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Geboren 1927 in Jesenice, auf dem Gebiet des österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaates. Mütterlicherseits österreichischer und väterlicherseits slowenischer Abstammung. Akademische Stationen: Wien, Innsbruck, New York, ab 1951 Studium an der New School for Social Research bei Alfred Schütz, Karl Löwith, Albert Salomon und Carl Mayer, 1953 Magister in Philosophie, 1956 Ph.D. in Soziologie. Professuren am Hobart College, Geneva, an der New School und in Frankfurt a. M., ab 1970 an der Universität Konstanz, 1994 emeritiert. Thomas Luckmann ist ein Klassiker der dritten Generation, dessen Werk eine weit über die Soziologie hinausreichende Wirkung entfaltet hat. Seine Beiträge erstrecken sich auf Lebensweltanalyse und Methodologie, Handeln und Wissen, Sprache und Kommunikation sowie Religion, Moral und Identität. Luckmann gilt als kardinaler Bezugsautor für das Wiedererstarken der ›verstehenden‹, interpretativen Soziologie in den letzten Jahrzehnten, der in produktiver Weise zentraleuropäische mit amerikanischen Denktraditionen verbindet.
In dem 1979 und 1984 zuerst erschienenen und 2003 neu aufgelegten Grundlagenwerk von Alfred Schütz und Thomas Luckmann »Strukturen der Lebenswelt« entfaltet sich die phänomenologische Konstitutionsanalyse. Ihr Ausgangspunkt ist Webers Forderung nach einer im ›Verstehen‹ gegründeten erklärenden Wissenschaft sozialen Handels. Hieran anschließend formuliert Alfred Schütz im »Sinnhaften Aufbau« (1932) eine Fundierung der Sozialtheorie, die als Gegenentwurf zum Programm des logischen Rationalismus gilt. Deren konsequente Weiterentwicklung mündet unter Rückgriff auf Husserls Phänomenologie in eine Ausfaltung der Beschreibung der invarianten »Strukturen der Lebenswelt«. Die »Strukturen« zeichnen sich durch einen unübersehbaren anthropologischen Akzent aus. Das dort entfaltete Programm versteht sich als universale ›Protosoziologie‹. Die Strukturen der Wahrnehmung, Erlebnisaufschichtung, der Handlungsplanung und des Vollzugs sind an den Handelnden gebunden und unterliegen allgemeinen Gesetzen der Bewusstseinstätigkeit. Dazu zählen etwa Typisierungen, Deutungsschemata oder die Aufschichtung der mannigfachen Wirklichkeiten, die das Bewusstsein erfahren kann usw. und mit denen es die unterschiedlichen Sinnprovinzen der Erfahrung konstituiert. Im Mittelpunkt dieser Strukturanalyse steht der bewusstseinbefähigte Akteur. Dabei ist die Unterscheidung von Lebenswelt und Alltagswelt wichtig. Die Lebenswelt umfasst die gesamte Breite aller möglichen Sinnbezirke, die vom Bewusstsein erlebt werden können – von den Welten der Phantasievorstellungen, über Traumwelten, die Welt ästhetischer Erfahrung, die Welt der Wissenschaft usw. Von diesen abgehoben stellt die Alltagswelt die ›paramount reality‹ dar. Sie ist gekennzeichnet durch Pragma, Kommunikation und Sozialität. Der Alltag ist die intersubjektive Welt, in der die Gesellschaftsmitglieder ihre gesellschaftliche Wirklichkeit miteinander aushandeln, aufbauen, und fortlau¬fend bestätigend aufrechterhalten oder verändern. Die Lebenswelt als Summe unterschiedlicher finiter Sinnprovinzen enthält also die Beschreibung allgemein menschlicher Universalien und konstituiert sich vor jeder Kultur. Dieser Konzeption gründet auf der Annahme, dass es eine universal menschliche Grundlage für das Verstehen gibt. Die »Strukturen« enthalten deshalb nicht nur den Entwurf einer Protosoziologie, sondern auch eine Protohermeneutik, weil sie durch die Entfaltung einer Wissenschaft vom Verstehen auf die Grundlegung der verstehenden Wissenschaften zielen.
