführten Feststellung, daß die Idee des selbstreferentiellen Kommunikationsprozesses die soziologische Systemtheorie Luhmanns fundiert und gleichermaßen den tragenden Pfeiler seiner Theoriearchitektur sozialer Systeme bildet.
Eine universale, der Komplexität der Weltgesellschaft hinreichend gerecht werdende, Gesellschaftstheorie ist nach Luhmann mit zwei Grenzfällen konfrontiert: zum einen mit der elementaren sozialen Form der Interaktion und zum anderen mit der alle sozialen Ereignisse und Prozesse umfassenden Form der Gesellschaft (vgl. Luhmann 1975b, 21). Zusätzlich muß in einer Gesellschaftstheorie der mittlere, also zwischen Interaktion und Gesellschaft stehende, Typus organisierter Sozialsysteme berücksichtigt und hinsichtlich seiner Selektions- und Konstitutionsprinzipien beschrieben werden. Unter diesen Gesichtspunkten entwirft Luhmann in seiner allgemeinen Theorie sozialer Systeme die Ebenen- und Formendifferenzierung von Interaktion, Organisation und Gesellschaft.
Diese drei Typen von Sozialsystemen haben sich im Zuge der soziokulturellen Evolution eigenständig ausdifferenziert und voneinander entkoppelt. Sie sind allesamt das Ergebnis funktionaler Differenzierung, also mithin des Evolutionsprozesses durch soziale Variation und Selektion, aus der insbesondere als wesentliches Charakteristikum der modernen Weltgesellschaft die Funktionssysteme, wie etwa Recht, Politik, Wirtschaft oder Kunst, hervorgegangen sind.
Infolge dieses Evolutionsschubs ist Gesellschaft weder auf einen sozialen Typus reduzierbar noch hinreichend über einen exklusiv beschreibbar. Statt dessen ist die moderne Gesellschaft das umfassende, alle Funktions-, Organisations- und Interaktionssysteme einschließende Sozialsystem. Diese unterschiedlichen Systemtypen selbst gehen dabei eine jeweils spezifische Umweltbeziehung zu anderen Sozialsystemen ein, d.h. Interaktionen werden auch in Organisationen vollzogen, so wie etwa auch organisationale Kommunikation an funktionssystemspezifische Kommunikationen angebunden wird.
Jeder Systemtypus folgt damit einer autonomen Eigenlogik der Operationsweise, der Selbstschließung, des Strukturaufbaus und etwa der Bezugnahme auf seine Umwelt. Alle sozialen Systeme produzieren, reproduzieren und relationieren zwar ihre genuinen Elemente, aus denen sie bestehen, durch die Elemente, aus denen sie bestehen – und dies geschieht alles immer und ausschließlich durch Kommunikation–, aber die autopoietische Operations- und Organisationsweise fällt je nach Systemtypus anders aus, und folglich werden die jeweiligen Kommunikationen zu den anderen Systemen different prozessiert und different aufeinander bezogen.
Zur Bildung besonderer Systemtypen, trotz – oder besser: gerade aufgrund – identischer Elemente: nämlich Kommunikation in der Einheit ihrer triadischen Selektion von Information, Mitteilung und Verstehen, schreibt Luhmann:
"Soziale Systeme können sich auf verschiedene Weise bilden je nach dem, unter welchen Voraussetzungen der Prozeß der Selbstselektion und der Grenzziehung abläuft. Unter diesem Gesichtspunkt lassen sich Interaktionssysteme, Organisationssysteme und Gesellschaftssysteme unterscheiden." (Luhmann 1975a, 10)
Für die folgenden Ausführungen zentral ist die Unterscheidung zwischen Interaktion und Gesellschaft. Diese Unterscheidung führt zwangsläufig zur "Nichtidentität von Gesellschaft und Interaktion" (Luhmann 1984, 552) und bedeutet noch einmal:
Die moderne Gesellschaft kann weder hinreichend als Interaktion beschrieben werden noch geht Gesellschaft in der Summe an bestehenden Interaktionssystemen auf. Für das Verhältnis von sozialem System und seiner Umwelt hat das mit Blick auf Gesellschaft zur Folge, daß außerhalb der Gesellschaft keine Kommunikation und mithin kein anderes soziales System existiert; mit Blick auf die Interaktion heißt dies, daß außerhalb ihrer sowohl organisationale und funktionssystemspezifische Kommunikationen prozessiert werden als auch nicht-soziale Systeme, wie etwa psychische, neuronale oder technische Systeme, existieren. Und trotz bzw. wegen der Unterscheidung von Gesellschaft und Interaktion ist jeder Vollzug von Interaktion, jede Selbstschließung eines Interaktionssystems, selbstredend Vollzug von Gesellschaft.
Während jede Interaktion damit Gesellschaft realisiert, und zugespitzt formuliert: ohne Gesellschaft nicht zustande kommen könnte, gilt in keinem Fall für die moderne Weltgesellschaft – wie dies noch für archaisch-segmentäre Gesellschaftsformen zugetroffen hat –, daß Gesellschaft sich als bzw. in Interaktion reproduziert.
Mit Blick auf die durch die Unterscheidung bezeichenbare Seite der Interaktion beschreiben wir im weiteren die grundlegenden Merkmale des einfachen Sozialsystems, seine Kommunikationsform und exemplifizieren einige Grundmuster seines Binnenaufbaus. In der Soziologie ist die Interaktionsforschung prominent etwa von Erving Goffman betrieben worden, und einige gesellschaftstheoretische Überlegungen zur Differenz von Interaktion und Gesellschaft sind des weiteren bei Georg Simmel in dessen Konzept der sozialen Wechselwirkung wie auch in der Vergesellschaftungsform des Tausches oder der Geselligkeit angelegt. Wir werden demgegenüber ausschließlich bei der systemtheoretischen Perspektive Luhmanns bleiben.
Das Abgrenzungs- und Selbstschließungskriterium für die Einheit des Gesellschaftssystems als Weltgesellschaft ist Kommunikation. Für das Interaktionssystem muß dieses Abgrenzungs- und Selbstschließungskriterium weiter spezifiziert werden. Damit stellt sich die Frage, wie interaktionale Kommunikation zustande kommt und durch welche spezifische Kommunikationsform dieser einfache soziale Systemtypus produziert, reproduziert und organisiert wird. Eine erste Antwort lautet: Das fundamentale Abgrenzungs- und Konstitutionsmerkmal ist Anwesenheit bzw. die soziale Form anwesend/abwesend. Mit einigen Belegstellen Luhmanns kann dieser primäre Zuschnitt der Definition des Interaktionssystems etwas ausführlicher abgegriffen werden.
"Interaktionssysteme kommen dadurch zustande, daß Anwesende sich wechselseitig wahrnehmen. Das schließt die Wahrnehmung des Sich-Wahrnehmens ein. Ihr Selektionsprinzip und zugleich ihr Grenzbildungsprinzip ist die Anwesenheit. Wer nicht anwesend ist, gehört nicht zum System – wie eng immer im übrigen seine Beziehungen zu den Teilsystemen sein mögen. [...] Diese Systemgrenze zeigt sich darin, daß man nur mit Anwesenden, aber nicht über Anwesende sprechen kann; und umgekehrt nur über Abwesende, aber nicht mit ihnen." (Luhmann 1975a, 10)
"Wir wollen als definierendes Merkmal für 'elementare Interaktion' ebenso wie für 'einfaches Sozialsystem' die Anwesenheit der Beteiligten benutzen. Die Beteiligten sind diejenigen, die eigenes Erleben und Handeln zur jeweiligen Interaktion beisteuern. Anwesend sind sie, wenn und soweit sie einander wechselseitig (also nicht nur einseitig!) wahrnehmen können. [...] Gesetzt den Fall, zwei oder mehr Personen geraten einander ins Feld wechselseitiger Wahrnehmung, dann führt allein diese Tatsache schon zwangsläufig zur Systembildung." (Luhmann 1975b, 22)
"Interaktionssysteme bilden sich, wenn die Anwesenheit von Menschen benutzt wird, um das Problem der doppelten Kontingenz durch Kommunikation zu lösen. Anwesenheit bringt Wahrnehmbarkeit mit sich und insofern strukturelle Kopplung an kommunikativ nicht kontrollierbare Bewußtseinsprozesse. Der Kommunikation selbst genügt jedoch die Unterstellung, daß wahrnehmbare Teilnehmer wahrnehmen, daß sie wahrgenommen werden. [...]
Mit Hilfe dieser Differenz von anwesend/abwesend bildet die Interaktion eine auf sie selbst bezogene Differenz von System und Umwelt, die den Spielraum markiert, innerhalb dessen sie ihre eigene Autopoiesis vollziehen, eine eigene Geschichte produzieren, sich selbst strukturell determinieren kann. Wer immer als anwesend behandelt wird, ist dadurch an der Kommunikation beteiligt. Die komplexe, aus Information, Mitteilung und Verstehen zusammengesetzte Operationsweise der Kommunikation wirkt so wie eine Einfangvorrichtung, der sich kein Anwesender entziehen kann." (Luhmann 1997, 814f.)
