Objektive Hermeneutik

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Das Konzept der objektiven Hermeneutik ist entgegen tief sitzender Missverständnisse und (anfänglicher) Selbsttäuschungen nicht Teil einer qualitativen Soziologie. Das behaupten nicht nur Kritiker dieser Art von Sozialforschung, sondern Oevermann und eine Reihe seiner Mitstreiter haben dies in den letzten Jahren mehrfach mündlich (beim Soziologiekongress in München 2004) und schriftlich zu Protokoll gegeben (Oevermann 2002: 17ff und Loer 2006: 359). Statt dessen favorisiert man die Redeweise, man betreibe rekonstruktive oder auch rekonstruktionslogische Sozialforschung, die im Einzelnen hermeneutisch oder interpretativ arbeitet (ebd.).

Der Begriff ‚objektive Hermeneutik’ bezeichnet ein sehr komplexes theoretisches, methodologisches und methodisches, mittlerweile auch in sich differenziertes Konzept, das im wesentlichen auf die Arbeiten von Ulrich Oevermann zurückgeht. Auf die Arbeiten von Oevermann beziehen sich auch alle Varianten der Objektiven Hermeneutik. Und Oevermann ist es, der immer wieder die Grenzen und den Kern der ‚wahren’ objektiven Hermeneutik neu bestimmt und so verhindert, dass andere sich ihrer nach eigenem Gusto bemächtigen – ein Schicksal, das qualitativen Verfahren, die nicht so stark an einer bestimmten Person ausgerichtet sind, schwer zu schaffen macht Zwischenzeitlich wurden auch häufiger die Namen 'strukturale Hermeneutik' oder 'genetischer Strukturalismus' verwendet.

Die sich als Kunstlehre verstehende objektive Hermeneutik nimmt in Anspruch, die grundlegende Messoperation jeglicher ernsthafter, nicht subsumtionslogischer sozialwissenschaftlichen Forschung zu sein. Konsequenterweise interpretiert sie nicht mehr nur Protokolle alltäglicher Interaktion, sondern prinzipiell alle Texte, wobei auch die Malerei, Musik, Architektur, Spuren kriminellen Handeln u.ä. als bedeutungstragende Einheiten verstanden werden. Das Verfahren besteht darin, das jeweilige soziale Handeln erst als ‚Text’ zu fassen und zu fixieren, um es dann im Hinblick auf handlungsgenerierende latente Sinnstrukturen vor allem sequenzanalytisch hermeneutisch auszulegen.

Anfangs ging es dabei allein um die ‚Rekonstruktion der objektiven Bedeutungsstrukturen’ von Texten: was die Textproduzenten sich bei der Erstellung ihres Textes dachten, wünschten, hofften, meinten, also welche subjektiven Intentionen sie hatten, war und ist für die objektive Hermeneutik ohne Belang. Was allein zählt bzw. zählte, ist die objektive Sinnstruktur des Textes in einer bestimmten Sprach- und Interaktionsgemeinschaft. Für Subjekte interessiert man sich nur insofern, als sie über Bedeutung ihres Handelns nicht verfügen.

Später bezog sich das Attribut ‚objektiv’ nicht nur auf den Gegenstandbereich, sondern auch auf die Geltung der gewonnenen Aussagen der Anspruch erhoben, mit Hilfe des Verfahrens auch zu objektiven Ergebnissen gelangen zu können.

„Indem die objektive Hermeneutik sich, unabhängig davon, welchen konkreten Gegenstand sie zu analysieren hat, immer primär auf die Rekonstruktion der latenten Sinnstrukturen bzw. objektiven Bedeutungsstrukturen derjenigen Ausdrucksgestalten richtet, in denen sich der zu untersuchende Gegenstand oder die zu untersuchende Fraglichkeit authentisch verkörpert, kann sie in demselben Maße Objektivität ihrer Erkenntnis bzw. ihrer Geltungsprüfung beanspruchen wie wir das selbstverständlich von den Naturwissenschaften gewohnt sind. Dies einfach deshalb, weil jene zu rekonstruierenden Sinnstrukturen durch prinzipiell angebbare Regeln und Mechanismen algorithmischer Grundstruktur präzise überprüfbar und lückenlos am jederzeit wieder einsehbaren Protokoll erschlossen werden können.“ (Oevermann 1996b, S. 4, auch 2002: 5f)

Dieser Anspruch wiegt umso schwerer als Oevermann 1996 diese Arbeit im Untertitel als ,Manifest der objektiven Hermeneutik‘ bezeichnet hat. Sechs Jahre später, in der erheblich überarbeiteten Version dieses Manifests wiederholt er nicht nur wortgleich den Anspruch, sondern Oevermann spricht sogar von der „empirischen Wahrheit“ (Oevermann 2002: 25) seiner Fallrekonstruktionen. Die Gültigkeit von Analysen werde durch eine strikte Anwendung der hermeneutischen Kunstlehre gesichert werden. Eine objektive, also auch wahre Rekonstruktion objektiver Strukturen wird verstanden als das Resultat, das man dann erreicht, wenn man nicht davon ablässt, die kanonischen Vorschriften der objektiven Hermeneutik und hier speziell: die Sequenzanalyse anzuwenden (ebd.: 25ff).


