Politische Kultur

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Politische Kultur, politische Kulturforschung

Der Begriff der „Politischen Kultur“ ist ausgesprochen schillernd – anders als man dies gemeinhin bei einem etablierten Forschungsterminus erwartet. So gibt es zum einen innerhalb der politikwissenschaftlichen Diskussion eine Vielzahl von Definitionsversuchen mit einer Reihe von heterogenen Konzepten und Methoden. Zum anderen ist der Begriff in der öffentlichen Umgangssprache nahezu aller westlichen Gesellschaften gebräuchlich. Der Hinweis auf eine gefährdete oder zu verteidigende Politische Kultur ist aus der modernen politischen Auseinandersetzung nicht mehr wegzudenken. Dieser Begriff ist normativ aufgeladen und am ehesten zu übersetzen mit dem Begriff der „guten Sitten“ oder der angemessenen politischen Umgangsform. In diesem Sinne dient die Rede von der Politischen Kultur auch als normative Bezugsgröße im politischen Alltagskampf. Dem Gegner kann mit Hinweis auf einen übergeordneten Werthorizont politisches Versagen, Stillosigkeit und Amoralität vorgeworfen werden – ein Mittel, das zur Skandalisierung und damit zum Legitimitätsentzug der jeweils anderen Position nicht nur in Wahlkampfzeiten gern genutzt wird. Nicht selten mischen sich schließlich Elemente der wissenschaftlichen und der umgangssprachlichen Begrifflichkeit durcheinander, so dass die Konturen des Gemeinten völlig verschwimmen. Es gilt daher, was der Soziologe Hans-Georg Soeffner für den Kulturbegriff insgesamt konstatiert hat: „bedeutungsgeladene Diffusität“. Jeder weiß, dass hier wichtiges benannt wird; aber die Gefahr des aneinander Vorbeiredens ist aufgrund einer Vielzahl von möglichen Inhalten besonders groß. Als wissenschaftlicher Terminus wurde der Begriff der Politischen Kultur erst in den 1950 Jahren von dem amerikanischen Politologen Gabriel A. Almond (1956) in die Debatte eingeführt. Die erste umfangreiche empirische Studie ist dann von Almond und seinem Kollegen Sydney Verba 1963 unter dem Titel „The Civic Culture“ veröffentlicht worden. Dieser Gründungsakt einer im empirisch-analytischen Wissenschaftsverständnis beheimateten Politischen Kultur-Forschung, die sich vor allem am Ideal der Beobachtbarkeit und der quantitativen Messbarkeit orientiert, initiierte eine große Vielzahl von weiteren Studien. Im Laufe der Jahre wurde das begriffliche wie das methodische Instrumentarium stets verfeinert, die Fragestellungen wurden differenziert, die Typologien und Erklärungsmuster weiterentwickelt. In den 70er Jahren formierte sich schließlich ein gewisses Unbehagen an dieser Form der Politischen Kulturforschung, in der durch den scientifischen Anspruch auf exakte Messbarkeit doch einige Dimensionen, die im kollektiv verankerten Kulturbegriff enthalten sind, ausgeblendet werden. Es kam zur Herausbildung alternativer, „kulturalistischer“ Ansätze. Auf die Eigenheiten dieser beiden Stränge, der empirisch-analytischen und der interpretativen Politischen Kulturforschung, wird unten noch genauer eingegangen. Zuvor aber ist es wichtig, jenseits der verschiedenen Forschungsansätze den gemeinsamen Nenner zu beschreiben, der das Spezifikum eines Zugangs über Politische Kultur gegenüber anderen Zugangsweisen in der Politikwissenschaft verdeutlicht. Im Anschluss kann dann der systematischen Ort von Politischer Kultur als Element politischer Wirklichkeit genauer bestimmt werden.

Politische Kulturforschung, gleich welcher Provenienz, führt die Perspektive der Menschen in die Betrachtung von Politik ein. Genauer formuliert: Politische Realität ist aus dem Blickwinkel der Politischen Kulturforschung immer als eine durch den Menschen gedeutete Realität zu betrachten. Nicht „bloße Fakten“ im Sinne der Existenz dieser oder jener Institution, dieses oder jenes Verfahrens sind also hier entscheidend, sondern die Wahrnehmung und Verarbeitung eben dieser „Fakten“ durch die Akteure, die innerhalb einer politischen Ordnung handeln. Allerdings muss diese Aussage noch insofern präzisiert werden, als Politische Kultur – hier durchaus parallel zu sehen zum allgemeinen Kulturbegriff – immer auch impliziert, dass es sich nicht um ein individuelles Phänomen handelt, sondern um eine Größe, die man mit anderen teilt. Politische Kultur ist, wie jede andere Form von Kultur auch, ein intersubjektives Phänomen.