Nach diesen ausführlichen Verweisen auf das Prinzip der Anwesenheit und der damit verbundenen wechselseitig reflexiven Aufmerksamkeit können beispielhaft als Interaktionssysteme ausgewiesen werden: die lockere Unterhaltung an der Theke oder im Restaurant, der flüchtige Kontakt auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, das Flirten in der Diskothek oder auch der One-night-stand danach, der Sprechstundenbesuch beim Dozenten oder beim Arzt, die Friedensdemonstration, das mit Anderen wechselseitig geteilte Leid des kilometerlangen Sommerstaus auf der Autobahn, das Telefongespräch etc. Allen diesen Beispielen ist gemeinsam, daß eine soziale Situation durch die wechselseitig aufeinander bezogene Aufmerksamkeit entsteht und fortan die Kommunikation entlang irgendwelcher Selektionskriterien der Themenwahl geführt wird. Mit dem Abbruch der körperlich geteilten Anwesenheit des jeweiligen Wahrnehmungsraums hört jedoch der Kommunikationsprozeß auf.
Das Interaktionssystem als aktuelles Situationssystem hat sein (vorläufiges) Ende gefunden. Die Beteiligten können davor noch Adressen ausgetauscht haben, einen neuen Ort und Termin festgelegt haben oder auf den freundlichen Zufall setzen, um die Geschichte des Interaktionssystems wieder aufzunehmen respektive fortzusetzen, aber mit der aktuellen Loslösung der Beteiligten bricht diese einfach strukturierte soziale Situation zusammen.
Dieses Moment der reflexiv wechselseitigen, den oder die Anderen als anwesend behandelnden, Wahrnehmung führt – worin auch immer der Anlaß und die Kontingenz der Anfangsbedingung bestanden haben mag – zu einer je eigenen Geschichte und Strukturierung des Interaktionssystems. Sobald unter der Bedingung der Anwesenheit zwangsläufig die interaktionale Kommunikation angelaufen ist, konstituiert ihr jeweilig fortlaufender Prozeß bestimmte Strukturen, die festlegen, in welche Richtungen weitere Kommunikation möglich ist und in welche eher nicht. Sowohl mit dem Beginn als auch mit jedem weiteren Anschluß von interaktionaler Kommunikation ist nicht mehr alles kommunikativ möglich, es entstehen bestimmte Verhältnisse gegenseitiger Erwartungen, und mit der prozessierten Aktualität muß die Interaktion auf Erfolgswahrscheinlichkeiten ihrer Fortsetzung Rücksicht nehmen und diese sensibel einstellen.
In besonderer Weise lassen sich der Selektionsprozeß des Interaktionssystems, seine Geschichte und die Wahrscheinlichkeit der zukünftigen Fortsetzung am dritten wichtigen, neben Anwesenheit und Aufmerksamkeit, Grenzbildungs- und Konstitutionsprinzip beobachten: am Thema. Das Thema fungiert als Struktur und Programm (vgl. Luhmann 1975b, 24f., Luhmann 1984, 214ff. und Kieserling 1996, 270).
Mit dem Thema wird die Komplexität der Umwelt des Interaktionssystems auf eine bestimmte Aktualität hin reduziert und gleichsam eine strukturelle Selektionsofferte ins Spiel gebracht, die Anschlußfähigkeit gewährleisten soll. Zum Thema tritt die Form des Beitrags, die als Mitteilungsgeschehen an das eingeführte bzw. vorherige Thema anschließt oder selbst ein neues Thema offeriert. Themen koordinieren Beiträge, und Beiträge bestätigen oder verändern Themen. So konstituiert sich das Interaktionssystem folglich qua thematischer Engführung eines bestimmtes Gebietes und reproduziert sich durch Anschlußbeiträge an das Thema.
Wie lange jeweils die thematische Konzentration prozessiert wird, welches Thema von welchem neuen Thema abgelöst wird und abgelöst werden darf und welche thematischen Strukturen sozial verträglich sind, dies entscheidet das Interaktionssystem in autonomer Weise nach Maßgabe seiner selbstreferentiell geschlossenen Operationsweise. Als intensives Studium hinsichtlich der thematischen Virulenz, der raschen Zeitabfolge unterschiedlicher rekursiver Beitragssequenzen und schließlich der emergenten Ordnungseinheit, also der informationellen und operationellen Autonomie von den jeweils beteiligten Personen, von Interaktionssystemen bietet sich die (teilnehmende) Beobachtung eines Partygesprächs an.
Die thematische Konzentration ist in Interaktionssystemen immer einer sehr niedrigen Toleranzschwelle ausgesetzt. Jeder der Anwesenden kann prinzipiell ein Thema ablehnen bzw. als Zumutung qualifizieren und ein neues Thema in den sozialen Kontext 'einspeisen' – in der Erwartung, Beitragsakzeptanz zu finden. Vornehmlich werden die Anwesenden sich hinsichtlich der niedrigen Toleranzschwelle erst einmal voreinander abtasten und vorsichtig antesten, welche gegenseitigen Erwartungen latent mitlaufen, statt gleich thematisch 'mit der Tür ins Haus zu fallen'.
Jeder Selbstversuch wird bestätigen, daß das Interaktionssystem aufgrund seiner strukturellen Fragilität und geringen sozialen Belastbarkeit sehr schnell kollabieren wird, wenn beim ersten Flirtkontakt das Thema sexuellen Interesses, beim Arztbesuch das Thema zuletzt im Fernsehen gezeigter Krankenhausserien oder Dokumentationen über Kurpfuscherei oder beim Friseur das Thema über den eigenen ansteckenden Virus mitgeteilt wird. Besonders die im Thema mitlaufend beobachteten Momente von Sympathie versus Antipathie, Taktgefühl versus Taktlosigkeit oder Vertrautheit versus Fremdheit dienen dem Interaktionssystem zur Selbstkontrolle und bestimmen dessen weitere Entwicklung oder dessen Abbruch.
Zu diesem Aspekt der interaktionalen, qua Thema prozessierten Selbstkontrolle führt Luhmann aus:
"Bemerkenswert ist ferner, daß das Thema auch bewußt zur Kontrolle des Systems eingesetzt werden kann, indem man auftretende Störungen oder Probleme 'formuliert', das heißt sprachlich auf den Kontext des Sprechens bezieht, oder gar 'thematisiert', das heißt ins Zentrum gemeinsamer Aufmerksamkeit bringt. Man kann sich einem Hinzutretenden zuwenden, ihn begrüßen und damit in das System aufnehmen; man kann Interaktionsschwächen der Teilnehmer aussprechen; man kann das Thema selbst zum Thema machen, die Themenentwicklung als Entscheidungsfrage stellen, eine Abweichung vom Thema schelten. Neben der Thematisierung des Themas dient schließlich eine taktvolle Verständigung über das Thema, seine Grenzen, seine Entwicklungsmöglichkeiten der Systemkontrolle. Man vermeidet peinliche Themen oder man verhält sich der Peinlichkeit von Themen entsprechend vorsichtig, aufgeschlossen, distanziert. Ja, es kann Fälle geben, in denen das eigentliche Thema nicht zum offiziellen Thema gemacht werden kann, trotzdem aber das System latent beherrscht, weil die Beteiligten diesen Status des Themas kennen, akzeptieren und sich mit Umschreibungen behelfen." (Luhmann 1975b, 25)
Mit der Konstitution, der Strukturierung und der laufenden Selbstkontrolle durch das Thema gewinnen das Thema und die Anbindung von Beiträgen an das Thema für jedes einfache Sozialsystem eine zweifache Funktion: sie bilden zum einen die Erzeugungsregel und zum anderen ermöglichen sie die gemeinsame Erinnerbarkeit der Systemgeschichte (vgl. Luhmann 1975b, 27).
Als weiteres Grenzbildungsprinzip verbindet sich mit der Elastizität der Themenentwicklung und der Systemgeschichte der Anwesenden: die Zeitdimension. Zum einen taucht zeitlich die Sequenzialisierung der Beiträge im Nacheinander auf. Während in der Gesellschaft gleichzeitig beliebig viele Themen kommuniziert werden können, ist ein Interaktionssystem auf die aktuelle Beschränkung auf ein Thema angewiesen, auf das alle Anwesenden ihre Konzentration und ihre (potentiellen) Beiträge auszurichten haben. Gleichzeitiges Tuscheln in der Konferenz, anhaltendes Kichern im Gottesdienst oder studentische Freizeitgespräche während der Vorlesung absorbieren Aufmerksamkeit, stören das Interaktionssystem und lenken vom aktuellen Thema ab. Der Vorteil des Themas für die Struktur des Interaktionssystems impliziert qua gebundener Exklusivität damit den Nachteil des Nacheinander der Gleichzeitigkeit.
