Objektivismus

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Objektivismus Definition

Der Objektivismus kann als der Versuch einer Synthese zwischen realistischen und subjektivistischen Annahmen angesehen werden. Wie der Subjektivismus geht er davon aus, dass unsere Erkenntnis der Welt durch Gesetzmäßigkeiten des Subjekts / Gehirn vermittelt ist. Aber in Anlehnung an realistische Positionen versucht er, für die Objektivität dieser Kategorien / Gesetzmäßigkeiten zu argumentieren. Ein Objektivist geht also auch davon aus, dass wir 'Brillenträger' sind, aber er nimmt zusätzlich an, dass unsere Brille nicht ganz falsch ist, wir also die richtige Brille aufhaben, die es uns ermöglicht, die Welt (zu mindestens teilweise) so zu sehen, wie sie wirklich ist. Ein Objektivist muß daher begründen, dass es eine Strukturähnlichkeit zwischen den internen Gesetzmäßigkeiten des Subjekts und den Gesetzmäßigkeiten der Wirklichkeit gibt. Ebenso wie beim Subjektivismus eine primär logische Variante (Kant) und eine primär empirische Variante (radikaler Konstruktivismus) vorgestellt worden sind, so sollen auch hier eine rationalistische Position (Hegel) und eine empirische Variante vorgestellt werden (Evolutionäre Erkenntnistheorie).

Beispiel 1: Hegel

Es kann hier natürlich nicht eine noch so knappe Darstellung der Hegelschen Philosophie erfolgen, es geht uns hier vielmehr darum, einen wesentlichen Hauptgedanken darzustellen, der in unserem Zusammenhang wichtig ist: Die These von der Identität von Sein und Denken. Hegel entwickelt seine Position insbesondere in Auseinandersetzung mit der Philosophie Kants. Er versucht, den Dualismus zwischen wirklicher Welt und der Welt, wie sie uns erscheint, zu überwinden. Seine Grundargumentation kann dabei wie folgt als Kombination der ersten beiden Positionen dargestellt werden:

Hegel bejaht die These, dass uns die Welt vermittelst subjektiver Kategorien gegeben ist, wir konstituieren also mit unseren Mitteln unserer Weltbild. Gleichzeitig geht er davon aus, dass hieraus nicht folgt, dass unser Weltbild deswegen grundsätzlich nur beschränkt gültig sein kann, da diese Annahme selbst dann ja nur beschränkt gültig wäre. Im Gegenteil behauptet er, unsere subjektiven Denknotwendigkeiten können die Welt richtig darstellen. Seine Begründung hierfür ist sicherlich komplex und nicht unumstritten. Hegel folgert, dass wenn nach dem Subjektivismus alle Annahmen über die Welt an sich falsch oder unerlaubt sind, somit auch diese These selbst, als These über die 'Welt an sich' und unser Verhältnis zu ihr falsch oder unerlaubt ist. Es ist somit nicht möglich, zugleich zu behaupten, dass es zum einen eine solche unerkennbare Welt an sich gibt, und zum anderen, dass diese nicht mit der von uns erkannten Welt übereinstimmt. Nach der ersten These ist, so Hegel, die zweite nicht mehr sinnvoll. Hegel geht also davon aus, dass die Kategorien und Ideen (bei Hegel Begriffe), die unserem Denken zugrunde liegen, auch die Wirklichkeit selbst konstituieren, so dass eine Übereinstimmung möglich ist. Diese dritte Welt der objektiven Begriffe ermöglicht für Hegel einen Vergleich und eine Annäherung von Denken und Welt, da beide aus demselben Prinzip, einer objektiven Vernunft, stammen.