In Anlehnung an den Sprachgebrauch im angelsächsischen Kulturraum ist schon vor einiger Zeit vorgeschlagen worden, von drei Dimensionen des Politischen zu sprechen (vgl. Rohe 1994, S. 61ff.). In den englischen Wörtern policy, politics und polity kommen demzufolge drei unterschiedliche Grundbedeutungen des deutschen Wortes „Politik“ zum Ausdruck, die geeignet sind, das komplexe Realitätsgeflecht politischer Wirklichkeiten zu strukturieren. Policy bezeichnet die inhaltliche Dimension der Politik: konkrete Ziele, Programme, Aktivitäten und Resultate, die sich nach Teilbereichen wie Wirtschaftspolitik, Umweltpolitik etc. zuordnen lassen. In der Policy-Dimension geht es um Inhalte, Werte und Interessen und darum, was am Ende für wen dabei herauskommt. Demgegenüber bezeichnet politics die Prozessdimension des Politischen. Hier werden Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse in den Blick genommen, hier wird danach gefragt, wer in welcher Weise an dem Geschehen partizipiert und nach welchen Verfahren bestimmte Ergebnisse produziert werden. Policy und Politics sind also zwei Dimensionen, die sich bei jedem politischen Geschehen analytisch unterscheiden lassen, auch wenn sie in der Praxis jeweils untrennbar miteinander verbunden sind. Der dritte Begriff schließlich, polity, weist auf den Rahmen hin, innerhalb dessen policy und politics jeweils gestellt sind. In der polity finden sich die Bedingungen formuliert, unter denen politisches Handeln überhaupt stattfinden kann. Eine solche Bestimmung verweist zunächst einmal auf das, was man im weiteren Sinne als „Verfassung“ verstehen kann: die „grundlegenden Organisationsformen und Organisationsnormen eines Staates“ (Rohe 1994, S. 65), d.h. nicht nur die schriftlich niedergelegten Verfassungstexte wie etwa das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch „ungeschriebene Verfassungen“ wie in Großbritannien sowie insgesamt all jene normativen Regelungen, die das politische Leben eines Gemeinwesens ordnen. Neben dieser institutionellen Ebene hat polity aber immer auch ein kulturelle Ebene, und eben dort liegt der spezifische Ort der Politischen Kultur. Politische Kultur umschreibt in diesem Sinne den Raum dessen, was „man“ in einem Gemeinwesen legitimerweise tun und lassen kann, wie „man“ hier üblicherweise denkt und handelt, fühlt und wahrnimmt, was von der Politik erwartet wird und wie die jeweils eigene Rolle als Akteur definiert ist. Politische Kultur definiert den Raum des Sagbaren und dadurch auch den Raum des Machbaren, weshalb verschiedene Kulturen, die durchaus vergleichbare institutionelle Arrangements und ähnliche politische Systemstrukturen aufweisen, in den Problemdefinitionen und Problemlösungen gleichwohl große Unterschiede aufweisen können. So lässt sich erklären, warum etwa westliche Gesellschaften trotz vergleichbarer Systemausstattungen auf ähnliche Problemlagen, zum Beispiel auf Weltwirtschaftskrisen, ganz unterschiedlich reagieren. Wenn man es verkürzt, aber anschaulich benennen will, dann stellt die Politische Kultur so etwas wie die „Software“ dar, mit der man im Rahmen einer institutionellen „Hardware“ operieren kann. Von der Qualität der Software hängt bekanntlich eine ganze Menge ab. Und dort, wo Hardware und Software nicht zueinander passen, wo wir es beispielsweise mit einer „Demokratie ohne Demokraten“ zu tun haben wie in der Weimarer Republik oder in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern, da kommt es zu massiven Funktionsproblemen. Das institutionelle System kann noch so klug konstruiert sein; wenn die Dispositionen der Bürger dazu nicht stimmen, wird die Ordnung als solche scheitern. Wie oben erwähnt wurde, lassen sich grob zugespitzt zwei Stränge der modernen Politischen Kulturforschung unterscheiden: der empirisch-analytische und der interpretative. Beide gehen von unterschiedlichen Konzepten aus, zielen auf unterschiedliche Dimensionen von Politischer Kultur ab und greifen auf unterschiedliche