Politisches Handeln
Ein Mensch, der handelt, weiß, dass er handelt. Denn Schütz/Luckmann (1984, S. 11)zufolge bezeichnet 'Handeln' eine spezielle Art von Erfahrung, eine vorentworfene Erfahrung, besser: das Vollziehen bzw. Einholen einer vorentworfenen Erfahrung. Handeln schlechthin, auch nicht beobachtbares Handeln (=reines Denken), geschieht im Rekurs auf Wissen. Wissen seinerseits konstituiert sich 'logisch' im Handeln: Durch Nach-Denken über Wahrnehmungen und Vorstellungen (d.h. über Erfahrungen). D.h., Handeln lässt sich anders nicht sinnvoll bestimmen, denn als wissensgeleitetes Verhalten; Wissen lässt sich anders überhaupt nicht erfassen, denn im Handeln und - vor allem - in Handlungssedimenten. Oder mit der offenbar notwendigen Deutlichkeit gesagt: "Nur der Handelnde weiß, wann sein Handeln beginnt und wo es endet" (Schütz 1971, S. 27).
In dieser ‚Logik‘ weiß auch ein Mensch, der politisch handelt, dass er politisch handelt. Das bedeutet allerdings durchaus nicht notwendigerweise, dass ein Mensch, der sich politisch verhält, weiß, dass er sich politisch verhält. Denn 'Verhalten' stellt eine Beobachterkategorie dar. Und wissenstheoretisch gesehen lässt sich somit 'bewusstloses' Verhalten von bewusstem (was nicht etwa bedeutet: reflektiertem) Verhalten unterscheiden. Nur bewusstes Verhalten, also der beobachtbare Aspekt von Handeln, ist Verhalten, das unter Rekurs auf Wissen stattfindet.
Dass nun in 'politischen Kontexten' Leute handeln, die wir als 'Politiker' bezeichnen, wissen wir alle. Dass aber nicht alle Akteure in politischen Kontexten Politiker sind, wissen wir ebenfalls. Und dass Politiker - auch als Politiker - auch in Kontexten handeln, die nicht als 'politische' definiert sind, ist uns auch allen bekannt - es sei denn, man wollte jeden Zusammenhang, in dem ein Politiker handelt, schon allein deshalb als einen 'politischen Zusammenhang' bezeichnen, weil ein Politiker in ihm handelt. (Ich denke aber, kaum jemand würde etwa eine Weihnachtsfeier in einem Altenheim als 'politisch' deklarieren wollen, nur weil ein Abgeordneter zum Händeschütteln vorbeikommt. Andererseits nehmen wir derlei Ereignisse als sehr wohl mit politischen Absichten des Abgeordneten verbunden, also als Politikerhandeln (und nicht z.B. als 'Privatvergnügen') wahr.) Ich sehe deshalb eine strukturelle Abgrenzung zwischen dem, was ich als 'Politikerhandeln', und dem, was ich als 'Handeln in politischen Kontexten' bezeichnen, als sinnvoll und nützlich an.
Wenn wir aber politische Kontexte - als politische Kontexte - zumindest prinzipiell auch ohne Politiker wahrnehmen können, und wenn wir Politiker - als Politiker - zumindest partiell auch ohne politischen Kontext wahrnehmen können, wenn sich also das, was wir und (vor allem) wie wir von diesen beiden Phänomene jeweils wissen, nicht notwendigerweise wechselseitig bedingt, dann folgt daraus, dass sich ein 'Drittes' bestimmen lässt, das beiden Phänomenen zugrundeliegt. Dann lässt sich in der Tat eine besondere Form sozialen Handelns gegen andere Formen ab- und ausgrenzen, die wir eben als politisches Handeln bezeichnen können. Und nochmals zur Verdeutlichung: Wenn der Politiker außerhalb politischer Kontexte als Politiker sichtbar wird, und wenn politische Kontexte auch ohne Politiker als politische Kontexte erfahrbar sind, dann kann diese besondere Form sozialen Handelns weder mit dem zusammenfallen, was ein Politiker als Politiker tut, noch mit dem, was in politischen Kontexten als politischen Kontexten getan wird.
