Pierre Bourdieu (* 1. August 1930 in Denguin, † 23. Januar 2002 in Paris) war ein französischer Soziologe, Philosoph und Sprachwissenschaftler.
Läßt sich Bourdieus “Ökonomie des sprachlichen Tausches�? für eine Theorie kommunikativer Verständigung nutzen?
Bourdieu berichtet in seinen Texten zur Soziologie des Sprechens (Bourdieu/Boltanski 1975; Bourdieu 1977, 1993b; 1993a; 1990), die mit nur wenigen Beispielen bestückt sind, gleich zweimal von einem Bauern, der zum Bürgermeister einer Kleinstadt im Bearn, der Heimatregion Bourdieus im Südwesten Frankreichs, gewählt wurde. Der überraschte Bauer lehnte die Wahl allerdings mit der Begründung, er könne nicht reden, ab. Bourdieu attestiert dem Bauern in seinem Kommentar nun “ein völlig realistisches, ein völlig soziologisches�? (Bourdieu 1993a: 121) Verständnis der eigenen sprachlichen Kompetenz und ihres Marktwertes. Weshalb Bourdieu zu diesem Urteil kommt, soll mit dem ersten Teil meines Beitrags in der Darlegung der Bourdieuschen Sprechsoziologie, einer Theorie, die beansprucht, die sprachlichen Interaktionsprozesse aufzuhellen, plausibel werden. Im zweiten und dritten Teil zeige ich dann, daß Bourdieus Soziologie des Sprechens sich nicht mit einer Theorie kommunikativer Verständigung ‘verträgt’ und daß Bourdieu mit seinem Konzept kaum in der Lage ist, die alltäglich zu beobachtenden Verständigungsprozesse zu beschreiben. Dennoch - so meine These im vierten Teil: die Überlegungen Bourdieus regen durchaus dazu an, eine Theorie kommunikativer Verständigung um die kommunikationssoziologische Dimension zu erweitern - um eine Dimension, die ihr Augenmerk auf die Bedeutung des sozialen Gewichts der Kommunikanten für den Verständigungsprozeß richtet.
Bourdieus Soziologie des Sprechens geht nahtlos in seinem gesellschafts- und kulturtheoretischen Gesamtkonzept auf. Sie ist allerdings eine Skizze geblieben. Er setzt bei der Darstellung der “Ökonomie des sprachlichen Tausches�? an der strukturalistischen Sprachwissenschaft de Saussures an. De Saussure konzentrierte sich bekanntlich auf die innersprachlichen Strukturen der Bedeutungsproduktion , auf das “grammatikalische System, das virtuell in jedem Gehirn existiert�? (Saussure 1967: 16) und “das soziale Band�? einer Sprachgemeinschaft ausmacht (langue). Einer auf die Analyse innersprachlicher Strukturen ausgelegten Sprachwissenschaft dürfte es - so Bourdieu - allerdings Probleme bereiten, die Anwendung von Sprache in situativen Gebrauchskontexten zu erklären, weil ihr eine “praktische Definition des Sinns�? (Bourdieu 1990: 12) fehle. Bourdieu verweist darauf, daß “die Sprachkompetenz, die ausreicht, um Sätze zu bilden, (...) völlig unzureichend sein (kann; N.S.), um Sätze zu bilden, auf die gehört wird, Sätze, die in allen Situationen, in denen gesprochen wird, als rezipierbar anerkannt werden können.�? (Bourdieu 1990: 32) Die Privilegierung der “Struktur der Zeichen�? erfolge in den entsprechenden Theorien auf Kosten der Analyse der praktischen Funktionen der Zeichen, die - so Bourdieu - sich keinesfalls, wie es der Strukturalismus stillschweigend unterstelle, auf Kommunikations- und Erkenntnisfunktionen reduzieren lassen (Bourdieu 1976: 155). Bourdieu nimmt diese Kritik zum Anlaß, die Sprachwissenschaft - so wie er meint - vom Kopf auf die Füße zu stellen. Ihm geht es darum, Sprache aus der gesellschaftlichen Praxis, in der sie verankert ist und die sie orientiert, zu verstehen. Ihm geht es in erster Linie um das ‘Wissen’ um die marktgerechten Gebrauchskontexte, um die Situationen, in denen bestimmte Sprechakte Anerkennung finden und in diesem Sinne wirksam werden können. Er lenkt den Blick so auf die situationsangemessene Strukturierung des Sprechens und auf die sie leitenden Regelmäßigkeiten, und er beschreibt dieses Sprechen aus der Beziehung zwischen - wie er sie nennt - sprachlichem Habitus und sprachlichem Markt.
Der sprachliche Habitus ist eine Facette des Habitus und integraler Bestandteil eines habitualisierten Lebensstils. Auch er stellt eine Disposition jenseits der Bewußtseinsschwelle dar (Bourdieu 1990: 28, 46, 56), und die im Sprachhabitus repräsentierten Schemata dauerhafter und übertragbarer Dispositionen zu praktischer Rede werden von den sozialen Akteuren regelrecht inkorporiert und entsprechend in der Rede ganzkörperlich unterstützt (Bourdieu 1990: 66f).
