Ulrich Beck

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Kurzbiografie und Werkgeschichte

Ulrich Beck wurde am 15. Mai 1944 in Stolp (Pommern) geboren und wuchs in Hannover auf. Im Jahr 1966 begann Beck ein rechtswissenschaftliches Studium in Freiburg, wechselte bereits nach einem Semester an die Ludwig-Maximilians-Universität nach München und studierte dort, als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes, Soziologie, Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaft. Im Jahr 1972 promovierte er summa cum laude in Soziologie, arbeitete danach im DFG-Sonderforschungsbereich 101 „Theoretische Grundlagen sozialwissenschaftlicher Berufs und Arbeitskräfteforschung“ und ab 1978 zugleich als Wissenschaftlicher Assistent bei Karl Martin Bolte an der Universität München. Die venia legendi für Soziologie wurde Beck nach seiner Habilitation 1979 verliehen. Im selben Jahr noch erhielt er ein Heisenberg-Stipendium, einen Ruf auf den Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Hohenheim (den er ablehnte), sowie einen Ruf auf eine Professur für Soziologie an der Universität Münster (den er annahm). Von 1981 bis 1992 war er Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie II an der Universität Bamberg. In dieser Zeit lehnte er mehrere Rufe an andere Universitäten und Institute ab, war jedoch von 1989 bis 1991 als Fellow an das Kulturwissenschaft-liche Institut in Essen und an das Wissenschaftskolleg zu Berlin beurlaubt. Seit 1992 ist er als Nachfolger seines Lehrers Bolte am Institut für Soziologie der LMU in München bestallt. Zusätzlich war er von 1995 bis 1998 Distinguished Research Professor der University of Wales und ist seit dem Jahr 1997 British Journal of Sociology Visiting Centennial Professor an der London School of Economics and Political Science. (Vorläufiger) Höhepunkt seiner immer internationaler werdenden Laufbahn aber war der 2005 an ihn ergangene Ruf auf den Lehrstuhl für Soziologie an der University of Cambridge (Großbritannien) mit dem dezidierten Angebot, hier die ‚Zweite Moderne’ weiterzudenken, den Beck (vorläufig) jedoch nicht annahm.

In der Disziplin bekannt war Beck bereits durch seine 1974 veröffentlichte Dissertation, die nicht publizierte Habilitationsschrift von 1978 und vier weitere Bücher, sowie als Herausgeber der Zeitschrift Soziale Welt, als Streiter in der damaligen Theorie-Praxis- bzw. Verwendungsforschungsdebatte und vor allem als einer der maßgeblichen Protagonisten der sogenannten subjektorientierten Arbeits- und Berufssoziologie. „Paukenschlag“-artig (Joas 1988) berühmt in einer weit über die Sozialwissenschaften hinausreichenden Öffentlichkeit wurde er jedoch 1986 mit seinem Buch Risikogesellschaft. Auch wenn, worauf Beck selber hinweist (Beck/Willms 2000, S. 153), die zeitliche Koinzidenz dieser Publikation mit dem Reaktorunfall von Tschernobyl einiges der damals sofort einsetzenden schnellen, breiten und engagierten Rezeption erklären mag, die Langzeitwirkung der Risikogesellschaft resultiert daraus, daß sie als – inzwischen selbst „in die Jahre gekommene“ – Zeitdiagnose nach wie vor als aufsehenerregend, mutig, bedeutend, großartig, außergewöhnlich, vor allem aber anhaltend als den Nerv der Zeit treffend gilt. Zwischenzeitlich gilt dieses Buch auch vielen Fachkollegen als das sozusagen „bleibende“ Werk von Ulrich Beck.