Inhaltsverzeichnis

Geschichte der objektiven Hermeneutik

Die Entwicklung des Verfahrens der objektiven Hermeneutik geht im wesentlichen zurück auf das von Oevermann, Krappmann und Kreppner geleitete Großforschungsprojekt ‚Elternhaus und Schule’, das sich ab 1968 mit der Bedeutung des elaborierten bzw. restringierten Sprachcode für den Schulerfolg einerseits und den Möglichkeiten des kompensatorischen Unterrechts andererseits beschäftigte. Die Untersuchungen wurden zu Beginn des Forschungsvorhabens rein quantitativ durchgeführt. Die Unzulänglichkeit der so erlangten Ergebnisse führte zu einer grundlegenden Kritik der Methoden und einer Auseinandersetzung mit dem Kompetenz-Performanz-Modell Chomskys, dem Strukturkonzept von Levi-Strauss, der Lerntheorie Piagets und dem Traumatisierungskonzept Freuds.

Oevermann und seine damaligen Mitarbeiter entwickelten bis Anfang 1970 qualitative Erhebungsverfahren, später dann auch hermeneutische Auswertungsprozeduren. Bezugspunkt dieser Hermeneutik war nicht die sehr weit zurückreichende deutsche Diskussion um eine philosophische Hermeneutik, sondern vor allem die in Amerika laut gewordene Kritik an der quantitativ ausgerichteten Form sozialwissenschaftlichen Messens. Methodologisch begründet wurde der Neuansatz vor allem mit Verweis auf die Sprachtheorie Meads, den Regelbegriff Searles, die Kompetenz/Performanz Differenzierung von Chomsky und die abduktive Forschungslogik von Peirce.

Oevermanns Arbeiten zur objektiven Hermeneutik beschäftigen sich seit 1980 weniger mit der weiteren methodologischen Fundierung der Methode denn mehr mit theoretischen Konzepten, der Praxisberatung und tagespolitischen Themen, z.B. der Professionstheorie (Oevermann 1996a) dem Strukturbegriff (Oevermann 1986), der Organisation des kriminalpolizeilichen Meldedienstes (Oever¬mann/Simm 1985) der Medienkritik (Oevermann/Tykwer 1991), der Bedeutung von Religion (Oevermann 1995), der Entwicklung von Neuem (Oevermann 1991), der Organisationsberatung, und immer wieder Problemen der Interpretation von Malerei. Relativ neu ist der Versuch Oevermanns, ,fiktionale Daten‘ (Dramen, Romane) für die Rekonstruktion der Strukturlogik realen Handelns zu nutzen. Gesellschaftspolitisch setzt er sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle aus.

Anderen Autoren, die sich der objektiven Hermeneutik zurechnen, geht es statt dessen vorerst vor allem um weitere Fallanalysen und die Diskussion der methodischen und theoretischen Implikationen des hermeneutischen Ansatzes (vgl. hierzu die Sammelbände von Aufenanger/Lenssen 1986 und Garz/Krai¬mer 1994, Loer 2006, Wernet 2002 und in Auseinandersetzung damit: Schröer 1994, Sutter 1997, Hitzler/Reichertz/Schröer 1999).

Das Konzept der objektiven Hermeneutik ist zur Zeit im deutschsprachigen Raum eines der prominentesten Ansätze qualitativer Sozialforschung und findet sich in allen neueren Methodenbüchern zur qualitativen Sozialforschung – trotz des Einspruchs einiger Vertreter der objektiven Hermeneutik.


Prämissen und Ziele der Objektiven Hermeneutik

„Der zentrale Gegenstand der Methodologie der objektiven Hermeneutik sind die latenten Sinnstrukturen und objektiven Bedeutungsstrukturen von Ausdrucksgestalten (Overmann 2002: 1).

„Latente Sinnstrukturen sind objektiv gegebene Realitäten genau insofern, als sie von objektiv geltenden Regeln im Sinne von Algorithmen generiert werden und als solche mit Anspruch auf objektive Gültigkeit durch Inanspruchnahme genau jener Regeln im Interpretationsakt rekonstruiert werden können, die schon bei der Erzeugung der zu interpretierenden protokollieren Wirklichkeit operierten“ (Oevermann 1973: 115).