Zur zeitlichen Dimension des thematischen Nacheinander und der damit verbundenen zeitaufwendigen Strukturierungsanstrengung einfacher Sozialsysteme führt Luhmann aus:
"Mehrere Themen können nur im Nacheinander behandelt werden. Die Beteiligten müssen ihre Beiträge auf das jeweils aktuelle Thema beschränken, oder sie müssen versuchen, eine Themenänderung durchzusetzen. Das kann zu stillen Machtkämpfen, zu Kämpfen um den Mittelpunkt der Szene und um die Aufmerksamkeit der anderen führen. Es gibt schon auf der ursprünglichen Ebene elementarer Interaktion von Angesicht zu Angesicht keine Sozialsysteme mit gleichverteilten Chancen. Vor allem aber ist das Erfordernis thematischer Konzentration ein sehr zeitraubendes Strukturprinzip. Alle Beiträge werden in die Form des Nacheinander gezwungen. Das kostet Zeit. Außerdem ist die lineare Form der Sequenz ungünstig für die Koordination sachlich sehr komplexer Kommunikationen. Alles in allem können Systeme, die unter diesen strukturellen Beschränkungen operieren, keine sehr hohe Komplexität erreichen: weder in ihren eigenen Möglichkeiten, noch in ihren Umweltbeziehungen." (Luhmann 1975a, 11)
Die andere zeitliche Eigenheit von Interaktionssystemen liegt in deren temporalisierter Instabilität und Diskontinuität. Aufgrund des Konstitutionsprinzips der körperlichen Anwesenheit besteht für diese üblicherweise face-to-face ausgebildete Situation ein enorm hoher Zwang des kommunikativen Anschlusses. Wer mit seinen Gedanken nicht mehr dem Thema folgt, keine möglichen Beitragsvarianten vorentwirft, sich vom Schlaf übermannen läßt oder längere Zeit schweigt, der blockiert die Fortsetzungsmöglichkeit des Themas und damit die Reproduktion des Interaktionssystems.
Das einfache Sozialsystem ist nicht in der Lage, zeitliche Brüche langfristig auszuhalten oder anderweitig sozial zu überbrücken. Es macht geradezu seinen Operationsmodus aus, daß eine sofortige und direkte kommunikative Bezugnahme erfolgt, sich also in rascher Abfolge selbstreferentiell Mitteilungshandeln an Mitteilungshandeln reiht. Die einzelnen Sequenzen von Information und Mitteilung einerseits und sozialem Verstehen andererseits sind hochgradig aneinander gebunden und zeitlich strikt gekoppelt.
Nach dem temporal erzeugten Ende eines Interaktionssystems, insofern kein kommunikativer Anschluß mehr stattgefunden hat, können die ehemals Beteiligten zwar in der Zukunft wieder eine neue interaktionale Situation konstellieren, diese bleibt jedoch anfangs wiederum unwahrscheinlich und muß erst wieder zu ihrer thematischen Bestätigung und ihrer Systemgeschichte finden.
Von daher weisen Interaktionssysteme, in besonderem Gegensatz zu Organisations- und Funktionssystemen, eine zeitliche Diskontinuität und einen langsamen Aufbau strukturierten Systemgedächtnisses auf. Unter jeweils neuen Bedingungen der Fortsetzung der Interaktion und Rückbindung an bereits vollzogene Interaktionsereignisse kann die Vergangenheit bestimmte Selektionsofferten und Anschlußwahrscheinlichkeiten parat halten, muß es aber nicht – und plötzlich nimmt alles einen anderen Weg. Wenn die ehemals Beteiligten sich nicht mehr für 'ihr Geschwätz von gestern' interessieren und dadurch keine thematische Erwartungskontrolle aufbauen können, müssen neue thematische Strukturen und Kontinuitäten vollzogen und ausgetestet werden.
"Zunächst und zumeist sind einfache Systeme Situationssysteme, die mit dem Auseinandergehen der Teilnehmer zu existieren aufhören. Schon kürzere Pausen in der Interaktion bringen das System an den Rand der Auflösung. In dem Maße, als Interesse an längerfristiger Fortsetzung der Interaktion aufkommt, muß das System die paradoxe Leistung vollbringen, Kontinuität durch Unterbrechung der Kontinuität zu erreichen. Die Anwesenden müssen sich trennen, denn sie können nicht ununterbrochen zusammenbleiben, verabreden aber ein Wiedersehen. [...] Man muß über den Zufall der Begegnung hinaus den Sinn der Zusammenkunft reflektieren, Orte, Zeitpunkte und Teilnehmer für die Fortsetzung des Kontaktes vereinbaren und Gründe dafür angeben können." (Luhmann 1975b, 32)
Diese Schwierigkeiten des thematischen Ordnungsprinzips, der hochgradigen Gebundenheit an körperliche Anwesenheit und an wechselseitig reflexive Aufmerksamkeit, der zeitlichen Instabilität und Diskontinuität und schließlich der begrenzten personalen Erreichbarkeit hinsichtlich aller aktuell Abwesenden führen in der soziokulturellen Evolution zur Ausdifferenzierung anderer Systemtypen. Die gesellschaftliche Erzeugung höherer Systemebenen absorbiert die Probleme des Interaktionssystems und bedient die Übersetzung interaktional unwahrscheinlicher Kommunikationen in wahrscheinliche. Diese Problemlösung von kommunikativer Unwahrscheinlichkeit bezieht sich im wesentlichen auf die Erreichbarkeit, den Ordnungsaufbau und den erwartbare Anschlußerfolg.
Organisationssysteme ersetzen etwa zufällige Anwesenheit durch verbindliche Mitgliedschaft sowie Themenbeliebigkeit durch spezifische 'Themenzumutungen' bzw. Beschränkung von Beitragsmöglichkeiten. Funktionssysteme ersetzen auf einer höheren gesellschaftlichen Ebene die Kommunikationsmöglichkeit via Anwesenheit durch die generelle kommunikative Erreichbarkeit und durch die generelle Beteiligungsgarantie aller an allen unterschiedlichen funktionssystemspezifischen Kommunikationen.
Wir fassen nunmehr einige Grenzbildungsprinzipien des Interaktionssystems zusammen und weisen sie als Formen mit ihrer jeweilig positiven Seite der Konstitution und ihrer jeweilig negativen Seite des Nichtzustandekommens oder Blockierens aus: anwesend/abwesend; Themenannahme/Themenablehnung; reflexiv wechselseitig aufmerksame Wahrnehmung/einseitige Wahrnehmung; Beitragskommunikation/Gedanken über Beiträge.
(Für weiterführende Studien auf dem Gebiet der Interaktionssysteme sind neben Luhmann die Publikationen von Kieserling 1996 und Kieserling 1999 empfehlenswert.)
Das historische Begriffsverständnis zeigt das erste Mal ab dem 18. Jahrhundert eine Bestimmung von 'Organisation'. Die Organisation von Organismen etwa wird in Abgrenzung zur Organisation von Mechanismen und Artefakten beschrieben, um das strukturelle Moment von Ordnung zu erklären. Von Anfang an wird dabei der Organisationsbegriff von seiner theoretischen Verwendung und Reichweite her mit einem Konzept von Ordnung zusammengeführt.
Ab dem 19. Jahrhundert gewinnt der Organisationsbegriff eine gesellschaftstheoretische Färbung, und mit dem Organisationskonzept werden gesellschaftliche Erklärungsansprüche erhoben. Für die Anwendung dieses Begriffs aus soziologischer Perspektive zeichnet zu Anfang des 20. Jahrhunderts maßgeblich Max Weber verantwortlich, wobei die Konzepte und Ergebnisse seiner Analysen (insbesondere in "Wirtschaft und Gesellschaft") bis heute reformuliert und auf soziologische Erkenntnisinteressen im Bereich von Bürokratie und Verwaltung angewendet werden. Vornehmlich der Typus rationalen Vergesellschaftungshandelns findet sich nach Weber in bürokratischen Organisation verwirklicht.
In der Nachfolge Webers wird nun das Theorieangebot zu Organisationen und zur Entscheidung als spezifisch organisationaler Kommunikationsform immer breiter, aber damit auch zunehmend heterogener, je nachdem, aus welcher wissenschaftlichen Perspektive und mit welchem Forschungsinteresse ein organisationales Problemfeld angegangen wird.
Die Aufgeladenheit jener terminologischen und konzeptionellen Problemlage verdeutlicht exemplarisch Schreyögg, die sich skizzenhaft dahingehend zusammenfassen läßt: Zum eine wird etwa Organisationstheorie mit Entscheidungstheorie gleichgesetzt, ohne dafür hinreichend theoretische Gründe mitanzuführen. Oder es wird auf eine reine Entscheidungstheorie abgehoben, die zwar den organisationalen Kontext angibt, jedoch dessen dynamische, prozessuale Komponenten ausblendet und statt dessen allein auf den menschlichen Entscheider setzt, der vermeintlich dann 'am besten entscheide', wenn er sich aus dem Organisationsgefüge herausnehme. Oder es taucht etwa die Frage auf, wer denn eigentlich nach welchen Kriterien entscheide? Entscheidet die Organisation als abstraktes Gebilde, oder entscheidet ein Kollektivakteur, oder sind es die Menschen in den Organisationen, die im Namen der Organisation und innerhalb ihrer Strukturen entscheiden?
Luhmann selbst erhöht nun die angedeutete Unübersichtlichkeit: Zum einen stellt er die Behauptung auf, daß das Rationalisierungs- und Demokratisierungsprinzip veraltet sei und nicht mehr hinreichend Erklärungskapazität für die moderne, ausdifferenzierte Gesellschaft bereit stelle. Zum anderen übt er Kritik an der zu eingegrenzten Perspektive von Organisations- und Entscheidungstheorien auf üblicherweise Produktionsbetriebe, Dienstleistungsunternehmen und Verwaltungseinrichtungen.