Bislang ist die Risikogesellschaft deutschsprachig in ca. 150.000 Exemplaren gedruckt und in mehrere andere Sprachen übersetzt worden. Diskutiert wurde und wird das damit gegebene Schlagwort nicht nur in der Allgemeinen Soziologie und quer durch viele Bindestrich-Soziologien hindurch. Längst ist es auch in den Medien- und Kommunikationswissenschaften, in der (Sozial-)Pädagogik, in der (Sozial-)Psychologie, in den Rechtswissenschaften, in Philosophie, Theologie und Ethik, in der Politikwissenschaft, in den Wirtschaftswissenschaften und in der Marketingforschung sowie vereinzelt in der Raumplanung und in einzelnen Naturwissenschaften, in der Chemie und Biotechnologie, aufgegriffen worden. Die Besprechungen und Kritiken zu diesem Buch und insbesondere die expliziten Anleihen daraus sind, wie man so sagt, „Legion“. Die elektronischen und die Printmedien nehmen Titel und Ideen bis heute immer wieder auf in Features, Interviews, Magazin-Sendungen, Diskussionsrunden. Die quer über die sozialwissenschaftlichen Disziplinen und darüber hinaus produzierte Flut an Sekundärliteratur im engeren wie im weiteren Sinne ist nicht mehr überschaubar. Die Industrie, die Gewerkschaften, die Parteien, die Kirchen, die Regierungen und Parlamente, die Bürokratien, die internationalen Organisationen und Verbände greifen bei (ihnen) „passenden Gelegenheiten“ anhaltend auf das Buch und dessen Autor zurück.

Dieser hat bis zum Beginn des Jahres 2008 über dreißig weitere, ebenfalls zumeist in der intellektuellen und politischen Öffentlichkeit breit rezipierte Monographien und Sammelbände (mit-)publiziert, die sich Themengebieten wie „Individualisierung“, „Reflexive Modernisierung“, „Globalisierung“ und in jüngerer Zeit vor allem „Kosmopolitismus“ zuordnen lassen. Als einziger rezenter Soziologe ist der Autor Ulrich Beck auch in der Reclam-Heftchen-Reihe vertreten (1995). Die nach der Risikogesellschaft erschienenen Bücher von Beck sind in insgesamt über dreißig Sprachen übersetzt. Insbesondere im englischsprachigen Raum sind fast ebenso viele Beck-Bücher veröffentlicht worden wie in Deutschland. Im Suhrkamp-Verlag gibt Beck die erfolgreiche, mit international renommierten Autoren wohlbestückte Edition zweite Moderne heraus. Zwischen den Büchern erscheinen – verstreut zu allen möglichen Themen – in vielerlei Fachzeitschriften und Sammelpublikationen ständig (und selbst vom an seinem Münchner Lehrstuhl geführten Beck-Archiv kaum noch verläßlich registrierbar) Aufsätze von ihm, die ihrerseits größtenteils Vorarbeiten, Zuarbeiten oder auch Nacharbeiten zu Teilthemen wiederum seiner Bücher sind. Daneben schreibt Beck unermüdlich auch für Publikumsmedien, insbesondere für die Süddeutsche Zeitung, aber eben auch regelmäßig in ‚La Republica’ und ‚El Pais’.

Beck ist also dauerhaft publizistisch gleichsam omnipräsent,war während der Jahre 1995 bis 1997 Mitglied der Kommission für Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen, bekam im Jahr 1996 von der Universität Jyväskylä (Finnland) die Ehrendoktorwürde und von der Landeshauptstadt München den kulturellen Ehrenpreis, 1999 den Cicero-Preis für öffentliche Reden und (zusammen mit Anthony Giddens) den Preis für die Förderung der deutsch-britischen Beziehungen, 2002 den Prix Spécial Risques (Les Ecos) und 2005 den Schader-Preis für besondere Verdienste um die Praxisorientierung der Gesellschaftswissenschaften verliehen und hat im November 2001 vor dem russischen Parlament, der Staatsduma, in Moskau gesprochen. Beim Soziologie-Kongress 2004 in München wurde er mit dem Preis der Deutschen Gesellschaft für Soziologie für öffentliche Wirksamkeit ausgezeichnet. 2005 hat ihm die Università degli Studi di Macerata (Italien) die zweite Ehrendoktorwürde verliehen. Keineswegs also nur beim sogenannten breiten Publikum, sondern auch in der immer kleiner werdenden Welt des Faches erzielt Beck – ersichtlich mehr noch an der Aufnahme der von ihm gesetzten oder revitalisierten Themen als an der Sekundärliteraturproduktion im engeren Sinne – Wirkung. Und Wirkung will Ulrich Beck erzielen, denn anhaltend ist er der Überzeugung, daß „nur in kulturell bedeutsamen und öffentlich inszenierten Bildern und Symbolen [...] der kulturell erblindete Alltag ‚sehend’ werden“ kann (Beck 1991, S. 11).