„Die Verbindlichkeit der Textinterpretation gründet sich auf die allgemeinen Regelgeleitetheit sozialen Handelns. Der Geltungsanspruch, den die objektiv hermeneutische Bedeutungsexplikation erhebt, stützt sich auf die Inanspruchnahme geltender Regeln. Alles Soziale Handeln konstituiert sich entlang dieser Regeln und die Interpretation der Protokolle dieses Handelns erfolgt unter Rückgriff auf unser Regelwissen“ (Wernet 2000: 13).

„In Begriffen eines explizierten Regelsystems, über dessen Wissen wir zumindest intuitiv als Mitglieder derselben oder einer verschiedengradig verwandten Lebenswelt verfügen (...) und das wir als für die handelnde Person geltend voraussetzen können (...) entwerfen wir in einem ersten Interpretationsschritt gewissermaßen gedankenexperimentell, was vernünftigerweise, d.h. nach Geltung des unterstellbaren Regelsystems (...) ein individuiertes Handlungssystem, z.B. eine Person mit bestimmten Merkmalen, in einem spezifizierten Kontext bei Konfrontation mit einem spezifizierten Handlungsproblem tun könnte und tun sollte (Oevermann u.a. 1980: 23).

Ziel der Strukturgeneralisierung ist immer die Entdeckung und Beschreibung allgemeiner und einzelfallspezifischer Strukturgesetzlichkeiten zugleich, sogenannter ‚generativer Regeln’, die -laut Oevermann-, einen Naturgesetzen und Naturtatsachen vergleichbaren Status haben (vgl. Oevermann 1999). Mit Hilfe dieses positiven Wissens über das Allgemeine und den Einzelfall sollen Prognosen für die Zukunft eines Handlungssystems aufgestellt werden können. Genaue, deterministische Aussagen sind jedoch nicht möglich, sondern allein die Angabe von Transformationsspielräumen.


Strategien des empirischen Vorgehens

Entgegen einem weit verbreiteten Irrtum gibt es nicht ein Verfahren der objektiv-hermeneutischen Textinterpretation. Es existiert lediglich ein gewisses gemeinsames Grundverständnis, das sich von Fall zu Fall in unterschiedliche, sich teilweise ausschließende Varianten ausfaltet. Gemeinsam ist allerdings allen Varianten, dass vor der Analyse die drei Haupthindernisse auf dem Weg zu einer ungetrübten Sinnauslegung überwunden werden müssen.

Als erstes gilt es, den im Alltag stets und überall herrschenden und den Prozeß der Sinnexplikation stets vorzeitig abschneidenden Handlungsdruck aufzulösen, sprich: sich bei der Analyse sehr viel Zeit zu nehmen. Dann ist sicherzustellen, dass neurotische und/oder ideologische Verblendungen bei den Interpreten nicht vorhanden sind - wie dies allerdings geschehen soll, bleibt bei Oevermann unklar. Als letztes sollte man darauf achten, dass die Interpreten kompetente Mitglieder der untersuchten Sprach- und Interaktionsgemeinschaft sind (Kinder sind also in der Regel ausgeschlossen). Als günstig hat es sich erwiesen, wenn mehrere ‚geradezu streitsüchtige’ Interpreten gemeinsam einen Text analysieren.

Auf der Suche nach dem Verfahren der objektiven Hermeneutik findet man in den Schriften zur objektiven Hermeneutik allerdings bisher insgesamt drei Varianten der Textauslegung oder genauer: drei Formen der Darstellung der eigenen Forschungspraxis.

(1) Die Feinanalyse eines Textes auf acht unterschiedlichen Ebenen, wobei vorab das Wissen um den äußeren Kontext und die Pragmatik eines Interaktionstyp expliziert und in der Analyse berücksichtigt werden (z.B. Oevermann et al. 1979).

(2) Die Sequenzanalyse jedes einzelnen Interaktionsbeitrages, Zug um Zug, ohne vorab den inneren oder äußeren Kontext der Äußerung zu explizieren (z.B. Oevermann 1979, S. 412-429, 1990): sie ist die anspruchvollste Variante der objektiven Hermeneutik, da sie sich sehr stark an den methodologischen Prämissen des Gesamtkonzeptes orientiert.

(3) Die ausführliche Interpretation der objektiven Sozialdaten aller an der Interaktion beteiligten, bevor der zu interpretierende Text zur Hand genommen wird (z.B. Oevermann et al. 1980). Diese Variante handhabt die Grundlagen einer Theorie des hermeneutischen Deutens sehr flexibel und geht mit ihnen eher metaphorisch um.