Der organisationstheoretische Anspruch müsse sich ebenso – im Gegensatz zur exklusiven Anwendung auf das politische und wirtschaftliche Funktionssystem – auf die Nähe zu anderen Funktionssystemen erstrecken und dann zum Beispiel Beschreibungen und Funktionsanalysen zu folgenden Feldern eröffnen und abhandeln: Welche Organisation haben Kindergärten oder Schulen mit ihrer spezifischen Umweltrelation zum Erziehungssystem? Wie funktionieren politische Parteien und Verbände? Wie wird eine Selbsthilfegruppe organisiert? Wie wird verkehrstechnisch bzw. allgemein logistisch das Verladen von Containern im Güterverkehr organisiert und damit ein Ineinandergreifen unterschiedlicher Organisationen, wie etwa Wasserpolizei, Hafenverwaltung, Schiffscrew etc., ermöglicht? (Vgl. Luhmann 1994, 3f.)
Damit gilt es – nicht zuletzt aus wissenschaftstheoretischen Gründen –, die Notwendigkeit einer Verknüpfung von Organisation und Entscheidung in universaler Form einzusehen und damit soziologisch-systemtheoretisch sowie kommunikationstheoretisch zu argumentieren. Insofern reagiert Luhmann mit seinen Ausführungen auf eine wissenschaftliche Situation, die zum ersten in rasch ansteigendem Maße Heterogenität und Brüche auf dem Forschungsgebiet zu Organisationen produziert hatte, zum zweiten dem Rationalitätsaspekt das funktionale Primat für die Logik von Organisationen und Organisationsprozessen zugesprochen hatte und gleichzeitig zum dritten die gesellschaftstheoretische Perspektive vergessen hatte. Das Fazit lautet sodann:
"Ein solches Auseinanderfallen – nicht nur der theoretischen Konzepte, sondern auch der sie dirigierenden (und zumeist unausgesprochen bleibenden) Problemstellungen – bleibt letztlich unbefriedigend. Auch der Verzicht auf gesellschaftsstrukturelle Fragestellungen, wie sie mit Begriffen wie Herrschaft oder Rationalität vielleicht unzureichend indiziert, aber immerhin vorhanden gewesen waren, muß bedauert werden." (Luhmann 1981, 336)
Zusammenfassend lassen sich folgende Defizite der bis dato vorliegenden Organisations- und Entscheidungstheorien – vornehmlich betriebswirtschaftlicher und psychologischer Provenienz – aufzeigen, die dem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse nicht mehr ausreichende Erklärungskapazität bieten sowie antiquierten, überholten Grundmustern, wie etwa dem überbetonten Rationalisierungs- und Demokratisierungsprinzip, aufsitzen:
* Defizit des zu engen Anwendungsbereichs von Organisationen auf lediglich Politik und
Wirtschaft;
* Defizit der Entscheidungstheorie als Tautologie von "Wahl zwischen Alternativen";
* Defizit des Zeitmoments in und für die Entscheidung, da nur auf Sachdimension bzw.
Rationalisierungs- und Demokratisierungsdimension eingegangen wird;
* Defizit des Sozialkontextes, indem die Entscheidung als individuell menschliche oder
personale Größe beschrieben wird, wie sie exemplarisch die Organisationspsychologie
suggeriert, indem sie das (Entscheidungs-)Erleben und (Entscheidungs-)Verhalten von
Menschen in Organisationen untersucht.
Jene Defizite sollen mit Hilfe der soziologischen Systemtheorie und einer theoretischen Makroausrichtung aufgefangen werden. Vornehmliches Ziel ist dabei das Erstellen einer allgemeinen Organisationstheorie. Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive ist dabei die spezifische Kommunikationsform der Entscheidung und ihre Verortung innerhalb der allgemeinen Organisationstheorie von besonderem Interesse. So betrachten wir im weiteren, nachdem nun die Intention Luhmanns auf dem Gebiet von Organisationen reformuliert wurde, das Verhältnis zwischen Organisation und anderen sozialen Systemen sowie zwischen Organisation und Gesellschaft.
Es dürfte unmittelbar einleuchten, daß mit dem breiten Anspruch der soziologischen Systemtheorie Luhmanns auch Organisationen einen eigenständigen Status in Abgrenzung zu anderen sozialen Systemen einnehmen. Während sich Interaktionssysteme durch Anwesenheit und reflexiv wechselseitige Wahrnehmung konstituieren, daber aber über eine höchst instabile und unverbindliche (Erwartungs-)Struktur verfügen, substituieren etwa Organisationssysteme diese Fragilität durch die Verbindlichkeit der Mitgliedschaft und eine spezifische Themenengführung und -zumutung.
Die ausdifferenzierten Funktionssysteme, als Agglomerat des Gesellschaftssystems, substituieren schließlich jene einerseits auf Anwesenheit oder andererseits auf Mitgliedschaft beschränkte Kommunikationsmöglichkeit durch generelle kommunikative Erreichbarkeit und Anschlußgarantie. In evolutionärer Hinsicht treten sie nach der Ausbildung von einfachen Sozialsystemen bzw. Interaktionssystemen und nach der Ausdifferenzierung spezifischer Funktionssysteme zuletzt auf. Hinsichtlich ihrer Eigenständigkeit weisen organisierte Sozialsysteme operative und strukturelle Unterschiede zu Interaktion und Gesellschaft auf, so daß sie weder in diesen aufgehen noch etwa die moderne Weltgesellschaft als Organisation begriffen oder beschrieben werden kann. Es ist geradezu die pointierte Theorieperspektive Luhmanns, die jene strukturelle Diskrepanz in aller Schärfe verdeutlicht: "daß nämlich die moderne Gesellschaft mehr als jede ihrer Vorgängerinnen auf Organisationen angewiesen ist (ja erstmals überhaupt einen eigenen Begriff dafür geschaffen hat); daß sie aber andererseits weniger als jede Gesellschaft zuvor in ihrer Einheit oder in ihren Teilsystemen als Organisation begriffen werden kann." (Luhmann 1997, 847)
Zur Differenz von Organisation und Gesellschaft, als Folge soziokultureller Evolution, läßt sich mit Luhmann ausführen:
"Zunächst fällt auf, daß in hochkomplexen Gesellschaften keine der zentralen Funktionen des Gesellschaftssystems voll und ganz auf ein einheitliches Organisationssystem übertragen werden kann – und zwar heute weniger als je zuvor. [...] All dies deutet darauf hin, daß Gesellschaftsfunktionen nicht pauschal an Einzelorganisationen delegiert werden können, sondern die Funktionen nochmals differenziert und spezifiziert werden müssen, bevor sie organisationsfähig werden. Damit bleibt nicht nur das Verhältnis etwa von Wirtschaft und Politik oder von Politik und Erziehung ein gesellschaftsstrukturelles Problem, sondern auch noch innerhalb der einzelnen Funktionssysteme etwa das Verhältnis von Elternhaus und Schule oder von Politik und bürokratischer Verwaltung. [...] Die Kehrseite dieses Problems der Delegation von Gesellschaftsfunktionen auf Organisationen ist, daß innerhalb von Organisationssystemen gesamtgesellschaftliche Funktionen nicht angemessen reflektiert werden können. Der Variationsspielraum gesellschaftlicher Bedingungen und die Bedingungen der Kompatibilität ihrer Erfüllungsweisen lassen sich auf der Ebene der Organisationsziele und -kriterien nicht angemessen ausdrücken. Die Funktion der Religion ist kein mögliches Dogma, die Funktion des Rechts keine Norm, die Funktion der Politik keine Legitimationsformel; die 'Grenzen wirtschaftlichen Wachstums' sind ein mögliches Kongreßthema, aber kein Entscheidungskriterium für Unternehmer und Unternehmungen." (Luhmann 1975a, 15f.)
Und an anderer Stelle heißt es, darauf bezugnehmend und die soziologische Differenzlogik entfaltend, zur Grenzziehung von organisierten Sozialsystemen innerhalb der Gesellschaft:
"[Es] rückt die Frage in den Vordergrund, wie es überhaupt möglich ist und welche Folgen es haben wird, wenn ein Gesellschaftssystem in sich selbst eine Grenzziehung einrichtet, bei der auf der einen Seite immer komplexere Organisationen entstehen und auf der anderen Seite etwas, was von den Organisationen als 'Umwelt' behandelt werden kann. Obwohl doch auch diese Umwelt gesellschaftlich geordnet ist und gesellschaftliche Interessen artikuliert! Begreift man Gesellschaft als das umfassende System aller sinnhaften Kommunikationen, kann es Organisationen nur innerhalb des Gesellschaftssystems geben. Einzelne Organisationssysteme haben dann eine doppelte Beziehung zur Gesellschaft: Einerseits vollziehen sie mit jeder ihrer Kommunikationen Gesellschaft; andererseits gibt es auch in ihrer Umwelt Kommunikation, also Gesellschaft. Die System/Umwelt-Differenz, die mit der Organisationsbildung entsteht, kerbt sich gewissermaßen in die Gesellschaft ein. Auf beiden Seiten der Systemgrenze gibt es Gesellschaft. Die Systemgrenze der Organisation kann deshalb, anders als die Außengrenze des Gesellschaftssystems, durch Kommunikation überschritten werden, auch wenn das Organisationssystem selbst auf der Basis seiner eigenen Entscheidungen operativ geschlossen ist. Eine Organisation findet somit immer in einem Doppelsinne Gesellschaft vor: in sich und in ihrer Umwelt." (Luhmann 1994, 211f.)