Methoden zurück. Die dominante Variante stellt das empirisch-analytische Paradigma dar, während die interpretativen Ansätze erst in den letzten 15 Jahren verstärkte Aufmerksamkeit und intensivierte Forschungstätigkeit erfahren. Am Beginn der empirisch-analytischen Kulturforschung steht ohne Zweifel die „Civic Culture“-Studie von Almond und Verba (1963). Das Konzept der „political culture“, das die Autoren hier entwickelt und empirisch umgesetzt haben, versucht eine Schnittstelle zwischen dem politischen System und dem Handeln der Akteure zu benennen, an der sich letztlich die Überlebensfähigkeit von Demokratien entscheidet. Vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs mehrerer Systeme im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs richtet sich daher das Erkenntnisinteresse der Studie auf die Bedingungen, die gegeben sein müssen, damit demokratische Ordnungen nicht nur etabliert, sondern auch auf Dauer gestellt werden können. Diese Fragestellung war nicht zuletzt auch für die vielen neu entstandenen Demokratien in der „Dritten Welt“ von großer Bedeutung. Ausgehend von einem behavioristischen Wissenschaftsverständnis in Verbindung mit einem von Talcott Parsons entlehnten systemtheoretischen Theorierahmen sollten die kulturellen Voraussetzungen von stabiler Demokratie möglichst „objektiv“ in einer quantitativ-empirischen, international vergleichenden Studie gemessen werden. Im Jahr 1959 wurden die Daten in jeweils 1000 Interviews für die Länder USA, Großbritannien, Italien, Bundesrepublik Deutschland und Mexiko erhoben. Der Studie liegt folgende Definition von Politischer Kultur zugrunde: „Die politische Kultur einer Nation ist die spezifische Verteilung von Orientierungsmustern gegenüber politischen Objekten unter den Mitgliedern einer Nation“ (Almond/Verba 1963, S. 14). Es geht also darum, diejenigen politischen Einstellungen und Orientierungen zu bestimmen, die eine gute Funktionsfähigkeit demokratischer Systeme verbürgen. Almond und Verba unterscheiden drei Dimensionen der politischen Orientierung: die kognitive Dimension der Kenntnisse und Wahrnehmungen, welche eine Person von der politischen Realität besitzt; die affektive Dimension der Gefühle; und die evaluative Dimension der Bewertungsmuster, die politischen Objekten entgegengebracht werden. Auch hinsichtlich der Orientierungsobjekte nehmen die Autoren eine Differenzierung vor. Die Einstellung der Individuen kann sich auf das System als Gesamt, auf den System-Input (z.B. Interessenartikulation und Beteiligung am politischen Prozess), den Output (materielle und immaterielle Leistungen des Systems) sowie schließlich auf die Rolle der politischen Akteure selbst richten. Um die Komplexität der Ergebnisse in einer aussagekräftigen Weise zu reduzieren, haben die Autoren eine Typologie politischer Kulturen entwickelt. Als die drei reinen Typen der Politischen Kultur unterscheiden sie 1) den parochialen Typ, der durch eine große Indifferenz der Orientierungen insgesamt gekennzeichnet ist – er entspricht am ehesten vormodernen politischen Systemen; 2) die Untertanenkultur, wo zwar ausgeprägte Orientierungen im Hinblick auf das Systemganze und seinen Output, nicht jedoch für den Input und die Selbstkategorisierung der Akteure vorhanden sind; und 3) den partizipativen Typ, in dem alle vier Dimensionen intensive Ausprägungen aufweisen. Almond und Verba, die bewusst normativ nach der besten Form von politischer Kultur fragen, sehen diese keineswegs in dem rational-aktivistischen Typ der partizipativen Kultur gegeben. Vielmehr muss ihrer Meinung nach eine Ausgewogenheit zwischen Partizipation bzw. Interessenartikulation der Bürger einerseits und einer stabilen, unhinterfragten staatlichen Macht mit entsprechender Bewegungsfreiheit für die politischen Eliten andererseits vorhanden sein, um Demokratien auf Dauer zu stellen. Ein solcher idealer Mischtyp der Civic Culture, wie er von den Autoren empirisch in den angelsächsischen Demokratien