Theatralität

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Theatrale Auftritte sind Inszenierungen. Aber nicht jede Inszenierung ist theatral. Die Theatralisierung ist ein Unterfall der Inszenierung. Gemeint ist mit dem Ausdruck Theatralisierung also nicht der Gebrauch von theaterspezifischen Texten, Rollen und Requisiten, sondern vor allem der Umstand, dass die Inszenierung von Kultur oft auch zu einer Kultur der Inszenierung gerät. Theatrale Handlungen zielen nicht mehr allein darauf, ihr angestrebtes, instrumentelles Ziel zu erreichen (z.B. den anderen davon in Kenntnis zu setzen, dass man glücklich ist), sondern sie wenden sich immer auch (also nicht ausschließlich) an ein anwesendes Publikum. Die Handlungslogik der theatralen Geste orientiert sich dann nicht mehr allein an der effektiven Zielerreichung der Kommunikation, sondern auch (also nicht nur) an der gekonnten Darstellung seiner Darstellungshandlung. Insofern beinhaltet Theatralität immer auch eine Performance, also den „Vorgang einer Darstellung durch Köper und Stimme vor körperlich anwesenden Zuschauern“ (Fischer-Lichte 2000: 20). Theatralisierungen haben also immer zwei Adressaten: den Menschen gegenüber und das Publikum, das dem Geschehen beiwohnt. Der beobachtete Mensch inszeniert, typisiert sein Handeln für den, der ihn beobachtet, damit es für diesen verständlich wird. Menschen, die zu zweit miteinander allein sind, wissen, dass sie nur vom direkten Gegenüber beobachtet werden. Da beide dies wissen, zeigen sie sich einander nicht ungezwungen oder gar natürlich, sondern sie zeigen sich (wie immer) vermittelt, sie inszenieren sich für einander. Menschen, die zu zweit allein sind, und wissen, dass sie dabei von Zuschauern beobachtet werden, reagieren auf den beobachtenden Blick der Zuschauer mit einer weiteren Inszenierung: Sie inszenieren die Inszenierung ihrer Handlung. Ihre Darstellung muss dabei so gestaltet sein, dass sie das Publikum und den konkreten Gegenüber erreicht. Medien promoten ohne Zweifel theatrale Darstellungen: Einfach deshalb, weil sie zu den Medien passen. Medien haben nämlich nur für das Augen und Ohren, für das ihre Nutzer Augen und Ohren haben, was auch für Andere hörbar und sichtbar ist. Medien bevorzugen deshalb Körper und deren Oberflächen, während sie weitgehend blind für das sind, was sich hinter der Oberfläche abspielt oder was körperlos ist.

Literatur:

Fischer-Lichte, Erika (2000): Theatralität und Inszenierung. S. 11-30 in: Erika Fischer-Lichte & Isabel Pflug (Hrsg.): Inszenierung von Authentizität. Tübingen: A. Francke. Iványi, Nathalie (2004): Die gesellschaftliche Wirklichkeit der Konstruktion. Zur Entwicklung eines institutionalisierungstheoretischen Medienwirkungsansatzes am Beispiel der Sendung Traumhochzeit. Konstanz: UVK. Reichertz, Jo (2001): Die neue Pracht beim Standesamt. In: Kursbuch 144: 129-142. Soeffner, Hans-Georg (1992): Die Ordnung der Rituale. Frankfurt a.M: Suhrkamp.


Autor: Jo Reichertz

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