Soziologie als politische Einmischungswissenschaft

Was Beck mit seinen kategorialen Innovationen intendiert, das ist eine politische Soziologie, die von aufklärerischer Hoffnung auf eine durch Anders-Wissen veränderbare Welt-Gesellschaft getragen wird. Eine, auf eine politische Soziologie im Verstande einer zugleich die Faktizität des Politischen (als einer genuin öffentlichen, weil jedermann tangierenden und existentiell involvierenden Angelegenheit) kritisch rekonstruierende und die Horizonte einer machbaren „anderen“ Politik erkundende und erweiternde, „Einmischungswis-senschaft“.Diesem Konzept ganz entsprechend, bedeutet dann auch „etwas klar zu sagen“, für Beck nicht unbedingt, daß man etwas begrifflich präzise sagen muß. Etwas klar zu sagen, heißt für ihn eher, daß man es so sagen muß, daß die Menschen anfangen, klarer zu sehen, was wirklich bzw. wie etwas wirklich ist. Becks Klarheit ist – zumindest im stilistischen Entscheidungsfalle – weniger eine analytisch-erkenntnistheoretische Klarheit als eine Klarheit in der Tradition kritischer Bewußtseinsbildung. Denn nach seinem Verständnis muß eine „lebendige“ Wissenschaft eingegleiste Vollzugszusammenhänge aufreißen, „falsche“ Neutralitäten überwinden, Partei ergreifen gegen (vermeintliche) soziale und wirtschaftliche Sachzwänge und technische Selbstläufe und (dergestalt) das Machbare wieder rückbinden an das im Hinblick auf Leben und Überleben Wünschbare.Im Verfolgen dieser Programmatik hat er im Jahr 1999 einen „eigenen“ DFG-Sonderforschungsbereich (SFB 536 „Reflexive Modernisierung“) installieren können. Gegenwärtig verfolgt er – auf vielen Spuren – die Idee eines sowohl existentiellen („normativ-politischen“) als auch methodologischen („deskriptiv-analytischen“) und gerade deshalb seines Erachtens weltunordnungsgemäßen Kosmopolitismus (vgl. Beck 2004, z.B. S. 265).

Der von ihm diagnostizierte „Wirklichkeitsverlust der Soziologie“ ist Becks selbstdefi-nierter Ausgangspunkt für das, was er eine erfahrungsgesättigtere, eine „konkrete“ Soziologie nennt. Obwohl diese erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch in einigen zentralen Punkten durchaus mit der Kritischen Theorie korrespondiert (vgl. dazu auch Blanke 1990), verortet Beck selber sein auch als „Neue Kritische Theorie“ deklariertes Denken (Beck 2002, S. 85-89) eher – gegenüber Empirie- und Theorietraditionalismen – in einem das Kritische betonenden Kritischen Rationalismus. In diesem, von ihm so begriffenen, Geiste plädiert Beck für eine anders und neu zu denkende Form von Wertfreiheit, die darin bestehen soll, „daß sie dem herrschenden Druck, praktische Tabus in theoretische zu verwandeln, widersteht“ (Beck 1986, S. 283). Dies geschieht insbesondere in seiner vehementen Kritik an dem, was er als „methodischen Nationalismus“ bezeichnet: an der weniger theoretischen als faktisch-empirischen Identifikation von Gesellschaft mit nationalstaatlicher Verfasstheit von Gesellschaft (explizit bei statistischer Empirie, zumindest implizit aber bei nahezu allen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen – auch und gerade bei komparativ angelegten).