Hinsichtlich ihrer sozialen Stellung entstehen Organisationen ausschließlich innerhalb der Gesellschaft und bilden so ein Bindeglied zwischen Interaktions- und Funktionssystemen. Von daher prozessieren auch Organisationssysteme qua Autopoiesis zwangsläufig in selbstreferentieller Weise Kommunikation, wobei sie an eine besondere Form von Kommunikation gebunden sind: an Entscheidungen.
Als bündige Zusammenfassung kann für Organisationssysteme bis hierher festgehalten werden: Organisationen sind soziale Systeme, die aus Entscheidungskommunikation bestehen, wobei sie die Entscheidungen, aus denen sie bestehen, durch die Entscheidungen, aus denen sie bestehen, autonom in einem rekursiven Netzwerk von Entscheidungen und Entscheidungsprämissen fortlaufend produzieren und reproduzieren.
In der folgenden Rekonstruktion der Luhmannschen Beschreibung von Organisationen werden wir sowohl auf die strukturellen Merkmale des organisierten Sozialsystems eingehen als auch auf das Verhältnis von Organisation und Entscheidung, respektive auf die spezifische Kommunikationsform der Entscheidung.
Als konstitutive und strukturelle Merkmale fungieren in Organisationen die Mitgliedschaft und die Regelung der Mitgliedschaftsbedingung, Stellen und deren Programmierung (etwa als Stellenbeschreibung), die Kommunikationsform, die sich selbst als Entscheidung ausweist, sowie schließlich die organisationsinterne Strukturbildung und Hierarchisierung. Des weiteren läßt sich aus gesellschaftstheoretischer Perspektive die Regelung von Inklusion und Exklusion für Personen (im Sinne sozialer Adressen) anführen, d.h. Organisationen disponieren über spezifische Teilnahmemöglichkeiten des Einzelnen an gesellschaftlichen Kommunikationen.
Wenn wir den Schwerpunkt des Aufbaus und der Strukturierung von Organisationen auf die ersten drei Aspekte legen, so zeigt sich, daß die Beschreibung organisierter Sozialsysteme dahingehend mit der allgemeinen Systemtheorie konform geht, daß wesentlich die System/Umwelt-Differenz und das Konzept der Autopoiesis berücksichtigt sind. Jedes Organisationssystem muß folglich selbst seine eigenen Elemente herstellen, diese als von seiner Umwelt unterschiedene erhalten und verbinden sowie diese schließlich rekursiv und autonom reproduzieren. Wenn demnach Organisationssysteme eine emergente Einheit eigenen Typus' aufbauen und nachweisen müssen, um das Konzept der sozialen Autopoiesis zu bestätigen, dann erfolgt diese Autokatalyse auf ein Emergenzniveau durch die Selbstanfertigung und die wechselseitige Verknüpfung von Entscheidungen.
Es ist für Organisationen bezeichnend, daß sie
"entstehen und sich reproduzieren, wenn es zur Kommunikation von Entscheidungen kommt und das System auf dieser Basis operativ geschlossen wird. [...] Alle Entscheidungen des Systems lassen sich mithin auf Entscheidungen des Systems zurückführen. Das setzt voraus, daß auch die Gründung einer Organisation und auch die Übernahme von Mitgliedschaften als Entscheidung beschrieben wird [...]. In diesem Sinne erzwingt jede Operation des Systems eine Kopplung von Selbstreferenz und Fremdreferenz – von Selbstreferenz im Sinne der Bezugnahme auf das Netzwerk der eigenen Entscheidungen und von Fremdreferenz im Sinne der Motivierung von Entscheidungen, die nie allein darin liegen kann, daß im System bereits entschieden worden ist. Das System zwingt sich, anders gesagt, durch Grenzziehung und operative Schließung zu einem ständigen Oszillieren zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz". (Luhmann 1994, 33f.)
Damit eine Organisation entsteht, muß sie eine erste Entscheidung treffen, von der aus dann die soziale Autopoiesis der Entscheidungskommunikation für diese bestimmte Organisation ihren Fortgang nimmt. Diese Basisentscheidung rekurriert dabei gleichzeitig auf eine Entscheidung aus einem anderen Sozialkontext, die aktuell als Entscheidungsprämisse beobachtet wird und als Strukturvorgabe fungiert. Dieser Prozeß zeigt sich exemplarisch, wenn ein Interaktionssystem sich qua Anwesenheit und wechselseitig reflexiver Wahrnehmung konstituiert und sodann thematisiert, daß die aktuell Beteiligten ihren gelegentlichen Treffen sowohl eine feste, verbindliche Struktur als auch eine spezifische thematische Ausrichtung geben wollen.
Wenn die thematische und strukturelle Engführung dahingehend festgelegt werden soll, das Skatspiel zu betreiben, zu perfektionieren und in seiner Tradition zu bewahren, dann wird kommunikativ eine Entscheidung prozessiert werden müssen, einen Verein für Skatfreunde zu gründen, diesem einen Namen zu geben und ihn ins Vereinsregister eintragen zu lassen etc. Jene Entscheidung der thematischen Ausrichtung und Konzentration emergiert aus dem Themenvorrat des relativ lose strukturierten Interaktionssystems.
Des weiteren rekurriert diese Entscheidung, einen Verein zu gründen, auf Entscheidungsprämissen aus dem Umfeld des Rechtssystems, das verbindlich vorgibt, nach welchen Modalitäten ein Verein gegründet und auf Dauer bestehen kann. Mit einer Basisentscheidung wird der Anfang für weitere Entscheidungen vollzogen und vorgegeben, so daß alle weiteren Belange dieses Organisationstypus 'Skatverein' nach organisationsinterner Relevanz wiederum über Entscheidungen verhandelt und beschlossen werden.
Im Sinne der Erfüllung des triadischen Kommunikationsprozesses – hier sind natürlich die drei selektiven Komponenten von Information, Mitteilung und Verstehen angesprochen – kann eine organisierte Kommunikation dann als verstanden beobachtet werden, wenn nicht beliebig kommunikatives Verstehen stattgefunden hat, sondern wenn, an Entscheidungsprämissen enggeführt, eine Entscheidung als Entscheidung verstanden worden ist und auch als solche an sie sozial angeschlossen wird.
Auch die Klärung der Mitgliedschaft basiert auf organisierten Entscheidungskommunikationen, die festlegen, wer Mitglied im Skatverein werden kann, wer vom Mitgliedsstatus ausgeschlossen ist und unter welchen Modalitäten zukünftig die Mitgliedschaft zugesprochen wird. Durch diese Abgrenzung einer Organisation von ihrer Umwelt durch systeminterne Entscheidungen sowie durch die Regeln und Verbindlichkeiten der Mitgliedschaft baut die Organisation einen eigenen Themenvorrat und Strukturapparat auf. Es werden Identifikationspunkte des Systems für das System selbst geschaffen, und damit wird die Grenzbildung zur organisationalen Umwelt initiiert. Allgemein gelten als Strukturen von sozialen Systemen immer Erwartungen, mit denen sowohl vergangene als auch zukünftige Ereignisse verbunden sind und abgestimmt werden, so daß folglich bestimmte Verstehensanschlüsse und Themen wiedererkannt und weiterhin reproduziert werden können.
Zudem wird die Reproduktionsfähigkeit gewährleistet, indem qua Entscheidung festgelegt und überprüfbar ist, worüber zum einen die systemintern spezifische Anschlußkommunikation in erwartbarer Weise prozessiert wird – Luhmann spricht in diesem Kontext auch von 'Themenzumutungen' (vgl. Luhmann 1984, 268f.), die den Mitgliedern auf Grund der Mitgliedschaftsregeln und auf Grund von spezifischen Anreizen oder Entschädigungen oktroyiert werden – und hinsichtlich welcher Umweltereignisse zum anderen die Organisation sich irritieren läßt, um diese als interne Information nach seiner je eigenen Geschichte und Operationsweise zu verarbeiten.
Folglich vollzieht und strukturiert die Organisation vornehmlich durch Entscheidungen zur Mitgliedschaft und zum Selbstverständnis ihren eigenen Strukturaufbau. Während sie sich so von ihrer Umwelt abgrenzt und Reduktion der Komplexität bezüglich der Umwelt betreibt, konstituiert sie gleichzeitig eine erhöhte systeminterne Komplexität, die es ihr ermöglichen und für sie wahrscheinlich machen, auf bestimmte Umweltereignisse zu reagieren und nach unterschiedlichen Graden der Notwendigkeit und Relevanz nach Maßgabe systemeigener Entscheidungen weiterzuverarbeiten. Demnach entscheidet jede Organisation autonom, in welcher Weise es sich etwa an das Rechts-, Wirtschafts- oder Wissenschaftssystem koppelt und auf welche rechtsförmigen, politischen, wirtschaftsförmigen oder etwa kunstsystemspezischen Ereignisse sie reagiert – oder eben auch nicht.
Nach dieser Beschreibung der sozialen Initialzündung zur Gründung einer Organisation und des Vollzugs eines organisierten Entscheidungsnetzwerkes und Strukturaufbaus sollen im folgenden einige ausführliche Theoriepassagen Luhmanns die Form der Entscheidung stärker verdeutlichen und sodann noch einmal mit dem konstitutiven Moment der Mitgliedschaft, respektive Mitgliedschaftsregeln und -bedingungen, zusammenführen.