verortet wird, funktioniert nicht zuletzt durch den Glauben an den 'demokratischen Mythos': ein Glaube an mehr Partizipationsmöglichkeiten für die Bevölkerung, als tatsächlich vorhanden sind. Da dieser Glaube von Bürgern und Eliten geteilt wird, entfaltet er als potentielle bzw. latente Partizipation tatsächlich demokratische Effekte. Die Civic Culture-Studie hat eine große Anzahl von Nachfolgestudien angeregt, die sowohl im Bereich der theoretischen Konzepte als auch in dem der methodischen Zugänge immer weitere Verfeinerungen brachten. Noch jüngst wurden u.a. von Robert D. Putnam (1993) und Ronald Inglehart (1997) eindrucksvolle Arbeiten vorgelegt, die sich im Grundsatz dem von Almond und Verba begründeten Paradigma zurechnen lassen. Gleichwohl sind auch die Schwächen des auf Einstellungen und Orientierungen ausgerichtete Konzepts und seiner methodischen Umsetzung deutlich geworden. So wird von individuellen Einstellungen und Orientierungen auf die kollektiv geteilte Größe Kultur zurück geschlossen. Weiterhin werden bei den Umfragen meist Einstellungen zu diesem oder jenem Problem, zu diesem oder jenem Regime erhoben, nicht jedoch die zugrunde liegenden Wahrnehmungsmuster und Maßstäbe, die all jene konkreten Aussagen erst generieren. Die Befragung erhebt zudem (vorformulierte) bewusste Stellungnahmen von Seiten der Befragten, also gleichsam eine Art explizites Regelwissen, nicht jedoch die unbewussten, im Modus der unhinterfragten Selbstverständlichkeit verwendeten Deutungsmuster.

Diese und weitere Probleme haben alternative Zugangsweisen einer interpretativen Politischen Kulturforschung hervorgerufen, die vor allem die kulturelle Praxis selbst in Form von Sprache und Bildern, Symbolen und Mythen, Ritualpraktiken und Lebensweisen untersucht. Die Kanadischen Politologen David Elkins und Richard Simeon haben vorgeschlagen, statt individueller Einstellungen gegenüber politischen Objekten kollektiv geteilte „assumptions�? als konzeptionellen Kern von politischer Kultur zugrunde zu legen (Elkins/Simeon 1979, S. 127). In Deutschland wurden diese Gedanken in den 80er Jahren vor allem von der Essener Forschungsgruppe um Karl Rohe aufgegriffen und systematisch weiterentwickelt. Rohe fasst politische Kultur als „die für eine soziale Gruppe maßgebenden Grundannahmen über die politische Welt und damit verknüpfte operative Ideen (...). Diese Grundannahmen stellen so etwas wie Maßstäbe dar, an Hand derer Politik wahrgenommen, interpretiert und beurteilt wird“ (Rohe 1994a, S. 1). Derartige Maßstäbe sind auf einer grundsätzlicheren Ebene anzu¬siedeln als die politischen Orientierungen, wie sie in der Almond/Verba-Tradition erforscht werden. Es geht also um grundlegende Denk- und Wahrnehmungsmuster sowie die damit verbundenen normativen Dispositionen einer bestimmten Gruppe von Menschen: „Mit bestimmten Grundannahmen über die politische Welt sind nicht zufällig auch eine Reihe mehr instrumentell zu verstehender operativer Ideen verbunden, also ein zu Denk- und Handlungskonventionen geronnenes Wissen darüber, wie Probleme angegangen werden, welche ‘Antworten’ sich in der Vergangenheit bewährt haben und welche nicht und wie man öffentlich reden und auftreten muss, wenn man politisch erfolgreich sein will�? (Rohe 1994a, S. 2). Die praktische Dimension von politischer Kultur kann sich dann auskri¬stallisieren als „Way of Life�?, als typisches Muster von Lebensweisen, die freilich gerade im Zeit¬alter der fortgeschrittenen Moderne von den Individuen stets neu erprobt und ausgehandelt werden. Im Anschluss an Pierre Bourdieu kann man von einem politischen Habitus sprechen, einer in alltäglichen Sozialisationsprozessen erworbenen Matrix von Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmustern, die im Zusammenspiel mit den jeweiligen äußeren Gegebenheiten die menschliche Praxis steuern. Politische Kulturen in diesem Sinn sind, vergleichbar dem in den Geschichtswissenschaften entwickelten Begriff der „Mentalitäten“, ein