Das von Luckmann und Berger gemeinsam verfasste Buch »Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit« rangiert unter den zehn bedeutsamsten soziologischen Büchern. Es wurde zum Ausgangspunkt einer theoretischen Wende, welche die Perspektive der Wissenssoziologie von den ›Ideen‹ zu einer Analyse des Wissens in der Lebenswelt des Alltags verlagerte. Das zuerst 1966 auf Englisch erschienene Buch (dt. EA 1969) zielt auf eine Neuausrichtung der soziologischen Theorie. Seine zentrale Fragestellung lautet zugespitzt: Wenn alle menschliche Erfahrung im subjektiven Erleben gründet, wie kann aus subjektiven Wirklichkeiten eine dem Menschen gegenüberstehende objektive Realität entstehen? »Wie ist es möglich, daß subjektiv gemeinter Sinn zu objektiver Faktizität wird? [...] Wie ist es möglich, daß menschliches Handeln (Weber) eine Welt von Sachen [Durkheim] hervorbringt?« (S. 20). Die bis dato an den Rändern der Theoriebildung angesiedelte Wissenssoziologie rückt damit in das Zentrum einer neu ausgerichteten, allgemeinen Handlungs- und Gesellschaftstheorie. Sie fragt: Wie wird Wirklichkeit gesellschaftlich geschaffen? Wie tritt die so entstehende soziale und geschichtliche Ordnung der Dinge den Handelnden als objektiv erfahrbare, sinn- und identitätsstiftende Ordnung gegenüber? Und wie wirken diese gesellschaftlichen Konstrukte auf ihre Konstrukteure zurück? Zu Beantwortung dieser Fragen leisten Berger und Luckmann eine Verbindung der handlungstheoretischen Grundlegung der Soziologie durch Weber einerseits und die Bewußtseinsphänomenologie Husserls anderseits mit der philosophischen Anthropologie. Damit ergibt sich eine wesentliche Verschiebung zu einer phänomenologisch und anthropologisch fundierten Sozialtheorie. Die »Konstruktion« knüpft an Grundannahmen der Anthropologie Plessners und Gehlens an: Der Mensch hat keine ihm artspezifische Umwelt, sondern ist von ›Instinktarmut‹, ›Weltoffenheit‹ und ›exzentrischer Positionalität‹ geprägt. Da ihm keine ›natürliche‹ Umwelt eignet, ist er darauf angewiesen, sich seine ›Welt‹ erst im Handeln zu erschaffen. Kultur wird so zur ›zweiten Natur‹. Die gesellschaftliche Ordnung, so Berger und Luckmann, wird im doppelten Prozess der Welt- und Identitätserrichtung dabei durch drei dialektisch miteinander verbundene Vorgänge vorangetrieben: durch Externalisierung, Objektivierung und Internalisierung: Gezwungen dazu, sein Mängelwesen zu konterkarieren, wirkt (1.) der Mensch ununterbrochen in die Welt hinein, (2.) die dadurch von ihm abgelösten Produkte seines Handelns gewinnen ihm gegenüber eigenständige Faktizität, die (3.) auf den Einzelnen zurückwirken und kraft des fundamentalen Zwangscharakters der Gesellschaft das subjektive Bewusstsein prägen. In den Worten der Autoren: »Gesellschaft ist ein menschliches Produkt. Gesellschaft ist objektive Wirklichkeit. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Produkt« (S. 65).