Bourdieu wird nicht müde zu betonen, daß das latente Ziel der sozialen Verwendung von Sprache in der Reproduktion des Systems der sozialen Unterschiede auf der symbolischen Ebene liegt (Bourdieu 1990: 41 und 60). In diesem Sinne habe sich eine Soziologie des Sprechens dann auch nicht auf die eher unbedeutsamen Verständigungsanstrengungen sozialer Akteure zu konzentrieren, sondern die lebensstilintegrierten Sprechstile in den Vordergrund zu rücken, mit denen die sozialen Akteure auf dem sprachlichen Markt für alle Akteure wahrnehmbar auf ihre soziale Position und damit auf die Macht verweisen, ihre Interessen durchsetzen zu können (Bourdieu 1990: 45). In den Worten Bourdieus: “Was die Sprachwissenschaftler als die vornehmste Funktion der Sprache ausgeben, nämlich die Kommunikationsfunktion, kann gänzlich entfallen, ohne daß damit ihre reale Funktion, nämlich die soziale, ebenfalls hinfällig würde; Situationen eines sprachlichen Machtverhältnisses sind Situationen, in denen es spricht, ohne zu kommunizieren, und ihr Grenzfall ist die Messe.�? (1993a: 118)
Der im sprachlichen Habitus disponierte Sinn für den akzeptablen Gebrauch bestimmter Sprechstile wurde von den sozialen Akteuren sozialisatorisch auf sprachlichen Märkten erworben, und er kommt auch jeweils aktuell in bezug auf relevante sprachliche Märkte zur Geltung. Der sprachliche Habitus ist also auf zweifache Weise an die sprachlichen Märkte gebunden: über die Erwerbsbedingungen und über die Anwendungsbedingungen ( Bourdieu 1990: 31, 34, 46, 51, 56f; vgl. auch Bohn 1991: 69). Die sprachlichen Märkte - und eben nicht die sprachlichen Habitus - sind für die Ausrichtung der Diskurse ausschlaggebend, weil die Akzeptanz von Gesprochenem sich aus der jeweiligen Struktur des sprachlichen Marktes, auf den hin es artikuliert und definiert wurde, ergibt. Genauso wie im allgemeinen der Habitus sich nur in bezug auf Felder realisieren kann, die denen identisch oder analog sind, aus denen er selbst hervorgegangen ist (Bourdieu 1992b: 115), so kann sich der sprachliche Habitus nur auf entsprechenden offiziellen (Schule, Administration, Politik, Wissenschaft etc.) oder inoffiziellen (Familie, informelle Zusammenhänge etc.) sprachlichen Märkten verwirklichen.
Sprachliche Märkte sind nun - so Bourdieu - heterogen angelegt. D.h.: Auf einem sprachlichen Markt existieren in der Regel verschiedene Sprechstile. Die Struktur eines Marktes ergibt sich im besonderen aus dem Verhältnis dieser Sprechstile zueinander, und dieses Verhältnis repräsentiert in symbolischen Distinktionen die fundierenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse (Bourdieu 1990: 31f).
Die offiziellen sprachlichen Märkte komplexer Gesellschaften sind jeweils durch die allgemeine Anerkennung einer - wie Bourdieu sie nennt - “legitimen Sprache�? geprägt. (Bourdieu 1990: 20, vgl. 24f) Die legitime Sprache ist eine eher künstliche Sprache, die in der Schriftsprache ihren prägnantesten Ausdruck findet. Sie ist die Sprache der Bürokraten, der Justiziare, der Ökonomen, der Lehrer - und eben nicht die der Arbeiter oder die der Bauern (Bourdieu 1990: 39). Die allgemeine Anerkennung der legitimen Sprache geht aber gerade nicht mit einer allgemein verbreiteten Beherrschung dieses Sprechstils einher. Die Chancen zum Erwerb der legitimen Sprache sind gesellschaftlich ungleich verteilt. (Bourdieu 1990: 33) So entsteht ein Sprechkompetenzgefälle, das in bezug auf die personalen Kompetenzträger im wesentlichen den sozialen Macht- und Herrschaftsverhältnissen entspricht (Bourdieu 1990: 21). Deutlich ist eine gewisse Affinität zu der Variationslinguistik Labovs (1968/dt. 1972), und noch deutlicher sind die Entsprechungen zu den sprachsoziologischen Studien etwa Basil Bernsteins (1981a, 1981b) und Ulrich Oevermanns (1972), in denen der Zusammenhang zwischen restringierten und elaborierten Formen der Sprachverwendung und ihren soziokulturellen Beziehungsfeldern bestimmt wurde. Allerdings wirkt Bourdieus Theorie des Sprechens gesellschaftsanalytisch ‘durchgreifender’, was deutlich in der Bestimmung der sozialen Position als einer eigenen und zentralen kommunikativen Ressource zum Ausdruck kommt. Demnach bilden sich sprachliche Herrschaftsverhältnisse heraus, in denen die Sprechkompetenz nicht in erster Linie in der Sprechfähigkeit zum Ausdruck kommt, sondern in der sozialen Position selbst, die ein Sprecher einnimmt und aus der heraus er in bestimmten Situationen bzw. Marktlagen mit Aussicht auf Erfolg einen entsprechenden Sprechstil zur Geltung bringen kann. “Die Sprachkompetenz ist keine fachliche Fähigkeit, sondern eine statusabhängige Fähigkeit, mit der meistens auch die fachliche Fähigkeit einhergeht.�? (Bourdieu 1990: 48; vgl. auch 1993b: 102)
Die diskurskonstitutive Sprachhabitus/Sprachmarkt-Symbiose läßt sich nun mit Bourdieu in den Kategorien einer “Ökonomie des sprachlichen Tausches�? zusammenfassen. Sprechen wird dann als das Bemühen sozialer Akteure um einen sprachlichen Tausch in Anbetracht eines bestimmten sprachlichen Marktes begriffen. Die Struktur des jeweiligen sprachlichen Marktes entspricht dem “Gesetz der Preisbildung�? (Bourdieu 1990: 46) für bestimmte sprachliche Produkte (vgl. Bourdieu 1993a: 117). Der Preis bildet sich in Hinsicht auf die marktentsprechende Hierarchie der relevanten Sprechstile, der dieser Hierarchie zugrunde liegenden und durch sie symbolisch repräsentierten Sozialstruktur und den den Beteiligten positionsgemäß zur Verfügung stehenden Kapitalressourcen. Strebt ein sozialer Akteur nun einen gewissen Profit (in welcher Kapitalform auch immer) an, dann ist es an ihm, in Anbetracht seiner schon für sich wirkenden sozialen Position den sprachlichen Markt darauf hin ‘abzuschätzen’, welche positionsgemäßen Sprechhandlungen ihm den größten Profit bescheren dürften. Wie der bearnesische Bauer schätzt der Sprecher also - unterhalb der Bewußtseinsschwelle - ein, welcher für seine soziale Position angemessene und in seinem Vermögen liegende Sprechstil umzusetzen ist, wenn er in einem bestimmten sozialstrukturell gegliederten Umfeld in bezug auf Beteiligte mit bestimmten (sprachlichen) Kapitalressourcen (Bourdieu 1993a: 118) einen bestimmten (ökonomischen, sozialen und/oder symbolischen) Profit erzielen will.