Die Ökologieproblematik, die Geschlechterfrage, die Technikkritik, die Globalisie-rung, die Terror- und neuen Gewaltformen, der Kosmopolitismus usw. – bzw. allgemeiner ausgedrückt: die großen gesellschaftlichen Diskurse, die die Modernisierung und die Radikalisierung der Moderne begleiten, sind seiner Meinung nach immer zu lange an der (deutschen) Soziologie vorbeigelaufen bzw. werden von der (deutschen) Soziologie anhaltend ignoriert oder im Fach allenfalls als „reines Mediengespenst“ abgewiegelt. Seine eigenen thematischen Anknüp-fungen an zentrale Debatten in der Soziologie seit „1968“ – etwa an den sogenannten „Positivismusstreit“ und an den Streit über „Industriegesellschaft versus Spätkapitalismus“, bzw. an die Frage nach dem Bewußtsein der Industriearbeiter, an die Auseinandersetzung um Klassen- und/oder Schichttheorien, an die Analyse außer- und gegeninstitutioneller politischer Partizipationsformen, an die Sozialstaatsdebatte und vor allem natürlich an die modernisierungstheoretische Diskussion – begreift Beck demgegenüber als soziologie-immanente Gegeninterpretation zur normalsoziologischen Interpretation der Wirklichkeit, weil sie seines Erachtens sowohl die soziologische Tradition aufgreift als auch diese gegen ihre Verkrustungen ausspielt.

Auf dem Weg in die „Zweite Moderne“

Ulrich Becks persönliche Leidenschaft ist die also politische – im Sinne einer politisch sich äußernden und einmischenden – Soziologie. Sein dauerhaftes theoretisches Interesse aber gilt den strukturellen Effekten und individuellen Erfahrungen von Modernisierungsprozessen. Seinen Ausgang nimmt dieses Interesse bei den Konsequenzen sozialstrukturell bedingter Freisetzungen der Menschen aus überkommenen sozialmoralischen Milieus, also bei den vieldiskutierten Individualisierungsschüben, die zu neuen Ungleichheiten „jenseits von Stand, Klasse und Schicht“ führen (vgl. Beck 1983), aber auch zu neuen Qualitäten der Selbstgestaltbarkeit menschlicher Verhältnisse (vgl. Schroer 2001). Im Weiteren rückt Beck dann die „organisierte Unverantwortlichkeit“ (1988) ins Zentrum seines Interesses, also die Nichtsteuerbarkeit grundlegend wichtiger sozialer Prozesse durch das politische System und durch (dessen) Experten. Infolgedessen werden immer weitere Bereiche sowohl des persönlichen Lebens als auch des globalen Miteinanders politisiert und damit für mannigfaltige Akteure „gestaltbar“ (vgl. Beck 1992, Beck 1995). Dergestalt eröffnet sich – auch praktisch immer faßbarer – jener Hyperraum, in dem die Menschen der ganzen Welt heute zusehends agieren müssen – und können (vgl. Beck 1997, Beck 2002).

Wenn man das, was Beck im Hinblick auf derlei vielgestaltige Modernisierungspro-zesse seit über zwanzig Jahren konkretisierend aufspürt und theoretisch nacharbei-tet, in seine abstrakte und damit zwangsläufig „dürre“ Grundstruktur zurücküber-setzt, dann kommt man zunächst zu folgender Denk-Figur: Die bisherige, in wesentlichen Elementen nur „halb“ als solche realisierte Moderne vervollständigt sich derzeit. Im Hinblick auf die technisch-industrielle Modernisierung resultiert aus dieser Vervollständigung ein strukturelles Katastrophenszenario: Der globalisierte ökonomische Erfolg zerstört seine eigenen Voraussetzungen – nämlich die materialen Verbesserungen menschlicher Lebensverhältnisse (letztendlich im Allgemeinen).