In der soziologischen Systemtheorie können organisierte Sozialsysteme begriffen werden als
"Systeme, die aus Entscheidungen bestehen und die Entscheidungen, aus denen sie bestehen, durch die Entscheidungen, aus denen sie bestehen, selbst anfertigen. Mit 'Entscheidung' ist dabei nicht ein psychischer Vorgang gemeint, sondern eine Kommunikation; nicht ein psychisches Ereignis, eine bewußtseinsinterne Selbstfestlegung, sondern ein soziales Ereignis. [...] Auf der Ebene dessen, was als Entscheidung angesehen wird und was, eben deshalb, zur Herstellung anderer Entscheidungen beitragen kann, sind Organisationen mithin autonom [...]. Sie differenzieren sich aus als ein rekursiv-geschlossenes, mit eigenen Entscheidungen bezugnehmendes System, das sich selbst durch ein Verfahren der Eigenzurechnung von Entscheidungen von der Umwelt unterscheiden kann und das deshalb auch von außen als ein System mit selbstbezogenen Grenzen beobachtet und behandelt werden kann. [...] Autopoiesis verlangt ja nur, daß entschieden wird, während die damit verbundenen systeminternen Probleme in gewisser Unabhängigkeit von Umweltforderungen mitbestimmen, wie entschieden wird. Es liegt dann nahe, daß Entscheidungen modo futuri exacti kalkuliert und gegen die Gefahr, daß es anders kommt, zusätzlich abgesichert werden. [...] [Wir können zusammenfassend als Grundlage festhalten], daß eine Organisation existiert, wenn und solange sie ihre eigene Autopoiesis fortsetzt und Entscheidungen aus Entscheidungen reproduziert." (Luhmann 19922, 166ff.)
In der Differenz zur psychischen Entscheidungsleistung, deren Alternative als Form der verbliebenen Möglichkeiten im Normalfalls des Alltags unbeobachtbar bleibt, sie oftmals auch nicht bewußt disponiert ablaufen muß und schließlich nicht grundlegend die Folgeentscheidungen bzw. das Folgeverhalten, respektive das zukünftige Leben, bestimmt, haben wir es im vorliegenden Kontext mit ausschließlich sozialen Ereignissen und Operationen, also mit Kommunikation zu tun. Bei Luhmann findet sich dazu als ergänzende Ausführung:
"Wenn aber Entscheidungen mitgeteilt werden und damit fast unvermeidlich auch die Entscheidung zur Mitteilung der Entscheidung mitgeteilt wird, hat man es mit Ereignissen eines anderen [nämlich sozialen] Formats zu tun. [...] Wenn eine Organisation entsteht, entsteht ein rekursiver Entscheidungsverbund. Alles, was überhaupt geschieht, geschieht als Kommunikation von Entscheidungen oder im Hinblick darauf. [...] Ohne die Grundoperation der Kommunikation von Entscheidungen gäbe es auch kein anderes Verhalten im System, weil es das System nicht gäbe. [...]
Die Operationsform der Kommunikation von Entscheidungen ist die Form, in der das System auf Irritationen reagiert und sich selbst reflektiert. Selbst die Befugnis oder die Verpflichtung, an der Entscheidungskommunikation mitzuwirken, geht ihrerseits auf Entscheidungen im System zurück, nämlich auf die Einstellung bzw. Entlassung von Mitgliedern der Organisation. [...] Um eigene Operationen fortsetzen zu können, muß das System daher implizit oder explizit auf eigene Entscheidungen bezugnehmen – sei es auf vergangene Entscheidungen, sei es auf künftige Entscheidungen, die das System selbst produziert." (Luhmann 1994, 35ff.)
Abschließend wollen wir noch einmal zum Aspekt der Mitgliedschaft (und Mitgliedschaftsregel) als verbindlicher Systemrelation der Organisation zu einer spezifischen Umwelt, nämlich des zugehörigen Personenkreises, der die Organisationsstellen besetzt, Stellung beziehen. Denn letzten Endes sind Entscheidungen und Mitgliedschaft die wesentlichen Konstitutiva für Organisationen.
"Die Organisationsbildung setzt eine Erkennungsregel voraus, die es dem System erlaubt festzustellen, welche Handlungen und unter welchen Aspekten sie als Entscheidungen im System zu gelten haben. Diese Erkenntnisregel ist zunächst und vor allem eine Mitgliedschaftsregel. Sie legt fest, wer als Mitglied des Systems angesehen wird und in welchen Rollen diese Mitgliedschaft ausgeübt werden kann. Es geht immer um eine rollenspezifische Bestimmung, nie um die Inklusion des Gesamtverhaltens eines konkreten Menschen in das System.
Durch Personalselektion und Rollendefinition kann das System sich selbst in einer Weise ausdifferenzieren, die für es selbst und andere keine unüberwindlichen Erkennungsschwierigkeiten verursacht. Alle weiteren Präzisierungen – etwa räumliche Absonderung [...] und Aktenführung – setzen diesen Differenzierungsmechanismus der Mitgliedschaft voraus. Das dadurch erzeugte System ist autopoietisch, wenn und nur wenn diese Mitgliedschaftsregel selbst schon eine Entscheidung des Systems ist, das durch sie erzeugt wird. Das System entscheidet, wer nach welchen Gesichtspunkten rekrutiert bzw. entlassen werden kann." (Luhmann 19922, 171)
Kein Mensch ist demnach hinsichtlich seines Rollenrepertoires bzw. hinsichtlich seiner sozialen Adressierbarkeit umfassend in eine Organisation integriert, sondern immer nur hinsichtlich seines spezifischen Aufgabenfeldes und hinsichtlich organisationsinterner Erwartungen. Wer Mitglied in einer Organisation ist, der hat bestimmte Bedingungen und Erwartungen zu akzeptieren, oder er muß sich für den Austritt entscheiden. Mit anderen Worten: Wer explizit organisationsinternen Entscheidungen und Erwartungen die Anerkennung verweigert, der riskiert damit seine Mitgliedschaft.
Jene Anerkennung von bestimmten Verhaltenserwartungen durch die Mitglieder beziehen sich zum einen auf "die beim Eintritt vorhandene, geschichtlich vorgegebene Erwartungsstruktur" und zum anderen "auch auf künftige Änderungen oder Neufestsetzungen von Erwartungen und namentlich auf Verfahren und Kompetenzen, mit denen über solche Änderungen entschieden wird." (Luhmann 1973, 340) In diesem Kontext spricht Luhmann von der formalen Organisiertheit der sozialen Systeme (vgl. Luhmann 1973, 339).
Diese formale Organisiertheit konstituiert sich wesentlich durch systeminterne Strukturbildung und durch die Relationierung von Entscheidungen via Entscheidungsprämissen. Hier läßt sich mit Luhmann zusammenfassend abblenden:
"Welche Entscheidung auf eine andere folgt, kann natürlich nicht dem Belieben überlassen bleiben. Kein System findet sich in einem entropischen Zustand vollständiger Unbestimmtheit des nächsten Augenblicks. [...] In allen Fällen wird ein autopoietisches System, wenn es überhaupt seine Autopoiesis fortsetzt, Strukturen bilden, um einzuschränken, was auf was folgen kann. Man muß deshalb theoretisch zwischen der puren Faktizität der Autopoiesis und der Spezifikation von Strukturen unterscheiden. Durch Spezifikation von Strukturen individualisiert sich ein System. [...] Alles, was der Überbrückung der Distanz von Entscheidung zu Entscheidung dient, hat deshalb im System die Funktion einer Struktur. [...] Sofern eine Entscheidung als Prämisse anderer Entscheidungen dient – sei es qua Erinnerung oder qua Antezipation –, bildet sich eine Struktur." (Luhmann 19922, 172)
Die soziale Evolution hat die Gesellschaft diversen operativen und strukturellen Veränderungen unterzogen. Demzufolge läßt sich die gegenwärtige moderne Weltgesellschaft als funktional ausdifferenzierte beschreiben. Die Abfolge an unterschiedlichen Differenzierungsmustern geht von segmentärer Differenzierung aus, geht über in die Zentrum/Peripherie-Differenzierung, sodann in die stratifizierte Differenzierung und mündet in besagte funktionale Differenzierung (vgl. Luhmann 1997, 613).
Das Theorem funktionaler Differenzierung durchzieht alle sozialen Ebenen, Formen und Prozesse, so daß sein allgemeiner Charakter nach Luhmann zu "den wenigen Konstanten in der hundertjährigen akademischen Geschichte der Soziologie gehört" (Luhmann 1995c, 215) und sich zu einem soziologischen Topos der Selbstverständlichkeit entwickelt hat. Aus historischer Perspektive ist diese Differenzierungsform insofern vollkommen neuartig und einmalig, als sie einzig in der von Europa ausgehenden modernen Gesellschaft realisiert wurde und sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufs erste beständig und irreversibel etabliert hatte (vgl. Luhmann 1980, 27).
Bei der funktionalen Differenzierung sind besonders das Moment der spezifischen und autonomen Funktion eines jeden gesellschaftlichen Teilsystems und der Verzicht auf ein gesellschaftliches Supersystem, das die differenten Funktionssysteme auf deren Operationen und strukturelle Kopplungen oder gar deren gesamtgesellschaftliche Integration hin beobachtet und überprüft, festzuhalten. Zwei Bezüge auf Luhmann können diesen Sachverhalt näherhin illustrieren.