Entsprechende Bemühungen sozialer Akteure, einen möglichst hohen Preis für ihre sprachlichen Produkte zu erzielen, lassen sich an einem zweiten von Bourdieu vorgetragenen Beispiel illustrieren. Dieses Beispiel und die sich anschließende Ausdeutung Bourdieus möchte ich hier im Zusammenhang etwas ausführlicher vorstellen. Bourdieu berichtet von einem Bürgermeister der Stadt Pau, “der sich während einer Feier zu Ehren eines bearnesischen Dichters auf Bearnesisch an die Zuhörer wendet (und über den; N.S.) die Zeitung (später schreibt; N.S.): ‘Diese Zuvorkommenheit bewegte die Zuhörer sehr.’ Die Zuhörer aber sind Leute, deren erste Sprache Bearnesisch ist, und ‘bewegt’ sind sie, weil ein bearnesischer Bürgermeister Bearnesisch zu ihnen spricht. Sie finden seine Zuvorkommenheit bewegend, die eine Form der Herablassung ist. Wo Herablassung möglich ist, muß es ein objektives Gefälle geben: Herablassung ist die demagogische Ausnutzung eines objektiven Machtverhältnisses, denn wer sich herabläßt, bedient sich der Hierarchie, um sie zu negieren (...). Dies sind die Fälle,�? - so Bourdieu weiter - “in denen die Interaktionsverhältnisse in einer kleinen Gruppe plötzlich die über sie hinausweisenden Machtverhältnisse transparent machen. Was sich da zwischen einem bearnesischen Bürgermeister und ein paar Bearnesen abspielt, läßt sich nicht auf das reduzieren, was in ihrer Interaktion geschieht. Der Bearnesische Bürgermeister kann nur deshalb als jemand auftreten, der seine Zuvorkommenheit gegenüber seinen bearnesischen Mitbürgern betont, weil er das objektive Verhältnis zwischen Französisch und Bearnesisch ausspielt.�? (Bourdieu 1993a: 120)
Anschaulich wird, warum Bourdieu die Bedeutung situativer Sprechhandlungen aus der sozialstrukturellen Verankerung dieser Sprechhandlungen begreift. Fragt sich nur, welcher Wert dem Situativen, der “konjunktuellen Einmaligkeit�? - wie Bourdieu sich ausdrückt -, dem ja mit der Markt/Sprachhabitus-Symbiose in besonderer Weise Rechnung getragen sein soll, zukommt. Für Bourdieu ergibt sich Situativität allein daraus, daß ein sozialer Akteur in Einschätzung der spezifischen Preisgesetzlichkeit eines Marktes habituell eine spezifische, seiner Position und seinem Vermögen entsprechende Sprechstrategie mit dem Ziel ‘wählt’, einen möglichst hohen Preis zu erlangen. Die Raffinesse der ‘Wahl’ des Bürgermeisters bestand ja darin, eben nicht - wie es normal ist und zu erwarten gewesen wäre - in einer offiziellen Situation Französisch zu sprechen, sondern sich volkstümlich herabzulassen. Damit hat er einen höheren Gewinn erzielt und sein symbolisches Kapital gemehrt, was ihm bei der nächsten Wahl zugute kommen könnte. Gleichzeitig hat er aber auch zum Erhalt des sprachlichen Marktes und der fundierenden Sozialstruktur beigetragen. Situativität wird von Bourdieu als das Aufeinandertreffen einer spezifischen, vorab beschlossenen Sprechstrategie auf einen gegebenen sprachlichen Bezugsmarkt gefaßt, wobei die Struktur des Bezugsmarktes der Zensor ist, der den einsozialisierten Akteuren gewisse Variationen des habitusgeleiteten Sprechens und gewisse Abweichungen von den Normalformen zugesteht, so daß die im ihnen vorgegebenen Rahmen um einen guten Preis ‘ringen’ können. In der Abgrenzung zu interaktionistischen Situationskonzepten läßt sich die Bourdieusche Konzeption nun schärfer konturieren.