In der Theorie Luckmanns nimmt das Handeln eine zentrale Rolle ein, dem ein eigenes Buch gewidmet ist (1992). Luckmann geht davon aus, dass alle Wirklichkeit durch und in Handlungen hervorgebracht wird. Handeln ist an das individuierte Bewusstsein gebunden. Er unterscheidet drei kategoriale Formen, die als Denken, Wirken und Arbeit bezeichnet werden (vgl. S. 40-47): Während Denken ein auf das Bewusstsein beschränktes Handeln meint, ist Wirken durch den damit verbundenen Umwelteingriff gekennzeichnet. Arbeit ist schließlich jenes Wirken, das eine ›beachtliche Umweltveränderung zum Ziel hat‹ und ›bei dem der Eingriff in die gemeinsame Umwelt der Handelnden schon in den wechselseitig aufeinander ausgerichteten Entwürfen angelegt ist‹. Analytisch bedeutsam sind ferner die Unterscheidungen zwischen mittelbarem und unmittelbarem, sowie die zwischen einseitigem und wechselseitigem Handeln (S. 110-124). Luckmann betont, dass dem unmittelbaren wechselseitigen Handeln aufgrund seiner sozialen Ursprünglichkeit eine prominente Stellung gebührt. Dieser Typus sozialen Handelns von Angesicht zu Angesicht bildet das Fundament aller historischen Gesellschaften. Handeln zeichnet sich phänomenologisch durch seine Ausrichtung auf einen Zukunftsentwurf aus. Sozial ist es, insofern dessen Entwurf auf einen ›anderen‹ gerichtet ist. Handeln kann sich dabei auf unterschiedliche Arten von ›Anderen‹ beziehen – auf Mitmenschen, Vormenschen, Zeitgenossen, hochindividualisierte Einzelne oder gar anonyme soziale Typen. In seiner Theorie der Institutionengenese knüpft Luckmann wiederum an den von Schütz im Anschluss an Weber entfalteten Handlungsbegriff an. Jenseits des soziologischen Allgemeinplatzes, Institutionen entstünden im Handeln und einmal entstanden, steuerten sie ihrerseits vermittels verinnerlichter ›Normen‹ und äußerer ›Zwänge‹ das Handeln ihrer Mitglieder, zeigt Luckmann detailliert die Prozesse auf, bei denen aus zunächst flüchtigen Handlungen festgefügte Strukturen hervorgehen. Die schon von Gehlen hervorgehobene ›Entlastungsfunktion‹ von Routinen erlaubt, einmal gefundene Lösungen für wiederkehrende Handlungsprobleme zu habitualisieren. ›Habitualisierung‹ entlastet somit von der Notwendigkeit, Handlungen immer wieder neu entwerfen zu müssen, entlastet von angespannter Aufmerksamkeitszuwendung, von Unsicherheit und Improvisation. Das gilt für das Handeln des Einzelnen. Ebenso lassen sich, was soziologisch bedeutsamer ist, wechselseitige soziale Handlungen habitualisieren. In der Wiederholung typischer Interaktionssequenzen entwickeln sich jedoch automatisch auf der Basis der wechselseitigen Typisierungen wechselseitige Erwartungszwänge bei den beteiligten Handlungspartnern, aus denen wiederum Handlungsverpflichtungen erwachsen, die damit die einmal interaktiv gefundenen Problemlösungen für bestimmte Handlungsprobleme verfestigen. Wechselseitige, typisierte Handlungen verfestigen sich zu Gewohnheiten, die mit Handlungserwartungen verknüpft eine bestimmte interaktive Problemlösung institutionalisieren. Grundsätzlich kann jegliche Handlung routinisiert werden, für die Institutionalisierung gesellschaftlichen Handels sind aber die rein subjektiven Relevanzen ungenügend. Sollen nun diese einmal gefundenen institutionalisierten Handlungsvollzüge tradiert, das heißt an eine Folgegeneration weitergegeben werden, so reicht der Verweis auf die Gewohnheit oft zu deren Plausibilisierung gegenüber Dritten nicht aus, was die Notwendigkeit von (höherstufiger) Legitimierung nach sich zieht. Dabei sind vier Ebenen der Legitimierung zu unterscheiden, die den ›Begriffe‹ selbst als sprachliche Objektivationen über ›theoretische Postulate in rudimentärer Form‹ (etwa in Form von Sprichwörtern, Lebensweisheiten oder Legenden) und ›ausformulierten Legitimationstheorien‹ bis zu ›symbolische Sinnwelten‹ reichen.