"Die Ausdifferenzierung jeweils eines Teilsystems für jeweils eine Funktion bedeutet, daß diese Funktion für dieses (und nur für dieses) System Priorität genießt und allen anderen Funktionen vorgeordnet ist. Nur in diesem Sinne kann man von einem funktionalen Primat sprechen. [...] Das heißt zugleich: auf der Ebene des umfassenden Systems der Gesellschaft kann keine allgemeingültige, für alle Teilsysteme verbindliche Rangordnung der Funktionen eingerichtet werden. Keine Rangordnung heißt auch: keine Stratifikation. Vielmehr ergeht an alle Funktionssysteme der Auftrag, sich selbst im Verhältnis zu den anderen zu überschätzen, dabei aber auf eine gesamtgesellschaftliche Verbindlichkeit der Selbstbewertung zu verzichten." (Luhmann 1997, 747f.)
Und an anderer Stelle heißt es: Für funktionale Differenzierung ist es bezeichnend, "daß Teilsysteme einen Funktionsprimat erhalten, der aber gesamtgesellschaftlich nicht institutionalisiert und nicht durchgesetzt werden kann. [...] Jedes System kann, ja muß, seine Funktion im Verhältnis zu allen anderen hypostasieren; aber gesamtgesellschaftlich bleibt das Rangverhältnis der Funktionen ungeregelt." (Luhmann 1980, 28)
In konkreter Ausprägung heißt dies: Die Politik ist für die Regelung der Machtverhältnisse zuständig und für nichts anderes, das Erziehungssystem für schulische bzw. universitäre Ausbildung und potentiell nachfolgende berufliche Karrieren, und das Rechtssystem, als weiteres Beispiel, für die Beobachtung von Verhalten als rechtskonform oder rechtsabweichend, es stabilisiert mithin normative Erwartungen innerhalb der Gesellschaft. Mit seinen je eigenen Codierungen und Programmierungen vollzieht folglich jedes Funktionssystem seine eigene Autopoiesis hinsichtlich eines spezifisch gesellschaftlichen Problembezugs, und zwar immer unter der Voraussetzung, daß kein anderes Funktionssystem ebenfalls dafür zuständig wäre und daß kein Funktionssystem zugleich auch die Funktion eines anderen übernehmen könnte (vgl. Luhmann 1997, 753).
Mit Blick auf das autonome Funktionssystem der Wissenschaft muß es im folgenden darum gehen, seine spezifisch autopoietische Operationsweise, die exklusive basic unit wissenschaftlicher Kommunikation und die Präferenz von wissenschaftlichem Code und wissenschaftlicher Programmierung herauszustellen. Wenn im allgemeinen gilt, daß die Ungewöhnlichkeit funktionaler Differenzierung nicht zuletzt darin besteht, "daß spezifische Funktionen und deren Kommunikationsmedien auf ein Teilsystem mit Universalzuständigkeit konzentriert werden müssen" (Luhmann 1997, 709), dann muß dies im besonderen an der Wissenschaft nachzuweisen sein.
Bevor wir an die Einzelerläuterung herangehen, läßt sich zusammenfassend vorausschicken, daß die gesellschaftliche Funktion der Wissenschaft die Produktion neuen Wissens bzw. das Gewinnen neuer Erkenntnisse ist, das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium der Wissenschaft die Wahrheit ist, ihr binärer Code jener von wahr versus unwahr, die Programmierung, also die Zuordnung des Codes, durch Theorien und Methoden vollzogen wird und die kommunikative basic unit der Wissenschaft die Publikation ist.
Als Ausgangscharakteristikum für die Genese der Wissenschaft bietet sich die anthropologische Referenz auf unstillbare Neugierde und die individuell angestrebte Übersetzung von Nichtwissen in fundiertes Wissen an (vgl. Luhmann 1980, 202f.). Die Unsicherheit des Einzelnen im Umgang mit der Welt und mit dem eigenen Erleben verführen insbesondere ab dem 17. Jahrhundert zu der Einsicht: "Unkenntnis sei Voraussetzung für Erkenntnisvermehrung" (Luhmann 1980, 203).
"Und entsprechend werden auf den Menschen bezogene Forschungsmethoden und Gewißheitsabstufungen diskutiert, die je nach Problemlage unterschiedliche, teils unmittelbare, teils mittelbar gewonnene, teils sichere, teils nur wahrscheinliche Wahrheiten vermitteln und in diesem Gefüge Fortschritt in Aussicht stellen." (Luhmann 1980, 203)
Von dort aus entwickelt sich der soziale Bezug des Wissens, respektive die Selbstbezüglichkeit des immer neu zur Verfügung gestellten Wissens auf sich selbst. Entscheidend ist dann, daß Wissen kommunikativ erzeugt wird und einer sozialen Referenz unterliegt und nicht auf das Bewußtsein eines Einzelnen, so sehr er als notwendige Umweltbedingung für die Erzeugung von Wissen fungiert, zugerechnet werden kann.
Der operative Fortgang der Wissenschaft hängt sich nicht an kognitive Kapazitäten und Leistungen, sondern muß als sozialer Sachverhalt qualifiziert werden, der neue Erkenntnis in rekursiver Weise mit bestehenden Methoden und Erkenntnissen abgleicht, überprüft und sie sodann entweder auf der Seite der Wahrheit oder jener der Unwahrheit plaziert. Zwar muß jeder Wissens- und Erkenntnisgewinn zwangsläufig rekursiv sein, aber solange
"ein ausdifferenziertes Wissenschaftssystem nicht zu erkennen ist, bleibt diese Rekursivität gebunden an die alltägliche Wissensverwendung und damit an die allgemeine Autopoiesis der Gesellschaft. Das Wissen bildet sich und bildet sich um im normalen Prozeß der Kommunikation durch Inanspruchnahme in Situationen." (Luhmann 1990, 333)
Erst mit dem Bestehen eines eigenständigen Funktionssystems Wissenschaft korreliert der rekursiven Wissensproduktion auch ein spezifisch gesellschaftlicher Kontext, der sich um nichts anderes kümmert als um die selbstreferentielle Verknüpfung von (wahrem) Wissen an (wahres) Wissen etc. und dies mit eigenen Mitteln sowohl einsichtig macht als auch legitimieren kann. Jeder andere gesellschaftliche Bezug auf Wahrheit mag Gründe für die Inanspruchnahme dieser Semantik haben, nur ist er außerhalb der Wissenschaft nicht beweiskräftig und somit hinfällig, wenn nicht sogar – in der Luhmannschen Pointierung – lächerlich.
"Andere Funktionssysteme greifen in die Wissenschaft zwar ein, wenn sie in Erfüllung ihrer eigenen Funktionen operieren und ihren eigenen Codes folgen. Aber sie können, jedenfalls unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft, nicht selbst festlegen, was wahr und was unwahr ist [...]. Jede außerwissenschaftliche Festlegung dessen, was nicht wahr oder nicht unwahr sein dürfte, macht sich, heute jedenfalls, lächerlich." (Luhmann 1990, 293)
Mit der Ausdifferenzierung der Wissenschaft geht – hinsichtlich der grundlegenden Beschreibung aller sozialen Systeme als autopoietischen, sinnverarbeitenden und Kommunikation vollziehenden Systemen – notwendig der Sachverhalt einher, daß sie ein rekursiv operierendes Sozialsystem ist (vgl. Luhmann 1990, 275). Alles, was dieses System erzeugt, erzeugt es aus sich selbst heraus, in Abgrenzung von anderen kommunikativen Elementen und Strukturen anderer Sozialsysteme. Der autopoietische Vollzug der Wissenschaft wird über die wissenschaftliche Kommunikation erreicht, die mit ihrem symbolisch generalisierten Kommunikationsmedium der Wahrheit eine Beobachtung bzw. Beschreibung von etwas als wahr oder unwahr klassifiziert.
"Wenn sich aufgrund des Kommunikationsmediums Wahrheit und in Orientierung an dessen Code wahr/unwahr ein Wissenschaftssystem in diesem Sinne ausdifferenziert, entsteht es als autonomes System. Die Werte wahr/unwahr können dann, wie immer die Umwelt aussieht, nur in diesem System vergeben werden [...]. Ist von Wahrheit die Rede, so braucht man nur zu fragen, unter welchen Bedingungen die betreffende Aussage unwahr sein würde – und schon findet die Kommunikation im Wissenschaftssystem statt." (Luhmann 1990, 292f.)
Hinsichtlich dieser autopoietischen Beschreibung fehlt jedoch noch die Markierung des spezifischen Letztereignisses der wissenschaftlichen Kommunikation. Denn der Vollzug von Kommunikation allein verweist lediglich auf die gesellschaftliche Referenz im allgemeinen. Die wissenschaftliche Kommunikation muß einen Unterschied im Gegensatz zu anderen Formen der Kommunikation zeigen, der auf ihre typische operationale Selbstschließung und fortwährende Reproduktion verweist. Mit Stichweh gesprochen, geht es hier um die Bedingung, daß die elementare Operation des wissenschaftlichen Funktionssystems eine systemeigene und selbstevozierte Spezifikation von Kommunikation sein muß "und also eine kommunikative Form, die in ihrer Spezifität nur in diesem einen Funktionssystem verwendet wird." (Stichweh 1994, 63)
Des weiteren muß diese spezielle Kommunikationsform sich gleichzeitig dazu eignen, "alles, was sich in diesem Funktionssystem an Ereignissen vollzieht, unter den Formzwang zu setzen, in die Termini dieser Form transponierbar zu sein." (Stichweh 1994, 63) Im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Funktionssystemen ist etwa die je gleichermaßen spezifische wie universale Kommunikationsform der Zahlung exklusiv der Wirtschaft zugehörig und jene der Urteilsverkündung exklusiv dem Rechtssystem.