Beck zufolge lassen sich idealtypisch zwei Formen sozialer Reaktionen auf diese Diagnose unterscheiden: Im einen Fall „antwortet“ die moderne Gesellschaft, repräsentiert in ihren Funktionären und Experten, auf die Konfrontation mit den Effekten ihrer eigenen Vervollständigung mit einer simplen Fortschreibung ihrer Steuerungsroutinen. Beck zufolge wird deren reiner Routinecharakter chronisch unterschätzt, der wesentlich darin besteht, daß Irritationen des Gewohnten (relativ) flexibel bearbeitet werden, aber eben unter (fragloser) Verwendung des eingespiel-ten Instrumentariums. Genauer betrachtet, gleicht dieser Reaktionstypus einer „Weiter-so-Modernisierung“, in der Beckschen Metaphorik mithin eher einem physischen Reflex, denn einer mentalen Reflexion. Im anderen Fall wendet sich die mit den Effekten ihrer Vervollständigung konfrontierte moderne Gesellschaft ihren eigenen Voraussetzungen zu. Die Menschen beginnen, Differenzen zwischen Unabdingbarem und Verzichtbarem, zwischen Fixem und Variablem, zwischen tatsächlichen und vermeintlichen Zwängen zu sehen. Dergestalt öffnet sich die moderne Gesellschaft nicht nur der Erkenntnis ihrer Krisen, sondern auch der Frage der Revidierbarkeit ihrer Erfolgsgeschichte(n). Diese von Beck gemeinte „andere Moderne“ ist in einem sehr konkreten Sinne radikal: Sie verweist die Frage, wie es weitergehen soll und weitergehen kann, zurück an die logischen Wurzeln der Moderne selber und treibt mit dieser „Zweiten Aufklärung“, die bislang weitgehend unerkannten, persistenten Schein-Fatalismen der Moderne hervor.

Reflexive Modernisierung

Das, was Beck unter Stichworten wie „reflexive Modernisierung“, bzw. „Reflexivität der Moderne“ Mitte der 1990er Jahre im Trialog mit Anthony Giddens und Scott Lash entwickelt hat (vgl. dazu Beck/Giddens/Lash 1996), war zunächst im wesentlichen eine Entfaltung und Ausformulierung seines Analyse-Konzeptes der Risikogesell-schaft zu einer allgemeinen Sozialtheorie, unter verstärkter Berücksichtigung vor allem politischer und kultureller Aspekte. Die die Risikogesellschaft prägende Ambivalenz zwischen einer ihren selbsterzeugten Risiken gleichsam bewußtlos, zumindest weitgehend unwissend erliegenden Industriezivilisation und einer diese Risiken erkennenden, diskutierenden und abwägenden, sie mithin zumindest in Ansätzen also bereits wieder bewältigenden Globalkultur, wurde nun mit einem höheren Generalisierungsanspruch wieder aufgenommen. Symptomatische Strukturen der „ersten Moderne“ (wie nationalstaatlich verfasste Gesellschaften, Kapital- und Industrielogik, Großgruppen- und Kollektivlagen) werden im Zuge bzw. im Gefolge von Individualisierungsschüben, von ökologischen und arbeitsgesellschaftlichen Krisen und insgesamt von vielfältigen – von Beck 1997 (vorübergehend) terminologisch in „Globalisierung“, „Globalität“ und „Globalismus“ aufgespalteten – Globalisierungsprozessen in Frage gestellt. Diese tragen wesentlich dazu bei, daß institutionalisierte Regeln innerstaatlicher Ordnungsgewährleistung und zwischenstaatlicher Konfliktbewältigung außer Kraft gesetzt werden. Eine neue Dynamik von kriegsförmigem Terror und terroristischen Kriegsformen hie und gewaltkontrollierenden Kontrollgewalten da droht zu einer neuen „Normalität“ zu werden. Dabei deuten sich jedoch bereits auch in den noch vagen Strukturen einer „Zweiten Moderne“ liegende Lösungen an, die Beck als „Strukturdemokratisierung“, „Bürgergesellschaft“, „Kosmopolitismus“ usw. etikettiert.