Die Theorie der Legitimation hebt die zentrale Rolle sprachlichen Handelns für die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit hervor. Luckmann wendet sich deshalb ausgehend von der Beobachtung, dass Sprache nicht nur das wohl bedeutsamste Mittel der intersubjektiven Verständigung ist, sondern auch der Motor für die Konstruktion gemeinsamer Wirklichkeiten ist, der Sprachsoziologie zu. Im Mittelpunkt steht bei ihm die Beschäftigung mit den Formen der gesprochenen Sprache und er teilt damit ein Anliegen, das von der ebenfalls in dieser Zeit erstarkenden Konversationsanalyse (Garfinkel, Sacks) und der Ethnographie der Kommunikation (Hymes, Gumperz) verfolgt wird. Luckmanns Forschungen mündet in die Formulierung eines eigenständigen Ansatzes, der als ›Theorie kommunikativer Gattungen‹ bezeichnet wird. Die Gattungstheorie geht aus zwei großen empirischen Projekten zu ›rekonstruktiven‹ bzw. ›moralischen Gattungen‹ hervor, die Luckmann in den 1980er- und 1990er-Jahren initiiert und mitgeleitet hat. Kommunikative Gattungen sind sprachlich verfestigte und formalisierte Muster, die historisch und kulturell spezifische, sozial fixierte und modellierte Lösungen von Kommunikationsproblemen darstellen. Diese dienen dazu, intersubjektive Erfahrungen der Lebenswelt zu bewältigen und mitzuteilen. Unterschieden werden dabei drei aufeinander aufbauende Strukturebenen, die sowohl die internen, kommunikations- und medienimmanenten Aspekte, die situative Realisierungsebene sowie die externe Einbettung kommunikativer Handlungen in den weiteren sozialen Kontext abdecken. Hervorzuheben ist, dass es der Gattungsanalyse nicht lediglich um die Deskription unterschiedlicher sozialstrukturell verankerter, verfestigter Sprachformen geht. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass die kommunikativen Probleme, für die vorgeprägte, gattungsartige Lösungen im gesellschaftlichen Wissensvorrat existieren, für den Bestand einer Kultur zentral sind. Gattungen bilden den harten institutionellen Kern im gesellschaftlichen Leben. Sie sind Instrumente der Vermittlung zwischen Sozialstruktur und individuellem Wissensvorrat und Medium zur Wirklichkeitskonstruktion.
Mit seinem Buch über die »Unsichtbaren Religion« (engl. 1967, dt. Neuübersetzung 1991) leitet Luckmann die neoklassische Wende in der Religionssoziologie ein, die mit der kirchensoziologischen Verengung der Nachkriegsjahrzehnte bricht. Luckmann gibt damit den wesentlichen Impuls zur Renaissance einer theoretisch anspruchsvollen Religionssoziologie. Er wendet sich sowohl gegen eindimensionale Religionskritik als auch gegen eine theologiefixierte Kirchensoziologie, die Religion nur aus dem Blickwinkel des abendländischen Christentums betrachtet. Ganz im Sinne einer verstehenden Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft betrachtet Luckmann Religion als eine besondere Form menschlicher Erfahrung, die innerweltlich-anthropologisch bestimmt ist und deren Funktion für das gesellschaftliche Leben unter dem Blickwinkel historischer Entwicklungen beleuchtet wird. Luckmanns funktionalistische Religionsdefinition gilt als eine der breitesten überhaupt: Es ist »die grundlegende Funktion der ›Religion‹ […], Mitglieder einer natürlichen Gattung in Handelnde innerhalb einer geschichtlich entstandenen gesellschaftlichen Ordnung zu verwandeln« (S. 165). Im Zentrum seines Religionsbegriffs steht die ursoziologische Frage nach dem Verhältnis von Individuum und gesellschaftlicher Ordnung. Die uns bekannten Formen der Religion sind seiner Auffassung nach spezifische, institutionalisierte Ausformungen symbolischer Universa, d.h. sozial objektivierte Sinnstrukturen, die sich einerseits auf die Welt des Alltags, anderseits auf jene Welt beziehen, die als den Alltag transzendierend erfahren wird (S. 80). Religion sichert die Integration der Gesellschaft, weil sie als symbolisches Sinnreservoir das tragende Element der Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeiten darstellt. Durch die Zuordnung zu dem Alltag enthobenen und ihn überhöhenden, ›geheiligten‹ Bedeutungsebenen wird der Sinn selbst alltäglichster Gewohnheiten und Handlungen des profanen Lebens legitimiert. Aus dieser nomischen Funktion, Sinngebungen in letzter, nicht mehr zu hinterfragender Instanz zu begründen, resultiert auch ihr objektiv verpflichtender Charakter, der sie gegenüber anderen gesellschaftlichen Wissensformen und Deutungsinstanzen (wie Wissenschaft, Ökonomie, Politik, Recht oder Kunst) abhebt. Als intersubjektiv geteiltes Sinnreservoir befreit die Religion den einzelnen deshalb von »der so gut wie unlösbaren Aufgabe, aus