Das formale Analogon der Wissenschaft ist die Kommunikationsform der Publikation, und dem inhärent die der Zitation. Stichweh führt dazu aus:
"Die Publikation erfüllt die Definitionsbedingungen eines autopoietischen Elements auf verblüffend genaue Weise. Sie ist ein Element, das auf anderen Elementen desselben Typs, i.E. anderen Publikationen, aufruht, und sie verweist auf diese anderen Elemente durch Zitation (Fremdreferenzen). Der Sinn einer jeden Publikation wiederum ist, andere Publikationen anzuregen, die an sie anschließen und diese kognitive Relation ihrerseits durch Zitationen dokumentieren müssen. Die Publikation ist ein an einem – mit zunehmender Präzision festgehaltenen – Zeitpunkt lokalisiertes und also temporalisiertes Ereignis, das als interne Relation von argumentativem Gehalt und den in das Argument integrierten Referenzen sich selbst als Einheit aus 'self-identity' und 'self-diversity' beschreibt." (Stichweh 1994, 64; vgl. auch Luhmann 1990, 432f.)
Während nun die Kommunikationsform der Publikation und die Codierung von wahr/unwahr die Autopoiesis der Wissenschaft grundständig gewährleisten, bedarf es einer weiteren Ausführung zur Regelung bzw. Anwendung der Codierung in der Wissenschaftspraxis und damit auch zur Garantie der adäquaten Verwendung jener Codierung hinsichtlich der spezifischen Funktion, die Produktion bzw. den Gewinn neuer Erkenntnisse in abgesicherter und überprüfbarer Weise zu leisten.
Die binären Schematismen leisten in genereller Weise die Reproduktionsfähigkeit autopoietischer Systeme durch die Herstellung und Absicherung von Anschlußfähigkeit. Um aber in spezifischer Weise die funktionssystemspezische Operation gezielt erwartbar zu machen, muß der selbstreferentielle Vollzug konditioniert werden. Hier kommt die funktionssystemspezifische Programmierung ins Spiel. Programme legen eindeutig fest, unter welchen Bedingungen eine Seite der Binärcodierung richtig oder falsch zur Anwendung gebracht worden ist (vgl. Luhmann 1997, 750).
Aus dem Erfordernis, daß kein systemimmanenter Binärschematismus selbst die Kriterien seiner Verwendung mitliefern kann, bedarf es einer Zusatzeinrichtung, die regelt, wie sich ein jeweiliger Codewert richtig oder falsch zuordnen läßt. Und eben dies leisten funktionsspezifische Programme, indem sie die Codierung ergänzen und in der Selbstauslegung eingrenzen. Im Wissenschaftssystem handelt es sich dabei um Theorien und Methoden (vgl. Luhmann 1990, 403ff.). Jeder Vollzug von wissenschaftlicher Kommunikation handhabt in diesem Sinne die Anwendung von Theorien und Methoden und indiziert entweder die Wertvergabe wahr oder unwahr für ein Forschungsresultat.
Zur wissenschaftlichen Programmierung anhand der Differenz von Theorien und Methoden hält Luhmann fest:
"Die Regeln richtigen Entscheidens über wissenschaftliche Kommunikation sind entweder theoretischer oder methodischer Art. Der Vorteil dieser Doppelung liegt auf der Hand: Beide Arten von Programmen können unter wie immer willkürlichen und vorläufigen Limitierungen in Operation gesetzt werden, da jede Limitation von der anderen Seite der Unterscheidung her infrage gestellt und gegebenenfalls ausgewechselt werden kann.
Limitationen ohne Limitation also! Die Theorien können ausgewechselt werden, je nach dem, was ihre methodische Überprüfung ergibt. Und die Methoden werden gewählt, korrigiert und gegebenenfalls weiterentwickelt je nach dem, was man zur Überprüfung von Theorien braucht, und je nach dem, welche Theorien den Voraussetzungen der Methoden (zum Beispiel: Kausalität) Plausibilität verleiht." (Luhmann 1990, 403)
Unter der Verwendung der System/Umwelt-Differenz heißt dies: Während sich Theorien auf die wissenschaftsförmige Beobachtung von Umweltereignissen konzentrieren und sie damit zum 'Gegenstand' machen, um sie in der logischen Form von Sätzen, Aussagen oder etwa Formeln zu fixieren, liegt der Bezugspunkt von Methoden innerhalb des Wissenschaftssystems. Von daher sind es denn auch eigentlich eher die Methoden, die die strikte Konditionierung und Limitierung des Codes wahr/unwahr übernehmen.
Gegen Ende sei noch angemerkt, daß kein ausdifferenziertes Funktionssystem der modernen Gesellschaft eine exklusive Sichtweise im Vergleich zu anderen Teilsystemen innehält und ihm damit ein exponierter Status der Beobachtung und Beschreibung der Welt zukommt. Dies gilt auch für die Wissenschaft, trotz und wegen ihrer Beobachtung von etwas im Modus der Wahrheit. Wissenschaftsextern ist damit der Befund gegeben, daß sich kein anderes Funktionssystem an die Erkenntnisse der Wissenschaft halten, also diese nach Maßgabe eigener Operationen und Strukturen verarbeiten muß.
Die Politik etwa kann sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse beziehen, um dadurch Machtverhältnisse zu stabilisieren und machtförmige Entscheidungen zu treffen, sie muß es aber nicht. Oder die Wirtschaft kann aufgrund wissenschaftlicher Aussagen die Produktionsweise von Gütern schneller, kostengünstiger oder umweltfreundlicher gestalten, aber auch sie muß es nicht; und wenn doch, dann entscheidet sie nach Maßgabe systemeigener Kriterien und Prozesse, welche Theorien, Methoden und Erkenntnisse sie als wirtschaftlich relevant beobachtet und welche eben nicht, ohne daß die Wissenschaft wiederum darauf irgend einen direkten Einfluß nehmen könnte.
Demgegenüber ist wissenschaftsintern der Sachverhalt anzusprechen, daß im Kontext einer polykontexturalen Welt auch eine Vielzahl unterschiedlicher und auch konkurrierender wissenschaftlicher Erkenntnisse und Ergebnisse toleriert werden, ohne daß eine wissenschaftliche Autorität über den Stellenwert und die Kapazität von Theorien und Methoden entscheidet. Dies gilt selbstredend auch für die soziologische Systemtheorie selbst.
Die Beschreibung der Wissenschaft durch die soziologische Systemtheorie nimmt davon Abstand, die Wissenschaft als exklusiv legitimierte Instanz der Weltdeutung oder der Repräsentation der Welt, wie sie ist, zu begreifen. In Folge dessen wird auch der Anspruch zurückgenommen, andere Funktionssysteme über die Welt respektive über die wahre Beobachtung der Welt zu belehren. Statt dessen stellt die Wissenschaft anderen Sozialsystemen moderate Wissens- und Erkenntnisangebote von der Welt zur Verfügung, sofern sie ihnen auch selbst Vertrauen in die Erkenntnisleistung schenkt. Dies bedeutet, daß die Wissenschaft Simplifikationen austestet, welche sie in eine jeweilig gegebene Welt einläßt, um festzustellen, "ob die dazu notwendigen Isolierungen gelingen" (Luhmann 1990, 714) und ob der Erklärensanspruch hinreichend trägt.
Die Wissenschaft "leistet eine Exploration möglicher Konstruktionen, die sich in die Welt einschreiben lassen und dabei als Form wirken, das heißt: eine Differenz erzeugen." (Luhmann 1990, 714) Gerade hinsichtlich der selbstreferentiellen Operationsweise und der Autopoiesis gilt für die Wissenschaft das Prinzip der Selbstzwecks, ohne dogmatisch aufklärerischen Impetus. Ein in dieser Hinsicht passendes Credo Luhmanns rundet dieses Kapitel ab:
"Durch Wissenschaft wird nicht Sicherheit, sondern gerade Unsicherheit gesteigert – in gerade noch tolerierbaren Grenzen. Die Wissenschaft versucht, mit anderen Worten, den mit Komplexitätszunahme einhergehenden Zuwachs an Unsicherheit noch unter Kontrolle zu halten. Ihre Methoden dienen der Kompensation ihrer eigenen Effekte. Deshalb kann sie Alltagsrelevanz gar nicht riskieren – oder allenfalls in homöopathischen Dosierungen, etwa in der Form geprüfter Technologien. Und deshalb muß die Wissenschaft, mit lauteren oder unlauteren Mitteln, System bleiben, weil sie nur so ihre eigenen Grenzen kontrollieren und sich darauf beschränken kann, zu sich selbst zu sprechen." (Luhmann 1990, 325f.)
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