Die Idee zur Theorie der reflexiven Modernisierung resultiert also aus einer doppel-ten Kritik: Aus der Kritik am Mythos einer immer weiter fortschreitenden, technisch-industriell-formaldemokratischen Entwicklung funktional ausdifferenzierter moderner Gesellschaften einerseits und aus der Kritik am Gegenmythos einer in ihren zivilisatorischen Potentialen erschöpften, ideologisch ausgelaugten, sich (nur noch) selbst zitierenden und simulierenden Post-Moderne andererseits.„Reflexive Modernisierung“ meint demgegenüber das Kumulieren, das Aufbrechen und Umschlagen, aber auch das Ent-Decken und Sichtbarmachen nichtintendierter (und oft nicht bzw. kaum beachteter) Nebenfolgen des bisherigen Modernisierungsprozesses in (fast) all seinen Facetten. Das Etikett „reflexiv“ verweist dementsprechend zum einen darauf, daß es dabei insbesondere um eine neue Qualität von Nebenfolgen geht, nämlich um solche, die die Voraussetzungen und Grundlagen von Modernisierungsprozessen selber tangieren, irritieren und unterminieren (könnten). Zum anderen meint die Theorie reflexiver Modernisierung aber auch – und vor allem – die kritische Hinterfragung des bisherigen Modernisierungsprozesses im Hinblick auf dessen Grenzen, Diskontinuitäten und Paradoxien.

Die Ideen der Kontrollierbarkeit, der Gewißheit und der Sicherheit, die für die „erste Moderne“ und ihre Institutionen als zentral galten, brechen der Theorie der reflexi-ven Modernisierung zufolge zusammen. Unterscheidungen und Grenzen, die für die „erste Moderne“ essentiell zu sein schienen, lösen sich auf, während eine neue Art von Kapitalismus entsteht, eine neue Art globaler Ordnung, eine neue Art von Gesellschaft, ja in letzter Konsequenz – das entwerfen Ulrich Beck und Edgar Grande in ihrem gemeinsamen Buch Das kosmopolitische Europa (Beck/Grande 2004) – eine neue Art von transnationalem und supranationalem Staat. Wir befinden uns dergestalt in einer Art Meta-Wandel, in dem sich die Koordinaten, Leitideen und Basisinstitutionen einer bestimmten, längere Zeit stabilen Formation westlicher Industriegesellschaften und Wohlfahrtsstaaten tatsächlich grundlegend verändern. „Vornehmste Aufgabe der Sozialwissenschaft“ ist, Beck, Bonß und Lau zufolge, gegenwärtig deshalb, „die noch im Entstehen begriffenen Regeln des neuen Gesellschaftsspiels jenseits der alten Sicherheiten, Grenzen und Dichotomien konzeptuell und empirisch zu entschlüsseln und zu erkunden“ (Beck/Bonß/Lau 2001, S. 14) und auf diese Weise für die Menschen verständlich und handhabbar zu machen.

Was Ulrich Beck dergestalt entwickelt, das sind zumindest im sogenannten Ent-scheidungsfalle weniger skeptische Analysen gesellschaftlicher Vollzüge, als vielmehr prognostische Appelle an das (schlummernde) skeptische Potential (der Vor-Denker) einer mit sich selbst konfrontierten und vor allem immer wieder mit sich selbst zu konfrontierenden Moderne.