eigener Kraft ein – wie auch immer rudimentäres – Sinnsystem zu erzeugen«. Religion erfüllt also für den Einzelnen eine Rationalisierungsfunktion, indem sie als Ausdruck einer universalen Ordnung auftritt. Luckmann prägt dafür den Begriff der ›Weltansicht‹. Weltansicht ist der Sinnzusammenhang, der einer geschichtlichen Ordnung innewohnt und der in verschiedenen Gesellschaften jeweils unterschiedliche Formen annehmen kann, da zwischen Weltansicht und Sozialstruktur ein dialektisches Verhältnis besteht. Weltansichten enthalten Typisierungen, Deutungs- und Handlungsschemata; sie bilden eine einheitliche ›Sinnmatrix‹, deren wichtigste Objektivierungsform in der Sprache auftritt. Es sind jedoch nicht einzelne Deutungsschemata, die eine religiöse Funktion erfüllen. Vielmehr ist es eine spezifische Sinnschicht innerhalb dieser Weltansicht, deren strukturelle Eigenschaft darin besteht, dass sie die gesamte Weltansicht ordnet: ihre innere Bedeutungshierarchie. Mittels symbolischer Repräsentation verweist diese Sinnschicht auf einen Wirklichkeitsbereich, der jenseits der alltäglichen Wirklichkeit angesiedelt ist und in dem die letzten Bedeutungen verankert sind. Diese Sinnschicht bezeichnet Luckmann als ›Heiligen Kosmos‹. Luckmann hat wiederholt für eine solche funktionale Betrachtung der Religion plädiert. Dennoch griffe es zu kurz, seine Religionssoziologie als reinen ›Funktionalismus‹ zu bezeichnen, weil alle Religionen als historisch entstandene Institutionen rückgebunden sind an die Religiosität, die auf einer universalanthropologischen Basis ruht. Religiosität wurzelt in der besonderen Konstitution des menschlichen Bewusstseins und in der Struktur seiner Leiblichkeit. Die Fähigkeit des Menschen zur Transzendenz seiner biologischen Verfassung deckt sich nach Luckmanns Ansicht mit einer ›elementaren Bedeutungsschicht‹ des Religionsbegriffs. Dies kommt in seiner Theorie der Transzendenzen zum Ausdruck. Transzendenz behandelt die Grenzen der menschlichen Lebenswelt. Sie hat ihren ursprünglichen Ort in der Leiblichkeit des Menschen und der besonderen Struktur seiner Erfahrungen. Transzendenz wird bei Luckmann doppelt bestimmt: anthropologisch und phänomenologisch. Zur näheren Bestimmung spricht Luckmann von drei Ebenen der Transzendenz und nimmt dabei eine bereits von Schütz verwendete Typologie auf, die Teil einer Kommunikationstheorie ist. Schütz unterscheidet zwischen ›kleinen‹, ›mittleren‹ und ›großen‹ Transzendenzen. Die ›kleinen‹ Transzendenzen treten schon in der Wirklichkeit des Alltags auf, wenn die gegenwärtige Erfahrung in zeitlicher oder räumlicher Hinsicht überschritten wird. So verweist etwa aufsteigender Rauch als ›Anzeichen‹ auf ein hinter dem Horizont verborgenes Feuer oder ein ›Merkzeichen‹ wie der Knoten im Taschentuch auf eine Aufgabe, die morgen zu erledigen ist. Die ›mittleren‹ Transzendenzen beziehen sich ebenso auf die Alltagswelt – genauer gesagt: auf die intersubjektive Sozialwelt. Jedoch ist das Erfahrene überhaupt nur mittelbar zugänglich: Wo sich andere alltägliche Zeit- und Raumdimensionen noch in möglicher Reichweite befinden, kann die Grenze, an die man bei den mittleren Transzendenzen stößt, nicht einmal potentiell überschritten werden. Die Gedanken meiner Mitmenschen sind in ein fremdes Bewusstsein eingeschlossen, das immer nur mittelbar über bestimmte ›Zeichen‹ – also gestische, mimische, vor allem aber: sprachliche Äußerungen – mitteilbar gemacht werden können. In interaktiven und kommunikativen Prozessen, in denen die Akteure handelnd und deutend ›aus sich heraustreten‹, wird ein unzugängliches ›Innen‹ – die Erfahrungen der Mitmenschen – in ein lesbares ›Außen‹ übersetzt. Die ›großen‹ Transzendenzen schließlich sind dem Alltag vollkommen entzogen. In den Sinnprovinzen nichtalltäglichen Erlebens, etwa in Träumen, Visionen und Ekstasen, der ästhetischen Erfahrung oder in der Vergegenwärtigung des Todes, wird die ›profane‹ Wirklichkeit des alltäglichen Lebens überstiegen. Solche außeralltäglichen Erfahrungen bilden das Reservoir, aus dem sich religiöse Sinnwelten speisen können. Sie sind aufgrund der prinzipiellen Zeichengebundenheit menschlichen Wahrnehmens und Handelns mit den Ausdrucks¬möglichkeiten der gewöhnlichen Sprache nicht mehr zu artikulieren und werden durch ›Symbole‹ und ›Rituale‹ vermittelt. Große Transzendenzen stellen jedoch nicht für sich allein schon Religion her, denn die Deutung solchen Erlebens muss erst in den Rahmen einer bestimmten ›Wirklichkeitstheorie‹ eingefügt werden, um es als unmittelbares Gewahrwerden eines anderen, ›heiligen‹, transzendenten Wirklichkeitsbereichs auffassen zu können.
