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Der Begriff der ‚Wissenschaftstheorie’ wurde ursprünglich insbesondere für eine Reflexion auf die Methoden der Naturwissenschaften geprägt. Eine Reihe von Philosophen versuchte, diese Methoden auch auf die Geisteswissenschaften anzuwenden, um so zu einer Einheitswissenschaft zu gelangen. Demgegenüber betonten unter anderen die Hermeneutiker den Unterschied und die Besonderheit der Geisteswissenschaften. Hier soll der Begriff Wissenschaftstheorie, wie heute üblich, allgemein als Oberbegriff für alle Theorien verwendet werden, die versuchen die Methoden der Wissenschaften als Wissenschaften zu untersuchen und zu bewerten.
Die Wissenschaftstheorie untersucht, aufgrund welcher Methode die Erkenntnisse einer Wissenschaft gewonnen werden und wie die Tragweite dieser Erkenntnisse zu beurteilen ist.
Jede Wissenschaft definiert sich durch ihren Gegenstandsbereich, durch ihre Methode und durch die Art ihrer Erkenntnisse.
So ist die Biologie die Wissenschaft von dem Lebendigen (= Gegenstandsbereich). Ihre Methoden sind u.a. Induktion, Beobachtung und Experiment. Die Biologie sucht nach allgemeinen Gesetzen des Lebendigen, dennoch haben ihre Aussagen aufgrund des Induktionsproblem nur hypothetische Gültigkeit (Art und Tragweite der Erkenntnisse).
Die Wissenschaftstheorie ist eine Meta-Wissenschaft, ihr Gegenstandsbereich sind die Einzelwissenschaften. Die Wissenschaftstheorie untersucht die Methoden der Einzelwissenschaften und versucht herauszufinden, welche Tragweite den einzelnen Methoden zukommt.
Insbesondere ist dabei von Interesse, welchen Anspruch auf Wahrheit und Objektivität wissenschaftliche Aussagen beanspruchen können und wo eventuell die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnisse liegen. Über den Inhalt bzw. den Gegenstandsbereich einer konkreten Wissenschaft reflektiert die Wissenschaftstheorie in der Regel nicht, da sie primär eine Wissenschaft der Methoden ist. Als Meta-Wissenschaft steht sie in Konkurrenz zu anderen Meta-Wissenschaften wie der Philosophie und der Wissenssoziologie. Im Folgenden soll daher die Wissenschaftstheorie gegen diese beiden Disziplinen abgegrenzt werden.
Die Disziplin, die sich traditionellerweise mit den Grundfragen unserer Erkenntnis beschäftigt, ist natürlich die Philosophie bzw. genauer die Erkenntnistheorie. Die Wissenschaftstheorie ist eine Erkenntnistheorie, die sich, wie der Name schon sagt, speziell mit wissenschaftlicher Erkenntnis beschäftigt. Die meisten Wissenschaftstheoretiker sind stark von den naturwissenschaftlichen Methoden beeinflusst.
In den 20er Jahren unseres Jahrhunderts versuchte ein einflussreicher Kreis von Wissenschaftstheoretikern, alle Wissenschaften, auch die Geisteswissenschaften, nach dem Modell der Naturwissenschaften zu konzipieren. Diese Philosophie des sogenannten Wiener Kreises war stark von der Logik und der Sprachphilosophie geprägt. Der Versuch, auch die Geisteswissenschaften nach dem Vorbild der Physik und Mathematik zu betreiben, löste heftigen Widerstand von vielen primär geisteswissenschaftlich orientierten Philosophen aus.