Bourdieus Beschreibung der “Ökonomie des sprachlichen Tausches�? nahm ihren Ausgang in der Kritik des sprachwissenschaftlichen Strukturalismus, wie er von de Saussure begründet wurde. Bourdieu rückte an Stelle der innersprachlichen Strukturen die praktischen Funktionen von Sprache in den entsprechenden Gebrauchskontexten in den Vordergrund.
Mit diesem Kritik- und Konzeptansatz steht Bourdieu keineswegs allein. Auch die Vertreter der pragmatischen Linguistik (Wunderlich 1972; Maas/Wunderlich 1972; Ehlich/Rehbein 1979), einer “Ethnographie der Kommunikation�? (Hymes 1979) und der Kognitiven Anthropologie (Goodenough 1964; Frake 1980) befassen sich in expliziter Abgrenzung von de Saussure “mit den Situationen und Gebrauchsweisen, den Mustern und Funktionen des Sprechens�? (Hymes 1979: 33). Sie richten ihr Augenmerk auf die kommunikative Kompetenz der Mitglieder einer Sprechgemeinschaft und auf die mehr oder weniger weitgehend schematisierten Bestimmungen entsprechender Gebrauchskontexttypen. In Abgrenzung zur rein linguistischen ist mit der kommunikativen Kompetenz auf die Fähigkeit von Mitgliedern einer Ortsgemeinschaft verwiesen, in der situativen Verwendung von für eine Ortsgemeinschaft typischen sprachlichen Zeichen einem Kommunikationspartner angemessen anzeigen zu können, wie man in dieser Situation verstanden werden will. Mit seiner “Interaktionalen Soziolinguistik�? verfeinert und dynamisiert John Gumperz diese Ansätze. Er hebt die Bedeutung der situativen Kompetenz hervor, über die Subjekte in den Stand versetzt sind, die allgemeinen Deutungsrahmen aushandelnd situativ auszubuchstabieren und so über eine wechselseitige Interpretation der von ihnen gesetzten Kontextualisierungshinweise ihre Verständigung abzusichern. (Gumperz 1982)
Bourdieu hält den die Verständigungsorientierung betonenden Herangehensweisen an Sprechhandlungen die Ausblendung des jeweils ausschlaggebenden sozialstrukturellen Rahmens und der in ihm eingelassenen und jede gesellschaftliche Situation durchziehenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse zugunsten einer Überbetonung reflexiver und interpretativer Verständigungsleistungen der sozialen Akteure vor. Bei Bourdieu ist eine solche Verständigung über die zur Lösung von Handlungsproblemen nötigen Maßnahmen nicht vorgesehen, weil die sozialen Akteure kraft eines in ihren Dispositionen eingeschriebenen Imperativs unbewußt immer das für sie Mögliche tun und das für sie jeweils zu Erreichende erlangen (Janning 1991: 131f). Bourdieu rekurriert auf ein - wenn man das überhaupt sagen darf - ‘Kommunikationsmodell’, das Kommunikation als Anwendung sozialstrukturell prädeterminierter Sprechstile begreift. In der Anwendung der Sprechstile in Kommunikationssituationen ist ein wie immer geartetes kommunikatives Absichern der Handlungsperspektiven nicht vorgesehen. (Janning 1991: 138) Wenn Bourdieu von Sprechen schreibt, dann geht es ihm nicht um kommunikative Verständigungsleistungen von Subjekten, sondern um die für die Reproduktion einer bestimmten Sozialstruktur situations- und positionsangemessene, unbewußte Verwendung von Redeweisen und Sprechstilen durch die sozialen Akteure, für die die situative Verständigung kein eigentliches Problem darstellt. Die Anpassung an die variablen, niemals ganz gleichen Kommunikationssituationen (Bourdieu 1992a: 83), die Bourdieu zufolge nur der dynamische Sprachhabitus zu leisten vermag, ist somit keine Leistung sich verständigender Subjekte, sondern jeweils die Vorleistung eines spontan die Situation erfaßenden und sich dann in seinen Sprechstrategien unbewußt anpassenden sozialen Akteurs. “Der gute Spieler, gewissermaßen das Mensch gewordene Spiel, tut in jedem Augenblick das, was zu tun ist, was das Spiel verlangt und erfordert.�? (Bourdieu 1992a: 83) So kommt es, daß das Analyseraster der ‘Ökonomie des sprachlichen Tausches’ die Kommunikation als systematische Kategorie nicht vorsieht. Die ‘Ökonomie des sprachlichen Tausches’ stellt statt dessen die singuläre Sprechhandlung in den Vordergrund (vgl. Bohn 1991: 112). Sprechhandlungen werden von Bourdieu im Kontext sozialer Machtbeziehungen untersucht und das heißt für ihn zu fragen, welcher Sprecher unter bestimmten Bedingungen sprechen darf, an wen sich der Sprecher richtet, wie gesprochen wird und wer sich durchsetzen kann. Die zu untersuchenden Kommunikationsprozesse sind immer auf eine die Interaktion vorherbestimmende Machtbalance zwischen den sozialen Akteuren zu beziehen. Von daher ist eine Theorie kommunikativer Verständigung für Bourdieu im Grunde ohne Bedeutung. Die Frage nach der Möglichkeit von Verständigung oder gar nach den Bedingungen der Möglichkeit in Anbetracht struktureller Erfahrungsungleichheit oder die Frage nach einem entsprechende Verständigungsprozesse fundierenden Zeichenbegriff stellt sich ihm nur am Rande (Bourdieu 1990: 12f): Verständigung ist für ihn sozialstrukturell vorbeschlossen, so daß seine ‘Theorie des Sprechens’ kaum anschlußfähig ist an eine Theorie kommunikativer Verständigung. Daß diese konzeptionelle Unvereinbarkeit ein Manko der Bourdieuschen Sprechsoziologie ist, macht ein Blick auf die beobachtbaren gesellschaftlichen Aushandlungserfordernisse deutlich.
