Beim Wissen kann man zwischen gesellschaftlichem und subjektivem Wissen bzw. Wissensvorrat unterscheiden. Der gesellschaftliche Wissensvorrat meint das gesamte, in einer Gesellschaft vorhandene Wissen. Alles Wissen entspringt (aus wissenssoziologischer Sicht) letztlich jedoch dem subjektiven Wissenserwerb. Der Begriff ‚subjektiver Wissensvorrat’ meint die „Gesamtheit der aufgrund subjektiver Relevanzstrukturen sedimentierten subjektiven Erfahrungen, die zum Teil unmittelbar gemacht, zum Teil auch vermittelt wurden. Viele Elemente des subjektiven Wissensvorrats sind versprachlicht, sie entstammen also den Taxonomien und Kategorien des gesellschaftlichen Wissensvorrats. Die Struktur des subjektiven Wissensvorrats ist durch die Vorgänge des (teilweise institutionalisierten) subjektiven Wissenserwerbs bestimmt (Luckmann). Wissen kann sowohl in Sprache als auch in Bildern und Vorstellungen gefasst, codiert oder repräsentiert sein. Mehr oder weniger bewusstes Denken, also das interne Operieren mit Wissen aller Art, findet zwar oft sprachlich statt, muss es aber nicht. Große Teile des bewussten Denkens bedienen sich nicht der Sprache, sondern der Vorstellungen. Denken ist also kein inneres Sprechen. Ob sich auch nicht bewusste mentale Prozesse einer Form von Repräsentation bedienen, darüber wissen wir (noch) nichts Genaues.
Gleiches gilt für den Prozess des Speicherns von Wissen um die Welt und des Wissens um eigene Erfahrungen. Welche Instanz hier genau unterscheidet zwischen eigener Erfahrung und fremder und dann die eigene Erfahrung mit sich selbst und die Erfahrungen anderer mit einem selbst zu einer einzigen, sinnvollen Geschichte verwebt, die dann die Identität, das Wissen um die Einheit eines Selbst, ausmacht, ist bislang ungeklärt. Gewiss ist allein, dass es geschehen muss: Ohne Gedächtnis, ohne die Verbindung einzelner Episoden zu einer Geschichte von einem Selbst, kann niemand von sich sagen, er sei ein ‚Ich’. Gewiss ist auch, dass nicht alles gespeichert wird und dass man die Selektivität des Speicherns und Löschens nur sehr begrenzt kontrollieren kann. Erinnern wie Vergessen sind dem Griff des Bewusstseins entzogen.
Ähnliches gilt, um ein weiteres Beispiel zu nennen, für das Sehen. Sehen als Prozess eines Pfad-Schaffens durch die Mannigfaltigkeit der Welt, ist in der Regel nicht von einem, seine Blickbewegung planenden Ich bewusst gesteuert, sondern er vollzieht sich als Ausdruck einer auch sozial erworbenen Fähigkeit und Praxis, einer Sehkultur. Sehen ist dabei Bestandteil einer kulturellen Praxis, die sich fraglos versteht. Der erfassende Akt wird als nicht von mir gesteuert erfahren. Gewiss kann ich mich später diesem Akt als Ausdruck meines Ichs und meiner Kultur reflexiv zuwenden. Das ist dann eine Reflexionserfahrung. Dieser Akt der Erfassung ist nun als erfassender Akt erneut nicht vom Ich gesteuert. Die bewusste Wahrnehmung des nichtbewussten Ausgangspunkts der Wahrnehmung macht letzteren zwar sichtbar, lässt aber den Ausgangspunkt der reflexiven Zuwendung im Dunkeln. Luhmann, Niklas Luhmann hat diese Unsichtbarkeit des ‚Akteurs’ der Erfassung mit dem Ausdruck ‚blinder Fleck’ bezeichnet (Luhmann 1990).
siehe auch Wissen
Autor: Jo Reichertz