Trajectories sind geordnete soziale Prozesse ohne zentrale Steuerung. Das Geschehen ist also nicht mit einem Orchester ohne Dirigenten zu vergleichen, bei dem alle Beteiligten gleichzeitig ihr Handeln aufeinander abstimmen, sondern eher mit einem Staffellauf. Insgesamt geht es nämlich darum, das Staffelholz über eine bestimmte Strecke arbeitsteilig (nacheinander) ins Ziel zu bringen, wobei die einzelnen Läufer durchaus unterschiedliche Aufgaben und Laufstile haben können.
Für solche Großprozesse, die weder von einem Ort noch von einem bestimmten Personal zusammengehalten werden, sondern vor allem durch den Interaktionsverlauf, hat Anselm Strauss den Begriff des trajectory vorgeschlagen. Bezeichnet werden mit diesem term die Handlungen, die nicht von einem Subjekt allein ausgeführt werden, sondern durch die gemeinsamen Bemühungen mehrerer Personen an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeitpunkten zustande kommen. Nur noch im metaphorischen Sinn kann man in solchen Fällen von Einzelhandlungen sprechen, sondern diverse Einzelhandlungen verketten sich zu einer übergeordneten größeren Handlung. Mit dem Begriff trajectory will Strauss also solche Handlungsgefüge bezeichnen, die von einer Reihe von Akteuren ohne festen Plan hervorgebracht werden (vgl. Strauss 1991a und 1991b), also „ohne daß ein zentraler Planer oder Autor - ein zentrales Subjekt - auszumachen wäre (...). Das eigentliche gesellschaftliche Subjekt dieses - am Kern engen, an der Peripherie weitmaschigen - Kooperationsgefüges ist die jeweilige gesellschaftliche Organisation selbst, das trajectory“ (Soeffner 1991: 10).
Weil tracectories wie z.B. die Flugbahn einer abgeschossenen Kanonenkugel einen bestimmten Verlauf aufweisen, erstrecken sie sich in die Zeit, sie haben Phasen. Phasen allerdings, die auf ein Ziel ausgerichtet sind, ohne dass gewiss ist, dass jenes Ziel tatsächlich auch erreicht werden wird. Um über bestimmte Phasen zum Ziel zu gelangen, muss der Verlauf einen bestimmten Weg nehmen. Manchmal ist dieser Weg vorgegeben, manchmal empfohlen, manchmal noch zu suchen - immer ist er jedoch Gegenstand der gegenseitigen Vergewisserung. Dieser Prozess der permanenten Vergewisserung baut Schritt für Schritt den Verlaufsweg auf - er ist also letztlich Ergebnis von Interaktionsarbeit: Eine Arbeit, die auch Folgen hat. Manche von ihnen sind reversibel, andere nicht.
Soeffner, Hans- Georg (1991). ,Trajectory’ - Das geplante Fragment. Die Kritik der empirischen Vernunft bei Anselm Strauss. In: BIOS, H1, S.1-12. Strauss, Anselm (1991a). Grundlagen qualitatver Sozialforschung. München. Strauss, Anselm (1991b). Creating Sociological Awareness. New Brunswick. Strauss, Anselm (1993). Continual Permutations of Action. New York.