Schon für den im Bourdieuschen Konzept hervorgehobenen Fall, daß die sozialen Akteure positionsgemäß und entsprechend dem inkorporierten Sprachhabitus miteinander sprechen, lassen sich - anders als Bourdieu dies vorgibt - alltäglich kommunikative Verständigungsprozesse beobachten. Auch die sich in den Grenzen ihrer Habitus miteinander im Gespräch Befindenden verfügen in jeder Situation über hochgradig handlungsrelevante Sprechstilalternativen, so daß die Gesprächssituation stets kontingent ist und eine Absicherung über implizite oder explizite Verständigungsprozesse erforderlich macht. Dieser Zwang zur Verständigung läßt sich nicht, wie Bourdieu dies vorschwebt, für die s. E. eher unerhebliche thematische Oberflächenstruktur (Watzlawick, Beavin und Jackson sprechen vom Inhaltsaspekt (1971)) reservieren. Er gilt genauso für die positions- und beziehungsanzeigenden Sprechstile, die bei Bourdieu im Blickpunkt stehen. Das heißt: die kommunikative Feinabstimmung über die Bedeutung und Akzeptanz von Sprechstilen ist - entgegen der Unterstellung Bourdieus - immer auch eine Feinabstimmung über die sozial relevanten positionalen Zuschreibungen. Überdies variieren in komplexen Gesellschaften die einer bestimmten sozialen Position zuzurechnenden Habitusformationen und die involvierten Sprachhabitus durchaus in einer beträchlichen Streuweite - sie fallen also weniger homogen aus, als Bourdieu dies suggeriert. Diese Variationsbreite in Zusammenhang mit der Mobililität, die sozialen Akteuren in komplexen Gesellschaften zugemutet wird, macht dann aber stets Abstimmungen der Beteiligten über die Akzeptabilität habitueller, in Sonderheit sprachhabitueller Dispositionen erforderlich. Und diese Abstimmungsprozesse haben zwangsläufig Modifikationen der inkorporierten (Sprach)Habitus und situationsangepaßte Positionszuschreibungen zur Folge. D.h.: Auch in Hinsicht auf die Habitusformationen selbst sind kommunikative Abstimmungsprozesse alltäglich .
In sozial ausdifferenzierten Gesellschaften weisen die Habitusformationen aber nicht nur eine enorme Variationsbreite auf, sie lassen sich überdies auf soziale Positionen bezogen auch nicht trennscharf voneinander abgrenzen - was Bourdieu gleichfalls nahe legt. So ist es immer möglich, daß soziale Akteure habituelle Dispositionen und Kompetenzen entwickeln, die in Teilen auch und v.a. zu sozialen Positionen jenseits der eigenen Position passen. So kann es kommen, daß ein sozialer Akteur geleitet von dem Interesse, seine Lage zu verbessern, in Anbetracht spezifischer Kompetenzen es schafft, in eine bessere Position zu wechseln ohne bereits über den in dieser Position geforderten Lebensstil und - hier von vorrangigem Interesse - über den erwarteten Sprechstil zu verfügen. Will er die eingenommene Position behalten, dann ist es an ihm, über kommunikative Aushandlungen mit den Mitgliedern des entsprechenden sprachlichen Marktes einen positionsgemäßen Lebens- und Sprechstil zu entwickeln und zu inkorporieren. Er ist also gehalten, über kommunikative Aushandlungsprozesse seine (sprach)habituellen Dispositionen in Grundzügen zu modifizieren und zu transformieren: - im Grenzfall - einen neuen Habitus anzunehmen. So hätte der von Bourdieu aufgeführte Bauer, der für das Bürgermeisteramt vorgeschlagen worden war, im Grunde die Chance gehabt, sich während der Zeit seiner Amtsausübung einen seiner amtlichen Position gemäßen Sprechstil anzueignen und seine habituelle Disposition entsprechend zu modifizieren. Die auf den verschiedenen Ebenen alltäglich zu beobachtenden Abstimmungen werden - und das übersieht Bourdieu - als kommunikative Verständigungsprozesse vollzogen. D.h.: Auch die Akzeptanz von Sprachhabitusformationen und von Sprechstilen muß in komplexen Gesellschaften bei allen sozialstrukturellen Vorgaben - mehr oder weniger explizit und weitgehend - zwischen den sozialen Akteuren kommunikativ ausgehandelt werden, so daß die habitusorientierten sozialen Akteure zu kommunizierenden, mit situativer Kompetenz ausgestatteten Subjekten mutieren.
Bleibt die Frage, welcher Nutzen bei dieser Sachlage für eine Theorie kommunikativer Verständigung aus einer Auseinandersetzung mit Bourdieus Soziologie des Sprechens gezogen werden kann. Ich möchte die Beantwortung dieser Frage etwas grundsätzlicher angehen und an der für den Handlungsbereich Kommunikation konstitutiven Problemlage ansetzen.