Handlungsrelevantes politisches Wissen finden wir - zumindest in Spuren - in allen Spielarten der in der Ethnomethodologie so genannten 'Politics of Reality': Wir alle kennen z.B. solche - eher unter analytischen Gesichtspunkten definierten - Phänomene wie etwa das, was man 'Mikropolitik in Organisationen' nennt. Wir alle kennen auch aus unserem Wissenschaftsalltag solche Aktivitäten wie z.B. 'Veröffentlichungspolitik', die man betreiben, 'Personalpolitik', der man sich vielleicht ausgeliefert sehen, oder 'Zitationskartellpolitik', die man mit der gebotenen Abscheu zur Kenntnis nehmen kann. Wir wissen aber auch aus unserem nicht-wissenschaftlichen Alltag (zumindest vom Hörensagen), dass gewisse Leute in ihren sogenannten Privatsphären 'ganz schön Politik machen'. Damit sind in der Regel solche Dinge gemeint wie: die Pflege des Umgangs 'mit den richtigen Leuten', der wohlbedachte Einsatz von Status- bzw. Understatement-Symbolen, der offenkundige Vollzug kontextuell bzw. situativ erwarteter Rituale. Und wir wissen sogar, dass manche Menschen (die offenbar nicht das Glück haben, so selbstvergessen und ekstatisch zu lieben, wie wir selber das tun) eine Art 'Intimbeziehungspolitik' betreiben.
Auch Intimbeziehungspolitik bzw. strategisches Handeln in den (proto-)politischen Konstellationen privater Bereiche funktioniert (wie alle anderen Politiken auch), abstrakt gesprochen, immer 'irgendwie' nach dem bekannten, gegenüber der etatistischen Überhöhung, die Carl Schmitt propagiert hat, sozusagen banalisierten Prinzip von Freund-und-Feind, respektive (ein wenig verwickelter, wie das 'im wirklichen Leben' eben so ist) nach dem Prinzip Freund-meines-Freundes, Feind-meines-Feindes, Freund-meines-Feindes, Feind-meines-Freundes, usw., den es ausfindig zu machen, zu aktivieren, zu überzeugen, für sich zu gewinnen, einzuspannen, unter Druck zu setzen, auszuschalten, hinzuhalten oder was auch immer gilt, um... - Ja, um was zu erreichen? Was sind die Motive, die Zwecke, die Merkmale, aufgrund derer wir ein soziales Handeln als 'politisches' bezeichnen können, ohne nur Alltagswissen fortzuspinnen?
Ich sehe drei Dimensionen, auf die sich eine Beschreibung politischen Handelns im hier gemeinten Sinne grundsätzlich (das heißt: nicht stets und schon gar nicht notwendig an einem empirischen Gegenstand, aber sozusagen als Möglichkeitshorizont) zu beziehen hat:
1. Das Handeln von Akteuren, die als 'Politiker' definiert bzw. definierbar sind, kurz: Politikerhandeln.
2. Das Handeln in Zusammenhängen, Arealen und Arenen, die als 'politische' definiert bzw. definierbar sind, kurz: Handeln in politischen Kontexten.
3. Das Handeln, das sich aufgrund besonderer struktureller Merkmale als 'politisches' von anderen Formen sozialen Handelns abgrenzen lässt, kurz: politisches Handeln oder, weil es eben auch in sogenannten vor- bzw. außerpolitischen 'Räumen' und unter Nicht-Politikern relevant ist: protopolitisches Handeln.