Phänomen der „longue duree“, großer historischer Zeiträume. Sie basieren auf geschichtlichen Erfahrungen und deren Verarbeitung, weshalb sie nicht nach Belieben von heute auf morgen erfunden, verändert oder abgeschafft werden können. In der angelsächsischen Welt hat vor allem Stephen Welch den interpretativen Ansatz der Politischen Kulturforschung ausgearbeitet (1993). Er ver¬weist dabei sowohl auf den anthropologischen Kulturbegriff der „geteilten Bedeutungen�? als auch auf die phänomenologische Tradition im Gefolge von Edmund Husserl und Alfred Schütz, die auf eine Rekonstruktion der kommunikativen Praktiken der Menschen in ihrer Alltagswelt zielt. Die gleiche Zielrichtung haben die Arbeiten des „Social Constructivism�?. Hier wird die Themenbildung, Rahmung und Deutung von Ereignissen im politischen Diskurs empirisch untersucht. So zeigt William A. Gamson (1992) anhand einer qualitativen Analyse von Grup¬pendiskussionen über politische Themen, wie ganz normale Leute über aktuelle politische Probleme sprechen, als was diese Probleme gerahmt und welche Lösungsperspektiven gesehen werden. Hier stehen also nicht ledig¬lich standardisierte Fragebatterien zur Beantwortung an. Vielmehr wird die sprachliche Konstruktion politischer Wirklichkeit in der Alltagswelt minu¬tiös rekonstruiert, die Menschen selbst kommen zur Sprache. Gamson macht anhand verschiedener Themenbereiche wie Affirmative Action, Atom¬energie, israelisch-arabischer Konflikt und Probleme der amerikanischen Industrie deutlich, wie politisches Bewusstsein und somit auch Handlungs¬bereitschaft im Rahmen von sozialer Bewegung entsteht. Ein interpretativer Ansatz impliziert methodologische und methodische Konsequenzen. Dem Faktum einer immer schon gedeuteten Realität wird hier insofern Rechnung getragen, als Politische Kultur nicht technisch „gemessen“ werden kann. Stattdessen soll kulturelle Praxis methodisch kontrolliert verstanden werden, um die zugrunde liegenden Muster wie eine Art „Grammatik“ des Politischen zu rekonstruieren. Entsprechend wird auf hermeneutische Verfahren zurückgegriffen, wie sie in den letzten Jahrzehnten vor allem in Soziologie und Kulturwissenschaften entwickelt wurden (vgl. Hitzler/Honer 1997). Die Daten werden entsprechend auch nicht wie im empirisch-analytischen Ansatz mit Hilfe quantitativer Umfrageinstrumente erhoben. Statt dessen greift man entweder auf „natürliche Daten“ zurück, die dem kulturellen Prozess selber entstammen (z.B. Zeitungstexte und Felddokumente aller Art). Oder aber es werden Erhebungsinstrumente verwendet, die offen genug sind, um dem kulturellen Eigensinn der politischen Alltagspraxis Raum zu geben: nicht- und teilstandardisierte Interviews, Gruppendiskussionen, Beobachtungsverfahren und Ethnografien. Politische Vorstellungswelten sind in diesem Sinne empirisch rekonstruiert worden anhand von Zeitungstexten, anhand von Literatur und Kunstwerken, Wahlplakaten und Filmen, Festen und Ritualen oder auch anhand von architektonischen Gegebenheiten. Der Vorteil interpretativer Zugriffe definiert zugleich auch deren Nachteil: „repräsentative“ Ergebnisse, flächendeckende Untersuchungen sind auf diesem Wege nicht zu gewinnen. Und die hermeneutischen Verfahren sind nicht im gleichen Maße technisierbar und somit intersubjektiv kontrollierbar wie die Schritte einer quantitativen Untersuchung (was freilich beispielsweise vor dem durchaus nicht seltenen Problem gefälschter Daten auch nicht schützt). Es sollte aber durchaus beachtet werden, dass die zeitaufwendigen, methodisch kontrollierten Auswertungsschritte eines interpretativen Verfahrens keineswegs mehr Willkür enthalten als die oft unkontrollierten Deutungsschritte bei der Operationalisierung und Interpretation quantitativ-standardi¬sierter Untersuchungen (vgl. Giddens 1984, S. 333).

Literatur

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Andreas Dörner, Philipps-Universität Marburg

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