Von Luckmanns Werk gehen in empirischer wie theoretischer Hinsicht wesentliche Impulse aus. Als methodische Innovation ist vor allem die Gattungsanalyse bedeutsam. Sie erweist sich über die Analyse mündlicher face-to-face Kommunikation hinaus als nützliches Instrument, das zunehmend auch für Formen technisch vermittelter Kommunikation und hybrider Kommunikationsformen Anwendung findet. In der Theorie hat Luckmanns Werk eine Wirkung entfaltet, die weit über die Soziologie hinausreicht. Die Gesellschaftliche Konstruktion wurde zum Ausgangspunkt einer bedeutsamen theoretischen Wende, die mit der Dominanz des strukturfunktionalistischen Denkens brach und der Wissenssoziologie zu neuem Recht verhalf. Damit wurde nicht nur die Mundanphänomenologie von Schütz für die soziologische Theorie fruchtbar gemacht, sondern eine Synthese der handlungstheoretischen Fundierung in der Nachfolge Webers mit einer strukturtheoretischen Perspektive in der Tradition Durkheims geleistet. Ebenso bedeutsam war Luckmanns Anstoß für die Religionssoziologie. Zweifellos hat Luckmann die Religionssoziologie nicht nur belebt und seine Unsichtbare Religion eine Fülle empirischer Anschlussuntersuchungen ausgelöst sondern auch der Theorie neuen Auftrieb gegeben. Seine theoretischen und empirischen Arbeiten haben ebenso weite Bereiche der Sprachsoziologie geprägt. Luckmann darf als einer der bislang wenig berücksichtigten Urheber wesentlicher Impulse für die Debatte um Individualisierung und Spätmoderne gelten, die – zumindest indirekt – durch seine Arbeiten zur Identitätstheorie beeinflusst und vor allem über Hitzler in die Individualisierungsdebatte eingeflossen sind. Bedeutsame Querbezüge bestehen zu dem von Hans-Georg Soeffner entwickelten Ansatz einer sozialwissenschaftlichen Hermeneutik. Von allgemeinsoziologischer Bedeutung ist die Erweiterung des Sozialkonstruktivismus durch Knoblauch in Richtung auf einen »kommunikativen Konstruktivismus«.
Berger, P.L./Luckmann, T.: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt/M. 1969
Luckmann, T.: Die unsichtbare Religion. Frankfurt am Main 1991
Luckmann, T.: Theorie des sozialen Handelns. Berlin/New York 1992
Luckmann. T.: Wissen und Gesellschaft. Ausgewählte Aufsätze 1981-2002. Konstanz 2002.
Schütz, A./Luckmann, T.: Strukturen der Lebenswelt. Frankfurt am Main Bd. 1. 1979. Bd. 2 1984. Neuauflage Konstanz 2003
Knoblauch, H.: Thomas Luckmann. In: Dirk Kaesler (Hg.): Aktuelle Theorien der Soziologie. Von Shmuel Eisenstadt bis zur Postmoderne, München 2005, S. 127-146
Schnettler, B.: Thomas Luckmann. Konstanz 2006 (Klassiker der Wissenssoziologie, Bd. 1)
Schnettler, B: Thomas Luckmann. In: Stephan Moebius & Dirk Quadflieg (Hg., 2006): Kultur. Theorien der Gegenwart
Bernt Schnettler, TU Berlin, Institut für Soziologie