Ich sehe diese drei Dimensionen allerdings nicht als 'gleichwertig' an: Ich meine, dass Politiker unter anderem politisch handeln, und ich meine, dass in politischen Kontekten unter anderem politisch gehandelt wird. Aber ich meine vor allem, dass beide Phänomene ihre Besonderung gegenüber anderen - je typisch 'ähnlichen' - Phänomenen strukturell daraus beziehen, dass in Ihnen (proto-)politisches Handeln besonders eklatant zum Tragen kommt - sei es nun aufgrund von historischen Institutionalisierungsprozessen, oder sei es aufgrund von sozialen Zuschreibungsprozessen. (Proto-)politisches Handeln verhält sich jedoch zum Politiker und zum politischen Kontext wie theoretisches Handeln zum Wissenschaftler und zur Hochschule bzw. zur Wissenschaft: Es ist ein - zumindest - universalhistorisches Phänomen, ein lebensweltliches Datum mit beschreibbaren grundstrukturellen Merkmalen. Und seine strukturelle Beschreibung ist ein erster Schritt zum Verstehen konkreter Phänomene, die wir in all ihrer Heterogenität als 'politische' zu etikettieren geneigt sind.
Abzugrenzen ist so verstandenes (proto-)politisches Handeln nun aber auch z.B. gegen 'reines Machthandeln'. 'Reines Machthandeln' nämlich zielt, nach der Definition von Max Weber, 'lediglich' darauf ab, seinen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen. 'Reines Machthandeln' ist also nicht zustimmungsorientiert - jedenfalls nicht notwendigerweise (Ausnahme: Man will nichts anderes als den anderen mit allen Mitteln dazu zu bringen, (wozu auch immer) zuzustimmen). - Damit setzen wir (proto-)politisches Handeln aber auch gegen 'nur strategisches' Handeln ab. 'Nur strategisches' Handeln nämlich zielt, das hat u.a. Erving Goffman in seinen Analysen strategischer Interaktionen aufgezeigt, 'lediglich' darauf ab, andere in (möglichst unausweichliche) Zugzwänge zu bringen (z.B. unter Verwendung der Taktik, sie hinsichtlich der eigenen Absichten zu täuschen). 'Nur strategisches' Handeln ist also ebenfalls nicht zustimmungsorientiert - jedenfalls nicht notwendigerweise (Ausnahme: Man zielt darauf ab, andere in die Lage zu bringen, nicht mehr anders zu können, als (wozu auch immer) zuzustimmen). - Und schließlich setzen wir (proto-)politisches Handeln damit auch gegen 'nur dramaturgisches' Handeln ab. 'Nur dramaturgisches' Handeln nämlich zielt, das hat Erving Goffman schon in seiner frühen Theater-Metaphorik dargelegt, 'lediglich' darauf ab, Zustimmung von anderen zur vom Akteur durch die gewählte Form der Selbstdarstellung beanspruchten Identität zu erlangen. 'Nur dramaturgisches' Handeln ist also nicht machtorientiert - jedenfalls nicht notwendigerweise (Ausnahme: Man zielt darauf ab, sich selbst als für den anderen besonders erstrebenswertes 'Gut' zu setzen).
Soviel lässt sich also wohl mit aller gebotenen Vorsicht festhalten: Protopolitisches Handeln hat notwendigerweise einen Macht-Aspekt (es geht um Durchsetzung von Positionen gegenüber Alternativen), es hat notwendigerweise einen strategischen Aspekt (es geht um technisch richtige, d.h erfolgversprechende Planungen und Durchführungen), und es hat notwendigerweise einen dramaturgischen Aspekt (es geht um Herstellung von 'Öffentlichkeit' im Sinne des Ensemble-Publikum-Verhältnisses). Aber protopolitisches Handeln lässt sich nicht auf einen dieser Aspekte reduzieren.
Um ein Phänomen überhaupt als 'politisch' bestimmen zu können, braucht es vielmehr eine Matrix, auf der sich alle als 'politisch' geltenden konkreten Erscheinungsformen abbilden lassen, und bezogen auf die sie sich vergleichen und - im Sinne Webers -'erklären' lassen. Und als Vorschlag zu einer solchen strukturellen Elementarform ist eben 'protopolitisches Handeln' zu verstehen: Protopolitisches Handeln soll heißen ein Handeln, das seinem Entwurf nach darauf abzielt, Zustimmung von einem Zweiten zu erlangen dazu, seinen Willen auch gegen das Widerstreben eines Dritten durchzusetzen.