Eine Theorie kommunikativer Verständigung begreift Kommunikation von dem Bemühen der Menschen her, die Probleme des Fremdverstehens, d.h. (a) die prinzipielle Unzugänglichkeit alter egos (Schütz/Luckmann 1984: 151ff, 178ff), und in diesem Zusammenhang (b) die Perspektivität der Erfahrungsbildung, zu überbrücken. Die strukturelle Beharrlichkeit des Perspektivproblems hat zur Folge, daß der Erfolg der Überbrückungsbemühungen begrenzt bleibt. Setzt man von daher Perspektivität ins Zentrum der kommunikationstheoretischen Betrachtung, dann läßt sich Intersubjektivität nur noch als annäherungsweise erreichbarer Grenzwert begreifen. Eine Klärung der Möglichkeit von Kommunikation muß die Perspektivität kommunikativer Verständigung in Rechnung stellen und zum Ausgangspunkt der Beschreibung kommunikativer Prozesse machen. In seinen Konstitutionsanalysen zum unbefragten Boden der ‘natürlichen Einstellung’ hat Alfred Schütz zeigen können, daß die Menschen für die Umsetzung ihrer praktischen Ziele in ihrem kommunikativen Handeln im Alltag bestimmte Idealisierungen vornehmen, mit denen die strukturelle Erfahrungsungleichheit bis auf weiteres überbrückt werden kann. Die Generalthese der Wechselseitigkeit der Perspektiven ist eine pragmatisch motivierte, idealisierende Grundhaltung, die kommunikative Verständigung erst möglich macht. Über sie in Gang gesetzt sorgen die alltäglichen Verständigungsbemühungen der Subjekte dafür, daß sich bestimmte Idealisierungsformen im intersubjektiven Spiegelungsprozeß herausbilden, durchhalten und in Typisierungsschemata verfestigen und so die Wechselseitigkeit der Perspektiven enorm stabilisieren. Die relative Stabilität des ‘gemeinsamen’ Deutungsrahmens darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die zeichenhaft appräsentierten Deutungsmuster immer perspektivisch gebunden bleiben und daß die Stabilität der kommunikativen Orientierung lediglich einer alltäglich stets wieder herzustellenden, zu bestätigenden und ggf. zu modifizierenden Ähnlichkeitsbeziehung und entsprechenden kommunikativen Passungen aufruht (Schröer 1999; 2002b). So stehen die kommunikativen Aushandlungsprozesse im Zentrum einer Theorie der kommunikativen Verständigung. Es geht um die Beschreibung der Verfahren, mit denen von den Kommunikanten situativ ein pragmatischer Konsens ausgehandelt und hergestellt werden kann und alltäglich hergestellt wird (Schütz 1971; Gumperz 1982, Juchem/Schmitz 1985; Ungeheuer 1987 etc.). Im Vordergrund steht so die kognitiv interpretative Dimension kommunikativer Verständigung.
Die von Bourdieu hervorgehobene und von ihm verabsolutierte sozialstrukturelle Ebene des Sprechens, insbesondere die der Asymetrien, wurde von einigen Vertretern einer Theorie kommunikativer Verständigung zwar gesehen (vgl. Strauss 1978, Schmitz 1983, Lenke, Lutz, Sprenger 1995, insbes. 120ff), ihr wurde aber bislang im ganzen betrachtet nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Fast durchgängig wurde die Idealisierung aufrecht erhalten, die sprachlich Handelnden seien gleichberechtigte Partner (vgl. Auer 1999: 241), die je nach individueller Interessenlage zu Verständigungszwecken auf einen ihnen im wesentlichen gemeinsamen kulturellen Deutungsrahmen zurückgreifen. Diese Idealisierung wird auch in Anbetracht der sich zunehmend im Diskurs etablierenden pragmatisch konstruktivistischen Kulturkonzepte im Kern durchgehalten (Wimmer 1997, Schiffauer 1999) und fast nur in einigen empirischen Analysen zur kommunikativen Verständigung aufgebrochen (Goffman1973; Schmitz 1978, 1983; Strauss u.a. 1963; Schröer 1992, 2002a etc.). Die sozialstrukturelle Durchformung alltäglicher Verständigungsprozesse wurde bislang nicht systematisch in eine Theorie kommunikativer Verständigung eingearbeitet.
== Exkurs zum Verständigungskonzept der “Theorie des kommunikativen Handelns ==�? Hier kann man sich die Frage stellen, ob nicht Jürgen Habermas mit seiner “Theorie des kommunikativen Handelns�? eine solche Einarbeitung bereits gelungen ist. Immerhin etabliert Habermas im Zentrum seiner Theorie einen Verständigungsbegriff, mit dem er die Kluft zwischen handlungsanalytischer Kommunikationstheorie und Gesellschaftstheorie zu überwinden trachtet.
