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Gerade in der qualitativen Sozialforschung, die dem sinnhaft handelnden Subjekt eine prominente Stellung einräumt, ihn häufig sogar entweder allein oder in gesellschaftlicher Arbeitsteilung als Konstrukteur der gesamten sozialen Welt ansieht, ist oft der Glaube oder die Hoffnung anzutreffen, dass jedes Handeln nicht zu nur sinnhaft ist, sondern auch sinnvoll ist.
Die erste Unterstellung von der Sinnhaftigkeit des Handelns hat Max Weber zum Kronzeugen, weil nach seiner Sicht der Dinge, Handeln dann ein soziales Handeln ist, weil und wenn es seinem „den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist“ (Weber 1976: 1). Handeln ist deshalb in irgendeiner Weise für den Handelnden ‚rational’, es ist auf ein Ziel gerichtet, es macht für ihn Sinn. Gewiss wusste Weber, dass menschliches Handeln (möglicherweise sogar die Mehrzahl der Handlungen) kreativ und irrational sein kann (vgl. ausführlich Weber 1973). Dennoch bestand Weber ausdrücklich auf der prinzipiellen Beziehbarkeit jeder Handlung auf ein Kalkül – erst das macht ein Verstehen möglich. Die Deutbarkeit von Handlungen ergibt sich für Weber also erst aus ihrer Sinnhaftigkeit: Ohne Sinn keine Deutungsmöglichkeit.
In der Sinnhaftigkeit des Handelns kann, so Alfed Schütz später den Gedanken von Weber konsequent weiterführend, kann der Akteur „nicht irren“.Selbst wenn der Handelnde, so Alfred Schütz in seiner Auseinandersetzung mit Talcott Parsons, in seinem Handeln einhält und überlegt, „geht es ihm nicht darum, wissenschaftliche Wahrheit zu finden, sondern lediglich darum, seine privaten Erfolgschancen zu kontrollieren. Im konkreten Vollzug seiner Handlung kann der Handelnde nicht irren. Ist ein Entwurf realisiert, seine Handlung vollzogen, kann er natürlich sehr wohl erkennen, daß er einen Fehler gemacht hat, daß sein Plan falsch war (…). Aber der so genannte Handelnde ist kein Handelnder mehr, wenn er auf vollzogene (oder als verzogen imaginierte) Handlungen zurückblickt“ (Schütz 1977:45).
Der Sinn des Handelns ergibt sich für ihn aus dem subjektiven Plan, den der Akteur vor dem Handeln entwarf. Mit dem Handeln wollte der Akteur in irgendeiner Weise, die durchaus idiosynkratisch sein kann, ein Problem lösen oder weniger anspruchsvoll: seine Lage verbessern. Insofern liegt der Kurzschluss nahe, das tatsächlich durch das Handeln erreichte Handlungsresultat als eben diese erwünschte Verbesserung der Lage anzusehen und von dieser Verbesserung auf den ursprünglichen Plan, also den subjektiv gemeinten Sinn zu schließen. Also: wenn das erreichte Resultat die Antwort war, was war die Frage?
Postulat der Rationalität
Alfred Schütz hat immer an der Unterstellung der grundsätzlichen Rationalität menschlichen Handelns festgehalten (Postulat der Rationalität)– aus methodischen Gründen musste er es auch. „Der Grund dafür ist der, daß nur eine Handlung innerhalb des Rahmens der rationalen Kategorien wissenschaftlich diskutiert werden kann�? (Schütz 1972: 48). So kritisiert er in seiner Auseinandersetzung mit Talcott Parsons massiv dessen ‚voluntaristische Handlungstheorie’ und die damit verbundene Unterstellung nicht-logischer, zufälliger Elemente des Handelns (Vgl. Schütz 1977: 42ff) und versucht nachzuweisen (auch hier Weber folgend), dass menschliche Handlungen, auch wenn der Mensch im Alltag nur teilweise bewusst über den Sinn seines Handelns verfügt, deswegen noch nicht „unvernünftig“ oder „nicht-logisch“ seien (ebd.: 43). Und natürlich ist sich auch Schütz darüber im Klaren, dass ohne das Postulat der Rationalität jede wissenschaftliche Deutung ihren Boden verliert.
Ethnomethodologie
Die Ethnomethodologie und hier insbesondere die Konversationsanalyse hat von Schütz nicht nur die Kritik an Parsons, sondern auch das Postulat der Rationalität übernommen. Allerdings hat die Ethnomethodologie dieses Postulat erheblich radikalisiert und es selbst für Bereiche reklamiert, in denen der Mensch nur in Ausnahmefälle sich der Sinnhaftigkeit seines Tuns bewusst ist – so z.B. bei der Organisation (also nicht der inhaltlichen Gestaltung) von Gesprächen.
Order at all point. Ordnung ist an jeder Stelle des Handelns – so das Postulat der ethnomethodologischen Konversationsanalyse. Weil ‚Order’ vor allem ‚Ordnung’ und nicht ‚Regelmäßigkeit’ oder ‚Regelhaftigkeit’ bedeutet (das wäre ‚Orderliness gewesen), verschiebt sich in der Ethnomethodologie die Ordnung vom sinnhaften Tun der Subjekte auf die sinnvolle Ordnung der Konversation. Das bewusstlose Tun der Akteure erzeugt eine für alle Beteiligte und für die Gesellschaft sinnvolle Ordnung und deshalb war das Handeln der Akteure auch sinnvoll. Hier zeigt sich eine kleine, aber weit reichende Verschiebung des Begriffs ‚Sinn’ an.
Insbesondere in der (sich auf Weber und/oder berufenden) qualitativen Sozialforschung ist oft eine Position anzutreffen, die daran glaubt, dass jedes Handeln nicht zu nur sinnhaft ist, sondern dass dieses Handeln auch sinnvoll ist. Die ‚Sinnhaftigkeit’ ist dabei, wie ebenfalls oben gezeigt, weitgehend unstrittig. Die oft stillschweigende Gleichsetzung von sinnhaft und sinnvoll, an der die Konversationsanalyse nicht ganz unschuldig ist, ist das Problem und sorgt für Verwirrung. Gemeint ist mit diesem ‚sinnvoll’ nämlich, dass das Handeln in irgendeiner Weise die Situation des Handelnden verbessert.
Schütz, Alfred (1972): Rationalität in der sozialen Welt. In: Ders. Studien zur soziologischen Theorie. Gesammelte Aufsätze. Bd. 2. Den Haag. Nijhoff. S. 22-52.
Schütz, Alfred (1977): Parson’s Theorie sozialen Handelns. In Alfred Schütz / Talcott Parsons. Zur Theorie sozialen Handelns Frankfurt am Main: Suhrkamp S. 25 - 78
Weber, Max (1973): Knies und das Irrationalitätsproblem. In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen: Mohr. S. 42-145.
Weber, Max (1976): Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen: Mohr.