Literatur

Quellen

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Ausgewählte Werke

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Beck, U. / Brater, M. (Hg.): Die soziale Konstitution der Berufe. 2 Bände, Frankfurt a.M. 1977.

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Beck, U.: Soziale Wirklichkeit als Produkt gesellschaftlicher Arbeit. München (Unveröffentlichte Habilitationsschrift) 1978.

Beck, U. (Hg.): Bildungsexpansion und betriebliche Beschäftigungspolitik. Beiträge zum 19. Dt. Soziologentag Berlin 1979. Frankfurt a.M. / New York 1979.

Beck, U. / Brater, M./ Wegener, B.: Berufswahl und Berufszuweisung: zur sozialen Verwandtschaft von Ausbildungsberufen. Frankfurt a. M. / New York 1979.

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Beck, U. (Hg.): Soziologie und Praxis (SB 1 von Soziale Welt). Göttingen 1982.

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Beck, U.: Individualisierung sozialer Ungleichheit. Zur Enttraditionalisierung der industriegesellschaftli-chen Lebensformen. 2 Bde. Hagen (Fernuniversität) 1987.

Beck, U.: Gegengifte. Die organisierte Unverantwortlichkeit. Frankfurt a.M. 1988.

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Beck, U.: Die Erfindung des Politischen. Frankfurt a.M. 1993.

Beck, U. / Beck-Gernsheim, E. (Hg.): Riskante Freiheiten. Frankfurt a.M. 1994.

Beck, U.: Die feindlose Demokratie. Stuttgart 1995.

Beck, U. u. a.: Eigenes Leben. München 1995.

Beck, U. / Giddens A. / Lash, S.: Reflexive Modernisierung. Frankfurt a. M. 1996.

Beck, U. (Hg.): Kinder der Freiheit. Frankfurt a.M. 1997.

Beck, U.: Weltrisikogesellschaft, Weltöffentlichkeit und globale Subpolitik. Wien 1997.

Beck, U.: Was ist Globalisierung? Frankfurt a.M. 1997.

Beck, U. / Sopp, P. (Hg.): Individualisierung und Integration. Opladen 1997.

Beck, U. (Hg.): Perspektiven der Weltgesellschaft. Frankfurt a.M. 1998.

Beck, U. (Hg.): Politik der Globalisierung. Frankfurt a.M. 1998.

Beck, U.: World Risk Society. Cambridge 1999 (bislang nicht auf deutsch erschienen).

Beck, U.: Schöne neue Arbeitswelt. Frankfurt/New York 1999.

Beck, U. u. a. (Hg.): Der unscharfe Ort der Politik - empirische Fallstudien zur Theorie der reflexiven Modernisierung. Opladen 1999.

Beck, U. (Hg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Frankfurt a.M. 2000.

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Adam, B. / Beck, U. / Van Loon, J.: The Risk Society and Beyond. London 2000 (bislang nicht auf deutsch erschienen).

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Beck, U. / Bonß, W. (Hg.): Die Modernisierung der Moderne. Frankfurt a.M. 2001.

Beck, U.: Das Schweigen der Wörter. Rede vor der Staatsduma in Moskau. Frankfurt a.M. 2002.

Beck, U.: Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter. Frankfurt a.M. 2002.

Beck, U. / Beck-Gernsheim, E.: Individualization. London u.a. 2002 (bislang nicht auf deutsch erschienen).

Beck, U.: Der kosmopolitische Blick oder: Krieg ist Frieden. Frankfurt a.M. 2004.

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Beck, U. / Lau, Ch. (Hg.): Entgrenzung und Entscheidung. Frankfurt a.M. 2004.

Beck, U. / Grande, E.: Das kosmopolitische Europa. Frankfurt a.M. 2004.


Ronald Hitzler, Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie, ISO, Fakultät 12, TU Dortmund

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