Beispiel 2: Evolutionäre Erkenntnistheorie

Einen gänzlich anderen Ausgangspunkt nimmt die Evolutionäre Erkenntnistheorie, die versucht, Kant auf der Grundlage der modernen Biologie, sprich: der Evolutionstheorie von Darwin, neu zu deuten. Nach Darwin hat sich die Menschheit in einem evolutionären Prozess aus einer Vorform des Affen entwickelt, es liegt daher nahe anzunehmen, dass sich auch die Erkenntnis des Menschen aus Vorformen entwickelt hat. Die Grundidee der Evolutionären Erkenntnistheorie ist nun: Die Kategorien von Kant stammen aus der Evolution, beruhen also auf Erfahrungen, die unsere stammesgeschichtlichen Vorfahren gemacht haben. Sie können nicht gänzlich falsch sein, da wir sonst nicht mit ihnen überlebt hätten. Folglich ist es sinnvoll, von einer partiellen Wahrheit unserer Kategorien auszugehen. Allerdings gelten unsere Kategorien nicht für die ganze Welt, sondern nur für den Bereich, den wir unmittelbar erfahren, der also für das Überleben relevant ist. Im Mikrokosmos (Bsp.: Quantenphysik) wie im Makrokosmos versagen daher unsere Kategorien gleichermaßen. Auch wenn diese Grundidee von allen Evolutionären Erkenntnistheoretikern geteilt wird, so gibt es jedoch im Detail sehr große Unterschiede, insbesondere in Bezug auf die Frage nach der Objektivität unserer Kategorien. Lorenz etwa versteht sich selbst als Realist, währen Riedl stark konstruktivistisch geprägt ist.


Stärken und Schwächen des Objektivismus

Der Objektivismus verbindet die Vorteile des Realismus und Subjektivismus und vermeidet zugleich deren Schwächen. Insbesondere vermeidet er den Selbstwiderspruch, der bei den Schwächen des Subjektivismus geschildert wurde. Diese Position beansprucht ferner zu zeigen, wie Wahrheit überhaupt möglich ist, d.h. wie die Kluft zwischen Denken und Welt überbrückt werden kann. Der Wahrheitsanspruch dieser Position in der hegelianischen Variante ist daher sehr weitgehend.

Gegen beide Varianten lässt sich der Vorwurf eines Zirkels machen: Die Wahrheit der Evolutionstheorie setzt bestimmte Annahmen (Kategorien) voraus. Die Wahrheit dieser Kategorien kann durch die Evolutionäre Erkenntnistheorie nicht gezeigt werden, da die Annahme, dass es in der Wirklichen Welt eine Evolution gab, diese Kategorien schon voraussetzt. Gegen eine rationalistische Position wird häufig geltend gemacht, dass das Letztbegründungsargument, das diese Position stützen soll, nicht funktioniert, da es die Gültigkeit der Logik bereits voraussetze und nicht wirklich zeige.

Ferner gilt die Hegelianisch/ Platonische Annahme einer Ideenwelt oder vom Subjekt unabhängiger Begriffe als zu starke Annahme, die zudem neue Probleme bei der schwierigen Verhältnisbestimmung von Welt, Denken und Ideen schafft, auf die hier natürlich nicht näher eingegangen werden kann.



ZUSAMMENFASSUNG

Die Thesen des Objektivismus lauten: �?� 1. Es gibt eine wirkliche Welt (ontologischer Realismus). �?� 2. Das Subjekt kann die Welt, wie sie wirklich ist, erkennen. �?� 3a. Entweder über Kategorien, die aus der stammesgeschichtlichen Erfahrung stammen. Dann passen die Erkenntnisse nur ungefähr auf die Welt (soviel wie gerade zum Überleben notwendig ist).(Evolutionäre Erkenntnistheorie). �?� 3b. Oder über Begriffe, die sowohl der menschlichen Erkenntnis als auch der Welt zugrunde liegen (Platonismus, Hegelianismus)


Literatur

Albert, H.: Traktat über kritische Vernunft, Tübingen, 41980

Hegel, G. F. W., Wissenschaft der Logik, Frankfurt am Main, 1986

Hösle, V., Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie, München, 31997

Hösle, V., Begründungsfragen des objektiven Idealismus, in: Forum für Philosophie Bad Homburg [Hrsg.], Philosophie und Begründung, Frankfurt a. M., 1987, 212-267

Kuhlmann, W., Reflexive Letztbegründung, Freiburg / München, 1985

Lorenz, Konrad, Kants Lehre vom Apriorischem im Lichte gegenwärtiger Biologie, in ders., Das Wirkungsgefüge der Natur und das Schicksal des Menschen. Gesammelte Arbeiten, hrsg. und eingeleitet v. I. Eibl-Eibesfeld, München, 1978, S. 82 - 109.

Pöltner, G., Evolutionäre Vernunft, Stuttgart u. a., 1993


Autor: Jo Reichertz

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