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Politainment bezeichnet eine bestimmte Form der öffentlichen, massenmedial vermittelten Kommunikation, in der politische Themen, Akteure, Prozesse, Deutungsmuster, Identitäten und Sinnentwürfe im Modus der Unterhaltung zu einer neuen Realität des Politischen montiert werden. Diese neue Realität konstituiert den Erfahrungsraum, in welchem den Bürgern heutzutage typischerweise Politik zugänglich wird. Das Bild, das die normalen Wähler und Mediennutzer, Publikum und Elektorat sich von der Politik machen können, ist maßgeblich geprägt durch die Strukturen und Funktionen des Politainment. Politik im Unterhaltungsformat ist daher an der Schwelle vom 20. ins 21. Jahrhundert zu einer zentralen Bestimmungsgröße von politischer Kultur geworden.
Grundsätzlich bildet sich Politainment immer auf zwei Ebenen, die jedoch in der real existierenden Medienrealität oft eng verzahnt in Erscheinung treten: unterhaltende Politik und politische Unterhaltung.
Unterhaltende Politik liegt immer dann vor, wenn politische Akteure auf Instrumente und Stilmittel der Unterhaltungskultur zurückgreifen, um ihre jeweiligen Ziele zu realisieren. Die sichtbarste und prominenteste Variante dieser Handlungsstrategie können wir regelmäßig in Wahlkämpfen beobachten, wo nicht nur Showprominenz zur Gewinnung von Wählergunst in die Dienste von Parteien und Kandidaten gestellt wird, sondern die Polit-Profis selbst in den Fundus der Unterhaltungsbranche greifen, um sich in einem günstigen Licht zu präsentieren. Politische PR-Kampagnen aller Art bedienen sich ebenso zahlreicher Politainment-Methoden wie alle anderen Versuche der symbolischen Politik, durch die einzelne Projekte und Vorstöße öffentlich „verkauft“ und legitimiert werden sollen. Unterhaltende Politik dient also dazu, politische Macht zu erwerben und stabil auf Dauer zu stellen.
Politische Unterhaltung wird dagegen von der anderen Seite aus betrieben. Die Unterhaltungsindustrie greift dabei auf politische Figuren, Themen und Geschehnisse zurück, um sie als Materialien bei der Konstruktion ihrer fiktionalen Bildwelten zu verwenden und ihre Produkte somit interessant und attraktiv zu gestalten. Aktuelle Bezüge werden als Authentizitätsbeleg eingebaut, die eine Brücke zwischen der fiktionalen Welt eines Films und der für den Zuschauer als „real“ geltenden Welt des politischen Geschehens herstellen, wie er sie beispielsweise aus den Nachrichten oder aus der Zeitung kennt. Die Aktivitäten sind hier nicht, oder zumindest nicht primär auf politische Zielsetzungen ausgerichtet, sondern orientieren sich zunächst einmal am Markt und an dem Erwartungshorizont des zahlenden Publikums. Den Unterhaltungsmachern ist es grundsätzlich gleich, ob nun Polit- oder Showprominenz, ein politischer oder ganz privater Handlungsstrang die Quote steigert – die Hauptsache besteht im Erfolg am massenmedialen Markt. Häufig kann aus dieser Konstellation eine symbiotische Beziehung erwachsen: Der Auftritt des Bundeskanzlers in der großen Game Show stellt einerseits die gewinnbringende Einschaltquote sicher und bietet dem Politiker andererseits eine vielbeachtete Bühne, um ein Publikum anzusprechen, das über die konventionellen Kanäle politischer Kommunikation nicht mehr erreichbar wäre. Dabei können natürlich auch Irritationen auftreten: Die Regeln der Unterhaltungswelt entwickeln oft, wie oben am Beispiel Schröder gezeigt wurde, einen Eigensinn, der jegliche Strategie der Akteure zunichte macht. Und andererseits kann ein unvorsichtiges Vorgehen der Entertaiment-Profis im politischen Terrain heftige Proteste und damit auch deutlich geminderte Absatzchancen bescheren.
Andreas Dörner, Philipps-Universität Marburg