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Der Begriff Subjektivismus soll hier als Sammelbegriff für die Positionen verwendet werden, die dem Subjekt eine entscheidende Rolle bei der Konstitution der Erkenntnis zusprechen. Damit ist nicht die Trivialität gemeint, dass (zumindest nach klassischer Auffassung) nur Subjekte Erkenntnisse haben können. Vielmehr gehen die Subjektivisten davon aus, daß jede Erkenntnis stark subjektiv geprägt ist. Anders als die Realisten behaupten die Subjektivisten, daß das Subjekt bei der Erkenntnisgewinnung eine aktive Rolle spielt. Die Welt wird beim Erkenntnisprozess nach dieser Position nicht so wahrgenommen, wie sie wirklich ist, sondern sie wird nach eigenen (subjektiven) Gesetzmäßigkeiten konstruiert. Ein Gedankenexperiment mag veranschaulichen, was die Grundthese dieser Positionen ist: Nehmen wir an, wir alle hätten Brillen mit grün gefärbten Gläsern auf, ohne zu wissen, dass wir sie tragen. Wenn wir nun als Realisten die Welt betrachten, werden wir irgendwann zu dem Schluss kommen, dass das Grünsein ein wesentliches Prinzip der Welt ist. In Wirklichkeit haben wir uns dabei aber geirrt: Das Grünsein ist nicht ein Prinzip der Welt, sondern ein Prinzip unseres Erkenntnisvermögen, das uns die Welt grün erscheinen lässt. Die Subjektivisten behaupten folglich, dass unsere Erkenntnis durch eine Art 'Brille' vermittelt ist, und unsere Erkenntnis deshalb nicht objektiv ist. Wir wollen diese Position an zwei Beispielen näher verdeutlichen.
Am pointiertesten ist diese Position von dem Philosophen Kant ausgearbeitet worden. Kant geht von der grundsätzlichen Annahme aus, dass unsere Erkenntnis aus zwei Quellen zusammengesetzt ist. Ein Teil unserer Erkenntnis stammt aus der Erfahrung (von den Objekten), ein anderer Teil wird aktiv vom Subjekt hervorgebracht. Das Material stammt aus der Welt, die Form aus dem Subjekt. Wir ordnen nach Kant nun die Welt nach subjektiven Prinzipien, den Kategorien. Diese Kategorien spielen bei jeder Erkenntnis eine Rolle und können nach Kant daher durch die Erfahrung weder bestätigt noch widerlegt werden, da durch die Kategorien Erfahrung erst möglich wird. Wie die Welt unabhängig von unseren Kategorien, d.h. die Welt an sich, aussieht, können wir folglich nicht wissen. Kant teilt also die Welt in zwei Bereiche ein: in die Welt, wie sie uns erscheint (die phänomenale Welt) und in die unerkennbare Welt, wie sie wirklich ist (die Dinge-an-sich).
Trotz zahlreicher Unterschiede im Detail, lassen sich beim zeitgenössischen Radikalen Konstruktivismus eine Reihe von Ähnlichkeiten zu den Grundgedanken von Kant finden. Auch nach den Konstruktivisten können wir die Welt an sich nicht erkennen, vielmehr ist jede Erkenntnis eine Konstruktion. Im Unterschied zu Kant gehen die Konstruktivisten nicht mehr von einem autonomen Subjekt und reinem Denken aus, sondern sie versuchen, ihre Thesen durch neurobiologische Erkenntnisse zu stützen, d.h. sie betonen die Rolle des Gehirns bei der Erkenntnisgewinnung. So zeige das sogenannte 'Prinzip der undifferenzierten Codierung', daß das Gehirn selbst nur quantitative Unterschiede kennt, aus denen nach internen Regeln eine Welt konstruiert wird, die all die qualitativen Unterschiede enthält, die wir wahrnehmen. Bei allen Unterschieden dieser Positionen lässt sich eine gemeinsame Grundstruktur erkennen:
1) Es gibt eine Welt (an sich) und eine Welt, so wie sie uns erscheint. 2) Jede Erkenntnis der Welt ist durch subjektive Gesetzmäßigkeiten vermittelt. (Daher ist die Welt an sich nicht erkennbar.)
Die Annahme, dass das Subjekt seine Erkenntnis aktiv mitgestaltet erscheint viel plausibler als die Annahme eines passiven Subjektes. Irrtum und Verschiedenheit der Meinungen können nach dieser Hypothese viel besser erklärt werden. Außerdem vermeidet der Subjektivismus die Schwierigkeiten, die aus der Unüberprüfbarkeit der Abbildtheorie entstehen: Die Wirklichkeit ist uns also immer nur in Form von (subjektiver) Erfahrung zugänglich, niemals aber können wir die Wirklichkeit an sich mit unseren Erfahrungen vergleichen und feststellen, dass es eine Übereinstimmung gibt. Denn die Wirklichkeit an sich, die wir mit unserer Erfahrung vergleichen wollten, ist uns selbst nur als Erfahrung gegeben. Der erste Haupteinwand gegen den Subjektivismus ist, dass der Subjektivismus mindestens nicht beweisbar, vielleicht sogar selbstwidersprüchlich ist: Wenn ich nicht weiß, wie die Wirklichkeit an sich beschaffen ist, kann ich auch nicht ausschließen, daß sie vielleicht doch mit unseren Theorien übereinstimmt. Streng genommen muß ich diese Frage offen lassen. Gegen Kant ist häufig eingewandt worden, daß die These, „unsere Kategorien lassen sich auf die Dinge an sich nicht anwenden“, mindestens die Kategorie der Negation und die der Existenz auf die Dinge an sich anwendet und damit genau das tut, was sie verbietet. Danach wäre diese Behauptung selbstwidersprüchlich und somit falsch. Die Annahme eines prinzipiell unerkennbaren Dinges ist nach Meinung einiger Philosophen ein Widerspruch in sich.
Zweitens ist nicht klar, in welche Welt das „Ich“ bzw. das „Gehirn“ gehört. Wenn uns z.B. das Gehirn auch nur als Konstruktion zugänglich ist, kann ich streng genommen keine Schlussfolgerungen über die wirklich ablaufenden Erkenntnisprozesse ziehen, da die Begründung sonst zirkulär wird. Man könnte auch formulieren: Wenn all unsere Erkenntnisse Konstruktionen sind, die keine Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit haben, so hat auch der Konstruktivismus keine Ähnlichkeit mit den wirklich ablaufenden Erkenntnisprozessen, woraus folgt, dass unsere Erkenntnis in Wirklichkeit keine Konstruktion ist.
Die Thesen des Subjektivismus lauten: �?� 1. Es gibt eine wirkliche Welt (ontologischer Realismus). �?� 2. Das Subjekt kann die Welt, wie sie wirklich ist, nicht erkennen. �?� 3. Wahre Erkenntnisse der Welt stehen nicht in einem Abbildverhältnis zu den Tatsachen der Wirklichkeit.
- Kant, I, Die Kritik der reinen Vernunft, Hrsg. von Wilhelm Weischedel, Frankfurt a. M., 1995
- Schmidt, S. J., Der Diskurs des radikalen Konstruktivismus, Frankfurt a. M.,1997
- Von Glasersfeld, E., Einführung in den radikalen Konstruktivismus, in: Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben?. Beiträge zum Konstruktivismus, hrsg. von. Paul Watzlawick, München / Zürich, 1981