Die erste Variante hat innerhalb der qualitativen Sozialforschung anfangs (also etwa 1979-1986) viele Anwender gefunden, wohl auch, weil sie zumindest in ihren wichtigsten Elementen formalisiert und somit leicht lernbar ist. Die zweite Variante bildet mittlerweile den eigentlichen Kern der objektiven Hermeneutik - detailliert werden Texte Zug um Zug ohne Einsatz von Wissen um den Fall ausgedeutet. Scharf von ihr zu unterscheiden ist die dritte Variante, welche die Auslegung der objektiven Daten des Falles vor die Analyse des Textes stellt. Aufgegriffen wird diese Spielart vor allem dann, wenn man die Anwendung der objektiven Hermeneutik ökonomisieren will.


Zur Forschungslogik

Generell betreibt die objektive Hermeneutik nur Einzelfallanalysen. Standardisierte und großflächige Erhebungen werden aus methodologischen Gründen abgelehnt, denn nur die Erhebung nicht standardisierter Daten und deren objektiv-hermeneutische Auslegung würden gültige Ergebnisse garantieren. Die Gültigkeit der Analyse leitet sich vor allem aus der richtigen Anwendung der hermeneutischen Kunstlehre ab. Die Trennung von ‚logic of disco¬very’ und ‚logic of verification’ (Reichenbach, Popper) wird damit ausdrücklich zurückgenommen: ‚Wahrheit’ ergibt sich aus dem richtigen Entdeckungsverfahren, da die richtige Textbehandlung "die Sache selbst zum Sprechen" (Oevermann 1984, S. 11) bringt.

Von der singulären (Einzelfallstrukturrekonstruktion) zur allgemeinen Aussage (Strukturgeneralisierung) gelangt die objektive Hermeneutik mittels des Falsifikationsprinzips; Strukturrekonstruktion und Strukturgeneralisierung werden aufgefasst als äußerste Pole eines gerichteten Forschungsprozesses, in dem die Ergebnisse mehrerer Einzelfallstrukturrekonstruktionen sich zu einer generellen Struktur verdichten. Eine einmal rekonstruierte Fallstruktur kann bei der Interpretation von weiteren Exemplaren des gleichen Typs als zu falsifizierende Heuristik genutzt werden. Das Argument lautet in etwa so: Im Zuge der Textanalyse wird rekonstruiert, welche Struktur in dem untersuchten Text aufzufinden ist. Diese Beschreibung sollte möglichst genau und trennscharf sein. Läßt sich bei der Analyse des Textes eine Stelle finden, welche der zuvor explizierten Strukturbeschreibung widerspricht, gilt die Hypothese als falsifiziert. Findet sich kein gegenteiliger Textbeleg, gilt die Rekonstruktion als gültig - bis auf weiteres. Aussagen über die Struktur von Typen (d.h. Objekttheorien mittlerer Reichweite) ergeben sich erst nach einer Reihe von Einzelfallanalysen 'in the long run'. Hier zeigt sich die objektive Hermeneutik als eine fallibilistisch eingefärbte Verifikationsstrategie.


Zur Aktualität

Das Verfahren der objektiven Hermeneutik gilt zur Zeit als eines der verbreitesten und reflektiertesten innerhalb der bundesdeutschen qualitativen Sozialforschung. Es gibt mittlerweile auch so etwas wie eine ‚Schule’ der objektiven Hermeneutik, die sich einerseits um den Verein zur Förderung der objektiven Hermeneutik (AG Objektive Hermeneutik e.V.) in Frankfurt und um die Zeitschrift ‚sozialer sinn’ gruppieren. Gute Kontakte gibt es auch zum Institut für Visual Profiling. Erlernen kann man die Kunstlehre der objektiven Hermeneutik vor allem bei Oevermann (Frankfurt/Main) selbst. Er bietet regelmäßig für Studierende und auch für Berufstätige Kurse an, in denen man seine Kunst der Datenauslegung erlernen kann. Eine von Oevermann lizenzierte Einführung in die Kunstlehre der objektiven Hermeneutik ist trotz aller Bemühungen bis heute noch nicht geschrieben worden – auch wenn das Manifest (Oevermann 2002) schon so etwas wie das Glaubensbekenntnis der objektiven Hermenuten darstellt. Einen guten Einblick gibt allerdings das Buch von Andreas Wernet (Wernet 2000). Viele graue Papiere findet man auf der Homepage von Oevermann zum downloaden. Außer in Deutschland gibt es vor allem in Österreich und der Schweiz eine Reihe von Forscher/innen, die sich mit den Möglichkeiten der objektiven Hermeneutik beschäftigen.


Literaturverzeichnis

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Autor: Jo Reichertz

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