Wissen

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Aufabe von Wissen

Wissen hat aus Sicht der Pragmatik die Funktion, eine Brücke zu bilden: vom Hier zum Dort. Wissen hilft dem Menschen, vom Hier und Jetzt zum Dort und Bald zu kommen: Es setzt ihn in Bewegung, weil es ihm hilft, in Bewegung zu kommen.

Handlungen, und so viel scheint aus soziologischer Sicht recht gewiss zu sein, verbinden sich nämlich nicht von selbst (also aus sich heraus) zu einer übergeordneten Gesamthandlung. Die Einzelhandlungen tragen nicht ein zwingendes Gesetz in sich, das ein Weiterhandeln aus sich heraus in einer bestimmten Reihenfolge in eine bestimmte Richtung weitertreibt. Handlungen müssen stattdessen von sinnhaft interpretierenden und entscheidenden Akteuren vorangetrieben und miteinander verknüpft werden. In der face-to-face-Interaktion weben dabei die Teilnehmer im ,Hier und Jetzt‘ eine aufeinander abgestimmte (wenn nicht immer, so doch meist abgeschlossene) Gesamthandlung – wie z. B. ein Gespräch, ein Billardspiel, aber auch einen handfesten Streit. Der interaktive Webvorgang entsteht allerdings keineswegs aus dem Nichts, sondern die Beteiligten greifen bei ihrer wechselseitigen Arbeit auf teils bewusstes, teils ,schweigendes’ (tacit) Wissen um historisch und sozial entstandene und oft auch massiv sanktionierte Praktiken, Routinen, Rahmen, Gattungen, Regeln des ,Webens’ zurück. Insofern kommt einerseits bei jeder Interaktion die Erinnerung an die gesellschaftliche Vorarbeit (und das Wissen um die Sanktionen) zum Tragen, andererseits ist die Vorarbeit wegen der Sinnorientiertheit der Akteure notwendigerweise offen für Variationen und Revisionen des Erinnerten.

Das Besondere der Handlungsverknüpfung in face-to-face-Interaktionen besteht nun darin, dass die Teilnehmer in der Situation des ,Hier und Jetzt‘ verbleiben. Wird die face-to-face-Interaktion beendet, müssen die Teilnehmer – falls sie erneut zusammentreffen – an ein ,Dort und Damals‘ anknüpfen und stets aufs Neue das ,Dort und Damals‘ Gesagte aufgreifen, bekräftigen, abschwächen oder abändern. Was sie auch immer tun, sie werden ihre Handlungen in irgendeiner Weise miteinander verbinden, verketten müssen, so dass Kontinuität und Identität entstehen. Auch hierzu stehen ihnen gesellschaftlich erarbeitete Praktiken, Gattungen und Regeln zur Verfügung. All dies liegt als Wissen vor.

siehe auch Wissensvorrat

Literatur:

Luckmann, Thomas 1979: Phänomenologie und Soziologie. In: Walter Sprondel & Richard Grathoff (Hrsg.) Alfred Schütz und die Idee des Alltags in den Sozialwissenschaften. Stuttgart: Enke. S. 196-206.

Luckmann, Thomas 1992: Theorie des sozialen Handelns. Berlin: De Gruyter.

Luckmann, Thomas 2007: Lebenswelt, Identität und Gesellschaft. Konstanz: UVK.

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