Im Zentrum der Habermasschen Analyse steht das kommunikative Handeln. “Der Begriff des kommunikativen Handelns (...) bezieht sich auf die Interaktion von mindestens zwei sprach- und handlungsfähigen Subjekten, die (...) eine interpersonale Beziehung eingehen. Die Aktoren suchen eine Verständigung über die Handlungssituation, um ihre Handlungspläne und damit ihre Handlungen einvernehmlich zu koordinieren. Der zentrale Begriff der Interpretation bezieht sich in erster Linie auf das Aushandeln konsensfähiger Situationsdefinitionen.�? (Habermas 1981a: 128) Das Aushandeln der Situationsdefinitionen ist für Habermas an die Existenz rational argumentierender Subjekte gebunden. Hierin liegt das Charakteristische seiner Verständigungstheorie. “Ein kommunikativ erzieltes (...) Einverständnis erfüllt nicht nur die Bedingungen einer faktisch bestehenden Übereinstimmung. Einverständnis kommt vielmehr nur unter Bedingungen zustande, die auf eine rationale Grundlage verweisen. Einverständnis beruht auf gemeinsamer Überzeugung. Die kommunikative Handlung des einen gelingt nur, wenn der andere sie in spezifischer Weise akzeptiert; wenn er (wie implizit auch immer) zu einem grundsätzlich kritisierbaren Geltungsanspruch mit “Ja�? oder “Nein�? Stellung nimmt. Sowohl Ego, der mit seiner Äußerung einen Geltungsanspruch erhebt, wie Alter, der diesen anerkennt oder zurückweist, stützen ihre Entscheidung auf potentielle Gründe.�? (Habermas 1984: 460f) Die Möglichkeit zum Einverständnis bzw. zur Zurückweisung von Geltungsansprüchen ist vor allem mit der illokutionären Ebene sprachlicher Äußerungen gegeben. Auf dieser Sprachebene werden die Geltungsansprüche erhoben, die dann von dem Kommunikationspartner begründet zurückgewiesen werden können - eine Möglichkeit, die die rationale Konsensfindung der Kommunikationspartner erst antreibt. Fundiert ist das kommunikative Handeln in einer von den Subjekten gemeinsam geteilten Lebenswelt, dem Horizont, in dem sich die kommunikativ Handelnden ‘immer schon’ bewegen. In der modernen Gesellschaft wird - so Habermas kritisch - kommunikatives Handeln “durch den Strukturwandel der Gesellschaft im ganzen begrenzt und verändert�? (Habermas 1981b: 182) in Richtung auf ein rein strategisches, wirkungsorientiertes Handeln. “Lebenswelt�? wird zunehmend durch “System�? ersetzt. Habermas “Theorie des kommunikativen Handelns�? ist letztlich - das konnte hier nur angedeutet werden - “eine Theorie der Begründung kommunikativer Rationalität�? (Loenhoff 1992: 25) Die Einarbeitung der sozialstrukturellen Dimension in eine Theorie kommunikativer Verständigung - wie sie oben thematisiert wurde - ist mit ihr nicht geleistet und kann mit ihr nicht geleistet werden. Dafür sind zwei Gründe ausschlaggebend:
a) Habermas orientiert sich bei seinem Verständigungskonzept durchweg an seinem Diskurs-Modell - auch da, wo er Diskurs von kommunikativem Handeln ausdrücklich abgrenzt. Die genuinen Probleme alltäglicher Verständigung, die in der Frage gipfeln, unter welchen Bedingungen und mit welchen Lösungen Menschen alltäglich in der Lage sind, sich etwas mitzuteilen bzw. den anderen zu verstehen, werden von ihm kaum berücksichtigt. Damit bleiben fundamentale Aspekte kommunikativer Verständigung außen vor: die Perspektivität des Mitteilungs- und Verstehensprozesses, der resultierende differenzlogische Zeichenbegriff, die Ausrichtung auf einen pragmatischen und stets fragil bleibenden Konsens, der nie volles Einverständnis sein kann, der immer ‘nur’ auf Ähnlichkeiten verweist und ‘zum Teil’ bloße Passung bleibt etc. Nur weil Habermas diese genuinen Fragen kommunikativer Verständigung ausblendet, kann er dann auch ein kommunikatives Konsensmodell entwickeln, das von einer gemeinsam geteilten Lebenswelt ausgeht und einen rationalen Konsens postuliert und für möglich hält. Entscheidend ist hier aber schon, daß das Habermassche Verständigungskonzept wenig gemein hat mit einer Theorie kommunikativer Verständigung, die die Analyse von Mitteilungs- und Verstehensprozessen mit Blick auf eine abgleichende, pragmatische Konsensfindung in den Vordergrund stellt und die hier auf die Möglichkeit der Integration der sozialstrukturellen Kommunikationsebene ‘abgeklopft’ werden soll. b) Deutlich geworden dürfte aber auch sein, daß - läßt man sich auf die Theorie kommunikativen Handelns ein - ein Anschluß an Bourdieus Soziologie des Sprechens nur schwer zu finden sein dürfte. Zwar ist auch mit dem Habermasschen Verständigungskonzept eine Dynamisierung des Habituskonzepts vorstellbar (vgl. dazu auch Pkt. III dieses Beitrags), aber die sozialstrukturelle Dimension des Sprechens verträgt sich kaum mit dem Rationalitätsanspruch, mit dem Habermas Verständigung belegt. “Habermas konstruiert den Verständigungsbegriff so, daß Verständigung nur in einem symetrischen Verhältnis der Kommunikationspartner gelingen kann.�? (Loenhoff 1992: 25) Mit der Integration asymetrischer Interaktionsverhältnisse würde die Rationalität zwangsläufig dem Kommunikativen Handeln entweichen (Janning 1991: 24).