So erschien beispielsweise als Antwort auf Carnaps Buch „Der logische Aufbau der Welt“ von Alfred Schütz ein Buch mit dem Titel „Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt“. Eine lange Debatte entzündete sich an der Frage, ob es möglich sei, Geisteswissenschaft nach dem Modell der Naturwissenschaften zu betreiben. Diese Debatte bezeichnet man als „Erklären-Verstehen-Debatte“, da viele Wissenschaftler der Ansicht waren und sind, daß es in den Naturwissenschaften darum geht, einzelne Sachverhalte zu erklären (Ableitung aus Gesetz und Anfangsbedingungen), während die Geisteswissenschaften Handlungen etc. verstehen wollen (Hermeneutik und Interpretation). Der entscheidende Unterschied besteht in der Frage des Sinnverstehens: In den Geisteswissenschaften geht es um das Verstehen von Handlungen, die für die Menschen sinnvoll sind, während etwa Atome keinen Sinn mit ihren Bewegungen verbinden. Heute ist der Einfluss der primär logisch naturwissenschaftlichen Wissenschaftstheorie auf die Geisteswissenschaften zurückgegangen.
Die Soziologie ist bekanntlich die Lehre von der Gesellschaft. Die Wissenssoziologie untersucht, was in einer Gesellschaft für wahr gehalten wird bzw. als Wissen gilt und wie dieses Wissen entsteht und verteilt wird. Der Grundgedanke der Wissenssoziologie ist die These, dass das, was die Menschen für wahr halten, entscheidend von den gesellschaftlichen Bedingungen abhängt, unter denen sie leben. Berühmt ist die Formulierung von Marx: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.
Die Wissenssoziologie ist in der Regel eine deskriptive Wissenschaft. Sie beschreibt die Mechanismen und Institutionen des Wissenserwerbs und der Wissensverteilung innerhalb einer Gesellschaft und vermeidet in der Regel, Stellung zu nehmen zu der Frage, ob eine untersuchte Theorie oder Weltanschauung wahr ist oder nicht.
Allerdings werden die Fragen nach der Entstehung (Genese) und nach der Geltung von Wissen nicht immer sauber auseinander gehalten und es gibt immer wieder Versuche, die Wissenssoziologie auch für die Erkenntnistheorie fruchtbar zu machen.
Ob dies möglich ist, ist (natürlich insbesondere zwischen Philosophen und Soziologen) sehr heftig umstritten. Einige Wissenssoziologen, (wie etwa Berger /Luckmann,) lassen diese Frage daher offen. Allerdings ist in neuerer Zeit die Tendenz zu erkennen, dass verstärkt auch erkenntnistheoretische Fragen mit wissenssoziologischen Mitteln bearbeitet werden.
Die Wissenschaftstheorie untersucht die Methode(n) einer Wissenschaft und den Stellenwert ihrer Erkenntnisse. Sie ist somit eine Meta-Wissenschaft und steht in der Tradition der philosophischen Erkenntnistheorie. Ursprünglich wurde die Wissenschaftstheorie stark von den Naturwissenschaften beeinflußt. Im Gegensatz hierzu untersucht die Wissenssoziologie, wie verschiedene Theorien und Annahmen über die Welt gesellschaftlich entstehen und wie sie sich verändern, entweder ohne etwas über den Wahrheitsanspruch dieser Theorien zu entscheiden, oder aber in der Überzeugung, daß die Wahrheit von Theorien mit ihren Entstehungsbedingungen zusammenhängt. Die Wissenschaftstheorie ist deskriptiv (beschreibend), sofern sie die Methoden einer Wissenschaft beschreibt; sie ist hingegen normativ (bewertend), sofern sie überlegt, welche Anerkennung die Erkenntnisse einer Wissenschaft verdienen, während die Wissenssoziologie in der Regel ausschließlich deskriptiv verfährt.
- Berger / Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt a. M, 51980
- Chalmers, A.F., Wege der Wissenschaft. Berlin, Heidelberg, 1994
- Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Hrsg. von J. Mittelstraß. Stuttgart u.a., 1996, Bd. 1- 4
- Seiffert, H., Einführung in die Wissenschaftstheorie, 4 Bde, München, 1991
- Stegmüller, W., Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie. Eine krit.
Einf. Bd. 1- 4, Stuttgart, 1952