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Soziales Handeln ist immer sinnhaftes Handeln und ist stets in einen Prozess eingebunden. Es ist immer auch eine Antwort auf die Fragen: „Was tun?“ und „Was als nächstes tun?“ Denn immer, wenn sich im Jetzt das Problem des Wie-weiter-Handelns stellt, und das tut es immer wieder, kommt Wissen zum Einsatz. Der Begriff ‚Problem’ benennt an dieser Stelle ganz formal die Situation, dass menschliche Akteure unentwegt den Pfad ihres Handelns gestalten müssen. Auch wenn theoretisch nicht klar ist, ob das Handeln stetig vor sich hin fließt oder unstetig ‚quantelt’ oder ruckartig von (bewusster) Entscheidung zu Entscheidung springt, so muss doch von den Akteuren in jeder Situation aus der Fülle der Möglichkeiten, weiter zu handeln, praktisch eine umgesetzt werden. Meist folgen die Akteure dabei gedankenlos Traditionen, Routinen oder Rezepten. Manchmal folgen sie aber auch einem inneren Impuls oder werden durch die Dynamik der Interaktion in eine bestimmte Richtung bewegt und manchmal entscheiden sie bewusst, das Für und Wider abwägend, wobei sie die erwarteten und erhofften Folgen, aber auch die ungewünschten Konsequenzen mit in Rechnung stellen. Wenn die Akteure bewusst entscheiden – dann vielleicht sogar rational, was aber ein Sonderfall wäre. Das Handeln der Akteure ist gewiss nicht grundlos, wenn auch nicht immer rational. Ein ausgearbeiteter Plan liegt dem Handeln nur sehr selten zugrunde. ‚Rational’ (im gebräuchlichen Sinne des Wortes) sind die Handlungen selten. Außer man behauptet, ‚rational’ sei alles, für das sich von Wissenschaftlern ein Grund finden lässt – was aber letztlich nur ein „didaktisch gut brauchbares Beispiel für die Fallen der Erschleichung empirischer Hypothesen durch eine bloße definitorische Festlegung“ (Esser 1994: 172) ist.
Handeln braucht in der Regel keinen Plan, keine explizite Strategie. Handeln bedeutet nicht, das gewünschte Handlungsziel als erreicht zu imaginieren und mit jedem Teilakt auf dieses Ziel hinzusteuern (Alfred Schütz hat das trefflich in seinem Frühwerk beschrieben, jedoch den Geltungsbereich dieser Beschreibung überschätzt – vgl. Schütz 2004). Handeln reagiert in der Regel immer auch auf ein Handeln-Davor, entwickelt sich aus der Dynamik der Interaktion und ist somit fluide; Handeln reagiert auch permanent auf den eigenen Verlauf, entwickelt immer wieder ad-hoc-Strategien und ist somit nur begrenzt vorhersehbar und steuerbar. Entsprechend ‚funktioniert’ auch das Verstehen von Handlungen nicht so, dass die Beteiligten aufgrund bewusster Analyse den Plan des Handelnden Schritt für Schritt rekonstruieren, sondern alltägliches Verstehen stellt sich schlagartig ein: Man versteht den Anderen, meist ohne angeben zu können, weshalb man den anderen verstanden hat – nicht nur, weil wir uns dabei erworbener und nicht mehr bewusster Deutungsroutinen bedienen, sondern vor allem, weil die Körper sich als Teil und Ausdruck einer bestimmten sozialen Praxis verstehen. Insofern hat Handeln auch etwas mit dem gemeinsamen Tanzen oder gemeinsamen Musizieren gemein – vor allem dann (aber nicht nur), wenn man beim Tanzen und Musizieren nicht der festen Form folgt, sondern miteinander improvisiert.
Es gibt gute Gründe dafür anzunehmen, das es zwei Klassen sozialen Handelns und Kommunizierens gibt, die sich im Hinblick auf die bewusste Steuerung durch ein sinnhaft handelndes Subjekt strukturell voneinander unterscheiden: Die eine Klasse von Handlungen und Kommunikation, die durch (Mit-) Handeln erworben werden und nur begrenzt bewusstseinsfähig ist und die andere Klasse des bewussten, abwägenden und zielgerichteten Handelns. Auch wenn viele der nicht bewusst erworbenen Handlungen und Kommunikationen durch Reflexion ins Bewusstsein gehoben werden können und damit auch einer begrenzten Kontrolle und Steuerung zugänglich sind, können diese nicht als arbeitsökonomische Ablagerungen ehemaligen bewussten Handelns begriffen werden, gehen sie doch entwicklungsgeschichtlich (ontogenetisch wie phylogenetisch) in der Regel der bewussten sozialen Praxis voran. Nicht jedes Handeln ist aus dieser Sicht ‚eine Bewußtseinsleistung’.
Zu welcher dieser ‚Lösungen’ Menschen auch greifen mögen, um ihr ‚Wie-weiter-handen-Problem’ zu lösen, immer wird (wie oben bereits gesagt) ‚Wissen’ helfen, die Lücke zwischen Möglichkeit und Realisation zu schließen.
Esser, Hartmut 1994: Kommunikation und ‚Handlung’. In: Gebhard Rusch et al. (Hrsg.) Konstruktivismus und Sozialtheorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 172-204.
Luckmann, Thomas 1979: Phänomenologie und Soziologie. In: Walter Sprondel & Richard Grathoff (Hrsg.) Alfred Schütz und die Idee des Alltags in den Sozialwissenschaften. Stuttgart: Enke. S. 196-206.
Luckmann, Thomas 1992: Theorie des sozialen Handelns. Berlin: De Gruyter.
Luckmann, Thomas 2007: Lebenswelt, Identität und Gesellschaft. Konstanz: UVK.