Mit Habermas “Theorie des kommunikativen Handelns�? ist also keineswegs bereits eine Integration der sozialstrukturellen Durchformung alltäglicher Verständigungsprozesse in eine Theorie kommunikativer Verständigung geleistet. Zum einen berührt die Theorie des kommunikativen Handelns die hier zur Debatte stehenden grundlegenden Probleme und Lösungen des alltäglichen Mitteilens und Verstehens nur am Rande - ihr liegt ganz einfach ein anderes (m.E. problematisches) Verständigungskonzept zugrunde - und zum anderen ist die für Verständigung im Sinne von Habermas konstitutive Rationalität nicht mit asymetrischen Interaktionsverhältnissen in Einklang zu bringen. (Exkursende)
Bourdieu, darauf möchte ich mit diesem Beitrag aufmerksam machen, erinnert mit seiner Soziologie des Sprechens die Kommunikationswissenschaft trotz seines kommunikationsanalytischen Defizits daran, daß ein Subjekt stets aus einer sozialen Position in einem feld- und situationsentsprechenden Positionsgeflecht kommuniziert. Zuerst ist die in einem ‘sozialstrukturellen Ähnlichkeitsbereich’ ‘festgelegte’ soziale Position des Kommunikanten ausschlaggebend für das Gewicht, das seinen Redebeiträgen im kommunikativen Verständigungsprozeß zukommt. Die soziale Position eines Kommunikanten ergibt sich vor allem aus seiner institutionell abgesicherten Stellung in einem spezifischen Feld, aus den sozialen Beziehungen, über die er im Feld verfügt (‘Soziales Kapital’), und aus dem Ansehen, dem Prestige, das er im Feld genießt (‘Symbolisches Kapital’). In seinen Redebeiträgen macht das Subjekt implizit auf seine soziale Position aufmerksam, und es bemüht sich darum, in der Vorabeinschätzung des sprachlichen Feldes und in der Umsetzung eines resultierenden, positionsangemessenen Sprechstils seine Position zu verbessern, zumindest aber, sie zu halten. D.h.: Das Subjekt kommuniziert - vor allem über seinen Stil - situativ immer auch die eigene Position und die feldspezifische Sozialstruktur, in die sie verankert ist. Dieser Verortungszwang gilt für formelle wie für informelle Kommunikationskontexte. Spitzt man diesen Gesichtspunkt etwas zu, dann heißt das: Die feldspezifischen Sozialstrukturen bilden - eingebettet in einen historisch konstruierte gesellschaftlich kommunikative Ähnlichkeitsbereiche - jeweils die ‘Rahmen’, aus denen heraus die oben in der Kritik an Bourdieu aufgeführten positionsentsprechenden situativen und einzelfallspezifischen Verständigungs- und Aushandlungsprozesse beschreibbar und als sinnvoll nachvollziehbar werden. Situative Verständigungs- und Aushandlungsprozeduren lassen sich so in ihrer feldspezifischen Verankerung und in den resultierenden Asymmetrien beschreiben. Erst das Wissen um die jeweilige feldspezifische Handlungslogik und die sie tragende Sozialstruktur macht kommunikative Verständigungsprozesse verstehbar. Dabei müssen zwei Verständigungsebenen auseinandergehalten werden: die wechselwirkende Ausdifferenzierung und Abgleichung der Perspektiven zum einen in Richtung auf passende Situationsdefinitionen und zum anderen in Richtung auf die Gestaltung der passenden, sich ähnlichen Situationsdefinitionen. Beide Ebenen können ineinandergreifen, aber für beide Ebenen gilt, daß den Verständigungsprozessen immer auch die feldspezifischen Positionierungen der Kommunikanten zugrunde liegen. D.h.: Das soziale Gewicht eines Subjekts in einem bestimmten sozialen Feld und seine Geschicklichkeit, dieses soziale Gewicht v.a. in seinem Sprechstil in diesem Feld zum Ausdruck zu bringen, sind sowohl beim Abgleich der perspektivisch überformten Situationsdefinitionen als auch beim Abgleich in bezug auf praktische Entscheidungen zur Situationsgestaltung von mitausschlaggebender Bedeutung. In der Folge kommt es dann durchaus zu sozialstrukturellen Verschiebungen. Verständigungsprozesse sind im Normalfall asymmetrisch fundiert, was bei einer Analyse entsprechender Verständigungsvorgänge zu berücksichtigen ist.
Mir ging es in diesem Beitrag darum, inspiriert durch Bourdieus Soziologie des Sprechens darauf aufmerksam zu machen, daß Subjekte ihre kommunikative Verständigung unhintergehbar aus der in einem sozialen Feld verankerten sozialen Position heraus betreiben und daß sie sich dies auch wechselseitig kommunikativ anzeigen (vgl. auch Strauss 1978). In Abgrenzung zur kognitiv interpretativen Dimension ist damit - wie ich in Ermangelung eines geeigneteren Begriffes sagen möchte - die ‘sozialpositional nutzenorientierte’ Dimension eines einheitlichen Verständigungsprozesses angesprochen. Mit der Einbeziehung der Überlegungen Bourdieus zur sozialstrukturellen Fundierung alltäglicher Kommunikation ist das zentrale Moment alltäglicher Verständigungsprozesse, die Abgleichung der Perspektiven, konzeptionell zum einen im gesellschaftlichen Ähnlichkeitsbereich verankert und zum anderen mit Blick auf die ‘asymetrische Verwurzelung’ radikalisiert.
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Autor: Norbert Schröer, Universität Duisburg-Essen, Universität Wien
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