Anders ausgerückt: Politisch wird eine Aktion dadurch, dass ein Dritter mitberücksichtigt wird - und zwar im Hinblick auf eine zweite (andere) Zielsetzung. Diese zweite Zielsetzung kann, muss aber nicht auf die Herstellung, Gestaltung und Durchsetzung allgemeiner Verbindlichkeit gerichtet sein; es sei denn in dem (trivialen) Sinne, dass für alle, denen gegenüber irgendetwas unter Zustimmung von wem auch immer irgendwie durchgesetzt wurde, das, was ihnen gegenüber durchgesetzt wurde, vorläufig, längerfristig oder grundsätzlich verbindlich ist. D.h.: Weder auf den Akteur selber, noch auf den, dessen Zustimmung angestrebt wird, muss sich diese allgemeine Verbindlichkeit beziehen. Im Gegenteil: Gerade normenverletzendes Handeln, insbesondere wenn es von Dritten akzeptiert und gegenüber anderen kaschiert wird, erhöht die Chancen, Macht zu erlangen und zu erhalten dazu, Normen für diese anderen (verbindlich) zu setzen. D.h., gerade daraus, dass der nichtpolitische Akteur typischerweise davon auszugehen scheint, dass alle anderen Akteure von ihm erwarten, dass er sich normenkonform verhält, so wie er typischerweise erwartet (und moralisch fordert), dass auch jeder andere normenkonform agiert, ergibt sich für den politisch Handelnden die Chance, diesen Erwartungen im Hinblick auf seine Interessen im Zweifelsfalls nicht zu entsprechen. 'Allgemeine Verbindlichkeit' ist also (lediglich) eine sozial geglaubte Fiktion. Sie stabilisiert sich qua Zustimmung und Einverständnis und ist damit in der Tat Gegenstand, keinesfalls aber Gestaltungsrahmen politischen Handelns.
Fazit: 'Protopolitisches Handeln' bezeichnet die im Hinblick auf ihre spezifisch politischen Aspekte gemeinsame, strukturelle Matrix sozialer Vollzüge jeglicher Art. Insofern findet (proto-)politisches Handeln als Form sozialen Handelns auf allen Ebenen und in allen - dauerhaften wie kurzlebigen - Konstellationen des sozialen Zusammenlebens statt. Und das - implizite oder explizite - Ziel jeglichen (proto-)politischen Handelns ist im allgemeinsten Sinne: von Dritten akzeptierte - wie auch immer geartete - Möglichkeiten zu erwerben, zu erhalten oder zu erweitern, erfolgreich auf spezielle und/oder anonyme andere Akteure oder Akteurskonstellationen einzuwirken. (Proto-)politisches Handeln ist also, in weiter Auslegung etwa der Positionen Macchiavellis und Webers, herrschaftsbezogenes Handeln in dem Sinne, dass es darauf abzielt, Zustimmung zu erlangen dazu, seinen Willen durchzusetzen. Jede Maßnahme, die mit der Intention getroffen wird, hierfür geeignet zu sein, ist mithin eine (proto-)politische Maßnahme. Worum es im Einzelnen geht, und wer davon auf welche Weise betroffen ist, ist strukturell gesehen von sekundärer Bedeutung. D.h.: Wer immer versucht, auf die Ordnung des Zusammenlebens von wem auch immer wie auch immer Einfluss zu nehmen, handelt (proto-)politisch.
Literatur:
Schütz, Alfred (1971): Wissenschaftliche Interpretation und Alltagsverständnis menschlichen Handelns. In: Ders.: Gesammelte Aufsätze. Band 1. Den Haag (Nijhoff), S. 3-54
Schütz, Alfred/Luckmann, Thomas (1984): Strukturen der Lebenswelt. Band 2. Frankfurt a.M. (Suhrkamp)
Autor: Ronald Hitzler, Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie, ISO, Fakultät 12, TU Dortmund